Christophorus Magazin

Eine halbe Million Einsätze erzählen die Geschichte einer permanenten Weiterentwicklung der ÖAMTC-Flugrettung. 500.000 Christophorus September 2026 M A G A Z I N Z E I TSCHR I FT DE R ÖAMTC- F LUGR ETTUNG Österreichische Post AG – MZ 03Z035183 M – Christophorus Magazin, Baumgasse 129, 1030 Wien Emotion Folgenschwere Bruchlandung beim Kirschenpflücken. Seite 4 Information Wissenschaftliche Auswertung von Daten rettet Leben. Seite 8

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3 INHALT Nach Hause Vernetzung Nach einem Verkehrsunfall in Italien organisierte der ÖAMTC die Rückholung aus Verona. Beim Oslo HEMS Summit trafen sich Flugrettungs- expert:innen aus ganz Europa. 7. Emotion Vision 19. 8. Wissenschaft und Forschung gewinnen in der Flugrettung zunehmend an Bedeutung. 16. Für Instrumentenflüge bei Nacht und schlechter Sicht braucht es auch den richtigen Hubschrauber. 4. Nach einem Sturz von der Leiter endete das Kirschenpflücken für einen Oberösterreicher im Krankenhaus. Fotos: Pixabay (1), ÖAMTC/Kika (1), ÖAMTC/Hießböck (1); COVERFOTO: ÖAMTC/Kika Die nächsten 500.000 Der 500.000. Einsatz der ÖAMTC-Flugrettung war ein besonderer Meilenstein. Vor allem aber ist er ein Anlass, auf das zu blicken, was unsere Organisation seit Jahrzehnten prägt: die Bereitschaft, sich laufend weiterzuentwickeln. Unsere Aufgaben sind heute andere als noch vor 30 oder 40 Jahren. Das Einsatzspektrum hat sich verändert, die Medizin hat große Fortschritte gemacht und technische Innovationen haben neue Möglichkeiten geschaffen. Vieles, was heute selbstverständlich erscheint, war einst eine Vision. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die moderne Notfallversorgung laufend. Umso wichtiger ist es, nicht nur mitzuhalten, sondern aktiv mitzugestalten. Fortschritt bedeutet für uns deshalb mehr als neue Hubschrauber oder moderne Ausrüstung: Er beginnt mit der Bereitschaft, bestehende Abläufe zu hinterfragen und aus Erfahrungen zu lernen. Genau in dieser Hinsicht stellen wir uns aktuell neu auf: Mit dem Aufbau eines eigenen medizinischen Departments und einer Abteilung für Wissenschaft und Forschung wollen wir unsere notfallmedizinische Expertise gezielt weiterentwickeln. Dabei geht es um eine zentrale Frage: Wie können wir unsere Patient:innen künftig noch besser versorgen? Flugrettung bedeutet für uns daher auch, medizinisches Wissen laufend zu evaluieren, aus Daten zu lernen und neue Erkenntnisse in die Praxis zu übertragen. So schaffen wir die Grundlage dafür, auch künftig jene Qualität zu bieten, die unsere Patient:innen von der ÖAMTC-Flugrettung erwarten. Forschung Medizinische Daten aus dem Einsatzalltag helfen, die Notfallmedizin weiterzuentwickeln. 10. Information Vielfältige Hilfe Die ÖAMTC-Flugrettung unterstützt die Bundesländer auch in Katastrophenfällen. 11. Finanzierung Weichenstellung in Wien und Niederösterreich für eine faire Kostenaufteilung. Innovation 15. Meilenstein 500.000 Einsätze zeigen, wie sich Flugrettung ständig verändert hat. 12. MARCO TREFANITZ Geschäftsführung ÖAMTC-Flugrettung

4 BRUCHLANDUNG VOM KIRSCHBAUM Drei Brustwirbel, eine Rippe und die Speiche brach sich ein 72-jähriger Oberösterreicher bei einem Sturz von der Leiter. Dass keine bleibenden Schäden entstanden, lag an der perfekten Rettungskette. EMOTION Christophorus Freitag, 19. Juni, 7.30 Uhr: Morgenbesprechung an der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr. Nachdem die aktuellen Fälle durchgegangen waren, sagte einer der anwesenden Oberärzte abschließend: „Ich bin gespannt, wann der erste Kirschenpflücker kommen wird.“ Nun, es sollte nicht lange dauern … Zur selben Zeit bracht der 72-jährige Hermann Wetzlmair zu seiner morgendlichen Nordic-Walking-Runde auf. Bei jeder Witterung ist der fünffache Familienvater aus Garsten bei Steyr in Oberösterreich mit den Stöcken unterwegs, um sich fit zu halten und frisch in den Tag zu starten. Die diesmalige Runde war kürzer als üblich, weil die erste Hitzewelle dieses Jahres die Temperaturen rasch in die Höhe klettern ließ und außerdem die Kirschenernte auf dem Tagesplan stand. Wetzlmairs Gattin freute sich schon darauf, den ersten Kirschkuchen des Jahres zu backen. Reif und fruchtig waren die dunkelroten Früchte, sie strahlten regelrecht vom großen Kirschbaum in den Garten. 9.30 Uhr war es mittlerweile und die Nordic-Walking-Ausrüstung längst gegen Arbeitskleidung, Aluleiter und Erntekorb getauscht. Wetzlmair verkeilte die ausziehbare Leiter in der Baumkrone und arbeitete sich von unten nach oben. Je höher er stieg, umso schöner waren die Kirschen. Der Erntekorb füllte sich, und der Hobbygärtner erreichte langsam die Baumkrone. Just in jenem Moment, als er die Hand nach einer Kirsche ausstreckte, rutschte die Leiter von unten her weg und der Pensionist stürzte aus einer Höhe von rund sechs Metern auf die Wiese, die nach der Trockenheit im heurigen Frühjahr hart wie Beton war. Hilfe per Handy „Ich war, glaube ich, kurz benommen. Als ich zu mir kam, merkte ich sofort, dass ich mich richtig schwer verletzt hatte. Mein rechter Arm stand weg, Hals, Rücken und Bauch schmerzten. Erst schrie ich laut um Hilfe, aber niemand hörte mich. Dann schoss mir ein, dass ich auf dem Baum mein Handy in der Brusttasche mitführte. Es fiel beim Aufprall zwar aus der Tasche, lag aber neben mir, so dass ich es mit der gesunden Hand greifen und meine Frau anrufen konnte. Sie befand sich im zweiten Stock und setzte die Rettungskette in Gang. Ab diesem Zeitpunkt bewegte ich mich keinen Millimeter mehr“, erzählt Wetzlmair, der gleich eine Wirbelsäulenverletzung befürchtete. Erntekorb im Baumwipfel Der Disponent in der Rotkreuz-Leitstelle alarmierte das Steyrer Notarztteam, den ÖAMTC-Notarzthubschrauber Christophorus 10 aus Linz-Hörsching sowie eine Funkstreife der Polizei Garsten zur Helikoptereinweisung. Keine zehn Minuten später trafen sämtliche Einsatzkräfte praktisch gleichzeitig am Unglücksort ein. Obwohl vor Wetzlmairs Haus zahlreiche Stromleitungen des nahen Ennskraftwerks Lahrndorf in alle Himmelsrichtungen verlaufen, landete Christophorus-Pilot Cpt. Robert Gallmayer den Hubschrauber nur wenige Meter neben dem Unfallopfer in einem Maisfeld, so dass die C10-Notärztin, der Steyrer Notarzt sowie die Notfallsanitäterinnen und -sanitäter mit der Stabilisierung des Verletzten beginnen konnten. Die Sturzhöhe ließ sich leicht bestimmen, weil der volle Erntekorb noch im Wipfel hing. Dreifacher Wirbelbruch Nach rund 30 Minuten waren die Erste-Hilfe-Maßnahmen beendet und Christophorus 10 transferierte Hermann Wetzlmair zum Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum in Steyr, wo das Team der Traumatologie das erste „Kirschenopfer“ von Tom Grumböck

