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Künstlerische Darstellung der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika. 

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Künstlerische Darstellung der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika. 

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Dezember 2020

Legendäre Reisen

Seit Jahrhunderten suchen Frauen und Männer ihr Glück hinter dem Horizont – und haben damit nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt verändert. 

Pioniere haben es beim Reisen derzeit schwer. Nicht nur, dass praktisch die gesamte Welt schon im Detail auf Instagram dokumentiert ist. Noch dazu kann man sie derzeit auch ausschließlich mit dem Finger auf der Landkarte bereisen. Hat doch das Virus unseren Aktionsradius bis auf Weiteres maximal verkleinert und uns an die heimatliche Couch gefesselt.

Etwas Trost bietet vielleicht ein Blick in die Geschichte des Reisens (und der Rei­senden). Vielen von jenen, die später völlig neue Wege gehen sollten, buchstäblich Neuland entdeckten und damit zu Legenden wurden, war das nicht in die Wiege gelegt. Aber irgendwann befiel sie ein positives Virus, eine Art Reisefieber, das sie zu neuen Ufern, hinter alle Horizonte aufbrechen ließ. 

Nicht immer lösten diese Reisen Gutes aus. Oft gingen Entdeckungen mit blutigen Eroberungen Hand in Hand. Und die Geschichte der "legendären Reisen" ist allzu häufig eine einseitige Erzählung aus europäischer, häufig kolonialer Perspektive.

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Das falsche Indien: Christoph Kolumbus

Nicht erst seit Sommer 2020, als eine seiner zahlreichen Statuen in den Vereinigten Staaten von Demonstranten umgeworfen wurde, ist der "Entdecker" Amerikas eine umstrittene (Symbol-)Figur. Schon 1992, als sich die Ankunft des Kapitäns in spanischen Diensten in der neuen Welt zum 500. Mal jährte, formierte sich unter den Nachfahren der solcherart "Entdeckten" Protest. Und dann sind da noch die europäischen Wikinger, die um das Jahr 1000 ihr "Vinland" besiedelten, also schon 500 Jahre vor Kolumbus den Nord­atlantik bezwangen.

Man kann dazu stehen, wie man will: Kolumbus' Versuch, über eine Westroute Indien zu erreichen, der in die Entdeckung eines bis dahin in Europa unbekannten Kontinents mündete, bedeutete einen Wendepunkt der Weltgeschichte. Es ist – bei allen negativen Folgen – eine der wichtigsten Reisen, die jemals unternommen wurden.

Am 12. Oktober 1492 erreichten Kolumbus' Schiffe, angeführt von der Santa Maria, von Spanien aus eine Insel der neuen Welt. Bis heute ist nicht genau geklärt, welches Eiland dieses "San Salvador" wirklich war. Kolumbus jedenfalls wähnte sich neun Tage später südlich von "Cipango", also Japan, und hielt in seinem Tagebuch fest, er wolle die Ostküste Chinas erreichen und dem "großen Khan die Briefe des Königs von Spanien überreichen".

Bis zu seinem Lebensende war Kolumbus wohl der Ansicht, eine Route auf dem Seeweg nach Indien bzw. China gefunden zu haben.

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Christoph Kolumbus im Jahr 1502. 

16 Jahre beim Großkhan: Marco Polo

Obwohl seine Berichte schon Zeitgenossen verdächtig und übertrieben schienen und es kaum direkte, von seinen Beschreibungen unabhängige Beweise für seinen Aufenthalt in China gibt, gilt Marco Polo doch seit Jahrhunderten als Paradebeispiel des "Reisenden" schlechthin.

Schon vor Marco Polo hatten sein Vater und sein Onkel Reisen nach Zentralasien unternommen. Mönche waren im Auftrag des Papstes bzw. des Königs von Frankreich zu offiziellen Missionen gegen ­Osten aufgebrochen, um am Hof des Groß­khans in Karakorum die Möglichkeiten mongolischer Unterstützung gegen die Muslime in Palästina auszuloten.

Marco Polo selbst reiste über Anatolien und den Iran und Afghanistan bis nach Kaschgar am Rand der Wüste Taklamakan und dann weiter auf der südlichen Route um die Sandwüste bis ins heutige Dunhuang, wo er China erreicht hatte. In Shangdu traf Polo auf Kublai Khan, den Großkhan der Mongolen und Enkel Dschingis Khans, der Gefallen an ihm fand und ihn zu seinem Präfekten ernannte.

