30.06.2011
Autor:
Alexander Fischer

Bucklige Welt

Eine Ausfahrt mit Kawasaki ZX-10R und Aprilia RSV4 R.

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Charakterfrage. Vier Zylinder in Reihen- (Kawasaki  links) oder in V-Anordnung (Aprilia  rechts)  sanft säuselnd oder böse bollernd  japanisch funktionell oder italienisch emotional.
Charakterfrage. Vier Zylinder in Reihen- (Kawasaki, links) oder in V-Anordnung (Aprilia, rechts), sanft säuselnd oder böse bollernd, japanisch funktionell oder italienisch emotional.
Die Evolution benötigte viele tausend Jahre, um aus dem dahin kriechenden Höhlenwesen aufrecht gehende Menschen zu formen. Diese Entwicklung rächt sich nun bitterlich. Es ist ja nicht so, dass wir den Intellekt unserer Generation nicht schätzen würden, doch auf den aktuellen Superbikes ist die aufrechte Sitzposition schlicht unnatürlich. Völlig unbrauchbar. Zumindest dann, wenn man mit diesen Maschinen schnell unterwegs sein und sie artgerecht bewegen will. Dabei hockerlt es sich auf der Kawasaki sogar noch um eine Spur komfortabler als auf der Aprilia. Präziser: Der Fahrer sitzt auf der RSV4 R, aber in der ZX-10R Ninja. Die Japanerin vermittelt zumindest einen Funken Hoffnung, dass die Fahrt mit ihr, durch Morgen- und Abendverkehr, einigermaßen bequem ablaufen könnte, die Aprilia nicht.

An dieser Stelle eine persönliche Randnotiz, ein „Danke“ meinem Zweirad-begeisterten Turnlehrer. Wie verhasst war mir doch die Aufwärmübung „Katzenbuckel machen“ im Turnunterricht. Fußballspielen verlangt Geschmeidigkeit in den Beinen, nicht im Rücken. Doch der Verdacht liegt nahe: Der Herr Lehrer hoffte insgeheim wohl, dass zumindest einer von uns Ballverrückten das runde Leder gegen eine zweite Schutzhaut und die „Stoppler“ gegen ein paar Racing-Stiefel eintauscht. Motorradfahren statt Ballspielen. Wie gesagt „Danke“, denn noch heute erleichtert die verbliebende Rest-Elastizität im Rücken einen Beschwerde-freien Superbike-Test.

Amore Motore. Und die Italienerin? No! Keine halben Sachen. Ganz oder gar nicht. Ihr Motto: Mit viel Emotion – oder einem anderen Motorrad. Auch ihr Herzstück, der 65 Grad-V4-Motor, passt in dieses Schema. Er röchelt, bellt und röhrt, dass es nur so eine Freude ist – zumindest für jene, deren Blut angesichts solch tonaler Variationen leicht in Wallung gerät. Raubeinig über das gesamte Drehzahlband, vermittelt der Aprilia-Motor stets das Gefühl, vorpreschen und die Fuhre blitzartig vorwärts-treiben zu wollen (was angesichts des Aufeinandertreffens von fahrfertig knapp mehr als 200 Kilogramm und rund 180 PS ja auch tatsächlich der Fall ist).

Aber es geht eben auch anders. Für Leisetreter und Freunde der Laufkultur bleibt da nur der Griff zu einem klassischen Reihenvierer wie jenem in der Kawasaki. Still und sonor brummelt er bei Standgas, und es erfordert schon sehr viel Drehzahl, um das wahre Temperament dieses Kraftwerks zu hören. Zu spüren bekommt man es subjektiv zwar später als bei der Aprilia, objektiv trennt die beiden im unteren Drehzahlbereich allerdings nur sehr wenig – bzw. nichts, was durch eine geringfügige Übersetzungsänderung nicht behoben werden könnte. Tatsächlich drängen die beiden Vierzylinder aber derart vehement nach vorne, dass die Arme bei voller Beschleunigung ganz schön lang werden. Angesichts dieses Leistungsvermögens ist es mehr als nur beruhigend zu wissen, dass in beiden Fällen eine Traktionskontrolle unvorsichtige Gaskommandos prüft und bei Bedarf selbst drosselt – bei der Kawasaki regelt die Elektronik sensibler und sanfter als dies bei der Aprilia der Fall ist. Generell ist die Ninja das transparentere, leichter kontrollierbarere Motorrad. Frisch aufgestiegen braucht man auf der agileren RSV4 R eine längere Eingewöhnungsphase, bis man sie vertrauensvoll auf dem Knieschleifer um die Kurven zirkelt.

Trotzdem ist es überraschend, wie fahrbar die beiden Superbikes angesichts der enormen Leistungsdaten sind. Für einen Anfänger zwar nach wie vor nicht zu empfehlen, doch wer mit einigermaßen Hirn und Verstand am Gasgriff dreht, wird das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen und trotzdem heil nach Hause zurückkehren.
Das allerdings ändert nichts daran, dass sowohl die ZX-10R als auch die RSV4 R nur auf der Rennstrecke ihrer wahren Bestimmung zugeführt werden sollten. Erst lässt sich das Zusammenspiel von aerodynamischer Sitzposition, straffem Fahrwerk und sportlichen Reifen richtig genießen. Und nur dort kann der Motor mit Genuss ausgewunden werden – denn würde man dies auf öffentlichen Straßen tun, wäre selbst auf der Autobahn bereits mit ausgedrehtem zweiten Gang der Führerschein weg.