Das fahrende Bauhaus

Geburtstag und Abschied zugleich: Nach 25 Jahren stellt Audi den TT ein. Das große Generationen-Gipfeltreffen am Großglockner.

Bauhausstil, das sagen die beiden oft. Der eine wirklich schnell, der andere eher ruhig und mit leichtem Akzent. Voller Begeisterung sind sie aber beide, wenn sie vom ersten Audi TT sprechen.

Seit fast 25 Jahren arbeiten die Designer Dany Garand und Jürgen Löffler bei Audi. Fast so lange also, wie es den TT gibt. Wegen des TT, so erzählt es Löffler, schlug er damals sogar ein Jobangebot eines anderen deutschen Herstellers aus. Und der aus Kanada stammende Garand meint: "Der erste TT hat ein einzigartiges Design geschaffen und der Welt gezeigt, wofür Audi steht: Bauhaus-Philosophie, Klarheit, Reduktion und Mut."

Nun feiert der Audi TT seinen. 25. Geburtstag – der zugleich Abschied ist, denn der TT wird seit 2023 nicht mehr produziert. Anlass für eine letzte Zeitreise: durchs auto touring-Archiv im Untergeschoß der ÖAMTC-Zentrale in Wien Erdberg und durch das Obergeschoß Österreichs – die Großglockner Hochalpenstraße.

September 1995. Bei der IAA in Frankfurt enthüllten die Ingolstädter ein Konzeptfahrzeug. Laut "Spiegel" auf den Anzeigen daneben: der Slogan "Wenn Ingenieure träumen dürfen".

Drei Monate später, im Dezember 1995, entschied man sich, diesen Traum Realität werden zu lassen.

1998 war es dann so weit: Der Audi TT der ersten Generation (interner Code: 8N) kam auf den Markt. In Österreich um 460.000 Schilling, wie auto touring in seiner Oktober Ausgabe 1998 berichtete: "150 Exemplare des neuen Audi-Turbo-Sportwagens mit 133-kW-1,8-l-Motor und Frontantrieb kommen noch heuer (ab Ende Oktober) zum Preis von S 460.000,– zu uns."


Fahrnotiz: Audi TT, erste Generation

Schlüssel ins Zündschloss, Kupplung durchdrücken, starten. Ich bin in Zell am See und sitze im Audi TT der ersten Generation. Was sofort auffällt: Die damalige Konzeptstudie und das spätere Serienprodukt sind sich optisch sehr nahe. Offensichtlichster Unterschied: die hinteren Seitenfenster. Die Klarheit, von der Garand spricht, zieht sich auch durch den Innenraum. Weil sich der Radio hinter einer Abdeckung in der Mittelkonsole versteckt, sind (für anno dazumal) kaum Knöpfe und Schalter zu sehen.

Was beim Fahren überrascht: Wie smooth sich der erste TT bewegen lässt. Das Fahrwerk bietet überraschend viel Komfort und die Lenkung ist nicht allzu streng.

Schnörkellos hat der erste TT besonders in seiner Anfangszeit ausgesehen, ohne die Abrisskante am Heck. Mit dem Form-follows-function-Grundsatz war das Design aber nicht vereinbar: Der reduzierte Abtrieb am Heck in Kombination mit dem fehlenden ESP und dem kurzen Radstand sorgte für ein gefährliches Fahrverhalten, besonders in schnellen Kurven.

Nicht schlecht, aber für einen normalen Menschen zu gefährlich. Wenn der bei 200 das Gas wegnimmt, fährt er rückwärts.

Walter Röhrl, Rallye-Legende

Audi rüstete nach mehreren Unfällen, die ein ähnliches Muster aufwiesen (überraschendes Übersteuern bei hoher Geschwindigkeit in langgestreckten Kurven wie z.B. Autobahnabfahrten), einen kleinen Heckspoiler und eine elektrische Stabilitätskontrolle nach – auch bei Autos, die sich bereits in Kundenhand befanden. auto touring berichtete auch darüber: "Durch den kürzeren Radstand des 2+2-sitzigen Sportlers sorgten Lastwechselreaktionen bei hohem Tempo für unangenehme Überraschungen der zumeist ungeübten Fahrer und brachten den TT in ein schlechtes Licht. ESP und Spoiler sollten diese Unarten nun beseitigt haben."

Was die Kollegen von damals gut fanden und was weniger gut, würde ich noch heute, nach der Ausfahrt mit dem ersten TT, unterschreiben: "Exklusives Styling, viel Platz im Kofferraum (Coupé), für Sportwagen sehr guter Fahrkomfort." Aber: "Fondsitze bestenfalls Kindern auf Kurzstrecken zumutbar, hohe Gürtellinie, unübersichtlich."

