Sekundenschlaf kann jeden treffen

Müdigkeit führt zu gefährlichen Wahrnehmungsproblemen

Übermüdung als häufige Unfallursache. Mit Video!

© ÖAMTC
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"Plötzlich war ich weg", mit solchen Worten schildert ein Autofahrer, wie er einen Sekundenschlaf überlebt hat. Viele Verkehrsunfälle, besonders in den frühen Morgenstunden, sind auf Übermüdung zurückzuführen. Aus diesem Grund haben ÖAMTC, das Institut für Schlaf-Wach-Forschung (ISWF) und die ASFINAG erstmalig in Österreich eine gemeinsame, großangelegte Nachtfahr-Studie zur näheren Erforschung des Sekundenschlafs durchgeführt. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen: "Ein Sekundenschlaf kommt keinesfalls aus dem Nichts, sondern kündigt sich bei allen Autofahrern durch ähnliche Verhaltensweisen an", sagt Studienleiterin und ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.

Alarmzeichen

Die Datenaufzeichnungen (EEG, Videos und GPS-System) von 59 Autofahrern ergaben, dass bei allen Fahrern nahezu zeitgleich im 30-Minutentakt abwechselnd die gleichen "Aktivitätsphasen" (Gähnen, Drehen und Neigen des Kopfes, Lautäußerungen wie Selbstgespräche oder Singen, Hin- und Herrutschen des Oberkörpers, unruhige Hände) und "Inaktivitätsphasen" auftreten. Nach einem Maximum an Bewegung zu Fahrtbeginn tritt eine Art Starre ein, die dann wieder durch eine Bewegungsphase abgelöst wird. "Die Testfahrer bäumen sich gegen die wachsende Müdigkeit auf", erklärt Gerhard Klösch (ISWF). Die länger anhaltende Inaktivitätsphase, gefolgt von häufigeren Bewegungen, kann als absolutes Alarmzeichen gedeutet werden.

"Durchfahrer" vs. "Napper"

Die Probanden wurden in zwei Testgruppen geteilt. Während die Gruppe der "Durchfahrer" ohne Pause ihre Runden gedreht haben, hat eine Gruppe von 28 Testfahrern ("Napper") nach 1,5 Stunden eine halbstündige Ruhepause auf einem Parkplatz eingelegt. 63 Prozent sind nachweislich (EEG) eingeschlafen. 10 Prozent erreichten das Schlafstadium N1 (Dösen), 43 Prozent der Fahrer fielen in Leichtschlaf (N2) und 10 Prozent erreichten sogar das Tiefschlaf-Stadium N3.

"Normalerweise schläft man nach ein paar Minuten ein und gleitet erst nach 30 Minuten in tiefere Schlafphasen", sagt Schlafforscher Klösch. Das zeigt, wie hoch der Schlafdruck bei den Fahrern gewesen ist. Egal, ob geschlafen oder nur gerastet worden ist: Die Befragung ergab, dass die "Napper" das Gefühl der Müdigkeit in der Pause abbauen konnten. Sie fühlten sich nach der Fahrt weniger müde und waren bei besserer Stimmung – das hat positiven Einfluss auf das Fahrverhalten. Die "Durchfahrer" hingegen fühlten sich nach der Fahrt deutlich müder als davor.

Diese Fehlleistungen entstehen aufgrund von Müdigkeit

Während der Testfahrt sind überraschend Verkehrszeichen jeweils für die Dauer weniger Fahrrunden an den Streckenrand gestellt worden. Mehr als 16 Prozent der "Durchfahrer" haben diese komplett übersehen. Ein Fehler, der in der Gruppe der "Napper" nicht passiert ist. Ähnliche Ergebnisse lieferte die Messung der Reaktionszeit nach der Testfahrt: Auch hier übersahen die "Durchfahrer" mehr dargebotenen Reize. "Bei längeren Nachtfahrten kann es also zu massiven und gefährlichen Wahrnehmungsproblemen kommen", sagt die ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.

Bei der Auswertung der Fahrgeschwindigkeit zeigte sich ein unterschiedliches Fahrverhalten zwischen der Gruppe der "Durchfahrer" und der "Napper". Bei den "Nappern" verringerte sich das Fahrtempo in der Zeit vor der Pause kontinuierlich, stieg aber danach deutlich an. Die "Durchfahrer"“ hingegen wurden im Laufe der Nachtfahrt kontinuierlich schneller, um dann jedoch in den letzten Runden vor Testende deutlich langsamer zu werden. Allerdings dürften hier individuelle Unterschiede eine große Rolle spielen, das wird noch genauer untersucht.

Geschlechtspezifische Unterschiede

Obwohl sich bei den Auswertungen von EEG und Videos keine signifikanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern zeigten, ergaben sich deutliche geschlechtspezifische Unterschiede. Hier die wesentlichen Ergebnisse:
  • Frauen empfanden die Testfahrten anstrengender als Männer.
  • Jedem vierten Mann (und keiner Frau) im Test fiel es schwer, das Tempolimit von 70 km/h einzuhalten.
  • Frauen (44 Prozent) gaben an, auf einer monotonen Strecke leicht müde zu werden (Männer: 33 Prozent).
  • 70 Prozent der Männer gaben an, schon einmal eine Fahrt aufgrund ihrer Müdigkeit unterbrochen zu haben, jedoch nur 44 Prozent der Frauen.
  • Nur vier Prozent der Frauen fahren gerne bei Nacht (Männer: 42 Prozent)
"Frauen stufen die Gefahr der Müdigkeit bei Nachtfahrten höher ein als Männer", sagt ÖAMTC-Studienleiterin Seidenberger. Dennoch unterbrechen sie deswegen nicht gerne die Fahrt für einen Powernap.
  •  Der Begriff "Sekundenschlaf" und seine Gefahren sind allen Teilnehmern aus den Medien bekannt. 27 Prozent der Männer und nur 4 Prozent der Frauen haben schon einmal Sekundenschlaf erlebt. Die meisten berichteten von keinen negativen Folgen (Frauen: 67 Prozent, Männer: 25 Prozent).
  • 60 Prozent der Testteilnehmer haben schon einmal als Beifahrer einen Lenker auf seine Müdigkeit angesprochen. "Da ist noch mehr Courage gefragt", sagt die ÖAMTC-Expertin.
  • Neun von zehn Fahrern sehen in Rumpelstreifen eine probate Hilfe gegen das Abkommen von der Fahrbahn.

Sekundenschlaf kann jeden treffen

Die Auswertung der ÖAMTC-Feldstudie zum Sekundenschlaf zeigt: Vor Sekundenschlaf ist niemand gefeit. Tipps der ÖAMTC-Verkehrspsychologin, wie man Sekundenschlaf vorbeugen kann, finden Sie im Folgeartikel.