auto touring fährt: Panzer

Leidenschaft? Nein. Interesse? Ja. Ich nehme die Herausforderung an, einen Panzer zu steuern. Einen Fahrschulpanzer.

Ganz ehrlich: In meinen 37 Lebensjahren habe ich mich kein einziges Mal gefragt, wie es wohl ist, einen Panzer zu fahren. Eigentlich ist ein Panzer ja so etwas wie ein ganz starker Geländewagen, für den es keine Hindernisse gibt. Eine Herausforderung, 55 Tonnen schwer und 1.500 PS stark. Ich liebe Herausforderungen, will es jetzt aber wissen: Wie fährt sich sowas? Mein Entschluss überrascht nicht nur meine Kollegen, sondern auch mich selbst. Aber wie realisieren? Mit Hilfe des Bundesheeres. Ich darf den Leopard 2 am Gelände der Hessen-Kaserne in Wels lenken. Aber als Vollblut-Yogi ist es mir wichtig, nicht in einem voll ausgestatteten Kampfpanzer zu sitzen. Mir geht es nur ums Fahren, Steuern, Lenken – ums Erfahren. Ein Fahrschulpanzer muss es sein.

Schlaflose Nächte habe ich vor dem großen Tag keine. Major Jörg Loidolt, stellvertretender Kommandant des Panzerbataillons 14, versichert mir: "Zerstören können Sie den Panzer nicht." Mir wird klar: Der Panzer und ich – gemeinsam sind wir stärker als alles andere. Im abgesperrten Gelände dürfte auch nichts passieren...

Tagwache 5 Uhr

Um 6 Uhr steige ich ins Auto und sammle meine Video- und Foto-Kollegen Willy und Heinz ein, damit wir pünktlich um 9 Uhr in der Hessen-Kaserne in Wels gestellt sind.

Fahrlehrer Wachtmeister Toni Tondl (was für ein Zungenbrecher) bringt mich zum Lehrsaal-Fahrerstand. Was ist denn das? Ah. Die Fahrer-Kabine als 1:1-Modell. Quasi ein Fahr-Simulator ohne Zündung und ohne Motor. Ich setze mich hinein. Vor mir: zahlreiche Knöpfe, Hebel und drei kleine Winkelspiegel – Periskope. Meine Sicht aus dem Panzer: drei 18x7 cm große (oder eher kleine) Luken. Na das kann ja was werden, murmle ich vor mich hin. Der Simulator ist auf einer Seite begehbar, somit kann mir der Fahrlehrer alle Knöpfe erklären. Die echte Panzer-Wanne stelle ich mir nun sehr eng vor. Ganz alleine werde ich gleich in einer echten abtauchen. Hilfe – Plaaaaatzangst – dröhnt es mir durch den Kopf...

Sicht durch einen der drei 18x7 cm großen Winkelspiegel.

Video: Im Panzer-Fahrsimulator

Ab in die Wanne

Es wird ernst. Ich steige alleine in die Wanne. Als Panzerfahrerin. Fahrlehrer Wachtmeister Toni Tondl nimmt im Fahrschulpanzer in der Kabine schräg oberhalb von mir Platz. Er kann von dort aus eingreifen – Lenkrad, Brems- und Gaspedal sind auch bei ihm vorhanden. Toni reicht mir die Funkkopfhörer. Trotz Röhren des Motors können wir uns verständigen.

Während der Fahrt auf der Straße ist die Fahrer-Luke übrigens aus sicherheitstechnischen Gründen immer offen, der Sitz höher gestellt und der Kopf des Panzerfahrers schaut heraus. Im Gelände sitzt der Lenker geschützt in der Wanne.

Luke dicht – es geht ins Gelände

Marsch ins Gelände: Nervös bin ich nicht. Mein einziges Bedenken: Was passiert, wenn ich die Luke nicht öffnen kann, um auszusteigen? Nichts. Stimmt. Nichts passiert. Ich bin eingesperrt. Selbst der Fahrlehrer kann nicht eingreifen. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Besser nicht daran denken. Positiv denken. Conny, du kannst die Luke alleine aufkurbeln, sage ich mir. Ich finde den zusätzlichen Hebel vor mir und einen Hebel neben mir. Also die richtigen. Denn Hebel und Halterungen gibt es genügend. Ich wiederhole die Schritte. Der Fahrlehrer nickt. "Mit Schwung schließen und öffnen. Achte, dass die Luke richtig zuschnappt", betont er. Auch das noch. Hoffentlich klemmt der Hebel nicht.

Die ersten Kommandos ertönen. Der Panzerfahrer muss jeder Anweisung des Kommandanten Folge leisten. Der Kommandant bestimmt, was Fahrer, Ladeschütze und Richtschütze zu tun haben. Und er ist im ständigen Austausch mit den anderen Kommandanten des Panzerzuges.

