Martin Grubinger: "Rhythmus ist in uns allen"

Star-Percussionist Martin Grubinger sprüht vor Energie. Der 38-Jährige hat auf der ganzen Welt gespielt und Schlagwerk als Soloinstrument etabliert. Heute will er Kindern weltweit Musik näherbringen.

Es ist 8 Uhr früh am Tag nach einem langen Konzertabend mit beeindruckenden zeitgenössischen Kompositionen für Schlagwerk im Konzerthaus. Martin Grubinger und seine sieben Mitmusiker des Percussive Planet Ensembles haben sich mit aller Energie ins (Schlag-)Zeug gehaut.

Aber der Weltstar des Schlagwerks ist kein bisschen müde und hat bereits das erste Gespräch mit einem Komponisten hinter sich, der ein Werk für ihn schreiben möchte, als wir den Raum betreten.

Zur Begrüßung bietet er im ersten Satz das Du-Wort an und schon sind wir im Gespräch. Energetisch, immer wieder klopfend, singend und sehr sympathisch erzählt er aus seinem bewegten Leben.

Leistungssport auf der Bühne

— Du trittst mit viel Energie auf, läufst auf der Bühne herum, das hat etwas von Leistungssport.

Martin grubinger:Total! Körperlich und mental. Wir verbrennen 2.000 kcal an einem Abend. Wenn wir an den Daikus stehen, den großen japanischen Trommeln, die wir mit viel Energie aus der Schultermuskulatur spielen, habe ich einen Spitzenpuls von 197. Ohne Pause wie gestern Abend wird es noch intensiver. Auch mental ist es fordernd, wir spielen alles auswendig bis auf wenige Werke. Da läuft unglaublich viel parallel ab.

— Kommt nach der Ekstase die Depression?

Martin grubinger:Das nicht, aber ich suche die Ruhe. Deshalb lebe ich auf dem Land im Nirgendwo. Morgen geh ich ganz allein auf den Traunstein. Manchmal fahre ich nach einem Auftritt über den Attersee zum Runterkommen. Ich bin kein Stadtmensch. Ich brauche den ganzen Lifestyle am Land, spiele in der Blasmusik und wir sitzen danach oft beieinander. Die Menschen haben ein anderes Gespür für das Zusammenleben.

— Hat schon jemand mitgezählt, wieviele Schläge an einem Abend fallen?

Martin grubinger:Bei mir allein hat einmal jemand mitgezählt. Da waren es etwa 600.000.

— Beeindruckend. Und wieviele Schlägel hattest du für das gestrige Konzert mit?

Martin grubinger:Ungefähr viertausend.

— Wirklich?

Martin grubinger:Ja, wir testen, was passt, suchen die beste Qualität. Das ist wie bei Formel-1-Fahrern, die vorab alles für ihre Autos vorbereiten. Es geht darum, wie fühlt sich der Saal an, die Akustik, ohne Publikum und mit, wenn die Luft feuchter und uns heißer wird…

"Das ist eine Choreographie"

— Wenn du eine neue Partitur bekommst, wie ist dein Zugang? Visuell über das Lesen, über die Kinästhetik oder über das Hören?

martin grubinger:Das ist wie bei einem Architekten, ich schaue rein, plane, zeichne alles auf, spiele ein paar Takte. Es ist trial and error. Ich habe dann ein Sammelsurium an Ideen. Danach studiere ich das Werk Takt für Takt ein, memoriere und wiederhole die Bewegungen, versuche sie zu automatisieren. Das dauert viele Tage und leider merke ich, dass ich mit zunehmendem Alter langsamer werde. Mit 18 habe ich ein Stück in sechs Wochen gelernt.

Anfangs nimmt man zwei Takte und spielt diese ganz langsam und dann erhöht man das Tempo um zwei Metronomschritte und wiederholt und übt das. Bei einem Schlagzeugkonzert von 40 Minuten dauert das ewig, aber das gehört dazu. Heute laufen Konzerte, Familie, die Universität und andere Projekte parallel. Aber wenn es dann so schnell dahingeht, wie gestern auf der Bühne, dann muss alles völlig automatisiert geschehen, da denke ich nicht mehr in Noten.