2006 rollte der letzte Audi TT der ersten Generation vom Band. 178.765 Coupés und 90.733 Cabrios hatte man in den acht bzw. sieben Produktionsjahren gebaut.

Die zweite Generation des Audi TT (Code 8J) machte vieles anders – beginnend beim Design. Oder wie Kurt Zeillinger, der langjährige stellvertretende Chefredakteur des auto touring, im Sommer 2006 titelte: "Maskulin statt Unisex."

TT bleibt TT, auch der Neue ist ohne Blick aufs Typenschild als solcher erkennbar. Aber er wirkt muskulöser: Die Unisex-Rundungen sind weg, die Linien gestrafft und die Kanten geschärft.

Kurt Zeillinger, Redakteur und Freund der zweiten Generation

Und weiter: "Unsichtbar dagegen der glatte Unterboden, der den Abtrieb erhöht. Was zusammen mit der breiteren Spur, dem abgesenkten Schwerpunkt und der neuen Vierlenker-Hinterachse viel Fahrfreude in Kurven bringt."


Fahrnotiz: Audi TT, zweite Generation

Viel Fahrfreude in Kurven? Ich stehe am Parkplatz vor der Mautstelle der Großglockner Hochalpenstraße, Salzburger Seite. Kurven gibt's hier genug. Höchste Zeit also für einen Gegencheck. Und einen Zeitsprung: vom Ende der 1990er- in die frühen 2010er-Jahre. Schon nach der erste Kurve, nämlich der vom Parkplatz weg, ist eines klar: So smooth, wie sich die erste Generation eben präsentierte, ist die zweite nicht. Die Schaltung knackig, die Lenkung schwergängig, die Kupplung hart und das Fahrwerk sehr hart.

Kein Wort von Kollegen Zeillinger darüber. Weil er's 2006 ja noch nicht wissen und erfahren konnte: Erst 2009 brachte Audi erstmals einen TT RS. 2012 legte man mit dem TT RS plus nochmal eins drauf.

In genau so einem, also dem TT RS plus, schlängle ich mich jetzt von Kehre zu Kehre, rauf Richtung Edelweißspitze. Wie das liegt und pickt und bremst und klingt und vor allem wie das anstandslos aus der Kurve schiebt – sensationell. Weniger sensationell: der Verbrauch.

360 PS, fünf Zylinder: Der Audi TT RS plus war die sportliche Speerspitze. Doch das fahrende Bauhaus hat auch sparsam in petto. Nehmen wir beispielsweise die dritte Generation (FV), die 2014 an den Start ging. Im Test von Dezember 2016 verbrauchte diese als 2.0 TDI Roadster lediglich 6,1 Liter auf der auto touring-Normrunde.

Dementsprechend die Headline von Redakteur Christian Stich: "Sportlich sparen". Der sportliche Teil: "Der Motor bietet jederzeit genügend Kraftreserven, dreht willig hoch und klingt sogar überraschend sportlich."


Fahrnotiz: Die dritte Generation

Jackerl an, Kapperl auf, Dachl runter: Auf über 2.000 Metern Seehöhe steige ich ein letztes Mal um – in die dritte Generation (FV). Weil Bandscheiben und Klimawandel und überhaupt und sowieso, trifft der aktuelle TT als Roadster meinen persönlichen Geschmack sogar besser als der RS plus. Die 245 PS der Zweiliter-Maschine schieben mehr als brav an, die Lenkung ist vermittelnd und trotzdem nicht zu schwergängig und das Fahrwerk bietet ordentlich Restkomfort. Goldene Mitte, turboblau lackiert.

Außerdem gibt es statt eines Touchscreens an der Mittelkonsole quasi nur Luftauslässe, was zu einem super-cleanen Design führt. Das gesamte Infotainment ist im Armaturen-Display integriert. Lässig gelöst.

Dem stimmte auch Kollege Stich zu (oder stimme ich ihm zu?): "Auffallend-übersichtlich: Das serienmäßige ,Virtual Cockpit', ein 12,3 Zoll großes Display hinterm Lenkrad, das neben Tacho und Drehzahlmesser auch Infos zu Navigation, Telefon oder Multimedia hochauflösend darstellt."

Zurück in Zell am See. Das war sie also: die Zeitreise, die Geburtstagsfeier – und der Abschied. Einer für immer? Dany Garand: "Der TT war in seiner dritten Generation nicht nur TT, sondern ein Botschafter für Sportlichkeit. Und Audi Sport ist sehr am Leben – in der DTM und bald in der Formel 1. Ein legitimer Botschafter für die Sportlichkeit der Marke wird also sicherlich willkommen sein."

Nur: Ob das ein TT oder etwas anderes sein wird, das weiß Garand nicht.