Helfen am Unfallort

Mehr als eine Frage der Zivilcourage

Club verlangt Sicherstellung eines leistungsfähigen Rettungssystems und Rettungsgasse auf Autobahnen.

Rettungskarte hilft den Einsatzkräften © ÖAMTC
Rettungskarte hilft den Einsatzkräften © ÖAMTC

Das richtige Verhalten aller beteiligten Helfer und die optimale Versorgung nach Verkehrsunfällen - das ist jedem Menschen zu wünschen, der einen Verkehrsunfall hat. Ersthelfer sind das wichtigste Glied der Rettungskette. Aspekte rund um das Helfen am Unfallort sind das Thema eines Symposiums der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung (ÄKVÖ) und dem ÖAMTC.

Keine Angst vor Erster Hilfe

Jeder kann sehr leicht und vor allem sehr schnell in eine Situation kommen, in der von ihm geeignete Hilfsmaßnahmen erwartet werden. Doch nicht jeder traut sich zu helfen, aus Angst, etwas falsch zu machen und dann bestraft zu werden. "Diese Angst ist völlig unbegründet", sagt ÖAMTC-Jurist Martin Hoffer. Dem Clubjuristen ist in vielen Jahren kein einziger Fall untergekommen, bei dem ein Ersthelfer wegen Fehler bei der Hilfeleistung vor dem Kadi gelandet wäre. Strafbar macht sich lediglich, wer gar nicht hilft. Bei Unterlassung drohen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe. Das Mindeste, was jeder Kraftfahrer tun kann, ist, Rettung und Polizei zu alarmieren.

Training hilft im Ernstfall

"Erste Hilfe ist einfach, man muss sich nur trauen", macht Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, den Laien Mut. Er tritt dafür ein, dass man Erste Hilfe bereits in der Schule erlernt: "Je öfter wir die Wiederbelebung wiederholen, desto eher werden wir im Ernstfall zugreifen. Daher wünschen wir uns, dass jeder Schüler das jährlich einmal trainiert." Und: Jeder Euro, der in Erste Hilfe investiert wird, spart viele Euro im Lauf der Rettungskette.

Die "Golden Hour"

"Den ersten Schritt in der Rettungskette setzen zumeist Menschen, die in ihrem Leben noch nie mit medizinischen Situationen konfrontiert waren", weiß Harald Hertz, Unfallchirurg und Ärztlicher Leiter des UKH Lorenz Böhler in Wien. Der lebensrettende Beitrag eines Laien wird daher in der Regel nicht gleich eine Handlung am Unfallopfer selbst sein. Es kann vielmehr der Anruf bei Rettung sowie das Absichern der Unfallstelle sein. Die richtige Ersthilfe am Unfallort ist der in seiner Tragweite und Bedeutung für den weiteren Behandlungsverlauf nicht zu unterschätzende erste Schritt in einer oft langen Folge diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen.

Daher ist es wichtig, dass das Zeitintervall zwischen Akutereignis und notfallmedizinischer Erstversorgung sowie klinischer Behandlung sehr kurz gehalten wird. Große Bedeutung kommt der ersten Stunde nach einem Unfall zu, bis der Patient im geeigneten Spital versorgt ist ("Golden Hour"). "Österreich verfügt über ein gutes Gesundheitssystem, das aber der ständigen Weiterentwicklung bedarf", sagt Josef Probst, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger. "Das Rettungswesen ist ein wichtiger Teil des österreichischen Gesundheitswesens, es stellt sozusagen das Tor zur Notfallversorgung dar." Auch er betont die entscheidende Rolle der Ersthelfer und in weiterer Folge die Bedeutung der "Golden Hour".

Schnelle Hilfe rettet Leben

Unter Nutzung der Ressource Flugrettung können heute in Österreich Verletzungen und Erkrankungen überlebt werden, die vor 1983 noch einen tragischen Ausgang genommen hätten. Für Wolfgang Voelckel, ärztlicher Leiter der Christophorus Flugrettung (Wien), steht außer Frage, dass die soziodemographische Entwicklung des Landes das Engagement für einen Fortbestand der Flugrettung rechtfertigt. Jeder Unfall und jede Erkrankung hat auch volkswirtschaftliche Konsequenzen: Arbeitskraft geht temporär oder dauerhaft verloren, Pflegebedürftigkeit kann unabsehbare finanzielle Konsequenzen haben.