— Sucht ihr den Flow?

Martin grubinger:Total! Aber er stellt sich nicht immer ein.

— War er gestern da?

Martin grubinger:Bei dem Stück von Iannis Xenakis war er da. Es gibt auch Konzerte, die bewältige ich professionell. Aber immer wieder gibt es Momente, wo man im Tunnel ist und alles einfach passiert, man keinen Puls, keine Anstrengung mehr spürt und nur noch bei sich ist.

— Ein Auftritt wie der gestrige ist aber Teamarbeit, du stehst mit vielen auf der Bühne. Da gibt es Einsätze, auf die jeder reagieren muss.

Martin grubinger:Ja, aber auch die finden automatisiert statt. Da weiß ich, jetzt kommt die Stelle, ich drehe mich zur anderen Seite und sehe, wie einer einsetzt, und in der Bewegung bin ich schon beim nächsten Moment. Das ist eine choreografierte Performance, die in Musik mündet.

— Mit improvisatorischen Momenten?

Martin grubinger:Sehr wenig, gestern war vielleicht ein Prozent improvisiert. Bei Xenakis ist überhaupt alles Ton für Ton notiert.

— Wo ist das kreative Element?

Martin grubinger:In der Interpretation, der Werkzusammenstellung, der Phrasierung, in der Instrumentenauswahl oder eben auch wenn man ein Werk sucht, das viel Improvisation zulässt. Da gibt es viele Möglichkeiten für das Salz in der Suppe.

Instrumente aus fünf Kontinenten

— Gestern habt ihr vor allem zeitgenössische klassische Stücke gespielt, gibt es auch ältere Werke?

Martin grubinger:Vor 20 Jahren gab es für Schlagzeug als Soloinstrument kaum Repertoire. Es gibt für uns keine klassischen Werke von Sibelius, Brahms, Mozart oder Bruckner. Generell ging es los mit Bartók in den 30er-Jahren, dann passierte lange nichts. Dann in den 70ern und 80ern wurde es wieder mehr und eigentlich erst in den letzten 20 Jahren ist unfassbar viel an Repertoire hinzugekommen, fast alles von zeitgenössischen Komponisten.

Zum Beispiel gestern das Stück von Xenakis, wo wir im Raum verteilt gestanden sind. Das ist aus dem Jahr 1977, das hat der Komponist mit mathematischen Formeln ausgerechnet, so dass jeder Schlagzeuger auf einem unterschiedlichen Tempo spielt und es sich insgesamt am Ende perfekt ausgeht. Da ist weltweit eine Welle im Gange. Das Schöne für uns Schlagzeuger ist: Es kommt ständig was Neues dazu.

— Was fasziniert dich am Schlagwerk?

Martin grubinger:Das Instrument spiegelt unsere Zeit wider, die Internationalität. Wir arbeiten mit Künstlern und Instrumenten aus aller Welt. Gestern hatten wir Instrumente aus fünf Kontinenten auf der Bühne: Daikus aus Japan, Metallinstrumente wie die Crotales aus Südostasien, China-Becken, Rainsticks aus Australien, wir hatten Tom Toms, Sangban und die Djembé aus Afrika, Bongos und Congas aus Südamerika, Marimbas aus Mittelamerika, das Vibraphon aus Nordamerika, Trommeln aus der europäischen Tradition. Auch die Genres verschwimmen von Salsa, Tango, Samba, Jazz, Pop, Funk, Rock, Fusion bis zur zeitgenössischen Musik. Alles in der Musik hat einen perkussiven und rhythmischen Hintergrund.

Wir schnuppern in afro-kubanische Musik rein, spielen einen Montuno-Groove. Aber wir kommen nicht an die Superstars in der Samba-Ecke, indische Percussionisten oder Daiku-Drummer heran.