5 EMOTION Christophorus dieses Jahres in den Schockraum brachte. Dort zeigte sich, dass der Sturz vom Baum im wahrsten Sinne des Wortes eine Bruchlandung war. Neben der Speiche und einer Rippe waren auch drei Brustwirbel gebrochen, die sich zum Glück aber nicht verschoben hatten. Dass sich Wetzlmair nicht bewegte, er extrem schnell erstversorgt und mit dem Hubschrauber so schonend wie möglich zum Krankenhaus gebracht wurde, bewahrte ihn vor bleibenden Verletzungen oder gar einer hohen Querschnittlähmung. Auch seine gute körperliche Verfassung, wie ihm von der Ärzt:innenschaft mehrmals bestätigt wurde, trug zur späteren und verhältnismäßig raschen Genesung bei. Während die Wirbel von selbst heilten, musste der Bruch allerdings operiert werden. Christophorus 10 flog das Sturzopfer zum Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr. Auch das Steyrer Notarztteam half bei der Erstversorgung. Dankesposting der Familie ging viral Kurz nach Hermann Wetzlmairs Hubschraubertransport und der ersten Entwarnung aus dem Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr setzte der Schwiegersohn des Verunfallten ein Facebook-Posting ab, in dem er sich im Namen der Familie bei allen Einsatzkräften bedankte. Das Posting ging innerhalb von Minuten viral, erreichte bis jetzt 1.756 Likes, wurde 38-mal geteilt, erschien in der Facebook-Timeline von bis dato 233.671 Personen und erhielt mehr als 40 Genesungswünsche. Infobox Fotos: Grumböck (1) ›

6 EMOTION Christophorus Bettruhe statt Badespaß Den superheißen Sommer 2026 musste der Garstner Pensionist mit starken Schmerzen und wenig Schlaf im Bett verbringen. Lesen, Fernsehen, Physiotherapie und regelmäßige Röntgenuntersuchungen im Krankenhaus waren die einzigen Abwechslungen. Erst nach zwei Monaten – Mitte August – war Hermann Wetzlmair wieder so weit mobil, dass erste, kurze Spaziergänge in den Garten erfolgen konnten. Um wieder Nordic Walken zu können, wird es aber noch dauern, auch ein Reha-Aufenthalt steht noch bevor. Nächstes Jahr wird es laut Wetzlmair die letzte Kirschenernte geben: „Sobald sie reif sind, lasse ich den Baum umschneiden – aber von Profis. Anschließend wird zu ebener Erde gepflückt!“ ▲ Kirschbaum im Garten: Hermann Wetzlmair vor dem „Corpus Delicti“. Brandherd aus der Luft entdeckt Auf dem Weg ins LKH Graz entdeckte die C17-Crew einen entstehenden Waldbrand und veranlasste die Alarmierung der Feuerwehr. Während eines Fluges ins LKH Graz bemerkte die Besatzung von Christophorus 17 einen entstehenden Waldbrand. Die Crew übermittelte die Koordinaten umgehend an die Rettungsleitstelle, die wiederum sofort die Feuerwehr alarmierte. Durch das schnelle und koordinierte Zusammenspiel aller Beteiligten konnte der Brand frühzeitig bekämpft und eine größere Ausbreitung verhindert werden. Der Vorfall unterstreicht einmal mehr, wie wichtig Aufmerksamkeit, präzise Kommunikation und die enge, organisationsübergreifende Zusammenarbeit im Ernstfall sind. Die Rauchwolke war gut sichtbar. Fotos: Grumböck (1), ÖAMTC/C33 (1), ÖAMTC/C18 (1), ÖAMTC/C17 (1), Bergrettung Werfen (1) Wasser marsch Elikos unterstützt Feuerwehren. Wenn sich Waldbrände in schwer zugänglichem Gelände ausbreiten, zählt das Zusammenspiel aller Einsatzkräfte. Im Westen Österreichs unterstützten die Hubschrauber der Elikos die Feuerwehren bei Löscharbeiten bei mehreren Bränden. Mit gezielten Wasserabwürfen halfen die Crews, diese einzudämmen und die Bodenkräfte zu entlasten. Eine enge und abgestimmte Zusammenarbeit ist dabei entscheidend, um auch unter schwierigen Bedingungen rasch gegen die Flammen vorzugehen.

