Der Stunt als Kunststück

Cornelia Dworak ist die einzige Stuntfrau Österreichs und macht all das, was Schauspieler nicht machen wollen, dürfen oder können: mit dem Motorrad stürzen, aus dem Fenster springen oder in einen Glastisch fallen.

Cornelia Dworak hat mitgespielt bei "Mission: Impossible V", "Woman in Gold", "Der Vampir auf der Couch" und "In 3 Tagen bist du tot 2" – und trotzdem kennt sie kaum jemand. Klar, denn meistens trägt die Biologin eine Perücke und doubelt oder coacht Schauspieler. Aktuell fährt sie in "Die Toten vom Bodensee – Stille Wasser" eine Beiwagen-Maschine. Zu sehen am 2. April im ORF und am 18. April im ZDF. "Das war eine alte BMW mit dem Charakter einer Diva", erinnert sich die 35-Jährige. 

— Man denkt immer nur an Explosionen und Fensterstürze, dabei ist eine Zigarette rauchen auch bereits ein Stunt?

Cornelia Dworak:Ja, stimmt. Stunt heißt übersetzt Kunststück und erfordert ein gewisses Können. Ich komme zum Einsatz, wenn ein Schauspieler etwas nicht machen möchte, kann oder darf. Das kann auch sein: eine Zigarette rauchen. Oft ist es aber eine Frage der Versicherung und der Stunt ist anspruchsvoller. Als Profi weiß ich, wie ich einen Stunt mache, ohne mich oder andere dabei zu verletzen. Im besten Fall ist er nie gefährlich, weil ich eben weiß, was zu tun ist. 

Als Stuntfrau neben Tom Cruise und Simon Pegg

— Bei "Mission: Impossible V" gab es aber tatsächlich eine Explosion. 






Der Stunt bei "Mission Impossible" war gefährlich.






Cornelia Dworak, Stuntfrau
Cornelia Dworak: Genau. Ich habe eine Passantin gespielt, als das Auto neben der Wiener Staatsoper explodiert ist. Ich war eher ein Dummy (lacht). Dieser Stunt hat zwar nicht viel Können erfordert, war aber gefährlich. Laut dem Special-Effect-Coordinator hatte der Feuerball ungefähr 20 Meter Durchmesser – bei den Proben sind keine Teile geflogen. Ich war beim Dreh dann in der Nähe der Explosion und habe doch einige Glassplitter abbekommen. Ich bin in Deckung gegangen, habe gehofft, dass mich nichts Größeres trifft.  

— In welcher Szene haben Sie noch mitgespielt?

Cornelia Dworak: Bei einer weiteren Szene kam ich als Präzisionsfahrerin zum Einsatz. Ich habe mit anderen Stuntleuten den Verkehr am Ring dargestellt. Dafür werden immer Profis engagiert, weil man sich auf sie verlassen kann. In der Szene ist Schauspieler Simon Pegg über die Straße gelaufen. Unsere Aufgabe bestand darin, ihn nicht niederzuführen. Es sollte nach einem natürlichen Kolonnenverkehr aussehen, aber in Wirklichkeit war natürlich alles koordiniert. Einerseits musste ich aufpassen, dass ich meine Position einhalte, andererseits musste ich auch schauen, wo der Schauspieler gerade ist und was er macht. 

Präzises Fahren muss gelernt sein

— Was sind Präzisionsfahrten genau?

Cornelia Dworak:Nur als Beispiel: Ich war die letzten Jahre bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt und durfte die neuen Modelle von Mercedes-Benz vorstellen. Auf diesen großen Messen gibt es immer wieder spektakuläre Shows auf der Bühne, dabei müssen die Präzisionsfahrer punktgenau stehenbleiben – nämlich genau im Lichtkegel. Die Show ist auf die Musik und manchmal auch auf ein Video choreografiert, da ist präzises Fahren gefragt. Im Backstage-Bereich war es letztes Jahr sehr eng, dabei waren die vielen Säulen und das Blaulicht die Herausforderung bei den Rangierbewegungen.






Ich wurde einmal gefragt, ob ich mit Schaltgetriebe überhaupt fahren kann. Wenn die wüssten…






Cornelia Dworak, Stuntfrau


Leider habe ich auf Automessen oft das Nachsehen, weil man angeblich in fetten Autos lieber Männer sehen möchte. Ich habe einmal sogar die Frage bekommen, ob ich überhaupt mit Schaltgetriebe fahren kann. Ich habe dann geantwortet, dass ich privat einen Pick-up habe (lacht).

— Welchen Pick-up fahren Sie denn?

