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Der Platz der Gaukler im Herzen von Marrakesch erwacht, wenn die Nacht kommt. 

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Der Platz der Gaukler im Herzen von Marrakesch erwacht, wenn die Nacht kommt. 

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Februar 2018

Märchenhaftes Marrakesch

In Marokkos Zauberstadt warten mittelalterliche Märkte und einzigartige Architektur – eine Metropole für Träumer und ein Rohdiamant aus dem Stoff von Tausendundeiner Nacht. Von Birgit Schaller.
 

Lang gezogen schallt der helle Singsang der Muezzins durch die Gassen der Medina von Marrakesch. Zum fünften und letzten Mal an diesem Tag wird bis in die versteckten Winkel der Stadt zum Gebet gerufen. Männer in langen, farbigen Kaftanen drängen durch die schmalen Eingänge der nächsten Moschee.

Zur gleichen Zeit lärmt das weltliche Leben in den Souks. Junge Männer buhlen um die Gunst der Touristen, die sich Körper an Körper entlang der schmalen Wege vorbei an Marktständen mit Stoffen, bronzefarbenen Lampen und Porzellan drängeln. Die unzähligen Garküchen auf "La Place" verführen mit orientalischen Gerüchen. 

Der weltberühmte Djemaa el-Fna ist überfüllt in den Abendstunden und das Zentrum des Treibens in Marrakesch. Heute versammeln sich auf dem riesigen Platz nicht mehr die Toten auf ihrer Hinrichtungsstätte, wie es die Bedeutung des Namens verheißt, sondern Schlangenbeschwörer, Gaukler, Köche und geschickte Verkäufer. Auf ungemütlichen Holzbänken nehmen wir im grellen Neonlicht Platz, sitzen Schulter an Schulter vor Lamm, Couscous und dampfenden Tajine-Pyramiden. 

Neben uns rufen verhüllte Frauen mit großen, von schwarzem Kajal umrahmten ­Augen: "Tattoo, Henna-Tattoo!" Möchte man eine kunstvolle Zeichnung auf der Haut, dann bitte nicht am Hauptplatz! Wunderschön gemacht werden diese im Henna Art Café. Männer mit markanten Gesichtszügen oder mit tiefschwarzer Haut lachen einladend, dabei wippen ihre kunstvoll gebundenen Turbane am Kopf in intensiven Farben um die Wette. Sie preisen frisch gepresste Orangen- und Avocadosäfte, tragen traurig blickende Äffchen mit Windelhosen auf den Schultern oder stehen als Boxer umringt von einer anfeuernden Masse im Zentrum der Aufmerksamkeit. 

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Bunt, faszinierend, orientalisch 

Marrakesch ist laut, widersprüchlich und lästig. Aber auch bunt, faszinierend und orientalisch. Marrakesch ist eine ungezähmte Stadt, die manchmal erst auf den zweiten Blick ihre Schönheit offenbart. Wenn man in einem der wunderbaren Restaurants, versunken in weiche Polster, umgeben von duftenden Blumen und plätschernden Wasserspielen, bestrahlt von weichem Kerzenlicht, seinen Verbenetee schlürft.

Hinter rosarot und beige getünchten Lehmmauern verstecken sich die Juwele der Stadt wie die Maison Dar Cherifa, eine Oase für Kunstliebhaber, Gourmets und Träumer. Man muss sich in eine dunkle Hintergasse ­hineinwagen, um zu dem Restaurant und ­ältesten Haus der Stadt vorzudringen. Es ist still, kleine dürre Kätzchen schmeicheln um die Beine. Die Gasse endet vor einer verschlossenen Tür.

Mit einem schweren Messingring klopfen wir an und betreten eine fremde Welt. In der Mitte eines fünfzehn Meter hohen Raumes, der sich nach oben zum Himmel öffnet, ist ein Wasserbecken mit Rosenblüten, die Wände zieren Gemälde zum Kaufen. Auf der Dachterrasse berauscht ein atemberaubender Blick auf die Stadt und den prachtvollen Turm der Moschee Koutoubia.