7 EMOTION Christophorus Rasche Hilfe nach Kitesurfunfall Dank der schnellen Reaktion anderer Wassersportler:innen konnte der Verletzte rasch versorgt werden. Nach einem Kitesurfunfall in Podersdorf am Neusiedler See waren es zunächst andere Wassersportler:innen, die die Versorgung des Verunglückten in die Wege leiteten. Sie halfen dem Verunglückten, brachten ihn sicher ans Ufer, setzten einen Notruf ab und wiesen die anrückenden Einsatzkräfte ein. Wenig später übernahmen ein Rotkreuz-Team und die Crew von Christophorus 18 die notfallmedizinische Versorgung. Danach wurde der Patient zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus Eisenstadt geflogen, das er bald wieder verlassen konnte. Das rasche und umsichtige Handeln der Augenzeug:innen war nicht nur bei diesem Notfall entscheidend. Ersthelfer:innen sind immer das wichtigste Glied der Rettungskette. Auf der Suche nach einem Landeplatz. Übernahme des Patienten am Dachlandeplatz des Krankenhauses in Verona. Sicher zurück nach Österreich Nach einem Verkehrsunfall in Italien organisierte der ÖAMTC die Rückholung eines österreichischen Patienten von Verona nach Innsbruck. Der Intensivtransporthubschrauber (ITH) der ÖAMTC-Flugrettung führte kürzlich eine internationale Rückholung durch. Ein österreichischer Patient wurde nach einem Verkehrsunfall vom Universitätsklinikum Verona in die Uniklinik Innsbruck verlegt. Solche Transporte erfordern eine sorgfältige medizinische und organisatorische Planung, damit die Patient:innen auch über längere Distanzen sicher und kontinuierlich betreut werden können. Die Rückholung erfolgte im Auftrag des ÖAMTC Schutzbriefs, der Mitglieder des Mobilitätsclubs auch bei medizinischen Notfällen im Ausland unterstützt und die Heimreise in eine geeignete Behandlungseinrichtung ermöglicht. Rettung aus der Dunkelheit Ein nächtlicher Notfall am Hochkönig erforderte Anfang August das Zusammenspiel mehrerer Einsatzorganisationen. Anfang August geriet ein Bergsteiger nach Einbruch der Dunkelheit beim Abstieg vom Hochkönig in unwegsames Gelände. Er verstieg sich und befand sich schließlich in absturzgefährdetem Terrain. Da er weder vor noch zurück konnte, setzte er einen Notruf ab. Während sich über der Region bereits eine Gewitterfront aufbaute, lief die Rettungsaktion an. Zunächst gelang es der Flugpolizei, den Mann aus der Luft zu lokalisieren. Mithilfe der übermittelten Koordinaten machte sich ein Team der Bergrettung Werfen auf den Weg zum Einsatzort. Aufgrund der schwierigen Bedingungen wurde zusätzlich die Crew von Christophorus 14 aus Niederöblarn angefordert. Mithilfe der am Hubschrauber montierten Seilwinde konnte der Alpinist schließlich sicher aus seiner misslichen Lage geborgen werden. Er blieb unverletzt und wurde ins Tal geflogen. Für die Einsatzkräfte endete die Rettungsaktion erst in den frühen Morgenstunden. Ausleuchtung des Notfallorts.

8 INFORMATION Christophorus Die ÖAMTC-Flugrettung steht für höchste Kompetenz. Unser ständiges Streben nach Optimierung schafft dafür die Grundlage. Folgendes Zitat von Peter Drucker, dem Pionier der Managementlehre, bringt es auf den Punkt: „Es geht nicht nur darum, dass man die richtigen Dinge tut, sondern man muss die Dinge auch richtig tun.“ In Flugbetrieb und Bergetechnik sind Qualität und Fortschritt gut messbar. Gesetzliche Regulative und klare Zielgrößen schaffen definierte Rahmenbedingungen für unsere Rettungsflüge. Im Kontext unseres eigentlichen Kernauftrags, „unseren Patient:innen die beste notfallmedizinische Versorgung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu garantieren“, ist die Frage nach der Qualität und dem Einfluss unseres Eingreifens auf das Patient:innen-Outcome viel schwieriger zu beantworten. Dennoch können wir uns der Problematik annähern, wenn wir uns zwei Fragen stellen. Tun wir die richtigen Dinge? Wissen wir heute mit Sicherheit, dass unser aktuelles medizinisches Handeln richtig ist? Ein noch größeres Problem ist die Frage: Was wissen wir derzeit nicht oder was ist noch nicht in unserem Alltag angekommen? Wie können wir in einer Welt der Überinformation den Überblick behalten? Das medizinische Wissen verdoppelt sich nach einer Prognose der Harvard Medical School aktuell etwa MISSION ZUKUNFT Jeder Einsatz der ÖAMTC-Flugrettung hat dasselbe Ziel: die bestmögliche Versorgung unserer Patient:innen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, braucht es neben Erfahrung und fachlicher Kompetenz auch Wissenschaft und Forschung. von Martin Dünser & Wolfgang Voelckel Die detaillierte Erfassung jedes Einsatzes ist die Grundlage wissenschaftlicher Auswertung.