Video: Rasante Fahrt im Gelände

Erstes Funkgespräch mit dem Fahrlehrer:

Wachtmeister Toni Tondl: "Verständigung kommen?" 

"Ja, ich hör dich gut." 

Toni bessert mich aus: "Beim Bundesheer antwortet man über Funk: Verbindung sehr gut oder brauchbar." Ups. "Entschuldige". Ich wiederhole: "Verbindung sehr gut." 

"Verbindung ebenfalls sehr gut. Ende."

Wachtmeister Tondl: "Motor starten. Vorwärts, marsch." 

Ooooooookay. Ufff – wie war das nochmal? Welche Hebel benötige ich?

Die ersten Schritte: Den Hauptschalter auf "2" stellen, das bedeutet "Fahrt" ("1" steht für "Stand"), den Start-Knopf drücken, gleichzeitig steige ich aufs Gas. Ich versichere mich aber, dass die Festellbremse noch angezogen ist. Der Motor läuft. Nun wähle ich "Automatik": Ich muss gleichzeitig den Knopf beim Gang-Hebel drücken und den Hebel hinaufziehen. Ganz zum Schluss löse ich die Feststellbremse. Das geht streng. Wir rollen. Etwas mehr Gas. Wir fahren.

"Welche Temperatur hat der Motor?", fragt Fahrlehrer Toni. Ich antworte: "75 Grad". Toni erklärt mir: "Sehr gut, denn die Motortemperatur  muss über 74 Grad sein. Das heißt, dass er schon betriebswarm ist."

"Marsch, links." Ich lenke. "Mehr Gas", höre ich durch den Funk. Okay – er will in der Kurve immer Vollgas. Das soll er kriegen. "Nicht so schnell." Na was jetzt? Auf der Geraden wieder runter vom Gas. Das Kurvenfahren kann man mit dem Autofahren nicht vergleichen, denn im Auto nimmt man vor der Kurve den Fuß vom Gaspedal. Panzerfahrer müssen aber extra aufs Gas steigen, damit die Kette nicht vom Zahnkranz springt!

Nächstes Kommando: "Wenden." Ich drücke den Knopf und gleichzeitig schiebe ich den Gang-Hebel nach links auf die "Wende"-Position. Jetzt drehen sich die linken Ketten vorwärts und die rechten Ketten rückwärts. "Vollgas", höre ich wieder. "Mehr Gas". Ich spüre wie mir das Gaspedal unterm Fuß wegrutscht. Ah – Toni drückt wohl gerade von der Fahrerkabine aus sein Pedal.

"Vorwärts, Marsch". Hebel wieder zurück auf den Vorwärtsgang. Wir fahren. "Richtungspunkt drei markante Bäume, 2 Uhr, 5.000." Meter sagt man nicht. 5 Kilometer Entfernung. Ah ich sehe die Bäume. Ich antworte: "Gefunden!" Der Fahrlehrer: "Richtungspunkt, vorwärts, marsch!" Okay, wir fahren.

"Halten." 

Ups jetzt habe ich zu fest gebremst. "Sorryyyyyyy" – ich entschuldige mich sofort.

Der Fahrlehrer lacht: "Ja, an die Betriebsbremse muss man sich erst gewöhnen. Sanfter bremsen. Die anderen Besatzungsmitglieder haben ja keine Sicherung." Er erinnert mich: "Immer gleich die Feststellbremse anziehen. Und den Gang-Hebel auf Neutral stellen." 

Ich führe jeden Schritt aus. Und drücke die Motor-Stopp-Taste. Geschafft.

Video: Verladen auf den Eisenbahnwagon

Das Ende der Fahrt

Am Schluss wird der Panzer aufgetankt, gereinigt und überprüft. Leuchten Warnsignale auf? Funktioniert der Funk und das Licht? Gibt es Verschleißgrenzen auf den Ketten? Wie ist das Profil?

Die Gummiteile, auch "Packln" genannt, werden alle 2.000 bis 3.000 Kilometer ausgetauscht. Und so wie die Fahrt mit einem Fahrbefehl begonnen wird, wird sie auch mit einem Eintrag und einer Unterschrift im Bordbuch wieder beendet. 

Video: Tanken

Making-Of: Hoppalas während der Fahrt

Ich war so sehr auf meinen Videokollegen und den Fotografen konzentriert, dass ich nur eine relativ schnelle Einweisung bekam. Die unterschiedlichen Kamera-Einstellungen lagen im Vordergrund.

Fahrlehrer Toni zu Fahrtbeginn: "Feststellbremse lösen."

"Wo ist die nochmal?" 

Fahrlehrer: "Der Hebel rechts, steht eh angeschrieben." 

