Bye-bye, mein Großer!

Zwischen den Land Rover Defender und mich hat kein Blatt Papier gepasst. Er war mein einziger Auto-Buddy. Heuer wurde unsere Freundschaft jäh beendet. Wir fahren ein letztes Mal gemeinsam weg. Ein Abschiedsbrief unter Tränen.

Was hab ich Dich gehasst bei unserem ersten Aufeinandertreffen! Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, während meiner ersten Versuche als professioneller Motorjournalist. Ich war 23, hab mich gefreut auf hochdrehende Turbomotoren, große Achtzylinder, mondäne Cabrios, luxuriöse Limousinen, das Leben auf der Überholspur. Und irgendwann in jenen Tagen meiner persönlichen Hybris bin ich von meinem damaligen Chefredakteur auf den Boden der Praxis geholt worden: Er hat mir den Schlüsselbund zu Deinem Leben in die Hand gedrückt. Um Dich zu testen. "Na super", dachte ich, "ein alter Geländewagen, nix mit Ferrari, fängt ja gut an." 


Du warst damals schon 52 erfahrene Jahre alt und hast mich mit einem milden Wanken begrüßt, als ich auf und in Dich geklettert bin. Hast mich Jungspund nicht ausgelacht, als ich Dein Zündschloss vergebens dort suchte, wo es alle anderen Autos haben. Soweit ich mich erinnere, hab ich auch gleich einmal meine Nase gerümpft ob des strengen Odeurs in Deinem Inneren, das roch wie eine frisch ausgepackte TV-Fernbedienung. Kannst Du Dich erinnern? Als ich dann eine halbe Stunde probiert habe, halbwegs menschlich in Dir zu sitzen? Und Du geseufzt hast: "Nein, das wird nix mit uns. Das wird nie was." 

Unsere Story

Weißt Du was? Du hattest Recht. Ich bin nie gut gesessen in Dir. Aber, und das kannst Du nicht abstreiten: In den folgenden 16 Jahren sind wir Freunde geworden. Nicht nur irgendwelche, sondern beste. An unserem ersten Tag konnte ich natürlich noch nicht wissen, wieviel wir gemeinsam noch erleben würden. Dass Du das einzige Auto von den abertausenden Testwagen meines Berufslebens werden solltest, dem ich tatsächlich meine Sorgen ins Armaturenbrett plaudere. Die schwere Krankheit meines Papa damals im oberösterreichischen Winter, als wir stundenlang gemeinsam auf die Donau geschaut und Beatles gehört haben. Das Beziehungsende mit S. nach sieben Jahren, wo wir traurig in der Nacht bei ihrem Haus vorbeigefahren sind und geschaut haben, wann sie in ihrem Zimmer das Licht abdreht.

Und dann der Kroatien-Urlaub mit der New Yorkerin K., die sich tatsächlich herausgenommen hatte, Dich ehrwürdigen britischen Sir respektlos als "cutie" zu bezeichnen, es Dir aber trotzdem nix ausgemacht hat, dass sie sich am Strand zum Trocknen hüllenlos auf Deine mächtige Motorhaube gelegt hat. In den letzten Jahren schließlich: Mein Sohn, der Dich als Einjähriger immer "Dodidi" genannt hat. Und seine wundervolle Mutter J., die Du mit mir für ein Interview in die Südsteiermark gebracht hast, damit sie endlich ihr Kindheits-Idol Peter Kraus treffen darf. Dazwischen außerdem immer wieder: Offroad-Trainings und mehrere Einsätze als Musiker-Mobil – für Freud zum Beispiel, die beste Band Österreichs, oder ein Fotoshoot mit Sascha Madsen, dem Schlagzeuger der besten Band Deutschlands.

Unser letzter Ausflug

All das wussten wir damals, an diesem Tag, als ich zum ersten Mal in Dich einstieg, noch nicht. Was uns aber bald klar wurde: Wir ticken im gleichen Takt, wir gehören zusammen. Du hast mich langsamer gemacht, ich Dich schneller. 

Während ich diese Zeilen schreibe, weiß wohl schon jeder, worauf diese Geschichte hinausläuft: Du darfst nicht länger existieren, wir haben es in den einschlägigen Medien gelesen. Es scheitert an simplen Dingen, hört man: Beamtete Büromenschen haben entschieden, dass Du wegen Deiner Kantigkeit nicht gut genug auf Fußgänger aufpasst. Als ob in Deiner stoischen Ruhe jemals Du selbst und nicht Dein Lenker jemandem weh getan hättest. Sie haben auch entschieden, dass Dein rustikaler Dieselmotor die Umwelt schmerzt. Ich ärgere mich: Ausgerechnet Du? Der in jedem Krisengebiet dieser Welt seit Jahrzehnten nicht nur einmal die letzte mobile Instanz war, um Menschenleben zu retten?

Aber: Wir können’s nicht ändern, mein lieber Freund. Wir müssen uns endgültig voneinander verabschieden. Aber weißt Du was? Wir geben nochmal richtig Gas! Und genießen einen letzten Tag miteinander. Fahren durch Gatsch und Wasser, klettern Hügel rauf und runter, so wie wir’s immer zelebriert haben. Und, am allerwichtigsten: Wir erzählen der Welt, was Dich ausgemacht hat. Was Du gekonnt hast und was Du nicht gekonnt hast. Und natürlich: dass es einen wie Dich nie mehr wieder geben wird…

Unfassbar, was Du alles konntest!