9 INFORMATION Christophorus alle 73 Tage. In der Notfallmedizin gibt es zudem keine feste Gesamtzahl an Guidelines, da weltweit, national und auf Ebene verschiedener Fachgesellschaften Hunderte bis Tausende unterschiedliche Leitlinien, Standards und Algorithmen existieren (Schätzung Google-KI). Medizinische Erfahrung hilft uns zwar weiter und ist unverzichtbar, aber sie kann auch irren. Die Liste vermeintlich hilfreicher notfallmedizinischer Interventionen, die wir im Verlauf der Jahre verworfen haben, ist lang. In allen Fällen war die klinische Überzeugung hinsichtlich der Richtigkeit der Maßnahmen ehrlich begründet, aber dennoch falsch. Nur die wissenschaftliche Überprüfung konnte und kann möglicherweise fatale Irrtümer systematisch aufdecken und korrigieren. Wissenschaft bedeutet aber weit mehr als das Testen neuer Medikamente oder Behandlungsmethoden. Ebenso wichtig ist das Verstehen von notfallmedizinischen Erkrankungsbildern, Einsatzabläufen und Therapieeffekten. Das ist gerade dann besonders wichtig, wenn Krankheitsbilder selten oder besonders schwerwiegend sind und der ganze Behandlungsverlauf, vom Einsatzort bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus, nicht mehr überblickt werden kann. Wir brauchen daher Antworten auf die Frage, wie sich unsere Versorgung tatsächlich kurz-, mittel- und langfristig auf unsere Patient:innen auswirkt. Tun wir die Dinge richtig? Für die Beantwortung dieser Frage können wir eine unserer größten Stärken nutzen. Durch unsere einheitliche Dokumentation umfasst unsere medizinische Datenbank mehrere Hunderttausend Flugrettungseinsätze aus mehreren Jahrzehnten. Dies ist ein enormer Datenschatz mit einem unendlichen Spektrum an unterschiedlichen Notfallbildern, Patient:innengruppen und Einsatzbedingungen. Aus diesem Datenpool können wir lernen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen und wie wir unsere Patient:innen in Zukunft noch besser versorgen können. Brauchen wir eine eigene Forschungsabteilung? Forschungsergebnisse aus den Flugrettungssystemen in London, Oslo und Sydney liefern zwar wertvolle neue notfallmedizinische Erkenntnisse, aber sie treffen nicht automatisch auch auf unsere Realität zu. Unsere Notfallbilder, Einsatzgebiete, Distanzen, Wetterbedingungen, Personalstruktur und Kooperationspartner:innen in den Zielkliniken unterscheiden sich erheblich von jenen anderer Flugrettungsorganisationen. Eine Behandlungsempfehlung, die in anderen Regionen entwickelt wurde, muss nicht zwangsläufig unter unseren Bedingungen genauso gut funktionieren. Einflussfaktoren, die spezifisch für unsere Gegebenheiten sind, zeigen sich nur, wenn wir unsere eigenen Daten auch systematisch analysieren. Eine wissenschaftliche Kultur ist auch dort wirksam, wo sie keine konkreten Studienergebnisse liefert. Eine Organisation, in der Fragen gestellt und Annahmen hinterfragt werden, in der „Warum machen wir das so?“ eine legitime Frage ist und nicht als Angriff auf die Erfahrung der Kolleg:innen verstanden wird, ist eine Organisation, die aus sich selbst heraus sicherer wird. Diese Kultur lässt sich nicht verordnen, aber sie lässt sich durch gelebte wissenschaftliche Praxis fördern. Die Flugrettung ist ein überschaubares Teilgebiet der Medizin. Die Fallzahlen sind klein, die Strukturen heterogen und die Forschungsressourcen knapp. Das hat eine wichtige Konsequenz: Jede solide publizierte Kohorte, jede gut dokumentierte Fallserie, jede methodisch saubere Studie trägt überproportional zur globalen Evidenzbasis bei. Damit befinden wir uns in einem Verhältnis der Gegenseitigkeit. Wenn wir Leitlinien nutzen, die auf Daten aus Skandinavien, Australien oder dem britischen HEMS-System beruhen, profitieren wir von der Bereitschaft dieser Organisationen, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen. Die ÖAMTC-Flugrettung möchte sich in Zukunft auch in diese Reihe einordnen und dazu beitragen, dass Flugrettung immer besser wird. So wurden allein in den vergangenen Monaten bereits mehrere Artikel basierend auf Studien und Daten aus unserem Einsatzbetrieb in unterschiedlichen Fachmagazinen publiziert. Um dieses und weitere Ziele zu erreichen, baut die ÖAMTC-Flugrettung derzeit ein eigenes medizinisches Department auf. Dieses soll die notfallmedizinische Expertise unserer Flugrettung gezielt weiterentwickeln. Ein wichtiger Bestandteil des medizinischen Departments wird auch eine eigene Abteilung für Wissenschaft und Forschung sein. Diese Abteilung wird sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung unserer eigenen Daten, der Durchführung klinischer Studien sowie der evidenzbasierten und methodologisch korrekten Ausarbeitung von „Standard Operating Procedures“ für die Flugrettung widmen. Und alles mit dem Ziel, unsere Patient:innen in Zukunft qualitativ noch hochwertiger versorgen zu können. ▲ Jede gesetzte Maßnahme wird im Nachhinein genau protokolliert. Fotos: ÖAMTC/Kika (1), KI generiert (1)

10 INFORMATION Christophorus Forschung, die Leben retten kann Einsätze der ÖAMTC-Flugrettung liefern wichtige Daten für die Notfallmedizin. Wenn die Crews der ÖAMTCFlugrettung zu einem Einsatz alarmiert werden, steht immer die bestmögliche Versorgung der Patient:innen imMittelpunkt. Gleichzeitig entstehen dabei aber auch wertvolle medizinische Daten, die dazu beitragen können, die Notfallmedizin weiterzuentwickeln. Mehrere aktuelle wissenschaftliche Arbeiten von Notärzt:innen der ÖAMTC-Flugrettung zeigen, welchen Beitrag die notfallmedizinische Versorgung aus der Luft mittlerweile auch in der Forschung leistet. In jüngster Vergangenheit standen dabei insbesondere herausfordernde Notfallsituationen wie Herz-Kreislauf-Stillstände nach schweren Unfällen, Reanimationen bei Kindern oder neue Verfahren der modernen Wiederbelebungsmedizin im Fokus. Die wissenschaftlichen Auswertungen basieren auf Tausenden dokumentierten Flugrettungseinsätzen und ermöglichen Erkenntnisse, die aufgrund der Seltenheit vieler dieser Ereignisse nur mit großen Datensammlungen gewonnen werden können. So zeigte eine Untersuchung von knapp 1.000 Einsätzen nach traumatischem Herz-Kreislauf-Stillstand, dass die Überlebenschancen der Betroffenen höher sind als bislang angenommen. Eine weitere Studie mit mehr als 1.500 Patient:innen konnte erstmals anhand einer großen Datenbasis nachweisen, dass die überwiegende Mehrheit dieser Kreislaufstillstände bereits vor dem Eintreffen der Rettungskräfte eintritt. Auch die Versorgung von Kindern war Thema einer aktuellen Forschungsarbeit. Die Analyse von rund 200 Flugrettungseinsätzen ergab, dass Herz-KreislaufStillstände im Kindesalter zwar selten sind, die Überlebenschancen jedoch wesentlich von den zugrunde liegenden Ursachen abhängen. Mit Blick auf zukünftige Entwicklungen untersuchten die Mediziner:innen außerdem den möglichen Einsatz mobiler Herz-Lungen-Maschinen bei Reanimationen außerhalb des Krankenhauses. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass dieses innovative Verfahren künftig noch mehr Patient:innen zugänglich gemacht werden könnte. Alle diese Studien unterstreichen die Bedeutung der ÖAMTC-Flugrettung als Partnerin in der notfallmedizinischen Forschung. Das gewonnene Wissen hilft dabei, Behandlungsstrategien weiterzuentwickeln und die Versorgung von Notfallpatient:innen langfristig zu verbessern. ▲