Wenn ich Djembé spiele, spielt ein Österreicher Djembé. Wenn Louis Sanou aus Burkina Faso Djembé spielt, dann ist das eine ganz andere Welt. Er ist mit der Musik sozialisiert, in Afrika ist Rhythmik Sprache. Sie spielen, singen und trommeln 16 Stunden am Tag. Wenn ich mit Rhani Krija spiele, das ist der Percussionist von Sting aus Marokko, dann weiß ich, dass Darbuka zu spielen ein Mysterium für mich ist, so wie für ihn die zeitgenössische klassische Schlagzeugtradition ein Mysterium ist, das wir trotzdem beide versuchen zu begreifen. Es ist so befruchtend.

Martin Grubinger and The Percussive Planet Ensemble - ESC 2015


"Das war richtig radikales Zeug"

— Du hast einmal vom "Dreiklang des Künstlers" gesprochen – kannst du erklären, was du damit meinst?

Martin grubinger:Ich denke, es braucht erstens motorische Voraussetzungen und eine Portion Talent. Was uns mit Spitzensportlern verbindet, sind, zweitens, Disziplin und eine gewisse Härte gegen sich selbst. Wer zur Weltspitze gehören will, hat einen starken Antrieb. Das Dritte ist der Wunsch des Künstlers, Neues hervorzubringen und das Neue dem Publikum mit Haut und Haaren zu vermitteln.

Nehmen wir gestern: Das Publikum hat richtig radikales Zeug bekommen. Eötvös, Xenakis, das ist richtig schwer zu hören. Aber es geht um die Bereitschaft, sich mit Haut und Haaren reinzuhängen, zu brennen, um genau dieses radikale Zeug einem großen Publikum näher zu bringen. Wir geben alles, sodass die Leute sagen: Wow, das war für mich eine Herausforderung, aber diese Musiker haben mich auf eine besondere musikalische Reise entführt.

— Das ist euch gelungen. Bist du eigentlich eher ein Nerd oder ein Maniac?

Martin grubinger:Ein Maniac. Wenn wir üben, dann gibt es Kaffee, aber ansonsten geht es 12 Stunden durch.

— Kopf oder Bauch?

Martin grubinger:Bauch, leider zu oft. (lacht) Ich liebe es schnell zu fahren, was ein echtes Problem ist, weil ich so viele Strafzettel zahle.

— Da erübrigt sich die nächste Frage: schnell oder langsam?

Martin grubinger:Schnell natürlich.

— Laut oder leise?

Martin grubinger:Es sind die Facetten des dynamischen Spektrums. Vormittags vielleicht noch vorsichtig leise, aber während eines Konzerts gerne laut.

— Hast du einen Lieblingssong?

Martin grubinger:Ich höre gerade Bruno Mars. Mein Vater übt einen Song mit meinem Sohn (singt): Versace on the floor, ooooh, daramdaram, Versace on the floor.

— Gibt es einen bevorzugten Sound?

Martin grubinger:Gestern habe ich einen neuen Palisander-Plattensatz auf der Marimba ausprobiert, direkt aus der Fabrik. Der war wunderschön – sehr rund, weniger beckig als ein Xylophon, es klingt fast nach Gesang.

"Es liegt an uns Lehrern"

— Wenn man deine Konzerte hört, sind die Parameter schneller, komplexer, schwieriger.

Martin grubinger:Das ist richtig.

— Hast du so spielen gelernt? Oder war die Idee deines Vaters, der anfangs dein Lehrer war, ein hyperaktives Kind zu bändigen?

Martin grubinger:Also wenn man ihn jetzt fragt, würde er wohl sagen, als Lehrer hat er hohe motorische Fähigkeiten bemerkt und auch ein besonderes Talent, das er gefördert hat. In Wahrheit ist es ein bisschen wie bei den Hirschers: Der Vater war Schilehrer und wusste, wie der perfekte Schwung aussieht, und erkannte, Marcel hat es drauf. Also unterstützte er ihn, eine Profikarriere anzustreben.

— Wie bringt man einen kleinen Buben dazu, dass er entsprechend übt?