Hollywood in Marokko 

In den Innenhöfen verbirgt sich die Schönheit der Stadt. So auch im faszinierende Bahia-Palast mit seinen blumigen Patios und Riads und dem blau gekachelten Innenhof mit Mosaiken und Arabesken, bekannt als Hollywood-Kulisse für "Lawrence von Arabien". Wer mehr über die Hollywood-Karriere Marokkos erfahren möchte, ist in Quarzazate, vier Stunden von Marrakesch entfernt, richtig. Die Stadt am südlichen Rand des Atlas liegt mitten in der Wüste und war mit ihren historischen Kasbahs und riesigen Studioflächen Drehort von "Game of Thrones" und "Gladiator".

Einen Besuch wert ist auch die Medersa Ibn Ben Youssef. Die alte Koranschule ist ein Museum und befindet sich in den Tiefen des Souks. Dort, wo Schmiede, Gerber und Teppichknüpfer mit ihrer Handarbeit ein mittelalterliches Flair verbreiten. Hier wird über das Leben der Gläubigen erzählt. In der Schule Ben Youssef wird jedoch nicht nur der Koran studiert, auch Astronomie, Medizin und Heilkräuterkunde sind Teil der Lehre. Unser Führer hat ein paar Rezepte auf Lager: Rosmarin-Tee mit ein paar Safranfäden erhitzt den Körper und hilft bei Schlafstörungen. Feigen, gekocht mit Öl und Honig, heilen Halsschmerzen.

Feilschen ist Pflicht 

Am nächsten Tag wagen wir uns in die Geschäfte. 7.700 sollen es sein, allein im innersten Bezirk. Dieser ist umgeben von der Stadtmauer, die die Medina von den 20 weiteren Bezirken Marrakeschs mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern trennt.

Zwischen knallbunten Schals, kunstvoller ­Keramik, bronzenen Lampen und duftenden Gewürzen verlieren wir das Gefühl für Raum und Zeit. Ein paar Minuten plaudern über Gott, Marokko und die Welt, zwei Tassen Minztee, ein wenig feilschen, begleitet von entsetzten "Oh, non"-Ausrufen – und schon sind ein Leder-Pouf, eine Teekanne und ein türkisfarbener Keramikkrug in unserem Besitz. Zu einem Drittel des erstgenannten Preises. "Bérbér-Woman", lacht der Verkäufer mit französischem Akzent zum Abschied.

Moscheen-Oldtimer  Birgit Schaller © Birgit Schaller
Die Koutoubia-Moschee ist aus dem 12. Jahrhundert und die älteste Moschee Marokkos. Das Wahrzeichen Marrakeschs fasziniert auch von außen – ins Innere dürfen nur gläubige Muslime.
In den Tiefen des Souks  Birgit Schaller © Birgit Schaller
Die Führung durch die wunderschöne Koranschule Ben Youssef bringt auf spannende Weise den islamischen Glauben näher. Die Koranschule ist in den Tiefen des Souks zu finden.
Stadt der Werkstätten  Birgit Schaller © Birgit Schaller
Jede Zunft hat ihr Gässchen, der Arbeitsplatz befindet sich meist im Angesicht der Kunden. Ein Bild, das sich in Europa kaum noch findet. 

Von den Gehenkten direkt ins Paradies

Paradiesisch fühlt sich im Gegensatz dazu die Ruhe im fantastischen Garten Anima von André Heller an (Interview unten). "Le retour du paradis", genau das braucht es nach dem nimmermüden "Platz der Gehenkten". In der Ruhe liegt die Kraft nach dem Menschengewühl in Marrakesch. Das Grün in unzähligen Variationen ist Balsam für die Seele. Es duftet, plätschert und zirpt.

Der Wiener Universalkünstler hat sich einen Lebenstraum erfüllt, inspiriert von einer Liebe zum Wiener Palmenhaus. "Dort saß ich, fühlte mich geborgen in der Wärme und blickte in den kalten Schnee des österreichischen Winters", liest man in Hellers ­Roman "Das Buch vom Süden". 

Einen Teil des Jahres verbringt der Kreative nun im milden Klima Marokkos mit Blick auf den Atlas, auf dessen höchsten Gipfeln der Schnee im Sonnenlicht glänzt. Der Wanderer auf den verschlungenen Pfaden des Gartens entdeckt immer wieder eine neue Überraschung. Zarte rosa, weiße, gelbe Blüten exotischer Blumen, ein knorriger Olivenbaum, majestätische einhundert Jahre alte Palmen und Bambushaine säumen den Weg. Hier steht eine große Schale Wasser mit sanft im Wind schaukelnden Blütenblättern. Da ist die berühmte afrikanische Skulptur, eine riesige grün-orangefarbene Maske, die kühlende Wassertröpfchen auf Spaziergänger haucht. Dort lugen bunte Stäbe, bedrohliche Gesichter, ein glitzernder Esel durch das helle Grün.