11 INFORMATION Christophorus Fotos: ÖAMTC/Kika (1), ÖAMTC/C18 (1), Land OÖ (1), ÖAMTC/Amon (1) Kurze Rundflüge mit dem Elikos-Hubschrauber waren das Highlight des Tages. Die leitenden Flugretter vor der beeindruckenden Bergkulisse des Pinzgaus. Lokalaugenschein im Hangar. Gemeinsam für den Katastrophenfall Katastrophenschutz aus der Luft: Bei einem Besuch am Stützpunkt Linz wurden Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei Großschadensereignissen erörtert. Wie kann die ÖAMTC-Flugrettung das Land Oberösterreich bei großen Schadensereignissen unterstützen? Darüber sprach Landesrätin Michaela Langer-Weninger bei einem Besuch am Stützpunkt von Christophorus 10 in Linz mit Geschäftsführer Marco Trefanitz. Im Mittelpunkt des Austauschs stand die Rolle der ÖAMTC-Flugrettung bei Katastrophenlagen wie Hochwasserereignissen oder Waldbränden. Dabei wurde insbesondere die Leistungsfähigkeit der Crews in außergewöhnlichen Einsatzsituationen thematisiert. Hubschrauber können in solchen Lagen rasch einen Überblick verschaffen, Einsatzkräfte unterstützen und auch schwer erreichbare Gebiete anfliegen. Der Besuch bot Gelegenheit, die vielfältigen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen dem Land Oberösterreich und der ÖAMTC-Flugrettung zu erörtern und einen Einblick in die Arbeit von Christophorus 10 zu geben. Flugrettung zum Anfassen Hubschrauber hautnah erleben, Stützpunkt besichtigen und selbst abheben. Der Tag der offenen Tür von Christophorus 18 lockte zahlreiche Interessierte nach Frauenkirchen. Wie arbeitet die Crew von Christophorus 18 und wie sieht ein moderner Flugrettungsstützpunkt von innen aus? Antworten auf diese und auf viele andere Fragen erhielten mehr als 1.000 Besucher:innen beim ersten Tag der offenen Tür in Frauenkirchen. Neben der Besichtigung des Notarzthubschraubers und des erst 2025 eröffneten Stützpunkts gab es ein ganz besonderes Highlight: Die Rundflüge, angeboten von Elikos Helicopterservice, fanden großen Anklang und waren den ganzen Tag über restlos ausgebucht. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Musikverein Frauenkirchen. Gipfeltreffen der Flugretter:innen Einmal im Jahr steht der gemeinsame Austausch im Mittelpunkt. Einmal jährlich kommen die hauptberuflichen Flugretter:innen der ÖAMTC-Flugrettung aus ganz Österreich zusammen, um Erfahrungen auszutauschen und aktuelle Entwicklungen zu diskutieren. Auf der Agenda stehen technische Innovationen, die Optimierung von Einsatzabläufen, Fragen zur Ausrüstung sowie organisatorische Themen und die interne Kommunikation. Ziel des Treffens ist es, neue Impulse für die tägliche Arbeit mitzunehmen und die hohe Qualität der Flugrettung langfristig zu sichern. Heuer führte das bewährte Format auf die Warnsdorfer Hütte im Salzburger Pinzgau. Die alpine Umgebung bot den passenden Rahmen für intensive Gespräche, fachlichen Austausch und das gemeinsame Weiterdenken.

12 INNOVATION Christophorus Mai 2026, kurz nach Mittag. Christophorus 18 wird zu einem neurologischen Notfall ins nördliche Burgenland alarmiert. Nach der Erstversorgung bringt die Crew den Patienten ins AKHWien. Ein erfolgreicher Einsatz, professionell abgearbeitet wie Tausende andere zuvor. Und doch ist dieser Flug ein besonderer, denn es ist der 500.000. Einsatz in der Geschichte der ÖAMTC-Flugrettung. Die Zahl klingt beeindruckend, ist allerdings weit mehr als reine Statistik. Hinter jedem dieser Einsätze stehen Menschen. Patient:innen, die Hilfe brauchten, Crews, die gestartet sind, und Hunderte Mitarbeiter:innen, die dafür gesorgt haben, dass all das überhaupt möglich war. Diese Zahl erzählt aber auch noch eine andere Geschichte, eine, die nur allzu oft übersehen wird: Es ist die Geschichte einer Organisation, die sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfunden hat. Vom Spezialfall zum Alltag Als die ersten Christophorus-Hubschrauber Anfang der 1980er-Jahre in Dienst gestellt wurden, war Flugrettung noch etwas Besonderes. Gerufen wurden die Helikopter vor allem bei schweren Verkehrsunfällen oder spektakulären Bergrettungen. Heute sieht der Alltag anders aus. Mehr als 21.000-mal pro Jahr werden DIE PERMANENTE NEUERFINDUNG 500.000 Einsätze sind gewiss ein Meilenstein. Noch bemerkenswerter ist aber, wie oft sich die ÖAMTC-Flugrettung auf dem Weg dorthin selbst verändert hat. von Ralph Schüller

13 Fotos: ÖAMTC/APA-Fotoservice/Ben Leitner (1), ÖAMTC/C18 (1), Sebastian Weissinger (1) INNOVATION Christophorus die Crews alarmiert. Und die meisten Einsätze führen nicht zu Unfällen oder alpinen Notlagen, sondern zu internistischen und neurologischen Notfällen. Herzinfarkte, Schlaganfälle oder andere akute Erkrankungen bestimmen inzwischen das Einsatzgeschehen. Flugrettung ist damit längst mehr als ein Rettungsmittel für Ausnahmefälle geworden, sie ist ein fixer Bestandteil der medizinischen Versorgung. Diese Entwicklung hat nicht nur das Einsatzspektrum verändert. Sie hat die gesamte Organisation verändert. Die Unsichtbaren Wer an Flugrettung denkt, denkt zunächst an Pilot:innen, Flugretter:innen und Notärzt:innen. Weniger sichtbar sind hingegen jene Menschen, die dafür sorgen, dass die Hubschrauber überhaupt in die Luft gehen können. Wartungshangars, Werkstätten und Büroräume gehören genauso zur Flugrettung wie Cockpits und Kabinen. Ganz gleich ob im Backoffice, im AirRescueCollege oder im hauseigenen Wartungs- und Designbetrieb HeliAir, jede:r Einzelne trägt dazu bei, dass das System funktioniert. Die gelben Hubschrauber sind das sichtbare Zeichen nach außen, das große Team und die viele Arbeit dahinter bleiben meist unsichtbar. Innovation aus dem Alltag Die spannendsten Entwicklungen beginnen oft mit einer einfachen Frage. Wie kann man medizinische Geräte leichter einbauen? Wie lässt sich Gewicht sparen? Wie können Crews effizienter arbeiten? Aus genau solchen Überlegungen heraus entwickelten die Techniker:innen der HeliAir den „Kokon“, einen modularen medizinischen Innenausbau für Hubschrauber. Was zunächst sehr technisch klingt, erleichtert den Arbeitsalltag erheblich. Ausrüstung kann flexibler integriert und an neue Anforderungen angepasst werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Nachtflug. Vor nicht einmal fünfzehn Jahren galt dieser in Österreich noch als große Vision. Heute gehören Nachtsichtgeräte, spezielle Verfahren und verlängerte Dienstzeiten an nahezu allen Standorten der ÖAMTC-Flugrettung längst zum Standard. Und der Ausbau geht weiter. Christophorus Europa 3 in Suben wird künftig nicht nur Oberösterreich, sondern auch Teile Bayerns rund um die Uhr versorgen. Und mit Christophorus 3 in Wiener Neustadt wird die Zahl der 24-Stunden-Stützpunkte im kommenden Jahr auf insgesamt fünf anwachsen. Bemerkenswert ist dabei, dass viele dieser Ideen nicht in Forschungszentren, sondern direkt aus den Erfahrungen des täglichen Flugbetriebs entstehen. Das erklärt auch, warum die Expertise der ÖAMTC-Flugrettung mittlerweile auch bei internationalen Projekten gefragt ist. Mitreden statt nur kaufen Ein Beispiel dafür ist die neue Airbus H140. Bei der Entwicklung des künftigen Hubschraubermodells flossen Erfahrungen verschiedener Betreiber direkt ein. Auch jene der ÖAMTC-Flugrettung. Ein zentrales Anliegen dabei war mehr Platz in der Kabine. Das klingt zunächst wenig spektakulär. Dahinter steckt allerdings eine grundlegende Entwicklung der modernen Notfallmedizin. Patient:innen werden heute intensiver versorgt, die medizinische Ausrüstung wird umfangreicher und Transporte dauern teilweise viel länger als früher. Notarzthubschrauber Marco Trefanitz (1. v. l.) konnte auch Innenminister Gerhard Karner (4. v. l.) begrüßen. „Seit mehr als vier Jahrzehnten wird das System laufend weiterentwickelt – manchmal in großen Schritten, oft im Detail, aber immer mit dem gleichen Ziel: Patient: innen noch schneller und besser zu versorgen.“ MARCO TREFANITZ CEO der ÖAMTC-Flugrettung entwickelt sich dadurch immer mehr zu fliegenden Schockräumen. Aber auch jenseits des Hubschraubers verändert sich Flugrettung laufend. Digitale Flugunterlagen ersetzen Papier, neue Kommunikationssysteme ermöglichen Datenaustausch in Echtzeit, medizinische Informationen können bereits während des Fluges an Kliniken übermittelt werden. Gleichzeitig wird aber auch an Herausforderungen gearbeitet, die seit Jahrzehnten bestehen. Eine davon heißt Nebel. Beim Projekt „Point in ›