Martin grubinger:Begonnen habe ich mit vier Jahren. Das Entscheidende ist, dass man jemanden hat, der es mit Spaß vermittelt. Der die Faszination der Musik und des Instruments mit Lebensfreude verbindet. Es geht nicht um Zwang! Alles, was wir in der Musik leben, ist Emotion, Begeisterung, Leidenschaft, die Möglichkeit, kreativ zu sein. Das muss ein Lehrer in die richtigen Bahnen lenken.

Aber das ist auch die Herausforderung. Es liegt nicht an den Kids, es liegt an uns Lehrern. Wir sind leider oft nicht gut genug.

— Was kann ein guter Lehrer?

Martin grubinger:Ein guter Lehrer verbindet alles mit Spiel- und Lebensfreude. Ich habe nie wissentlich Technik geübt. Mein Vater hat es spielerisch gemacht, sagte zu mir: Komm, probieren wir aus, spielen wir am Drum Set zu Led Zeppelin, lassen wir die Hi-Hat dazu laufen. Dazwischen ging er mit mir raus und wir haben 20 Minuten am Garagentor Fußball gespielt und dann ging es weiter mit einem Playalong zu Queen.

Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass er mit mir den Wrist Rock in der rechten Hand trainiert hat. Das hat er mir aber so nie gesagt, ich habe einfach Queen-Songs begleitet. Auch für andere Instrumenten übten wir so. Zum Beispiel als ich Kontrabass lernte. Es war nie so, dass ich das Gefühl hatte, ich muss das machen. Es war so ein Gefühl von Leichtigkeit, völlig natürlich.

— Es gibt das Vorurteil, dass virtuose Künstler nicht die besten Lehrer sind…

Martin grubinger:Ich weiß nicht, ob ich ein guter Lehrer bin, aber mein Vater ist es. Er unterrichtet an der Landesmusikschule in Mondsee und ich habe dort immer im Vorraum geübt, bevor wir daheim ein Studio hatten. Da kamen die Kids nach acht Stunden Unterricht von der Schule. Die waren völlig erschöpft. Nach 50 Minuten bei meinem Vater hüpften sie voll Energie aus seinem Zimmer.

Er hat nicht nur Schlagzeug mit ihnen geübt, sie haben Ball gespielt zwischen den Becken, dann durften sie ihren Kopf auf den Kopierer legen. Und dann war wieder das Drum Set dran. Es ist immer rund gegangen. Die sind auch länger geblieben und dann war es nicht mehr einer, sondern drei oder vier, die einfach nicht genug bekommen konnten.

Er liebt diesen Job in der Musikschule, auch wenn er am Mozarteum unterrichtet, und will gar nicht in Pension gehen. Wir brauchen Lehrer in den Musikschulen, den Konservatorien, in der Schule, die mit Begeisterung unterrichten und Lebensfreude vermitteln.

Martin "The Chief" Grubinger Senior on Sarah´s Music


"Zwischen meinem Vater und mir sind die Fetz'n g'flogen, aber unser Diskurs war immer befruchtend."

Martin Grubinger, Multipercussionist

— Wie lief es in der Pubertät?

Martin grubinger:Mein Vater war bis zu meinem 13. Lebensjahr mein Lehrer, dann ging ich nach Linz ans Konservatorium. Ich war mit 14 schon richtig gut, das habe ich ausgelebt. Da haben wir dann nur noch gestritten und diskutiert. Es sind die Fetz'n g‘flogen. Im Nachhinein hat das trotzdem geholfen, der Diskurs mit meinem Vater war und ist befruchtend.

— Welche Musik hast du mit 14 gehört?

Martin grubinger:Alles. Queen, Bruckner, Keith Jared, den genialen Salsa-Pianisten Michelle Camillo, U2. Ich höre nach wie vor alles, das Einzige, was ich auslasse ist Schlager. Ich höre auch Landler oder richtig gute Volksmusik. Und das am liebsten im Auto. Das taugt mir.

— Was tust du mit deinem Sohn?

Martin grubinger:Fußball spielen. Ja, er spielt Klavier und mit dem Opa Schlagzeug. Er mag Schauspiel. Aber die wahre Leidenschaft gehört dem FC Bayern.

