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Redakteurin Cornelia Buczolich am Steuer einer Prinoth Everest.

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Redakteurin Cornelia Buczolich am Steuer einer Prinoth Everest.

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Januar 2018

auto touring fährt: Pistenraupe

Ein erster Versuch: Mit zehn Tonnen den Berg hinauf und wieder herunter rollen und dabei die Piste ebnen und präparieren.

Als leidenschaftliche Schifahrerin haben mich Pistenraupen schon immer fasziniert. Bereits als Kleinkind habe ich abends vom Hotelzimmer auf die Berge geschaut und die Ungetüme auf Ketten arbeiten gesehen. Ich habe mir damals das Fahren sehr kalt, eintönig und unbequem vorgestellt – und mit viel Technik verbunden. Lauter Vorurteile?

Ich möchte es ausprobieren: Im Schigebiet Stuhleck am Semmering bin ich einen Abend lang für die Qualität der Pisten mitverantwortlich.

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Briefing: Redakteurin Cornelia mit Pistenchef Sepp und Raupenfahrer Dominik (li).
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Die Kettenfahrzeuge stehen im Schigebiet Stuhleck am Semmering bereit. 
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Der Tank der Prinoth Everest fasst 200 Liter Diesel.

1. Schritt: Tanken

Um 16 Uhr, wenn die letzten Wintersportler noch ihre Schwünge ziehen, treten vier Pistenraupenfahrer zum Dienst an. Die Maschinen werden durchgecheckt und jede Raupe wird betankt – mit 200 Liter Diesel. Der Vorgang ist unspektakulär, ähnlich wie bei einem Auto, mit dem einzigen Unterschied: Die Tanköffnung befindet sich etwa eineinhalb Meter vom Boden entfernt, oberhalb der Ketten des Fahrzeugs. Auf die Ketten darf ich beim Tanken draufsteigen. 

Video: Vorbereitung

Mit der Pistensperre um 17 Uhr – wenn der letzte Wintersportler das Schigebiet verlassen muss – ist die Zeit der Helden der Nacht gekommen. Und auch meine. Ich werde zum ersten Mal so eine Zehn-Tonnen-Maschine steuern.

Die vier unterschiedlichen Pistengeräte sind nun startbereit (das fünfte wird gerade gewartet), darunter auch die fast neun Meter lange und fünfeinhalb Meter breite Prinoth Everest – meine Raupe für die nächsten Stunden.

Die treibende Kraft: ein Mercedes-Motor. Mit einer Leistung von 428 PS und einem Drehmoment von 2.000 Nm bringt die Raupe genügend Power auf die Piste.

Pistenraupe_HEN_2474_CMS.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger

Bestmögliches Pistenbild

Pistenchef Josef (Sepp) Bierbaumer ist für die Einteilung seiner Mannschaft zuständig: "Zuerst wird die Nachtpiste präpariert, dafür haben wir genau eine halbe Stunde Zeit." Danach ist jeder der Fahrer für einen anderen Hang zuständig, gesamt gilt es 24 Kilometer Abfahrten zu präparieren. Plus: vier Snowparks, eine Snow-Tubing- und eine Rodelbahn.

Bei starkem Schneefall in der Nacht müssen die Pistenraupenfahrer gegen vier Uhr früh erneut zum Dienst antreten. "Wir sind natürlich stark vom Wetter abhängig und müssen flexibel sein. Im Idealfall wird mein Team bis 22 oder 23 Uhr fertig sein", erzählt Sepp. Die Pisten müssen aushärten, deswegen präpariert man sie abends – wenn es möglich ist. Ziel ist, um 8.30 Uhr für die ersten Schifahrer fertig zu sein. "Perfekt präparierte Pistenkilometer sind das Aushängeschild eines jeden Schiresorts."

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Briefing um 16 Uhr: Pistenchef Sepp macht…
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… mit seinem Team die Einteilung.
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Sepp im Gespräch mit Redakteurin Cornelia.