14 Die finnische H145 beim Betanken am Stützpunkt in Wiener Neustadt. Knapp 60 Fahrzeuge sind schon mit dem innovativen System unterwegs. INNOVATION Christophorus Technik-Know-how für Finnland Eine H145 des finnischen Flugrettungsbetreibers FinnHEMS durchlief in Wiener Neustadt umfangreiche Wartungsarbeiten. Mehrere Wochen lang war eine H145 des finnischen Flugrettungsbetreibers FinnHEMS zu Gast in der HeliAir-Werft in Wiener Neustadt. Nach Abschluss der umfangreichen Wartungsarbeiten ging es für den Hubschrauber zurück nach Finnland. Solche Projekte erfordern breites technisches Know-how, viel Erfahrung und verdeutlichen die internationale Bedeutung der HeliAir. Mit ihrer Arbeit sichert sie die Einsatzbereitschaft von Notarzthubschraubern in Österreich und darüber hinaus. Denn zuverlässige Flugrettung beginnt dort, wo man sie nicht sieht: in den Hangars der Technikexpert:innen. Testbetrieb des neuen Kollisionswarnsystems Die bisherigen Erfahrungen mit „CollisionEye“ sind überaus positiv. Seit vergangenen Herbst testen ASFINAG und ÖAMTC das neue Kollisionswarnsystem „CollisionEye“ zum Schutz von Einsatzkräften auf Autobahnen und Schnellstraßen. Die Zwischenbilanz fällt positiv aus: Allein im Juni registrierte das System bei ASFINAG- Einsätzen zehn Situationen, in denen ein automatisches Warnsignal Fahrzeuge von einem möglichen Kollisionskurs abbrachte. Auch beim ÖAMTC stößt das System auf positive Resonanz. So gab es schon einige Situationen, in denen es seine Sinnhaftigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte. Die regelmäßigen Feedbackschleifen mit der Herstellerfirma helfen zudem, das System kontinuierlich zu verbessern. Aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse wird der Testbetrieb nun ausgeweitet. Sowohl ASFINAG als auch ÖAMTC statten jeweils rund 20 weitere Fahrzeuge mit der Technologie aus. Space“ sollen satellitengestützte Flugrouten entstehen, die Einsätze auch bei schwierigen Wetterbedingungen ermöglichen. Vereinfacht gesagt: digitale Luftstraßen, auf denen Hubschrauber auch dann noch sicher unterwegs sein können, wenn die Sicht schlechter wird. Und dann ist da noch das Drohnenprojekt gemeinsam mit den Kolleg:innen aus der Schweiz und den Niederlanden. Drohnen sollen Notarzthubschrauber nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Etwa beim Transport von Laborproben, Medikamenten oder medizinischer Ausrüstung. Vieles davon befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Aber genau darum geht es bei der ÖAMTC-Flugrettung seit Jahrzehnten: Bestehendes hinterfragen, Neues ausprobieren und Bewährtes weiterentwickeln. Die nächsten 500.000 Wer auf die Geschichte der ÖAMTCFlugrettung blickt, findet viele Meilensteine: neue Stützpunkte, technische Innovationen oder internationale Kooperationen. Auffällig ist jedoch noch etwas anderes. Kaum ist eine Entwicklung abgeschlossen, beginnt bereits die nächste. Das System, das heute selbstverständlich wirkt, wurde über Jahrzehnte aufgebaut und immer wieder angepasst. Vermutlich ist genau das einer der Gründe, warum die Flugrettung heute dort steht, wo sie steht. Die ersten 500.000 Einsätze erzählen, was die ÖAMTC-Flugrettung geleistet hat. Die weitaus spannendere Geschichte wird aber jene sein, an der gerade gearbeitet wird, nämlich die der nächsten 500.000 Einsätze. ▲ Eigener Ärmel-Patch für das Jubiläum.