— Es gibt bei dir daheim einen Fußballplatz vor der Haustür?

Martin grubinger:Bei mir in Thalgau, wo ich aufgewachsen bin, konnten wir nie richtig kicken, wir wurden immer vertrieben. Also habe ich da, wo ich jetzt lebe, im Nirgendwo, einen Fußballplatz bauen lassen. Das Wichtigste für mich ist, dass die Nachbarbuben nonstop bei uns spielen können. Eine Flutlichtanlage gibt es natürlich auch.

Es ist oft so, dass ich um 23 Uhr ins Bett kraxle und dann sehe ich sie immer noch spielen. Das ist für mich das Schönste. Die sind alle zwischen 14 und 17, in der Pubertät, da läuft der Ghettoblaster. Das macht mir Freude, weil ich hatte das nie. Das war das Einzige, was mir gefehlt hat, ich wollte immer in einen Fußballverein, aber mein Vater hat das sehr clever verstanden zu verhindern.

— Musik geht vor – war das in deiner Familie immer so?

Martin grubinger:Mein Opa arbeitete in der Autobahnmeisterei, er war ein klassischer Hackler. Das ist etwas, worauf ich stolz bin. Mein Vater war Profiteur der Kreisky-Reformen, ein Arbeiterkind, das ins Gymnasium gehen konnte. Da hat er das Schlagzeug entdeckt und studierte Schlagzeug. Überspitzt gesagt, ohne Kreisky wäre ich kein Schlagzeuger.

— Als Kind wolltest du …

Martin grubinger:… Bauer werden! Ich war nicht im Kindergarten, weil der Onkel meines Vaters einen Bauernhof hatte, einmal über den Bach, und da war ich den ganzen Tag. Ein Traum.

— Spielst du daheim auch mit der Familie?

Martin grubinger:Klar. Zu Weihnachten zum Beispiel ganz traditionell mit Flöte, Gitarre. Wir singen gemeinsam. Mein Vater ist leidenschaftlicher Weihnachtsbaumsinger. Bevor die Packerl ausgepackt werden, singen wir eine Stunde, was meinen Sohn zur Weißglut treibt. Wir sind totale Traditionalisten, was Bräuche betrifft.

Multipercussionist und Weltstar

App-Projekt für alle Kinder der Welt

— Du hast die Schule abgebrochen, hast auch dein Studium aufgrund der vielen Auftritte nicht abgeschlossen. Warst du zu begabt und zu schnell und zu fokussiert? Würdest du das heute anders machen?

Martin grubinger:Das war volles Risiko. Ich war mit 15 auf der Second World Marimba Competition in Japan und habe gesehen, dass ich mit den 25-Jährigen mithalten konnte. Ich kam ins Finale. Da dachte ich mir, wow, da geht was. Diese Erkenntnis war eine Explosion. Ich kam heim und fragte meine Eltern: Ziehen wir das durch, unterstützt ihr mich? Und sie haben Ja gesagt. Ich habe den ganzen Fokus draufgelegt. Hart betrachtet habe ich nur neun Jahre Pflichtschule, keine Matura, kein abgeschlossenes Studium, weil ich schon so gut gebucht war, ich war nicht beim Bundesheer... (lacht).

—  Du bist aber Professor am Mozarteum in Salzburg.

Martin grubinger:Ja. Also Schlagzeug ist einfach mein Ding.

— Diese starke Ausrichtung ist außergewöhnlich.

Martin grubinger:Viele Studenten sagen zu mir, du hast aufgehört zu studieren, ich will das auch. Aber so leicht ist das nicht. Man muss sich das sehr gut überlegen. Ich empfehle nichts, weil es so individuell ist und gleichzeitig auch eine gefährliche Entscheidung, eine Ausbildung abzubrechen. Man kann viel entscheiden, aber man muss dabei sehr überzeugt sein.

— Du suchst ständig neue Herausforderungen, ist dir schnell fad?