Cornelia Dworak:Ich habe einen Mitsubishi L200. Mit dem Pick-up fahre ich, wenn ich viel Equipment zu transportieren habe. Ansonsten nehme ich mein Motorrad – eine Suzuki SV650 – ein bisserl giftig.

Meine Neugierde hat mich weit gebracht

— Wie wird man als Biologin Stuntfrau?

Cornelia Dworak:Ich bin während des Studiums in Wien mit Stuntleuten in Berührung gekommen, bin nach London geflogen und habe mit Bühnenkampf begonnen – aus eigenem Interesse. Später bin ich um die halbe Welt gereist und habe diverse Stunt-Ausbildungen gemacht, zum Beispiel in Seattle "The United Stuntmen's Association" besucht. Ich war immer schon sehr offen für alles. Mein Leben ändert sich ständig. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. 

— Gibt es dennoch einen roten Faden, der sich durch Ihr Leben zieht?

Cornelia Dworak:Ja, die Bewegung – alles Körperliche, Tänzerische. In meiner Kindheit habe ich Ballett gelernt. Heute habe ich bereits alle Tanzstile vom Steppen bis zu Salsa durch und unterrichte Hip-Hop und in der American International School die "Art of Movement"-Klasse. Ich habe ein sehr gutes Körpergefühl. Wenn ich jemanden double, dann schaue ich mir genau an, wie sich diese Person bewegt und welche Eigenheiten sie hat. Oder wenn ich die Hauswand wie eine Spinne hinauflaufen muss und dabei mit einem Seil hochgezogen werde, dann beobachte ich vorher, wie sich Tiere fortbewegen, damit mein Stunt echt aussieht. Grundsätzlich bin ich sehr neugierig und probiere wahnsinnig gerne alles aus. Ich muss kein Spezialist auf jedem Gebiet sein, aber ich kann all meine Erfahrungen beruflich verwerten.

Ich habe keine Angst, sondern Respekt

— Als Stuntfrau sind Sie immer nur das Double für die, die den Applaus bekommen.

Cornelia Dworak: Ja, meistens. Während der Bregenzer Festspiele durfte ich mit sieben anderen Stuntleuten bei der Oper "Aida" täglich vor 7.000 Leuten auftreten: Ich war eine Wasserleiche im Bodensee, bin als Sklave die Treppen runtergestürzt und wurde als Priesterin mit einem Kran auf den riesigen Maskenteil auf etwa 40 Meter Höhe hinaufgezogen und musste sogar Playback singen. Die zusätzliche Herausforderung war die Koordination der Stunts.  

— Haben Sie Angst bei gefährlichen Stunts?

Cornelia Dworak: Angst ist schlecht. Man muss Respekt haben. Wenn mehrere Leute in einem Stunt involviert sind, steigt natürlich das Fehlerpotenzial. Dass ich mich zum Beispiel auf eine Motorhaube rollen kann und wieder hinunter, ist eine Sache. Eine andere ist, dass der Lenker auch die richtige Geschwindigkeit und die richtige Position einhält und zur richtigen Zeit bremst oder Gas gibt. Angst habe ich somit nur, wenn ich etwas nicht abschätzen oder kontrollieren kann – und das sollte in meinem Beruf eigentlich nicht sein. Ich überlege mir immer, wie ich das Sicherheitsrisiko minimieren oder ganz ausschalten kann.

— Welche Auto-Szenen werden gerne gedoubelt? 

Cornelia Dworak: U-Turns – sogenannte 180-Grad-Wenden – werden gerne verlangt. Oft geht es aber auch um das präzise Fahren. Zum Beispiel für einer Szene im Finstern in eine Garage zu fahren und zehn Zentimeter vor der Kamera stehenzubleiben. Es klingt nicht wahnsinnig spektakulär, aber man muss wissen, wie lang das Auto ist und wo man stehen bleiben muss. 

Sicherheit steht an erster Stelle

— Haben Regisseure manchmal falsche Vorstellungen davon, was möglich ist? 

Cornelia Dworak:Oft erkennt man erst, wenn man am Drehort ist, ob der gewünschte Stunt möglich ist oder nicht. Wenn es sicherheitstechnisch nicht funktionieren kann, sage ich Nein. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch andere Personen am Set, die ich vielleicht gefährden würde. Wir finden aber immer einen Weg, die Szene darzustellen. Ich coache auch Schauspieler, mache Kampf-Koordination und leite kleinere Stunts an – dafür verwende ich auch Matten oder Protektoren. 

— Wie ist das Coaching von Schauspielern ein wichtiger Bestandteil in Ihrer beruflichen Laufbahn geworden?

