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Nicht aufgeben!

Im vergangenen Sommer haben im grenznahen Bayern drei Mütter gezeigt, wie man den Tod eines Kindes in einem Schwimmbecken durch Mut und rasches Eingreifen abwenden kann.

Rasche Hilfe.

Fabio liegt schon ein bis zwei Minuten auf dem Grund des Pools, ehe seine Mutter den Fünfjährigen entdeckt, aus dem Wasser holt und mit der Herzmassage beginnt. Eine ihrer Freundinnen, Mutter eines ebenfalls anwesenden Kindes, beatmet den Verunglückten. Vorrangig ist bei Kindern jedoch die Herzmassage. Das wissen die Frauen. Sie machen unbeirrt weiter. Mindestens 15 bis 20 Minuten.

Reanimation.

Als ehrenamtliche Rotkreuz-Helfer, ein örtlicher Notarzt und wenig später das Hubschrauberteam vom ÖAMTC-Stützpunkt Suben bei Schärding eintreffen, schlägt das Herz bereits wieder und der Bub atmet. Die jungen Frauen haben ihn in stabile Seitenlage gebracht und darauf geachtet, ob er mit den Lebensfunktionen weitermacht. Auch die Bewusstlosigkeit scheint ein wenig zu weichen. Der Kleine schlägt sogar ein bisschen um sich, murmelt, dann schreit er kurz auf. „Alles gute Lebenszeichen. Von der Herzmassage hatte er wohl auch Schmerzen im Brustkorb“, sagt ÖAMTC-Notarzt Christian Dopler. „Das ist normal.“

Reaktion.

Was für Laien viel bedrohlicher wirkt als ein stilles und „braves“ Unfallopfer, das ist für Fachleute ein Grund zur Freude. Dopler erkennt in der Unruhe des Kindes schnell auch ein gezieltes Reagieren auf Reize. Er injiziert noch ein Medikament, stabilisiert den Kreislauf des Buben weiter. Die Pupillen passen ohnehin. Auch kein bedrohliches Krampfen ist zu sehen. Es deutet immer mehr darauf hin: kein schwerer Sauerstoffmangel im Gehirn. Mit Flugretter Klaus Vorich bereitet er Fabio für den Hubschraubertransport vor.

Intuition.

Captain Daan Remie startet die beiden Turbinen und zieht wenig später den gelben Notarzthubschrauber Europa 3 hoch. Da ahnt der Arzt im hinteren Teil der Maschine schon länger, dass dieser Einsatz gut ausgeht. Fabio schreit und strampelt nun nicht mehr, braucht auch keinen künstlichen Tiefschlaf. Er ist beruhigt, wirkt halb wach und schläft dann fest. Alle Daten der medizinischen Überwachung an Bord passen.

Destination.

Die EC135, die in Suben stationiert ist und im Grenzland von Bayern und Oberösterreich von ÖAMTC und ADAC gemeinsam betrieben wird, nimmt Kurs auf Passau. Ziel ist das Kinderklinikum. Vom Unfallort in Massing sind das 64 Kilometer Luftlinie. Bei einer Reisegeschwindigkeit von ca. 250 km/h -je nach Wind - 15 bis 20 Flugminuten.

Situation.

Mit an Bord ist Melanie Pirozzo, die Mama. Die Ersthelferin sieht dem Notarzt bei der Überwachung ihres Sohnes zu. Er erklärt ihr die positiven Zeichen. Der Frau wird nun langsam bewusst, wie sie später erzählt, dass Fabio nicht sterben muss. Das vorangegangene Szenario war dramatisch: Als sie ihn aus dem 1,3 Meter tiefen Pool holte, war fast der ganze Körper wegen des Sauerstoffmangels bläulich gefärbt, Urin und Stuhl waren abgegangen. „Mich hat es fast zerlegt vor Schmerz“, erinnert sie sich. Dennoch lief es wie am Schnürchen. Sie resignierte nicht, ließ sich von Angst nicht lähmen, packte ihren Buben und begann mit der Herzmassage. „Ich sehe das bei Einsätzen immer wieder, wie effizient und schnell besonders Frauen und Mütter in Notsituationen sein können“, sagt Dopler. „Sicher hilft dabei auch das Adrenalin. Kein Zögern. Sehr beeindruckend.“

Organisation.

„Ich war zwischendurch innerlich schon auch gelähmt“, erzählt Melanie Pirozzo, „aber wir waren drei Frauen an dem Pool mit insgesamt vier Kindern. Nadine Schaffhauser hat beatmet. Karin Rauschecker hat die Kinder zu einer Oma weggebracht, mit den Rettungskräften telefoniert und sie eingewiesen.“

Intensivstation.

Etwa acht Stunden nach dem Unfall erwacht Fabio zu vollem Bewusstsein. Erster Satz zu seiner Mutter, die auf der Intensivstation des Kinderklinikums bei ihm einquartiert ist: „Ich muss aufs Klo!“ Fehlanzeige. Er solle noch liegen bleiben, habe eh eine Windel, bekommt der Bub zur Antwort. „Was ich dann hörte, das überzeugte mich restlos, dass er wieder ganz der Alte sein wird“, sagt Frau Pirozzo: „Ich bin schon fünf und mache sicher nicht in eine Windel. Was ist denn das für ein blödes Krankenhaus, wo es nicht einmal ein Klo gibt?“ Wenig später melden sich Hungergefühle: „Aber ein Frühstück bekomme ich morgen hier schon, oder?“ Es folgt die Bekundung von großer Enttäuschung, dass er den Flug mit dem coolen Hubschrauber gar nicht mitbekommen habe.

Aktion.

Die Mütter der Spielkameraden vom Swimmingpool lassen sich noch etwas einfallen. Sie besuchen einige Wochen später mit dem Geretteten, seinem siebenjährigen Bruder Bruno sowie Theo (fünf) und Frieda (sieben) den Stützpunkt in Suben. Die Gäste bedanken sich bei der Crew. Das Team erklärt, wie ein Hubschrauber funktioniert, und die Kinder dürfen auf der Rettungstrage im Hubschrauber Europa 3 probeliegen, im Cockpit sitzen und die Fliegerhelme aufsetzen.

Autor: Gerald Lehner
ORF Salzburg und ehrenamtlicher Bergretter

Besuch am Stützpunkt.

Christophorus Europa 3 in Suben © ÖAMTC

Christophorus Europa 3 in Suben

Bei seinem Besuch am Stützpunkt lernte Fabio Notarzt Christian Dopler kennen und durfte auch im Cockpit sitzen.

Glücklich im Cockpit © ÖAMTC

Glücklich im Cockpit

„You are cleared for takeoff!“

Rettungsteam am Pool © ÖAMTC

Rettungsteam am Pool

Mama Melanie war mit ihrer Freundin Nadine ebenfalls dabei.