Einst und heute: Interview mit Pistenchef Sepp

Ein kleiner Rückblick: 1962 fuhr der erste Prototyp eines Pistenraupenfahrzeugs von Prinoth, die P60. Danach folgten die ersten Serienfahrzeuge. Die Maschinen sind heute viel moderner. Trotzdem ist Pisten-Präparierung viel Arbeit. 

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Der Sitz: sehr bequem.
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Die ersten Meter: Ich fahre noch…
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… ohne Schild und Fräse.

Es kann losgehen!

Erste Herausforderung: Wie komme ich in die Fahrerkabine – auf etwa eineinhalb Meter Höhe? Zum Glück bin ich sehr groß. Ich ziehe mich am Handgriff hinauf. Der Pistenraupenfahrer Dominik Stockinger setzt sich neben mich, um mir Schritt für Schritt Anweisungen zu geben.

Die Heizung ist eingeschaltet. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Der luftgefederte Fahrersitz ist bequem. Ich sehe Monitore, zahlreiche Knöpfe, eine Lenksäule mit einem Halblenkrad. Und: Ein Gaspedal. Ohne Kupplung wird das Wegfahren bestimmt nicht schwer. Etwas mulmig ist mir aber schon. Ein Zehn-Tonnen-Gefährt habe ich schließlich noch nie gesteuert. Zeit zum Nachdenken habe ich auch nicht, wir müssen ja mit der Arbeit beginnen. 24 Kilometer Pisten warten darauf, bearbeitet zu werden.

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1 Mit dem Joystick lassen sich das Schild und die Fräse steuern. Über den Bord-Computer kann man die Geschwindigkeit, die Motor-Temperatur, die Drehzahl, den Tankstand und diverse Fräsen-Einstellungen ablesen. Das Bedienfeld dient zum Einschalten des Lichts und zum Aktivieren der Scheibenwischer. © Heinz Henninger

2 Das Lenkrad. Nach dem Drücken des blauen Knopfs (links oben) fährt die Raupe rückwärts. © Heinz Henninger

3 Jede Pistenraupe verfügt über ein Schneemessgerät, das über GPS-Satelliten-Empfang funktioniert. Der Pistenraupenfahrer sieht stets über den Monitor, wie dick die Schneedecke unter dem Fahrzeug ist, und kann somit gezielt den Neu- und Kunstschnee verteilen. © Heinz Henninger

Auf die Plätze, fertig, los. Dominik löst für mich per Knopfdruck die Feststellbremse. Ich gebe leicht Gas. Die Schneekatze kommt in Schwung. Die Ketten graben sich in den Schnee. Bremsen heißt: Fuß weg vom Gas, und die Maschine steht. Auf steilen Hängen benötigt man die Handbremse.

Ich merke sehr rasch, dass ich das Lenkrad ruhig halten muss, es reagiert schnell auf leichte Impulse nach links oder rechts. Kurzzeitig fahre ich Schlangenlinien. "Nicht zu viel lenken. Die Raupe reagiert gleich", lehrt mich Dominik. Trotz der vielen Pferdestärken fahre ich nur 8 km/h. Schneller muss man nicht sein, um eine Piste zu präparieren.  

Und rückwärts fahren? Ebenfalls sehr unspektakulär: Am Lenkrad befindet sich ein blauer Knopf. Den drücke ich, schaue in die Seiten- und Rückspiegel und steige ganz leicht aufs Gaspedal. Ein akustisches Signal ertönt automatisch. Die Raupe fährt nun rückwärts.

Video: auto touring fährt Pistenraupe

Wie wird ein Pistenteppich gemacht?

Per Knopfdruck aktiviert Pistenraupenfahrer Dominik die Fräse am Heck des Fahrzeugs – sie ist gemeinsam mit dem Räumschild, der Schaufel, für die Pistenqualität verantwortlich. Fräswellen entstehen.