"Ah, da klebt die Go-Pro – na super." Mein Video-Kollege meinte es wohl gut, als er großflächig mit Klebeband die kleine Kamera befestigte. Und so war es dann auch. Jedesmal, wenn ich die Feststellbremse löste, schlug ich mit meiner Hand gegen die Go-Pro. Na das wird ein wackeliges Video werden!

"Beim Schließen den Lukendeck-Griff ziehen" – auch über diesen Text hat mir mein Video-Kollege das silberne Klebeband geklebt. Das wird ihn einige Bier kosten, denke ich mir ;-)

Während der Panzer-Fahrt:

Wir fahren im Gelände die Hügel rauf und runter. Plötzlich bekomme ich ein Kommando: "Marsch, rückwärts." 

"Scherz jetzt." Was? Rückwärts? Mittlerweile sind die Kommandos des Fahrlehrers nicht mehr so streng und ich plaudere ganz normal über Funk. Das macht die Situation,  die ja ohnehin schon sehr angespannt ist, natürlich etwas entspannter. Für uns beide. Wir schwitzen. Aber nicht, weil ich hinterm Steuer sitze. Wir haben den letzten heißen Herbst-Tag erwischt. 30 Grad. In der prallen Sonne und in der Wanne und Kabine sogar gefühlte 40 Grad.

Toni antwortet: "Kein Scherz, Marsch!" 

"Was? Bist du dir sicher, dass du dir das antun magst – alles rückwärts!" Ich sitze ja relativ fest da unten in der Wanne, aber der Fahrlehrer im Turm hat es doch um einiges wackeliger als ich. Ich sehe während der Rückwärtsfahrt garnichts. Weiß nicht, wie hoch und spitz die Hügel sind. Und auch nicht, welchen ich langsam anfahren soll. Ich sehe nichts. Na gut. Er will es so.

Während der Fahrt werde ich gefragt, ob ich genügend Luft habe – ob ich rauskommen möchte. Ich denke an das mühevolle Öffnen der Luke, an die herunterknallende Sonne. Nein, ich möchte weiterfahren. Von Minute zu Minute fühle ich mich wohler und sicherer.

Am Ende der Fahrt sagt Fahrlehrer Toni Tondl stolz: "Du machst das super, überhaupt, wartest du wirklich ab, bis ich Kommandos gebe und lenkst nicht schon früher ein." Na, klar. Ein Panzerfahrer führt nur Befehle aus. Schließlich kann es sein, dass er nichts durch die Winkelspiegel sieht. Die Spiegel können jederzeit mit Staub oder Gatsch bedeckt sein. Wenn der wüsste, dass es das Schwierigste für mich war, nicht zu wissen, wohin wir fahren, was als nächstes passiert, nichts zu sehen. Einmal ist eine Abgrenzung so knapp vor mir gewesen, dass ich schon früh nach links lenken wollte – schließlich bewege ich ja 55 Tonnen, acht Meter lang und dreieinhalb Meter breit. Ich warte, fahre brav geradeaus. In letzter Sekunde ertönt endlich das Kommando durch die Funkkopfhörer "Marsch, links." Na endlich! 

Daten & Fakten

Fahrschulpanzer Leopard 2


Besatzung :    4  (Kommandant, Richtschütze, Ladeschütze, Fahrer)
Länge der Wanne:     7,70 m
Breite:         3,70 m
Höhe:       2,80 m
Gewicht:   55 Tonnen (der Fahschulpanzer hat das gleiche Gewicht wie ein Kampfpanzer samt Besatzung und Munition)
Antrieb:     12-Zylinder-Dieselmotor
Kilowatt:    1.100
PS:            1.500 
Hubraum:  47.600 cm³ (Im Vergleich: Ein Auto hat etwa 2.000 cm³)
Höchstgeschwindigkeit: zwischen 80 km/h und 90 km/h
Tankinhalt:    1.160 Liter (aufgeteilt in vier Kraftstoffbehälter und einem Entnahmebehälter)
 


Kraftstoffverbrauch


Straße: etwa 3 Liter pro Kilometer
Gelände: etwa 5 Liter pro Kilometer


Rechnet man wie beim Auto den Verbrauch auf 100 Kilometer, würde der Panzer auf der Straße ungefähr 300 Liter und im Gelände 500 Liter verbrauchen.

Reichweite:


Straße: etwa 340 km
Gelände:  etwa 220 km


Diese Daten können je nach Fahrweise und Gelände natürlich variieren.

Hydraulische Abdichteinrichtung zum Waten und Tiefwaten im Wasser:


Kletterfähigkeit:        1,10 m
Watfähigkeit:            1,20 m
Tiefwatfähigkeit:        2,25 m


Wat- und Tiefwatfähigkeit bezieht sich auf die Möglichkeit, Gewässer zu durchfahren. Dies ist jedoch auch abhängig von der Beschaffenheit des Gewässerbodens, der Strömungsgeschwindigkeit und der Böschungsbeschaffenheit.