Cornelia Dworak:Das Coaching liegt mir, war aber nie geplant. Dabei ist es wichtig, ein gewisses G'spür mitzubringen, denn jeder Mensch braucht etwas anderes. Schauspieler sind ja selber in Extremsituationen, denn sie müssen ihren Text wissen und gleichzeitig die Szene schauspielerisch umsetzen. Dazu kommen körperliche Aktivitäten, die sie nicht oft machen. Beim österreichischen Film hat man generell nicht viel Vorlaufzeit, um Großes zu proben. Manche Regisseure geben mir etwas Zeit. Ich habe dann zwei Stunden, um etwas auszuprobieren, schaue, was der Schauspieler mitbringt, und entwickle anschließend die Choreografie. Manche Schauspieler freuen sich auf das Coaching, manche sind aber bereits eine Woche davor ängstlich, weil sie nicht wissen, was genau auf sie zukommt. Da ist es meine Aufgabe zu sagen, wir gehen das langsam durch, die Sicherheit ist gegeben und alles ist von mir durchdacht. Der Schauspieler soll sich wohl fühlen.

— Welche Szenen werden von Ihnen gecoacht?

Cornelia Dworak:Das können diverse Kampfszenen sein oder jemand wird erschlagen oder erschossen. Ich zeige dem Schauspieler zum Beispiel, wie er auf die Matte fliegt, damit es echt aussieht – die Matte darf man im Film natürlich nicht sehen.

Ich wurde durch eine Flügeltüre geschleudert

— Bei dem Kinofilm "Der Vampir auf der Couch" haben Sie Tobias Moretti gecoacht. In welcher Szene?

Cornelia Dworak: Ich habe alle Wire-Szenen gecoacht – damit meine ich die Seiltechnik. Für Flugszenen habe ich die Schauspieler, darunter auch Tobias Moretti, mit einem "Harness" ausgestattet, einem Gurt-Gestell, die Karabiner kontrolliert und auf ihre Sicherheit und Körperhaltung während des Fluges geachtet. Ich habe sie einfach jede Sekunde unterstützt und geschaut, dass sie gut aussehen.


— Sind Sie auch als Vampirin geflogen oder hatten Sie schwierigere Stunts?






Den Sprung aus dem Fenster musste ich mit Stöckelschuhen und in einem engen Kleid machen. Das hat den Stunt natürlich erschwert.






Cornelia Dworak, Stuntfrau


Cornelia Dworak: In einer Szene habe ich die Gräfin gedoubelt und bin aus dem Fenster gesprungen. In einer anderen wurde ich vom Grafen, von Tobias Moretti, sechs Meter durch den Raum und durch eine Flügeltüre geschleudert ("Der Vampir auf der Couch", Minute 48). Ich war in einem Gurt an einem Seil befestigt und wurde mit einem speziellen System – das nennt sich Ratchet – mit dem Seil sechs Meter weit gezogen. Das Seil ging auch durch die Flügeltüre – ich wurde quasi durchgezogen. Hinter der Türe bin ich einfach in Matten hineingecrasht. Die Flügeltüre war Gott sei Dank präpariert (lacht). Das ist natürlich kein echtes Holz. Mit dem Druck möchte ich nicht gegen eine Türe fliegen. Die Türe bestand aus ganz dünnen Spannplatten und Styropor. Sie wurde auch angesägt, damit es bereits vor dem Crash Bruchstellen gibt.

— Der Sechs-Meter-Flug klingt heftig. Ist das trotzdem Routine für Sie?

Cornelia Dworak: Ja, schon. Das Unangenehme an dem Ratchet-System ist, dass man an dem Seil hängt und startbereit ist, aber nicht selber auf den Knopf drückt. Die Technik ist präpariert und scharf. Es darf aus Sicherheitsgründen auch niemand mehr hinter einem vorbeigehen. Die Kamera läuft. Die Fernzündung ist feuerbereit. Es fühlt sich komisch an, es nicht selber im Griff zu haben. Es ist eine angespannte Situation. Was die Sache bei "Der Vampir auf der Couch" zusätzlich erschwert hat, war, dass kurz vor dem Stunt eine Szene angespielt wurde. Ich hatte eine andere Vampirin gebissen und wurde dann vom Grafen hochgezogen – da sind mehrere Personen im Spiel. Die Szene muss sitzen, das Seil muss die ganze Zeit auf Spannung sein.

— Wann kommt diese spezielle Ratchet-Technik in Filmen noch zum Einsatz?