Schluss jetzt mit Bauchpinseln! Natürlich hatte das Leben mit Dir auch böse Überraschungen in petto. Die Liste Deiner Verfehlungen über all die Jahre ist schier endlos. Und es tut mir wahnsinnig leid, aber eine so tiefe Freundschaft wie unsere impliziert freilich auch Kritik am Gegenüber. Sei mir deshalb also nicht bös, wenn ich der Öffentlichkeit ein paar Deiner Schrullen preisgebe…

Unfassbar, was Du nicht konntest!

10 Fakten rund um den Land Rover Defender

1) 70 Prozent aller jemals gebauten Defender seit 1948 sind heute noch unterwegs.

2) Wenn die Queen auf ihrem schottischen Landsitz weilt, verzichtet sie auf Luxus und fährt Defender.

3) Die Legende besagt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung als erstes Auto einen Defender zu Gesicht bekommen hat.

4) Neben der James-Bond-Reihe hatte der Defender Auftritte in unglaublichen 885 Filmen und TV-Programmen.

5) Ein Defender besteht aus 7.000 Einzelteilen und es dauerte 56 Stunden, um ein Exemplar zu fertigen – länger als beim technisch weitaus komplexeren Schwestermodell Discovery.

6) Zwei Bauteile des heutigen Defender sind noch immer die gleichen wie anno 1948: eine Unterboden-Stützstrebe und die Haken für die Dachplane.

7) Im ersten Golfkrieg 1991 setzte die US Army zahlreiche Defender ein, weil ihre eigenen Humvees ständig im Wüstensand steckenblieben.

8) Die Werksabteilung „Special Vehicles“ entwickelt Sonderumbauten wie ein Land-Rover-Hovercraft.

9) Das von Land Rover an einige Fremdhersteller lizensierte Defender-Design ist in Spanien als Santana, in der Türkei als Otokar und in Brasilien als Karmann zu sehen.

10) Geflügelter Satz von Fans: Ein Defender fährt nicht besonders schnell, kommt aber überall an.

♥ Wir zwei…

… bei unserer Lieblingsbeschäftigung.

Exkurs 1: "Helen Wheels" by Paul McCartney

1970 haben sich in den schottischen Highlands zwei Koryphäen getroffen: Die eine, Paul McCartney, hatte soeben die historische Trennung der Beatles hinter sich und wartete auf Inspiration für die musikalische Solo-Karriere. Die andere, ein Land Rover Series II, hatte den ersten Modellzyklus hinter sich und wartete auf seinen ersten Besitzer, der kein Schafbauer war. Als sich die beiden schlussendlich trafen, wurde die gegenseitige Erwartungshaltung vorerst aber jäh enttäuscht: McCartney wollte nämlich sehr wohl Schafbauer sein und aus dem Blitzlicht verschwinden, der Land Rover hingegen keinen Schafbauern mehr chauffieren und ins Blitzlicht treten. Es war der Beginn einer Freundschaft, die dem Auto ein Lied eines echten Beatle bescheren sollte…

Exkurs 2: Valentinstag à la Land Rover

Vieles von dem, was die Liebe der Fans zum Defender und seinen Vorgängern ausmacht, ist auch dem sanften Umgang des Werks mit dieser großen Erblast geschuldet. Vorweg: Das folgende Video war natürlich eine Idee der sehr, sehr klugen Menschen, die bei Land Rover für das Marketing der Marke verantwortlich sind. Aber: Die Story, die in dieser Geschichte erzählt wird, ist tatsächlich so passiert. Die Kurzfassung ohne Spoiler: Freunde kaufen sich in jungen Jahren gemeinsam einen "Landy", hegen und pflegen ihn viele Jahre, erleben die schönsten Abenteuer damit. Dann: Man wird älter, Kinder kommen, das Auto verwahrlost in der Garage, weil niemand mehr Zeit dafür hat. Schweren Herzens wird eine Verkaufsanzeige aufgegeben.<br />
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Was dann passiert, lässt niemanden kalt, dessen Tränendrüsen intakt sind…


Ein ganz persönlicher Tick

Seit vielen, vielen Jahren ertappe ich mich während meiner England-Urlaube immer wieder dabei, Schnappschüsse von Land-Rover-Modellen zu machen: Aus dem Handgelenk im Pub-Gastgarten, aus der Windschutzscheibe auf der Autobahn, beim Wandern auf den Atlantik-Klippen, in Museen, Dörfern und vor Reihenhäusern. Ich habe keine Ahnung, woraus diese unbewusste Zwangshandlung resultiert, die Sammlung wächst aber stetig. Hier 15&nbsp;Beispiele…

Farewell, my friend

Wenn irgendwann in den nächsten Jahren Dein geplanter Nachfolger präsentiert wird, der, soviel weiß man bereits, nur sehr wenig mit Deinem urigen Charakter gemein haben wird, werde ich wohl einen Satz aussprechen müssen, der mir im Normallfall eigentlich zuwider ist: "Es kommt nicht Besseres nach."&nbsp;In Deinem Fall trifft er aber leider zu: Ein Stück großartiger Automobilgeschichte, ein Eckpfeiler britischer Lebensart, wird mit Dir sterben, und die Lücke, die Du hinterlässt, wird leer bleiben. Ich verspreche Dir aber etwas, lieber Freund: Mit diesem Auto, das Dich beerben soll, werde ich mir niemals gemeinsam einen Beatles-Song anhören. Ich könnte es nicht ertragen.