Meine nächste Herausforderung: Der Joystick. Schluck. So viele kleine Knöpfchen. "Pistenraupenfahrer brauchen ein paar Tage, um mit dem Joystick umgehen zu können", erzählt Dominik.

Er zeigt mir nur ein paar der über 20 Funktionen, die man über den Stick steuern kann. Die linke Hand bleibt immer am Steuer und mit der rechten hält man den Hebel. Im optimalen Fall schaut man immer auf die Piste und nicht auf den Steuerknüppel. Ich nehme leicht den Fuß vom Gas und schaue auf meine Finger. Mit welchem der vielen Knöpfe wird nun das Schild bedient? Dominik zeigt es mir noch einmal, ich setze es vorsichtig und zentimetergenau auf die Piste. Damit gleiche ich Unebenheiten aus.

Ich schwenke das Schild und schiebe die Schneemasse vor mir her. Sammelt sich zuviel in der Schaufel, kann man eines der beiden seitlichen "Ohrwaschln", wie sie von den Pistenfahrern genannt werden, öffnen und der überflüssige Schnee rutscht heraus.

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1 Berge von Schnee werden abgetragen, hin- und hergeschoben, glattgewalzt, damit Schifahrer am nächsten Tag beste Bedingungen vorfinden. © Heinz Henninger

2 Redakteurin Cornelia bei ihren ersten Pistenraupen-Fahrversuchen. © Heinz Henninger

3 Um 17 Uhr werden die Pisten für Wintersportler gesperrt. Die Raupenfahrer haben nun die ganze Nacht Zeit, die Hänge zu präparieren. © Heinz Henninger

Über Funk meldet sich nun Pistenchef Sepp: "Wie geht’s euch?" Während ich konzentriert auf die rollende Schneemasse vor mir schaue, antwortet Dominik: "Wir schieb’n scho!" Über Funk sind die Arbeitskollegen ständig miteinander verbunden. Radio gibt es übrigens auch in der Kabine.

Ich werfe einen Blick durch die Heckscheibe. Wow – das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dominik nickt zufrieden: "Der Pistenteppich ist dir gelungen, für deine erste Ausfahrt sogar sehr gut!"

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Ein Neufahrzeug des Modells Everest kann bis zu 500.000 Euro kosten, je nach Ausstattung (Winde, Ketten, Komfort).

Leistung in jeder Hanglange

Auf sehr steilen Pisten kommt die Seilwinde zum Einsatz. Pistenchef Sepp: "Seit zehn Jahren haben wir am Stuhleck ein Windseil-Gerät für einen Hang mit 40 Prozent Gefälle." Die Seilwinde dient nur als Sicherheit. "Viele glauben, dass das Seil die Pistenraupe zieht, das stimmt aber nicht." Das Drahtseil dient nur zur Unterstützung, damit sich die Kette nicht in die Erde gräbt und Schmutz hervorbringt. Das würde natürlich die ganze Piste zerstören. "Wenn das Fahrzeug die Piste quert, gibt das Seil nach, das ist eine sehr gefährliche Situation, wenn Tourengeher nachts auf gesperrten Pisten unterwegs sind – sie sehen das Seil nicht."

Video: Präparieren mit Seilwinde

Wie wird man Pistenraupenfahrer?

Eine letzte Frage an den Pistenchef Sepp: Wenn ich umsatteln möchte – welche Voraussetzungen brauche ich als Pistenraupenfahrerin? "Fahrneulinge bekommen direkt bei uns eine Einschulung. Nach der schriftlichen und praktischen Prüfung erhalten sie ihren Fahrausweis für unser Schigebiet." Führerschein ist keiner notwendig: Pisten sind schließlich keine öffentlichen Straßen. "Fahrer sollten aber eine Führerschein-Klasse besitzen – egal ob A- oder B-Schein –, damit wir wissen, dass sie beim Amtsarzt waren", erklärt Sepp. Der Rest ist Erfahrung. Na dann…

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