Polo und seine Reisegefährten blieben insgesamt 16 Jahre im Reich des Großkhans, das damals von China bis in das Gebiet des heutigen Irak und im Norden bis ins heutige Russland reichte. Die Rückreise, die ihnen schließlich erlaubt wurde, führte sie diesmal auf dem Seeweg über Sumatra und das heutige Sri Lanka bis in die persische Hafenstadt Hormus und schließlich zurück nach Venedig.

1298 geriet Marco Polo in genuesische Gefangenschaft. Angeblich überredete ihn ein Mitgefangener, ihm seinen Reisebericht zu diktieren: den ersten Klassiker der Reiseliteratur.      

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Kublai Khan auf der Jagd: So stellten sich Marco Polos Zeitgenossen China vor. 

Frauen und Motoren: Clärenore Stinnes

Ihr Name steht wie kaum ein anderer für den Glauben an den unaufhaltsamen Fortschritt durch das Automobil in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und für die Emanzipation der Frauen gleichzeitig.

Die Tochter des deutschen Großindus­triellen Hugo Stinnes war erfolgreiche Rennfahrerin. Vor allem aber umrundete sie von 1927 bis 1929 in einem Adler Standard 6 als erster Mensch mit einem Auto die Welt. Die Route führte sie und das von ihr angeführte Begleitteam über Moskau, Sibirien und die Wüste Gobi nach China. Dann ging es über Japan und Nordamerika bis nach Südamerika sowie schließlich mit dem Schiff retour nach Europa und von Le Havre mit dem Auto zurück nach Berlin.  

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Clärenore Stinnes vor ihrer Weltreise im Jahr 1925. 

Apollo 8: Erdaufgang über dem Mond

"Seht euch dieses Bild an, hier geht die Erde auf!" Frank Borman, Kommandant von Apollo 8, und seine Co-Astronauten James Lovell und William Anders waren im Dezember 1968 die ersten Menschen, die in einem Raumschiff den Mond umrundeten und die Erde über dessen Horizont aufgehen sahen. Die Bilder, die Borman und Anders dabei machten, prägten wie wenige andere das 20. Jahrhundert, zeigten sie doch die Erde als kleinen verletzlichen Ball in einem kalten, einsamen und lebensfeindlichen Weltall – einer der Ausgangspunkte der Ökologiebewegung.

Im darauffolgenden Jahr 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond, schon 1972 wurde das Apollo-Programm wieder eingestellt.

NASA_Eyevine_picturedesk.jpg NASA/Eyevine/Picturedesk © NASA/Eyevine/Picturedesk
Weihnachten 1968: Ein Schnappschuss aus der Apollo-8-Kapsel. 

Aufbruch der Frauen: Ida Pfeiffer

Nach einer schwierigen Kindheit und einer Vernunftehe gelang es der Wienerin im Jahr 1842, im Alter von 44 Jahren ihren großen Traum vom Reisen zu verwirklichen – im Österreich der Biedermeierzeit eine Pionierleistung. Zunächst besuchte sie Palästina, Syrien und Ägypten, ihr Reisebericht erschien 1843 anonym unter dem Titel "Reise einer Wienerin in das Heilige Land" und wurde ein großer Publikumserfolg.

Die erste Weltreise führte Pfeiffer 1846 bis 1848 unter anderem nach Südamerika, Tahiti, China und Indien sowie nach Persien und in das Osmanische Reich. Die Aufzeichnungen mit dem Titel "Eine Frauenfahrt um die Welt" erschienen 1850 in drei Bänden.

Im darauffolgenden Jahr brach Ida Pfeiffer neuerlich auf, diesmal nach Kapstadt, von wo sie in das heutige Indonesien gelangte. Sie durchquerte dabei als erste Weiße die Insel Borneo und wagte sich 1852 – ebenfalls als Pionierin – zu den Batak auf Sumatra.

1856 gelangte die Globetrotterin schließlich nach Mauritius und dann nach Madagaskar, erkrankte dort jedoch an Malaria, an deren Spätfolgen sie im Oktober 1858 in Wien starb.

Ihre Beschreibungen waren eher populärer Natur, hielten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand. Allerdings genoss Pfeiffer hohes Ansehen auch in der Forschungswelt. Die "Berliner Ethnographische Gesellschaft" ernannte sie als erste Frau zum Ehrenmitglied.  

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Ida Pfeiffer, zurück in Wien aus Madagaskar.

