The Sound of Gruslig

An Formel-1-Wochenenden ist der Mercedes-AMG GT S das Büro von Safety-Car-Pilot Bernd Mayländer. Man kann das böllernde Monstrum freilich aber auch für den Hausgebrauch kaufen. Wir stecken uns Ohrstöpsel rein – und rollen langsam aus der Boxengasse.

Vor kurzem haben wir uns das neue Safety Car der Formel 1, den Mercedes-AMG GT S, noch von seinem Piloten Bernd Mayländer eingehend erklären lassen (hier nachzulesen), jetzt bitten wir die zivile Version selbst auf die Rennstrecke: Auf dem Gelände der ÖAMTC Fahrtechnik am niederösterreichischen Wachauring wollen wir im Tracktest klären, ob der zweisitzige Sportler aus der Edelschmiede AMG auch ohne Profi-Lizenz für den kleinen Alltags-Adrenalinkick zwischendurch sorgen kann. Los geht’s…






Wir hören hier das automobile Äquivalent eines Heavy-Metal-Albums






Christoph Löger, Redakteur
Erste Auffälligkeit: der Sound. Was die AMG-Ingenieure aus den dicken Endrohren des GT S zaubern (je nach Drehzahl ein irres Böllern, Blubbern und Röhren), erzeugt Instant-Gänsehaut. Wir lauschen dem automobilen Äquivalent eines guten, handgestrickten Heavy-Metal-Albums, bei dem auf jegliche Künstlichkeit via Sound-Aktuator oder ähnliche Verwässerung komplett verzichtet wurde. Auf der Rennstrecke oder der Autobahn kann man für das pure Geräuscherlebnis die Auspuffklappen per Knopfdruck in der Mittelkonsole öffnen, nächtens im bebauten Gebiet sollte man sie aber tunlichst geschlossen halten. Aber hören Sie am besten selbst…

Tracktest: Mercedes-AMG GTS


Zuvor im Stadtgebiet haben wir uns in engen Einbahnen noch über die breite Karosserie und die elendslange Motorhaube geärgert, auf dem Wachauring ist das nun aber kein Thema mehr. Hier ist Platz genug und es fällt auf, wie erstaunlich leichtfüßig sich die doch recht beachtlichen 1.645 Kilo Leergewicht im flotten Geläuf anfühlen. Die Gewichtsverteilung ist im Verhältnis 47 zu 53 Prozent von Vorder- zu Hinterachse ideal, trotz 510 PS und dem brachialen Drehmoment von 650 Newtonmetern neigt das Heck auch bei vollem Gaseinsatz in Kurven nicht zum Ausbrechen. Mitschuld daran: die breiten 295er-Pneus an den Hinterrädern. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe arbeitet perfekt, die Schaltzeiten sind vor allem in den Fahrprogrammen „Sport“ und „Race“ beeindruckend kurz, und obwohl wir im Testwagen auf die optionalen Keramikbremsen verzichten müssen, verzögert der GT S auch nach zweistündiger Höchstbeanspruchung noch wie in der ersten Runde. Gratulation! Lob gibt es außerdem für den Testverbrauch auf unserer Normrunde, auf der wir grundsätzlich ökonomische Fahrweise pflegen: Wer den Vierliter-Biturbo-V8 nicht ausreizt, muss nach einhundert Kilometern "nur" 11,8 Liter Benzin nachtanken – für ein Aggregat dieser Leistungsklasse ein hervorragender Wert.

Wo viel Licht, da auch Schatten: Wie bereits erwähnt, sind Fahrzeugbreite und Motorhaubenlänge im Alltag eine eher mühsame Angelegenheit, außerdem störend: die mit Knöpferln überfrachtete und klobige Mittelkonsole, auf der vor allem die Bedienung für Getriebe, Bordcomputer und Infotainment recht umständlich sind. Und was den Preis betrifft: Der ist in dieser Liga nicht das wichtigste Thema, dennoch muss man 165.000 Euro erst einmal verdienen.

Der Mercedes-AMG GT S im Detail

Fazit

Natürlich: Man kann sich ärgern, dass es solche Autos heutzutage noch gibt. Ich lehne mich zwar nicht so weit aus dem Fenster, gut betuchten Menschen die Freude abzusprechen, mit einer für sie unerheblichen finanziellen Transaktion etwas zu kaufen, das im Prinzip komplett sinnnlos ist, weil dieser Neidgedanke einfach niemandem zusteht. Aber abgesehen davon, dass der AMG GT S subjektiv sicherlich der schönste Mercedes seit vielen Jahren ist, gibt es da ja noch das Thema Alltag, dem man sich durchaus objektiv nähern kann. Und da meine ich gar nicht den vermeintlich hohen Verbrauch solcher Sportwagen: Es ist vielmehr große Ingenieurskunst, dass man dieses Monstrum mit knapp 12 Litern Praxisverbrauch fahren kann. Klar, als absolute Zahl mag das viel klingen, aber wie für jeden Supersportler gilt: Die paar Stück, die davon weltweit herumfahren, sind im Vergleich zu den Millionen Diesel-Gölfen nicht relevant. Solche Autos tun dem Klima nicht einmal ein bisschen weh. Viel störender für mich: Dieses Auto ist abseits der Rennstrecke schlicht und einfach mühsam. Da ist zum einen diese elendslange, nicht einsehbare Motorhaube, die in Verbindung mit dem irren Preis im Stadtverkehr für ständigen Stress sorgt. Dann der Motor selbst, der einem ständig das Gefühl gibt, ein schlechter Vater zu sein, weil man ihn wie ein aufgekratztes Kleinkind im Alltagsverkehr permanent zügeln muss. Und dann diese unpackbare Soundkulisse, die für einen Tag zwar lustig ist, weil Passanten schon die Handykameras zücken, noch bevor man in Sichtweite ist, die einem auf Dauer aber vermutlich doch irgendwann auf die Nerven geht. Bitte nicht falsch verstehen: Solche Autos muss und soll es immer geben, weil sie der Keith Richards ihrer Gattung sind. Nur: Möchte ich wirklich jeden Tag meines Lebens mit Keith Richards verbringen?