Die Länder Wien und Niederösterreich haben sich auf eine Neuregelung der Finanzierung des Wiener Notarzthubschraubers Christophorus 9 verständigt. Während die Kosten bisher unabhängig von der Zahl der Einsätze je zur Hälfte getragen wurden, soll ab 2028 eine Abrechnung nach tatsächlich geflogenen Flugminuten erfolgen. Grundlage dafür sind Evaluierungen, die zeigen, dass rund 80 Prozent der Einsätze für Niederösterreich und 20 Prozent für Wien geflogen werden. Vorgestellt wurde die Einigung von den Landesrät:innen Eva Prischl und Anton Kasser sowie von Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker. Die neue Regelung soll die Finanzierung fairer gestalten und die langfristige Absicherung der Flugrettung in und um Wien gewährleisten. Für die Verantwortlichen beider Bundesländer ist die nun getroffene Vereinbarung ein wichtiger Schritt, um die bewährte Zusammenarbeit fortzusetzen und die Flugrettung als zentrale Säule der Notfallversorgung nachhaltig zu stärken. C9 steht seit 25 Jahren im Dienst der Bevölkerung und hebt von seiner Basis in Wien-Erdberg zu Einsätzen in Wien und in Niederösterreich ab. ▲ Finanzierung neu geregelt Weichenstellung in Wien und Niederösterreich für faire Kostenaufteilung bei Einsätzen von Christophorus 9. Peter Hacker, Eva Prischl und Anton Kasser am C9-Heliport. 15 Fotos: ÖAMTC/Scheiblhofer (1), Safran (1), Richard Berger/Feuerwehr.at (1), ÖAMTC/Tschernutter (1) INNOVATION Christophorus Marco Trefanitz (rechts) im Kreise der Safran-Mitarbeiter:innen. Fünf weitere Jahre Partnerschaft Die ÖAMTC-Flugrettung setzt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Safran fort. Die langjährige Zusammenarbeit zwischen der ÖAMTC-Flugrettung und Safran Helicopter Engines wird um weitere fünf Jahre verlängert. Anlässlich der Vertragsunterzeichnung in Hamburg besuchte Geschäftsführer Marco Trefanitz die Mitarbeiter:innen des Unternehmens und bedankte sich im Rahmen eines Town Hall Meetings auch für ihren Beitrag zu den ersten 500.000 Einsätzen der ÖAMTC-Flugrettung. Schließlich tragen nicht nur die Crews an den Stützpunkten, sondern auch zahlreiche Partner:innen im Hintergrund dazu bei, dass die Flugrettung Tag für Tag funktioniert. Gleichzeitig gab Trefanitz einen Ausblick auf die Zukunft der Christophorus-Flotte: Künftig setzt die ÖAMTC-Flugrettung auf den neuen Hubschraubertyp H140 und führt damit die bewährte Partnerschaft mit Safran und Airbus Helicopters fort. Ein klares Bekenntnis zu einer Zusammenarbeit, die seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag zum sicheren Flugbetrieb leistet.

16 VISION Christophorus MEHR ALS EIN AUTOPILOT Für Instrumentenflüge bei Nacht und schlechter Sicht braucht es weit mehr als gut ausgebildete Crews und eine passende Infrastruktur. Auch der Hubschrauber selbst muss zahlreiche technische Voraussetzungen erfüllen. Blick ins digitale Cockpit einer H135.

Fotos: Tomas Kika (1), ÖAMTC/Sitter (1) „Der Autopilot nimmt uns nicht die Verantwortung ab – er verschafft uns aber Zeit und Aufmerksamkeit für jene Entscheidungen, die kein System treffen kann.“ ROLAND RETSCHITZEGGER Pilot, ÖAMTC-Flugrettung 17 VISION Christophorus Von außen betrachtet unterscheidet sich ein instrumentenflugtauglicher Notarzthubschrauber kaum von anderen Maschinen: Rotorblätter, Triebwerke und Kabine sehen ähnlich aus, auch die typische Silhouette bleibt unverändert. Die entscheidenden Unterschiede verbergen sich unter der Verkleidung und im Cockpit. Allerdings reicht es für den Instrumentenflug nicht aus, einzelne zusätzliche Geräte an Bord zu haben. Nahezu jedes sicherheitsrelevante System eines IFR-Hubschraubers ist Teil eines Gesamtkonzepts, das speziell für Flüge bei Nacht oder eingeschränkter Sicht ausgelegt wurde. Von der Navigation über die Stromversorgung bis hin zu den Warnsystemen greifen zahlreiche Komponenten ineinander. Informationszentrale Cockpit Während sich Pilot:innen im Sichtflug vor allem an markanten Punkten außerhalb des Hubschraubers orientieren, müssen sie sich im Instrumentenflug vollständig auf die Anzeigen im Cockpit verlassen. Bei modernen Hubschraubern wie der H135, die bei der ÖAMTCFlugrettung im Einsatz ist, steht ein hochentwickeltes digitales Avioniksystem im Zentrum. Dieses führt Fluglage, Navigation, Warnhinweise und Systemüberwachung in einer einheitlichen Benutzer:innenoberfläche übersichtlich zusammen. Drei große Bildschirme liefern den Pilot:innen jederzeit genau jene Informationen, die in der jeweiligen Flugphase benötigt werden. Das alles klingt kompliziert, verfolgt aber ein klares und einfaches Ziel: Die Arbeitsbelastung soll reduziert werden, damit mehr Aufmerksamkeit für die sichere Durchführung des Fluges bleibt. Gerade bei schlechtem Wetter oder in komplexen Situationen kann das entscheidend sein. Teammitglied Autopilot Zu den zentralen Bestandteilen der IFRAusrüstung zählt der Vier-Achsen-Autopilot. Er übernimmt jedoch weit mehr Aufgaben, als sein Name vermuten lässt. Statt lediglich Kurs oder Höhe zu halten, unterstützt er Pilot:innen in allen wesentlichen Bewegungsrichtungen des Hubschraubers: Er kann Höhe, Geschwindigkeit und Flugweg präzise halten und begleitet die Crew bei Navigations- und Anflugverfahren. Selbst komplexe Instrumentenanflüge lassen sich dadurch deutlich exakter fliegen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Übrigens: Die beschriebenen Systeme kommen nicht nur in der heutigen H135-Flotte zum Einsatz, sondern bilden auch die Grundlage der künftigen H140-Hubschrauber der ÖAMTC-Flugrettung. Für unsere Pilot:innen bedeutet das jedoch keineswegs, die Verantwortung an eine Maschine abzugeben. Vielmehr übernimmt der Autopilot Routineaufgaben und schafft dadurch Kapazitäten für jene Entscheidungen, die kein Computersystem treffen kann. Sicher durch Redundanz Im Instrumentenflug darf es keinen einzelnen technischen Fehler geben, der sofort zum Problem wird. Deshalb setzt die Luftfahrt seit Jahrzehnten auf ein Prinzip, das auf den ersten Blick beinahe langweilig erscheint: Redundanz. Dieser Grundsatz bedeutet: Alle wichtigen Komponenten sind mehrfach in unseren Hubschraubern vorhanden. So verfügt die H135 beispielsweise über doppelte Fluglagensensoren, Luftdatenrechner und Magnetometer. Auch die Systeme zur Erfassung von Geschwindigkeit und Höhe sind mehrfach abgesichert. Fällt eine Komponente aus, stehen die notwendigen Informationen weiterhin über ein unabhängiges Ersatzsystem zur Verfügung. Dasselbe gilt für die Stromversorgung: Zwei Generatoren, eine Haupt- und eine Notbatterie stellen sicher, dass die wichtigsten Instrumente auch dann weiter funktionieren, wenn es zu technischen Problemen kommt. Erst diese Sicherheitsreserven schaffen die Voraussetzungen dafür, dass ein Hubschrauber überhaupt für den Instrumentenflug zugelassen werden kann. › Orientierung ohne Horizont Mindestens ebenso wichtig wie die Anzeigen im Cockpit ist die Navigation. Während Instrumentenflug früher vor allem auf bodengestützten Funkanlagen basierte, erfolgt die Positionsbestimmung heute zunehmend satellitengestützt. Die H135 verfügt dafür über mehrere unabhängige Navigationssysteme und ein speziell für den Instrumentenflug zugelassenes Flight Management System. Damit können moderne GPS-basierte Verfahren durchgeführt werden. Auch sogenannte „Point in Space“-Verfahren, über die wir schon häufiger berichtet haben, basieren auf dieser Technologie. Ohne die entsprechende Ausrüstung an Bord wären solche Anflugverfahren nicht möglich. Mitdenkende Technik Doch moderne IFR-Technik kann noch mehr. Systeme wie das Helicopter Terrain Awareness and Warning System, kurz HTAWS, überwachen laufend die Position des Hubschraubers im Verhältnis zu Gelände und Hindernissen. Erkennt das System eine gefährliche Annäherung, wird die Crew rechtzeitig gewarnt. Solche Systeme wurden entwickelt, um sogenannte Controlled-Flight-Intovon Stefan Tschernutter

