02.03.2012
Autor:
Perry Toland

Sieben Tage in Tibet

Von Lhasa nach Kathmandu – eine emotionale Reise über das Dach der Welt.

Eine emotionale Reise über das Dach der Welt.

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Sieben Tage in Tibet. Die Tibet-Bahn benötigt eine ganze Nacht und einen ganzen Tag für die Strecke von Xining über das Hochplateau nach Lhasa. © auto touring / Perry Toland
Sieben Tage in Tibet. Die Tibet-Bahn benötigt eine ganze Nacht und einen ganzen Tag für die Strecke von Xining über das Hochplateau nach Lhasa. © auto touring / Perry Toland
Auf den letzten Kurven über die Schotterpiste hinauf zum Pang-Pass, 5.150 Meter, wird die Spannung fast unerträglich. Sind wir zu spät? Hat das Wetter gehalten? Und – eine Reisebegleiterin wagt den Scherz: Sind die Berge noch da? Ja, sie sind da. Und wie! Gleich vier Achttausender präsentieren sich unter einer gleißenden Morgensonne, die von einem stahlblauen Himmel knallt: Makalu (8.485 Meter), Lhotse (8.516 Meter), Mount Everest (8.848 Meter) und Cho Oyu (8.188 Meter). Wir steigen aus, machen Dutzende Fotos. Als wir rasch eine kleine Anhöhe mit Gebetsfahnen hinaufsteigen, folgt die Strafe auf dem Fuß: Wir geraten ziemlich außer Atem. Als Durchschnittstourist muss man sich auf dem Dach der Welt langsam bewegen. Wer sich daran hält, hat meistens keine Probleme, „Höhenrausch“ ist hier meist ein positives Gefühl. Drei Stunden später kommen wir dem höchsten Berg der Welt beim Kloster Rongbuk am Everest-Basislager noch viel näher. Diese Piste, die wir mit unserem SUV samt chinesischem Fahrer gut bewältigen, ist für Touristenbusse freilich ganzjährig gesperrt.

Die spektakuläre Etappe zu den Bergriesen des Himalaja ist nur einer von vielen emotionalen Höhepunkten, welche die einzigartige Reise von Tibet nach Nepal bietet. Dass in dieser Tour so viel Gefühl steckt, hat auch mit der turbulenten Geschichte und der angespannten Gegenwart Tibets zu tun. Das Land war über Jahrhunderte von der Außenwelt abgeschottet und wurde von Gottkaisern ähnlich unseren mittelalterlichen Päpsten regiert. Seit mehr als 60 Jahren gehört Tibet nun zu China. Sein religiöser Führer, der Dalai Lama, muss im Exil leben. Die Debatte um Tibet lässt auch hierzulande die Wogen hochgehen. Die Führung in Beijing sagt, China habe Zivilisation und Wohlstand in ein hoffnungslos rückständiges Land gebracht. Das ist sicher richtig. Viele Tibeter sagen hingegen, China habe sie ihrer Kultur und Freiheit beraubt. Das ist sicher auch richtig. Immer wieder gibt es Aufstände, zuletzt 2008. Immer wieder auch war und ist die „Autonome Region Tibet“ für Touristen gesperrt, zuletzt im Sommer 2011 und im Februar dieses Jahres. Man benötigt für Tibet ein Sondervisum („Permit“) und darf nur in Begleitung von Reiseleitern unterwegs sein.

Wenn an Festtagen Zehntausende Pilger den Jokhang-Tempel, das religiöse Zentrum Lhasas, mit ihren Gebetsmühlen ohne Unterlass in einer unendlichen Prozession im Uhrzeigersinn umkreisen, patrouilliert chinesisches Militär in Fünfergruppen mit dem Gewehr vor der Brust in der Gegenrichtung. Auf den Dächern der Häuser sind Aufpasser in Uniform stationiert, fotografieren darf man die Soldaten nicht. Aktuell gibt es immer wieder Berichte über Proteste und sogar Selbstverbrennungen von Mönchen in von Tibetern bewohnten Gebieten der angrenzenden Provinz Szechuan. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Tibet auch in Zukunft immer wieder für Touristen nicht bereisbar sein wird. Viele, die sich für Tibet und eine Reise übers Dach der Welt interessieren, werden aber vielleicht genau deshalb jede Chance nützen, dieses einzigartige Land der Welt endlich kennenzulernen.

