20160623_PD1582 HR.jpg  © APA picturedesk
© APA picturedesk
© APA picturedesk
Juni 2018

Bildstörung

Fußball-Glosse: Wo soll man Weltmeisterschaft schauen? Allein zu Hause im stillen Kämmerlein? Oder doch lieber mit Tausenden anderen im Biergarten? Wir haben dazu keine Meinung.
 

Die ersten Einladungen aus Freundeskreisen zu verschiedenen Public-Viewing-Events während der Fußball-Weltmeisterschaft sind schon eingetroffen – und mir schwant Schreckliches. Solche Ereignisse haben es ja an sich, dass auch Menschen auftauchen, die mit unserem Lieblingssport wenig bis gar nichts zu tun haben (wollen). Und zum Schlagerspiel Panama gegen Tunesien im Biergarten nur deshalb erscheinen, weil alle anderen gerade auch dort sind. Oder weil sie ein Freund oder eine Freundin einfach mitgezerrt hat. 

Dort nerven sie dann mit Fragen, die jeder halbwegs interessierte Fan im Schlaf beantworten kann: Wer spielt bei Panama auf der Sechser-Position? Wie oft war Tunesien schon bei einer WM dabei? Und warum dauert ein Match ­eigentlich 90 und nicht 100 Minuten? 

Alles Kinderkram also. Wenn alle Fragen lang und breit beantwortet sind, schreien und applaudieren sie an der falschen Stelle (also zum Beispiel bei einem Einwurf in der eigenen Hälfte) und versuchen eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Abseitsregel anzuzetteln. In der zweiten Halbzeit haben sie jegliches Interesse am Spiel verloren und versuchen einen Flirt mit einem oder einer anderen Desinteressierten anzuzetteln. Beim Stand von 5:5 kurz vor dem Schlusspfiff gehen sie grußlos.

Ich glaube, dass Fernseh-Großereignisse ungeeignet dafür sind, dass man sie sich mit mehr als fünf oder sechs Menschen gleichzeitig reinzieht. Eine Ausnahme sind Schicksalsspiele wie ein ganz großes Finale. Vor vier Jahren besuchte ich zum Finale der Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Argentinien eine Public-Viewing-Veranstaltung in Regensburg. Der Titel für Deutschland war zum Greifen nahe, die Spannung fast unerträglich. Zehntausende waren zu 100 Prozent auf das Ereignis fokussiert. Das war schon nicht so schlecht. 

Hierzulande muss man freilich sogar bei einem Auftritt der rot-weiß-roten Nationalmannschaft damit rechnen, dass ein guter Teil des Publikums der eigenen Mannschaft grundsätzlich einmal überhaupt nichts zutraut, ja sie von Beginn an eigentlich schlecht redet. Ich bin ja sonst nicht so streng, aber in Zukunft sollte man sich überlegen, wie man solchen Stimmungskillern die Rote Karte zeigen und sie zwangsweise weg vom Großbildschirm zurück in ihre eigenen vier Wände verweisen kann.

Die Ursache für dieses Unbehagen liegt natürlich darin, dass Fußball ein einfaches und kompliziertes Spiel zugleich ist. Kleinste Kleinigkeiten, die auch für einen konzentrierten Laien-Beobachter nur äußerst schwer zu erkennen und beurteilen sind, können über ein Tor, ein Spiel, eine ganze Weltmeisterschaft entscheiden. Wenn dabei auch noch der Spaß nicht zu kurz kommen soll, ist höchste Konzentration gefragt. 

Und da sage noch einmal einer, Männer seien des Multitaskings nicht fähig.  Sind Sie noch nie neben einem echten Fan gestanden, der gleichzeitig eine Leuchtrakete zünden, ein volles Bierkrügel zum Mund führen und ganz genau erklären kann, ob das jetzt ein Elfmeter war oder nicht?

Was also tun, wenn es zu Hause alleine vor dem Fernsehgerät zu langweilig und beim Public Viewing hingegen zu viel los ist? Die Antwort: Nicht siegen, leibhaftig dabei sein ist wichtig! Kürzlich durfte ich einen Zehnjährigen zum ersten Mal zu einem Match in ein Fußballstadion ausführen. Das war nicht nur für ihn, sondern auch für mich ein elementares Ereignis. Die faszinierende emotionale Wechselwirkung zwischen Publikum und Spielern wird von einem Kind noch viel schneller erfasst als von einem doch rationaleren Erwachsenen. Der Funke sprang sofort über: Das ist ja viel besser als zu Hause vor dem Fernseher! Ja, das ist es! 

Weil sich Österreich nicht qualifizieren konnte (es war ja recht knapp) und Russland jetzt nicht gerade das ­attraktivste Reiseziel auf der Welt ist, werden dieses Mal nicht so viele Landsleute live beim Großereignis dabei sein wie vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Frankreich. Die meisten von uns werden es sich also vor dem Fernseher bequem machen oder – bei großen Schlagerspielen – auch Public Viewing nützen. Mein Tipp dazu ist: Nützen Sie trotz aller beschriebenen Widrigkeiten diese Gelegenheit. Denn die nächste Weltmeisterschaft in vier Jahren in ­Qatar findet im Dezember statt. Und gegen Christkindl-Märkte zieht Fußball-WM bei Minusgraden im Freien ­sicher den Kürzeren. 2026 wird die WM mit großer Wahrscheinlichkeit in Nordamerika steigen. Wegen der Zeitverschiebung werden viele Spiele also erst am späten Abend beginnen, da wird auch nicht viel sein mit Fußball schauen im Biergarten. 

Ich freue mich also schon, Sie bei dem einen oder anderen Event zu treffen. Übrigens: Ich bin derjenige, der böse schaut, weil Sie ihm beim Elfmeter durchs Bild gegangen sind.  

Werbung

Kommentare (nur für registrierte Leser)