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Verpflichtende Assistenzsysteme ab 2022

Mehr verpflichtende Assistenzsysteme sollen die Sicherheit auf den Straßen erhöhen. Was 2022 kommt, was die Systeme leisten und wie man sie noch effektiver machen kann.

Assitsenzsysteme können Leben retten. Einige sind in Neuwagen bereits verpflichtend (zB. ESP oder Reifendruck- Kontrolle), weitere kommen ab 2022 für neu typisierte Autos und ab 2024 für alle Neuwagen hinzu. Fünf Systeme müssen demnach in wenigen Jahren zur Serienausstattung gehören: automatischer Notbremsassistent, Spurhalteassistent, intelligenter Geschwindigkeitsassistent, Müdigkeitsassistent und Notbremswarnung.

Diese fünf Assistenzsysteme werden ab 2022/2024 Pflicht:

1. Automatischer Notbremsassistent © Roland Vorlaufer

1. Automatischer Notbremsassistent

Tritt in die Bremsen. Das System erkennt einen möglichen Zusammenstoß und leitet selbstständig eine Notbremsung ein. Auch wenn ein Unfall nicht vermieden werden kann, verringert es die Geschwindigkeit und damit die Schwere eines eventuellen Aufpralls. Besondere Herausforderung: das Erkennen von nichtmetallischen Objekten wie zum Beispiel Fußgänger. Zusätzlich sind deren Bewegungsmuster nur schwer vorauszusagen. Im ersten Schritt ab 2022/2024 muss das System Hindernisse und fahrende Fahrzeuge erkennen, zwei Jahre später in einer nächsten Stufe auch Radfahrer und Fußgänger.

2. Spurhalteassistent © Roland Vorlaufer

2. Spurhalteassistent

Nicht aus der Spur geraten. Das System hält das Fahrzeug auf seinem Fahrstreifen. Mit einer Kamera oder – bei gefinkelteren Systemen – mit einer Kombination von verschiedenen Sensoren (von Kameras über Radar bis hin zu Infrarot) wird der Verlauf der Fahrspur erfasst. Spätestens beim Verlassen der Spur greift das System ein und lenkt wieder zurück. Es greift also aktiv in das Lenkgeschehen ein. Damit geht es in seiner Funktion über die „Spurverlassenswarnung“ hinaus, die den Fahrer warnt (optisch, akustisch oder durch ein Vibrieren), wenn das Verlassen der Fahrspur droht, aber nicht aktiv eingreift.

3. Intelligenter Geschwindigkeitsassistent © Roland Vorlaufer

3. Intelligenter Geschwindigkeitsassistent

Achtung, zu schnell! Soll den Fahrer unterstützen, die vorgeschriebene Geschwindigkeit einzuhalten. Das Fahrzeug erfasst die jeweiligen Limits über Kameras, die die Verkehrszeichen erfassen, über Kartendaten (Navigationssystem) oder durch Infrastruktursignale. Überschreitet der Fahrer das Limit, muss er vom Fahrzeug darauf aufmerksam gemacht werden (zum Beispiel durch eine optische Anzeige oder ein pulsierendes Gaspedal). Nicht damit verbunden ist eine automatische Übernahme von Tempolimits, also ein Einbremsen des Fahrers durch die Technik. In der Verordnung ist ausdrücklich das „nicht-eingreifende Assistenzsystem“ vorgeschrieben.

4. Müdigkeitsassistent © Roland Vorlaufer

4. Müdigkeitsassistent

Nicht einschlafen! Sekundenschlaf ist eine unterschätzte Gefahr. Etwa jeder vierte tödliche Verkehrsunfall auf Autobahnen soll durch den „Sekundenschlaf“, ein kurzes Einnicken, verursacht werden. Der Müdigkeitsassistent warnt den Fahrer, wenn seine Wachsamkeit nachlässt. Bei der Entwicklung des Systems versuchte man es zuerst mit Kameras, die die Augenbewegungen des Fahrers überwachten. Aber einige Faktoren (etwa Brillen) erschweren das Erkennen von Müdigkeit. Mittlerweile werden bei den meisten Systemen die Lenkbewegungen analysiert, die bei Müdigkeit ein erkennbares Schema aufweisen

