Helden im Winter

Sie trotzen der Witterung. Sie sichern unsere Mobilität bei Kälte, Schnee und Eis. Sie werken meist unbedankt im Hintergrund. Wir haben sie vor den Vorhang gebeten und sagen Danke!  

Selbst dann, wenn es stürmt und schneit, gibt es viele Menschen, die mobil sein müssen. Das sind die einen – und das sind viele von uns. Die anderen sind jene Menschen, die dies erst ermöglichen. Die genau dann im Freien hart daran arbeiten, dass wir in Sicherheit weiterkommen, ganz gleich ob wir zur Arbeit müssen, in den Urlaub aufbrechen oder unsere Freizeit genießen. Ohne sie wären jeder Schritt aus dem Haus gefährlich, die Fahrt im Rettungswagen ein Risiko, der Schwung über die Piste unmöglich und der Flug in die Ferien vielleicht der letzte. 

Es gibt angenehmere Jobs. Das dachten wir jedenfalls. Aber als wir diese Helden des Winters kennenlernten und mit ihnen sprachen, hatten wir mit einem nicht gerechnet: dass ihnen ihr Beruf wirklich Freude bereitet. Und dass sie nichts dabei finden, sich den ­Allerwertesten abzufrieren, damit wir genau das nicht tun müssen. Womöglich auch noch in der Nacht. Damit wir weiterkommen.

Wir finden: Genau diese Menschen ge­hören einmal vor den Vorhang. Wir danken ihnen – und den unzähligen anderen, die hier nicht vorkommen, aber unersetzlich sind. Nicht nur im Winter.
 

Gelber Engel, tiefgefroren

Thomas Emberger, 29. 

"Dicke Socken und Schuhe sind für mich im Winter das Um und Auf", lacht der ÖAMTC-Pannenfahrer aus Salzburg, der seit fünf Jahren dafür sorgt, dass "seine" Clubmitglieder auch in der kalten Jahreszeit stets mobil bleiben. Ein Februar ist ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben: "Das muss 2011 gewesen sein, wo es am Tauern minus 25 Grad hatte. Da sind die Batte­rien reihenweise eingegangen, und wegen des Urlauberwechsels mussten wir viele Zusatzdienste einschieben." Für den Profi alles kein Problem: Mit seinem Allrad-Pannenfahrzeug kommt er fast überall hin, um Batterien zu tauschen, eingefrorene Diesel-Anlagen flottzumachen oder Mitgliedern beim Anlegen von Schneeketten zu helfen. "Die Leute sind immer dankbar, wenn ich schnell bei ihnen bin. Und während ich ­arbeite, setz ich sie zum Aufwärmen in mein Pannenauto", grinst er. Sein Credo: "Ich will den Menschen was bieten für ihren Mitgliedsbeitrag. Und tu bei jeder Panne alles, was in meiner Macht steht, damit's möglichst flott wieder weitergeht."

Sein Zuhause sind die Berge

Josef Tuschek, 61. 

"Wenn alle nach Hause fahren, beginnt meine Arbeit", erzählt der Pisten-Chef der Zauchensee Liftgesellschaft, den alle nur als Sepp kennen. Seine 29. Saison ist schon im Gange. "Wir haben heuer wieder den Audi FIS Schiweltcup in Altenmarkt/Zauchensee. Dafür laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren." 15 Kilometer Zäune werden gespannt. Routine ist es nie, jeder Tag ist unterschiedlich. Gearbeitet wird je nach Witterung. Zwischen 18 Uhr und 8.30 Uhr früh sind die Pisten gesperrt und seine sieben Raupen rücken aus. "Wenn die Wetterprognose Schneefall in der Nacht vorhersagt, läutet mein Wecker um 3 Uhr. Ich checke die Lage und alarmiere mein Team." Ein Fixpunkt ist immer die erste Abfahrt. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", lacht Sepp. "Ich sehe mir die Pisten dann sehr genau an." Und wenn es untertags viel schneit? Dann arbeitet sein Team nonstop – mit Signalhorn. "Die Schifahrer schätzen das, lächeln und winken uns zu." Und ab April? Da tauscht er seine Pistenraupe gegen einen Bagger. 

36 Kannen pro Schicht

Tsvetelina Ancheva, 31. 

Seit zehn Jahren schon arbeitet die gebürtige Bulgarin an der Eni-Tankstelle in Brunn am Gebirge. Während ihrer Acht-Stunden-Schicht ist sie für die Sauberkeit der Station und die Kasse verantwortlich. Bereitet Kaffee und Imbisse vor und serviert sie auch – das ganze Jahr über, oft auch nachts. Und sie muss stets für frisches Scheibenwaschwasser sorgen. In der kalten Jahreszeit natürlich weit häufiger, weil die Kunden ihre Waschanlagen da viel öfter nachfüllen müssen. "Im Schnitt fülle ich dann die sechs Kannen sechs Mal pro Schicht voll", erzählt sie. Wichtig dabei: Sie müssen im geheizten Innenbereich bleiben, um ein Einfrieren zu vermeiden. Doch oft genug werden sie nach Gebrauch halb leer an der Zapfsäule stehen gelassen. Dann holt Tsvetelina sie wieder ins Warme. Mit einem Lächeln: "Das gehört für mich nicht nur zum Service, das ist meine Ein­stellung. Ich denke stets positiv." Eine schöne Erfahrung, die sie damit macht: In den meisten Fällen bekommt sie auch ein Lächeln zurück.