Ausspannen vor dem Abschied 

Zum Ausklang lockt ein Besuch im Hammam. Es ist dunkel, es ist heiß, es dampft. Schalen voll Wasser ergießen sich über die Haut, die von Kopf bis Fuß geschrubbt, gereinigt und mit nährenden Masken aus Lehm, Rosmarin und Lavendel gepflegt wird. Es ist ein surreales Schweben, wie in Watte gepackt. Eine Massage vom Scheitel bis zur Zehenspitze führt in tiefe Entspannung. Draußen vor der Tür ist das Leben dann umso schriller und aufdringlicher. Noch einmal lassen wir uns ein auf das fremde Rauschen, bevor es heimwärts geht. 

1_Anima_Stefan Liewehr.jpg Stefan Liewehr/Anima

André Heller hat mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Garten Anima vom Gedanken in Wirklichkeit verwandelt.

© Stefan Liewehr/Anima

"Gärten sind Glücksdepots"

In Marrakesch hat der Wiener Multimediakünstler André Heller mit dem Garten Anima sein persönlichstes Projekt geschaffen.Heilkraft, Trost und Ermutigung durch die Nähe zur Natur: Heller geht der Welt nachhaltig auf den Grund, will Bewusstsein verändern und damit "Eleganz der Taten"erreichen. Im Gespräch mit auto touring erklärt er sein Projekt.

— Der Garten Anima im marokkanischen Marrakesch gilt als Ihr persönlichstes Projekt. Wollen Sie mir erzählen, warum Sie sich für diesen Namen entschieden haben?

André Heller: Anima bedeutet Seele, Lufthauch und Atem. Es ist ein Sinnbild des Zarten, Behutsamen, Feinsinnigen, also das genaue Gegenteil von Grobheit, Gewalt und Aggression. Anima ist mein persönlicher Versuch einer sinnhaften Gegenposition zu dem erschreckenden, unverantwortlichen, von Menschen mit niederem Bewusstsein geschaffenen Wahnsinn, den wir in diesen schwierigen Zeiten tagtäglich wahrnehmen. Gärten sind Orte des Friedens, des Respekts vor der Natur und der gesamten Schöpfung. Sie sind Glücksdepots, die jeder Besucherin und jedem Besucher helfen, zur Besinnung zu kommen. Überall gibt es zu wenig davon. Wir würden, als wirksames Heilmittel, weltweit Hunderttausende frei zugängliche benötigen.

— "Le retour du paradis"ist der Untertitel des Gartens. Gibt es das Paradies für Sie?

André Heller: Anima ist zweifellos mein persönliches irdisches Paradies, eine große botanische Inszenierung, die Menschen jeden Alters und jeder Ausbildung, Einheimische und Ausländer zum Atemholen, zum Meditieren und zu ­einem Fest für all ihre Sinne einlädt.

— Wie viel Kindheitserinnerungsteckt in Anima?

André Heller: Das riesige Palmenhaus im Park des Schlosses Schönbrunn diente mir in meiner Kindheit, wann immer ich verzweifelt war und mich nicht verstanden und geliebt fühlte, als zentraler Trost- und Zufluchtsort.

— Sie haben den Garten bewusst in Marokko erschaffen – warum?

André Heller: Die Ambition war, in Afrika langfristige, dringend benötigte Arbeitsplätze und gleichzeitig Hunderttausenden Besuchern eine fantasiegeladene Kraftquelle zu bieten – natürlich auch mir und meiner Herzensfamilie.

— Sie haben früh eigene Welten gesucht, erträumt und bald selbst erdacht. Ist das ein rein kreatives Tun oder ist die Welt unvollständig?

André Heller: Der Mut, immer wieder Expeditionen in unbekannte Gebiete und Erfahrungen zu wagen, ist eine meiner hilfreichsten Eigenschaften. Nur so kann man sich und der Welt nachhaltig auf den Grund gehen.
— Wo ist Ihr Zuhause?

André Heller: Überwiegend bin ich in Marokko. Mir hat Europa nie besonders gut getan. Dort war mir immer zu viel Getue und Kult der schlechten Laune, wovon ich tragischerweise gelegentlich ein Teil war.

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