5. Notbremswarnung © Roland Vorlaufer

5. Notbremswarnung

Achtung Notbremsung! Seit über 80 Jahren sind für Kraftfahrzeuge Bremslichter vorgeschrieben. Und so lange gab es nur zwei Bremslicht-Zustände: ein oder aus. Neue Fahrzeuge signalisieren der Umwelt eine Vollbremsung oft schon mit der Warnblinkanlage. Künftig wird eine solche Bremswarnung auch über die Bremslichter signalisiert: Wird mit starker Verzögerung abgebremst, signalisiert das Auto mit pulsierenden Bremslichtern oder schnell aufleuchtender Warnblinkanlage die (Not-) Bremsung und warnt damit nachfolgende Fahrzeuge. Wird durch einen Verzögerungssensor oder das ABS ausgelöst.

Nicht verpflichtend: Adaptiver Tempomat © Roland Vorlaufer

Nicht verpflichtend: Adaptiver Tempomat

Bremst und gibt Gas. Im Gegensatz zu den anderen fünf vorgestellten Systemen wird der adaptive Tempomat 2022/2024 nicht verpflichtend, ist aber bereits in vielen neuen Fahrzeugen serienmäßig oder gegen Aufpreis eingebaut. Mittels Sensoren werden der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug gemessen und die Geschwindigkeit automatisch angepasst. Der adaptive Tempomat bremst also ab, wenn sich der Abstand verringert, und beschleunigt auch wieder, wenn das vorausfahrende Auto etwa auf der Autobahn wieder auf die rechte Spur wechselt. Fahrzeuge einiger Hersteller verhindern mit dem System auch das Rechtsüberholen eines Mittelspurfahrers. Speziell in Verbindung mit einem Spurhalteassistenten macht der adaptive Tempomat lange Autobahnfahrten um einiges stressfreier.

FIA-Studie zeigt Verbesserungsmöglichkeiten bei Assistenzsystemen

Um herauszufinden, wie die neuen Assistenzsysteme bestmöglich zur Steigerung der Verkehrssicherheit eingesetzt werden können, hat die FIA (Fédération Internationale de l'Automobile) eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse nun vorliegen. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus sind:

  • Wissen schaffen: Autolenker müssen sich klar darüber sein, was ein System kann und wo die Einschränkungen liegen. Aktuell ist es laut Studie noch so, dass mangelhaftes Wissen zur Überschätzung der tatsächlichen Leistung von Assistenzsystemen führt. Daher sollte der Umgang mit den Assistenten auch verpflichtend in die Führerscheinausbildung aufgenommen werden.
  • Vertrauen bilden: Die Systeme müssen zuverlässig, genau und intuitiv bedienbar sein. Eine geringere Fehlerquote kann das Vertrauen der Nutzer maßgeblich steigern.
  • Standardisierung vorantreiben: Alles, was ein System dem Fahrer anzeigt, sollte eindeutig und intuitiv sein – und zwar international und über Herstellergrenzen hinweg. Technische Mindestanforderungen müssen ebenfalls harmonisiert werden, außerdem sollte festgelegt werden, welche Infos Fahrzeughändler ihren Kunden im Verkaufsgespräch verpflichtend geben müssen.
  • Kosten-Nutzen-Frage kommunizieren: Assistenzsysteme machen Autos in der Anschaffung teurer, aber auch die Wartungs- und Reparaturkosten steigen. Das kann Kunden abschrecken. Umgekehrt sinkt durch gute Systeme die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, der in der Regel um ein Vielfaches teurer kommt.
  • Ganzheitlich arbeiten: Das gesamte Sicherheitspotenzial kann nur im Zusammenspiel zwischen Fahrer, Fahrzeug und Infrastruktur optimal genutzt werden. Das bedeutet z. B., dass auch Infrastrukturbetreiber ihre Straßen physisch und digital ausbauen müssen, damit Systeme lückenlos funktionieren.

So wurde die FIA-Studie durchgeführt

Die Studie wurde von den niederländischen Organisationen Royal Haskoning DHV, HAN University of Applied Sciences und TNO (Niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung) durchgeführt. Neben Experteninterviews, Roundtable-Gesprächen, Mystery-Shopping und On-/Offline-Recherche wurde eine Online-Befragung in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Österreich durchgeführt. Über 9.200 Personen wurden zu Wissen über, Erwartungen an und Zufriedenheit mit Assistenzsystemen befragt.

Die gesamte Studie steht auf der Website der FIA zum Download zur Verfügung.

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