In der Tibet-Bahn. Die Großstadt Xining nahe des Klosters Kumbum – Geburtsort von Tsongkapa, des berühmten Gründers des Mönchsordens der Gelbmützen – ist Ausgangspunkt unserer Fahrt mit der hochmodernen Tibetbahn nach Lhasa. Auf 5.072 Meter überwindet der Zug den Tanggula-Pass, hier entspringt der Yangtse. Die Luft ist dünn, die Sauerstoffmasken im Abteil brauchen wir aber nicht. Nach einer ganzen Nacht und einem ganzen Tag übers Hochland fährt der Zug zu kitschiger Musik aus Lautsprechern in den protzigen Bahnhof von Lhasa ein. Zwei Tage sind wir nun in der geheimnisumwitterten, teilweise schon recht modernen Stadt, mischen uns unter die Pilger am Jokhang, besuchen die Klöster im Umkreis der Stadt und den Potala. Er ist wohl das einzige Gebäude auf der Welt, das offiziell ein Museum ist, aber dennoch ständig von Hundertschaften von Pilgern umkreist wird.

Der Geist des Dalai Lama. Tibeter, die mit einem Bild des Dalai Lama erwischt werden, wandern freilich ins Gefängnis. Wer als Tourist so töricht ist, welche mitzunehmen, gerät in große Schwierigkeiten. Dennoch ist der spirituelle Führer und ehemalige Gottkönig der Tibeter während der gesamten Reise ungemein präsent, er ist im Gegensatz zum Großen Vorsitzenden Mao Dzedong sozusagen der Große Abwesende. Die ehemaligen Privatgemächer des Dalai Lama in den obersten Stockwerken des Potala, seines ehemaligen Palastes hoch über Lhasa, können wir besuchen. Man geht durch das kleine Zimmer, in dem der junge Herrscher mit dem aus britischer Kriegsgefangenschaft entflohenen Österreicher Heinrich Harrer erstmals zusammen getroffen ist. Harrer verbrachte sieben Jahre in Tibet und wurde zum Mentor und Berater des Dalai Lama. Chinesische Touristen durchstreifen diese Zimmer in der gleichen aufgeräumten Laune wie bei uns Schloss Schönbrunn. Später erspähen wir bei Gyantse den Pass, über den der Dalai Lama nach Indien geflohen ist, bekommen (zumindest von außen) seine Aufenthaltsräume in großen Klöstern gezeigt. In vielen Tempeln sieht man auch Bilder anderer religiöser Führer der Tibeter. Einer lebt in Los Angeles, der andere in Beijing und kommt nur zu Festtagen nach Tibet.

Eine moderne Autobahn führt uns am vierten Tag in Tibet von Lhasa Richtung Himalaja. Als wir das Tal des Tsangpo (Brahmaputra) verlassen, wird die Vegetation karger, die Straßen werden einfacher. Von der Passhöhe Lamba (4.794 Meter) genießen wir einen herrlichen Ausblick auf den türkisblauen Jadesee. In Gyantse, der drittgrößten Stadt Tibets, lernen wir im Klosterbezirk in der „Stupa der 100.000 Buddhas“ die gesamte Götterwelt Tibets als Skulptur oder Wandmalerei kennen – eines der bedeutendsten Denkmäler tibetischer Kunst, auch wenn vieles in den dunklen Tagen der Kulturrevolution zerstört worden ist. Xigatse mit der Klosterstadt Tashilunpo ist der nächste kulturelle Höhepunkt, bevor es nach einem grandiosen Abstecher zum Kloster Sakya endgültig in die Himalajaregion geht. Zwei Nächte lang müssen wir uns hier – im Oktober bei bitterer Kälte – auf Zimmer ohne Heizung mit kaltem oder gar keinem Wasser und teilweise auch auf Plumpsklos im Freien einstellen. Das ist freilich ein „Preis“, den man für das Erleben dieser einzigartigen Landschaft gerne bezahlt.

Auch nach dem Ausblick auf Everest & Co. bleibt die Kulisse spektakulär – bis wir dann am Tong-Pass die Himalaja-Hauptkette überqueren. Eine neue Straße führt nun hinunter in den chinesisch-nepalesischen Grenz-ort Zhangmu, der außer einigen Hotels nichts zu bieten hat. Dann schreiten wir über eine gelb markierte Linie in der Mitte der Brücke. Nach sieben Tagen in Tibet haben wir das demokratische Nepal erreicht, unsere persönliche Freiheit wieder gewonnen. Es geht auf rumpeligen Straßen ins turbulente Kathmandu, zu Hindu-Tempeln und neuen Abenteuern auf der Südseite des Himalaja. Das herrliche Tibet freilich, dessen Zukunft ungewiss bleibt, scheint mit einem Mal wieder auf einem anderen, sehr fernen Planeten zu liegen.