Martin grubinger:Fad wird einem, wenn man sein Repertoire x-mal abspielt. Ich brauche neue Projekte mit neuen Künstlern und das Beschreiten neuer musikalischer Wege, vielleicht auch die Entdeckung neuer Kanäle. Das hält mich in Bewegung. Das ist wie Treibstoff. Ein aktuelles Projekt beschäftigt sich damit, Musik digital so zu vermitteln, dass wir Musikunterricht für Kids zwischen 6 und 15 neu denken.

— Spielst Du auf die Idee „mygroove“ an, dieses App-Projekt? Also eigentlich fast ein Start-up?

Martin grubinger:Erwischt.

— Worum geht es da genau?

Martin grubinger:Wir haben einen Partner, der bedacht ist, nicht zu viel zu verraten …

— … Red Bull …

Martin grubinger:Ja. Aber ich erzähle ein wenig: Wir möchten die Musikvermittlung App-basiert revolutionieren. Das hat einen zutiefst humanistischen Ansatz. Wir wollen zehntausenden Kids weltweit einen Zugang zur Musik zu verschaffen. Wenn Eltern, Großeltern, Freunde nicht sensibilisiert sind, dann leben viele ein Leben getrennt von dem wunderbaren Gut Musik. Dass Menschen vom eigenen Schicksal abhängig sind, das wollen wir ändern. Wir wollen die Faszination Musik für jeden und jede zugänglich machen, jeder soll ein Instrument erlernen können, egal wo er herkommt und wer er ist. Wir teilen mit Red Bull eine hohe Professionalität und die große Bereitschaft kreativ zu sein und den langen Atem. 

— Wann kommt das?

Martin grubinger:Wir sind mittendrin und hoffen auf einen First Launch 2023.

"Mit der mygroove-App wollen wir die Faszination von Musik für Kinder weltweit zugänglich machen!"

Martin Grubinger, Percussion-Weltstar

"Jeder hat ein Rhythmusgefühl"

— Weil du sagst: Musik für alle – es gibt Menschen, die behaupten, sie hätten kein Rhythmusgefühl…

Martin grubinger:… es ist vielleicht verschüttet, aber da sind wir bei dem, was wir gerade besprochen haben. Es wurde nicht gefördert oder es gab keinen Bezugspunkt und wurde nicht gepflegt. Rhythmus ist in uns allen. Das erste, was wir hören, ist der Herzschlag der Mutter, wir sind umgeben von Rhythmus. Jedes Gespräch hat einen Rhythmus. Mit den richtigen Knöpfen kann man mit jedem Musik machen. (Er klopft eine Sechzehnteltriole mit den Fingern). Klingt vielleicht kompliziert, aber ich bin absolut sicher, ich könnte das mit jedem, absolut jedem erarbeiten.

— Du pushst eine gesamte Branche.

Martin grubinger:Ja. Das ist meine Mission. Komponisten suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Tonsprachen. Wir haben eine Musikgeschichte, die 300 Jahre alt ist. Heute ist Rhythmus ein wichtiges Thema und spielt eine andere Rolle als vor 150 Jahren bei Bruckner, Brahms oder Schostakowitsch. (Grubinger summt die eingängige sanfte Melodie des 2. Satzes der 7. Symphonie von Bruckner).

Dieses Stück hat mit komplexer Rhythmik wenig zu tun. Das hat ein völlig anderes Lebensgefühl. Hätten Bruckner, Brahms, Mahler das Wissen über andere Kulturen und Traditionen gehabt wie wir heute, vielleicht hätte die Musikgeschichte einen anderen Weg genommen.

— Für Schlagwerk gibt es heute sehr viel zeitgenössisches Repertoire…

Martin grubinger:Das habe ich gestern mit dem Intendanten des Wiener Konzerthaus, Matthias Naske, besprochen: Das Beste, wenn ich einmal aufhöre, ist, dass mein Instrument als Soloinstrument nicht mehr wegzudenken ist. Und es werden noch mehr neue Werke, Schlagzeugkonzerte kommen. 2023 kommt eine Schlagzeugoper. Es gibt das Publikum, das Repertoire und geniale Musiker. Ich freu mich schon, wenn ich 2028 ins Konzerthaus gehe und nur mehr meinen Studierenden zuhöre.