Österreich und die Welt: Max Reisch

In den 1930er-Jahren ist es eine Sensation: Dem jungen Tiroler Max Reisch gelingt gemeinsam mit seinem Gefährten Helmuth Hahmann in einem Steyr Typ 100 mit 32 PS – unterstützt vom Österreichischen Touring Club (ÖTC), einem der beiden Vorläufer-Vereine des ÖAMTC – die erste Durchquerung "Hinterindiens" in einem Automobil.

Per Schiff geht es im Oktober 1934 zuerst nach Palästina und dann auf dem Landweg über Bagdad, Persien, Afghanistan und Indien ins damals sogenannte Hinterindien. Hier gelangen sie über das heutige Myanmar Anfang 1936 nach Siam, das heutige Thailand.

Nach weiteren Abenteuern und der Durchquerung Chinas kehren die beiden erschöpft heim. Reischs großes Idol war der Asienforscher Sven Hedin. Während es bei Hedin aber noch hauptsächlich um die geografische Erforschung Zentralasiens ging, fokussiert sich Reisch – ganz im Sinne seiner Zeit – auf die Erweiterung des Aktionsradius des Menschen, die durch die technische Entwicklung des Autos möglich geworden war.

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Elefanten-Pannenhilfe: Den Steyr Typ 100 hätte die Dickhaut-Power fast auseinandergerissen. 

Der reisende Forscher: Alexander von Humboldt

Schon zu Lebzeiten nannte man ihn den "größten Naturforscher seiner Zeit": Alexander von Humboldt (1769–1859) begründete mit seiner "Amerikanischen Forschungsreise" von 1799 bis 1804 nicht nur die Geografie als moderne Wissenschaft mit, sondern forschte auch auf zahlreichen anderen Feldern, war also das, was man heute gerne als "Universalgelehrter" bezeichnet.

Bis Humboldt waren die großen europäischen "Entdecker" in erster Linie Eroberer auf der Suche nach neuen Gebieten, Rohstoffen oder Absatzmärkten. Humboldts Interesse als reisender Forscher galt hingegen ausschließlich der Natur und ihren Wechselwirkungen mit dem Menschen, was ihn nicht zuletzt auch zu einem Pionier ökologischen Denkens macht.

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Alexander von Humboldt im Jahr 1806.

Wie wir Menschen wurden: Charles Darwin

Die Reise der HMS Beagle rund um die Welt von 1831 bis 1836 veränderte nicht weniger als das Selbstbild des Menschen. Denn die Beobachtungen, die der britische Natur­forscher dabei machte, führten ihn später zur Mitentwicklung der Evolutionstheorie, die die natürliche Entstehung der Arten und auch des Menschen durch biologische Selektion beschreibt.

Bis dahin glaubte Darwin wie fast alle anderen Forscher an die Konstanz der Arten. Ja, er hatte zunächst sogar den Hinweisen auf den Galapagos-Inseln, dass sich die Tierarten nicht klar voneinander abgrenzen ließen, nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Erst 1859 erschien Darwins Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten". 

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Die HMS Beagle mit Charles Darwin in der Magellan-Straße. 

Auch sie waren Pioniere

Ibn Battuta: Verfasser eines Reiseberichts über die arabische Welt zwischen Spanien, Afrika und Indien im 14. Jahrhundert. 

James Cook: Britischer Seefahrer, Kartograf und Entdecker.  

David Livingstone: Missionar und Forschungsreisender, der als erster Europäer die Victoriafälle erreichte.   

Heinrich Harrer: Österreichischer Bergsteiger und Forschungsreisender, der zum Lehrer und Freund des jungen Dalai Lama wurde. 

Freya Stark: Britische Forschungsreisende in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Neil Armstrong: Betrat im Juli 1969 als erster Mensch den Mond.

Reinhold Messner: Bezwang als erster Mensch alle 14 Achttausender-Gipfel ohne Flaschensauerstoff. 

Roald Amundsen: Gewann den Wettlauf mit Robert Scott zum Südpol. 

Annie Kopchovsky: Fuhr als erste Frau mit dem Fahrrad rund um die Welt. 

Grigori I. Schelichow: Russischer Geograf, der die erste Amerika-Expedition nach Alaska organisierte. 

Heinrich der Seefahrer: Schirmherr der portugiesischen Entdeckungsfahrten an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit.

Nellie Bly: US-amerikanische Journalistin und Weltreisende. 

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