Schneeschaufeln für Profis

Andreas Hirschhofer, 46. 

Durch einen glücklichen Zufall kam der Niederöster­reicher vor 19 Jahren zu seinem Job als S­chneepflugfahrer bei der Asfinag Alland. Bis zu 60 Stunden die Woche hält der Winterheld die Autobahn frei, oft nachts und auf Abruf. "Da passiert es auch manchmal, dass ich um halb vier in der Früh nochmal raus muss. Ich schlafe dann oft unregelmäßig, wann halt Zeit ist." Von seiner Familie wird ebenfalls viel Flexibilität verlangt, nicht selten muss seine Frau spontan wegen der Kinder einspringen. Mehr als tageweise Urlaub nehmen ist eine Rarität, auch mit Krankenständen wird in diesem Job nicht leichtfertig umgegangen. Trotzdem ist Andreas Hirschhofer mit seiner Berufswahl und nach getaner Arbeit sehr zufrieden. Positive Reaktionen kommen laut dem Schneepflugfahrer leider nur, wenn es keine Probleme gab. "Sobald wir die Autobahn sperren und Stau verursachen, glauben immer alle, es wäre etwas bei uns schiefgelaufen oder wir hätten geschla­fen. Wir versuchen aber immer das Best­mögliche für unsere Autofahrer zu tun."

5 Minuten fürs Überleben

Niki Fleisz, 44. 

Wenn sich die Temperaturen der Frostgrenze nähern, sind er und seine 89 Kollegen im Dauereinsatz. "Aber auch bei Plusgeraden kann kaltes Kerosin Frost am Flieger verursachen", erklärt der Ex-Radrennfahrer, der auf 20 Jahre Erfahrung im Enteisen zurückblickt, denn: "Speziell die Flügel sind es, die frostfrei und damit aerodynamisch sauber bleiben müssen, das ist eine Grundvoraussetzung für den Auftrieb in der Startphase." Zu den ausschlaggebenden Faktoren gehört ­neben Außen- und Sprittemperatur auch die Luftfeuchtigkeit. Niki selbst kann aber nur Empfehlungen abgeben. Auftraggeber fürs Enteisen ist stets der Pilot. Der trifft die Entscheidung, ob (im Falle eines Airbus) zwei mit Hebebühnen ausgestattete Fahrzeuge zum Flugzeug kommen, wenn alle Passagiere Platz genommen haben. Ist das der Fall, werden pro Flügel 180 Liter eines Glykol-Wasser-Gemischs in Feuerwehr-Manier durch die Schläuche gejagt, das Leitwerk benötigt rund 35 Liter. Wenn kein Schnee am Flugzeug liegt, ist der Einsatz nach fünf Minuten beendet.

Der allradgetriebene Überallfahrer

Karl Sonnleitner, 40. 

Das Örtchen Windischgarsten im Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich kann im Winter eine raue Gegend sein. Für viele, vor allem ältere Einwohner ist die Benutzung der ­Öffis dann aus gesundheitlichen Gründen oft zu mühsam. Hier kommt Taxiunternehmer Karl Sonnleitner ins Spiel: "98 Prozent meiner Kunden müssen zu Untersuchungsterminen in die Krankenhäuser Kirchdorf, Steyr oder Wels", erzählt er. Aber auch in der nahen Umgebung ist er oft unterwegs: "Wenn die steilen Straßen schneeglatt sind, rufen mich die Leute an, weil sie selber sich nicht mehr fahren trauen." Für den Routinier kein Problem – auch, weil seine Taxiflotte durchwegs allradgetrieben ist. Touristen zählen ebenso zu seinen Kunden, vor allem Tourengeher: "Die bringe ich zu ihrem Ausgangspunkt und hol sie am Ende woanders wieder ab." Rund 150.000 Kilometer spult Sonnleitner so jedes Jahr ab – immer auch mit einem offenen Ohr für die Sorgen seiner Kunden.

Ausschlafen nach drei Jahrzehnten

Krystyna Bodinger, 65.

Seit 32 Jahren lebt die gebürtige Polin in Österreich, 31 davon hat sie in einem Mehrparteienhaus in Wien-Hernals als Hausbesorgerin dafür gesorgt, dass Bewohner und Passanten im Winter stets trittsicher unterwegs sind. Ihre Auf­gaben: Den Gehsteig vorm Haus von Schnee und Eis zu befreien und Kieselsteine zu streuen. Zum Jahreswechsel hat Frau Bodinger nun ihre wohlverdiente Pension angetreten und freut sich jetzt erst einmal aufs ausgiebige Ausschlafen: "Im Winter bin ich ja jeden Tag um halb fünf in der Früh aufgestanden", erzählt sie. Und lacht: "In all den Jahren war ich nur einmal krank. Ich nehme nämlich viele Vitamine zu mir." Gab's manchmal Dank für die harte Arbeit? "Die Leute haben mich immer gelobt, auch einmal zum Kaffee einge­laden. Aber ich habe ja immer gerne geholfen." Was im Ruhestand jetzt ansteht, ist etwas, das sie seit drei Jahrzehnten nicht gemacht hat: "Vielleicht reise ich im Winter einmal wohin, wo es warm ist."