"Mit 40 höre ich auf"

— Das erinnert mich daran, dass du immer sagst: Mit 40 höre ich auf. Das ist in…

Martin grubinger:… eineinhalb Jahren. Ja, das will ich nach wie vor. Wir Schlagzeuger haben ein Ablaufdatum auf der Bühne. Ich habe so viele andere Ideen und Projekte im Kopf: die Familie, die mygroove-App, die Professur. Ich will Geschichte studieren, beschäftige mich sehr mit dem Thema. Was ich gestern gemacht habe, mache ich seit 25 Jahren. Dieser Zyklus kommt gerade zu einem Ende. Ich habe den totalen Wunsch, noch einmal nachzudenken und etwas ganz anderes zu machen. Ich will noch einmal ausbrechen.

— Auch wegfahren?

Martin grubinger:Ja, auch. Meine Frau und dich träumen davon, uns etwas Kleines in der Nähe von Siena zu kaufen. Wir sind totale Toskana- und Umbrien-Fans. Es wird etwas passieren.

— Nicht in die Türkei, wo deine Frau her ist?

Martin grubinger:Das war früher ein Thema, aber mit Erdoğan geht das nicht. Wir haben Freunde dort. Fasel Cei ist Komponist und Pianist. Er durchlebt gerade harte Zeiten, weil er liberal und progressiv denkt. Er wurde verklagt, weil er einen Tweet über den Muezzin abgesetzt hat. Er schrieb aus Spaß, dass der Gebetsrufer an seiner Gesangsausbildung arbeiten solle, weil die Intonation nicht ganz passt. Das wurde als Gotteslästerung ausgelegt und führte zu einem Gerichtsverfahren. Das ist kein gutes Umfeld für Künstler.

— Auch in der Coronazeit hatte es die Kunst schwer…

Martin grubinger:Es fehlte die Relevanz, aber wir sind auch ein wenig selbst schuld daran. Wir haben zu wenig gekämpft. Die Politik muss überzeugt sein und der Kunst genau deshalb ihren Stellenwert einräumen.

Die Bundesliga-Fußballspieler in Deutschland haben im Mai wieder gekickt – das ist anscheinend relevant für alle. Genau das müssen wir für die Musik, für das Theater, die Kunst entwickeln und so verbreiten. Raus aus unseren Elfenbeintürmen.

Deshalb will ich rausgehen zu allen, in die Schulen, dorthin, wo es wichtig ist und wo die Basis ist. Das ist unsere Idee mit der App. Wir müssen das, was wir tun, in der Gesellschaft verankern, so dass es alle verstehen und als wichtig wahrnehmen.

— Wie war der Übergang für dich nach der Lockdown-Phase?

Martin grubinger:Das war nicht leicht. Wir sind in einem Rad drinnen und haben erst durch die Pandemie gemerkt, wie extrem schnell das Tempo ist, in dem wir davor gelebt haben. Ich habe es im Lockdown sehr genossen, mit meinem Sohn, der elf wird, Home Schooling zu machen. Ich habe gemerkt, dass ich danach anders leben möchte als vorher.

Das Konzertleben, wie ich es vor der Pandemie geführt habe, kommt so nicht mehr zurück, weil ich es nicht mehr will. Aber ich habe es leichter, weil ich mache meinen Job seit 25 Jahren. Ich will mir meine Projekte aussuchen, nicht mehr ständig unterwegs sein von Singapur nach Tel Aviv, von Wien nach Istanbul und New York fliegen ohne Unterbrechung. Auch weil es inhaltlich keinen Sinn mehr hat und weil ich in der Pandemie einen Wert gespürt habe, den ich so nicht mehr aufgeben will.

— Was ist Musik für dich?

Martin grubinger:Leben. Einfach alles. Das ultimative Lebenselixier. Musik muss in jeder Gesellschaft einen zentralen Platz haben. Sie macht uns zu humaneren Menschen, die ausgeglichener, friedlicher, leistungsbereiter, empathischer und kreativer sind.

Steckbrief Martin Grubinger