Rettungskarte kann Leben retten

"Bei den Einsätzen der ÖAMTC-Flugrettung werden auch wertvolle Erkenntnisse über das Verhalten der Verkehrsteilnehmer sowie für die Weiterentwicklung im Automobil- und Straßenbau gewonnen", berichtet Max Lang, Cheftechniker des ÖAMTC. Zusätzlich zur medizinischen Versorgung dokumentieren Hubschrauber-Crews auch Details zum Unfallgeschehen. Mit Foto-Aufnahmen vom Boden und aus der Luft sowie der Analyse der Unfallprotokolle erhält man maßgebliche Erkenntnisse zu Unfallursachen und -folgen. Gemeinsam mit medizinischen Befunden der behandelnden Krankenhäuser sowie allfälligen Sachverständigengutachten können Unfallmechanismen und die dabei entstandenen Verletzungen dargestellt werden. So kann durch die Techniker des ÖAMTC in Zukunft aufgezeigt werden, wo beim Fahrzeug, bei der Straße und beim Verhalten der Verkehrsteilnehmer noch Verbesserungspotenzial besteht. Ein Ergebnis der Unfallforschung ist beispielsweise die Rettungskarte. Hinter der Windschutzscheibe angebracht, trägt sie zur rascheren Bergung von Verletzten aus demolierten Autos durch die Feuerwehr bei. Damit gewinnt man viel Zeit für die schnellere medizinische Versorgung.

Psychologische Betreuung

Unfälle erfordern nicht nur eine medizinische Nachbetreuung. Manche Unfallbeteiligte können das Erlebte und Gesehene nicht verkraften. "Ein Verkehrsunfall ist ein plötzliches, unerwartetes und bedrohliches Ereignis, das die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit der bedrohlichen Situation und in der Bewältigung des Erlebten überfordern kann", weiß Sylvia Weißenbichler, Notfallpsychologin beim Roten Kreuz. Daher ist, auch im Sinne der ganzheitlichen Gesundheitsprävention, die psychosoziale Unterstützung von Personen nach Verkehrsunfällen dringend notwendig. Die psychosoziale Akuthilfe stellt ein Unterstützungsangebot dar (Kriseninterventionsteams), das die Betroffenen kurz nach dem Ereignis im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe bedürfnisorientiert unterstützt.

Optimierung der Rettungskette - ÖAMTC-Forderungen

In einem Punkt sind sich alle Helfer einig: Man muss in erster Linie den Menschen die Angst vor der Leistung der "Ersten Hilfe" nehmen. Daher sollte man nicht nur einmal im Leben, nämlich im Zuge der Führerscheinausbildung, mit einem Zwangskurs "belastet" werden. Vielmehr sollten positive Anreize - beginnend etwa schon in der Schule - gesetzt werden, um im entscheidenden Moment nicht einfach wegzuschauen, sondern Zivilcourage zu beweisen und in Problemsituationen einzugreifen.

Unabhängig davon fordert der ÖAMTC, dass auch zukünftig die Versorgung der Patienten durch ein gutes, gezieltes und leistbares Rettungssystem gewährleistet sein muss. Diesbezüglich sollen alle politischen Entscheidungsträger an einem Strang ziehen - die Entscheidungen haben auf das Wohl der Menschen abzuzielen. Weiters fordert ÖAMTC-Jurist Hoffer, dass Vorschriften zur Bildung einer "Rettungsgasse" auf Autobahnen und Schnellstraßen - wie im Regierungsprogramm der Koalition und im Verkehrssicherheitsprogramm 2011 bis 2020 bereits vorgesehen - auch tatsächlich umgesetzt werden. Der bestausgebildete Helfer und das modernste Gerät nützen nichts, wenn sie nicht auf schnellstem Weg zum Verletzten gelangen können.