Cornelia Dworak: In Filmen wird sie auch bei Explosionen verwendet – überall dort, wo man zurückgeschleudert wird. Oder in Actionfilmen: Jemand bekommt einen Kick und fliegt gegen die Wand.

Ich bin die einsame Wölfin

— Wie oft trainieren Sie Ihre Stunts? Ein präzises Training stelle ich mir schwierig vor, da ja immer etwas anderes gefragt wird.

Cornelia Dworak: Am Anfang meiner Karriere dachte ich mir: Oh Gott, wie mache ich das? Österreich ist ja nicht das große Action-Land. Es gibt kein Team, mit dem ich jede Woche üben kann. Ich bin eher der "Lonely Wolf". 

Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass immer Unterschiedliches gefragt wird und zwischen meinen Aufträgen oft lange Zeit vergeht. Dadurch kann ich nicht laufend jeden Stunt im Detail trainieren. Ich kenne aber meine Basiskenntnisse und fokussiere mich immer auf den aktuellen Stunt.

In Kampfkunst habe ich auch etwas hinein geschnuppert und von Kung Fu bis Jiu Jitsu alles ausprobiert. Der Tag hat leider nur 24 Stunden – sonst würde ich noch gerne viel mehr ausprobieren.

Richtig stürzen und in Kartons springen

— Sie haben beim Werbespot von Karriere.at mitgespielt und sind gestürzt. Ist das eine ihrer Basiskenntnisse?

Cornelia Dworak:Der Sturz war wirklich basic. Wenn ich das nicht könnte, dann wäre ich im falschen Beruf. Den Sturz müssen auch Schauspieler bei mir lernen – ich lehre an der Schauspielschule Krauss Bühnenkampf, -akrobatik und -fechten. Beim Film zieht man dem Schauspieler Knieschützer an oder man hat die Möglichkeit, eine Matte darunter zu legen. Man muss aber die Techniken lernen, damit man weiß, wie man seinen Körper richtig abfängt. Es muss so programmiert sein, dass es automatisch passiert. Es hilft auch im Alltag – im normalen Leben. (lacht).



— Wenn Sie vom Hochhaus springen, wie landen Sie dabei sicher?

Cornelia Dworak:Ich hatte in der TV-Serie "Cop Stories" einen Selbstmord-Sturz vom Hochhaus und bin in Kartons gelandet, die auf einer Plattform aufgeschichtet waren. In Amerika wird viel mit Luftkissen gemacht. Kartons sind aber praktischer, weil man sie genauso aufbauen kann wie man sie braucht – je nach Größe, Höhe und Breite. Luftkissen sind teurer und es gibt nicht so viele Größen zur Auswahl. Mit Kartons ist man einfach flexibler. Es gibt eine spezielle Falt-Technik dafür – je nachdem, wie hoch der Stunt ist. Manchmal werden zusätzlich Matten verwendet.

Beim Höhensturz "Header" springt man mit dem Kopf voran und landet mit dem Rücken auf Kartons oder in einem Luftkissen.

Tanz ist meine große Leidenschaft

— Und wie halten Sie sich fit? Sie sehen sehr durchtrainiert aus.

Cornelia Dworak: Danke. Zurzeit tanze ich täglich. Sobald ich Musik höre, muss ich tanzen. Dabei mache ich auch viele kleine Bewegungen – ich habe sicher eine sehr gute Core-Muskulatur. Zu Hause habe ich einen Trainingsraum mit Hanteln. Ein bis zweimal die Woche kann ich meine Kräftigungsübungen machen. Kampfsport mache ich mal mehr, mal weniger. Ich habe aber keinen fixen Trainings-Plan, er variiert je nach Jahreszeit und Jobangeboten. 

In Kampfkunst habe ich auch etwas hinein geschnuppert und von Kung Fu bis Jiu Jitsu alles ausprobiert. Ich habe mir auch einmal überlegt, ob ich mit Sportfechten beginnen soll, aber der Tag hat leider nur 24 Stunden.

— Fechten und Schwertkampf haben Sie somit nur für die Bühne gelernt? 

Cornelia Dworak:Genau – Bühnenfechten. Show und Realität sind nicht das gleiche: Für die Show habe ich einen Partner – in der Realität habe ich einen Gegner. Beim Bühnenkampf will man den Kampf sehen. Es ist eine Choreographie. Jeder Akteur weiß, was er zu tun hat. Diese Choreo muss jeder technisch lernen und so gut beherrschen, dass er auch wieder weggehen kann davon, damit es real aussieht. Man baut anschließend absichtlich Fehler ein. Das macht den Charakter erst interessant.