18 VISION Christophorus Was steckt hinter IFRTechnik? ● Digitale Avionik: Moderne Displays bündeln alle wichtigen Flugdaten übersichtlich im Cockpit. ● Vier-Achsen-Autopilot: unterstützt die Pilot:innen bei Navigation und Instrumentenanflügen. ● Redundante Systeme: Wichtige Sensoren und Stromversorgungen sind mehrfach vorhanden. ● Satellitennavigation: Grundlage moderner IFR-Verfahren wie RNAV, LPV oder PinS. ● HTAWS: warnt vor Gelände und Hindernissen und erhöht die Flugsicherheit. Infobox Terrain-Unfälle zu verhindern. Dabei befindet sich das Luftfahrzeug technisch in einwandfreiem Zustand, kollidiert jedoch unbeabsichtigt mit Gelände oder Hindernissen. Speziell im Bereich der Flugrettung gelten Warnsysteme dieser Art heute als wichtiger Sicherheitsgewinn. Hinzu kommen zahlreiche weitere Einrichtungen, die von der automatischen Triebwerksüberwachung über Flugdatenschreiber bis hin zu Notfunk- und Warnsystemen reichen. Viele dieser Komponenten bleiben den Patient:innen verborgen. Für die Sicherheit der Crew und für den zuverlässigen Betrieb sind sie jedoch unverzichtbar. Basis für die Zukunft Die wetterunabhängige Flugrettung wird niemals ausschließlich eine Frage der Technik sein. Ebenso wichtig sind gut ausgebildete Crews und geeignete Verfahren. Erst das Zusammenspiel aller drei Bereiche eröffnet neue Möglichkeiten. Die dafür notwendige Ausrüstung befindet sich jedoch heute bereits an Bord der ÖAMTC-Notarzthubschrauber. Moderne Das digitale Helionix-Cockpit: alle relevanten Infos direkt im Blick. Flugrettungshelm mit Night Vision Goggles für Einsätze bei Dunkelheit. Avionik, Satellitennavigation, Autopilot und umfassende Sicherheitssysteme bilden die technische Grundlage dafür, dass Instrumentenflugverfahren künftig noch stärker genutzt werden können. Instrumentenflug beginnt nicht erst im Cockpit und endet nicht bei einem einzelnen System. Er ist das Ergebnis modernster technischer Komponenten, die ineinandergreifen und sich gegenseitig absichern. Erst dadurch entsteht jene Grundlage, die es den Besatzungen ermöglicht, auch dann sicher unterwegs zu sein, wenn das Wetter Grenzen setzt. ▲ „Für den Instrumentenflug reicht es nicht, einzelne Systeme nachzurüsten. Der gesamte Hubschrauber muss dafür ausgelegt sein, auch dann zuverlässig zu bleiben, wenn einzelne Komponenten ausfallen.“ ROLAND RETSCHITZEGGER Pilot, ÖAMTC-Flugrettung

19 VISION Christophorus Das Österreichische Umweltzeichen für Druckerzeugnisse, UZ 24, UW 686 Ferdinand Berger & Söhne GmbH. Impressum Herausgeber Christophorus Flugrettungsverein, Baumgasse 129, 1030 Wien ZVR: 727468201 Tel.: (01) 71199-37051 E-Mail: flugrettung@oeamtc.at Geschäftsführung Marco Trefanitz, Klaus Schwarzenberger, Ernst Kloboucnik Medieninhaber/Verleger ÖAMTC Verbandsbetriebe GmbH, Baumgasse 129, 1030 Wien Chefredaktion Ralph Schüller, Baumgasse 129, 1030 Wien Redaktion Martin Dünser, Tom Grumböck, Stefan Tschernutter, Wolfgang Voelckel – unter Mithilfe aller Mitarbeiter:innen des Christophorus-Teams Artdirection Andreas Hnat Layout Birgit Rusa Lektorat Angelika Hierzenberger-Gokesch Produktion Andreas Kaleta, Peter Scharnagl Druck F. Berger und Söhne Ges.m. b. H., Wiener Straße 80, 3580 Horn Offenlegung gemäß Paragraf 25 Mediengesetz: www.oeamtc.at/offenlegung Unterstützt von Christophorus M A G A Z I N Die ÖAMTC-Flugrettung war heuer beim Oslo HEMS Summit in Norwegen vertreten, einem internationalen Vernetzungstreffen für Expert:innen aus allen Bereichen der Flugrettung. Organisiert von der Norsk Luftambulanse, bot die Veranstaltung Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und aktuelle Herausforderungen der Branche zu diskutieren. Für die ÖAMTC-Flugrettung nahmen Flugbetriebsleiter Markus Seidl, der leitende Notarzt Wolfgang Voelckel, Training-Director Bernd Lang und COO Klaus Schwarzenberger teil. Auf dem Programm standen unter anderem Themen wie Großunfälle, ECMO-Transporte, Instrumentenflug sowie Tau- und Windenbergungen. Die Diskussionen waren praxisnah, offen und geprägt vom gemeinsamen Ziel, die Flugrettung weiterzuentwickeln. Neben dem fachlichen Austausch stand auch die internationale Zusammenarbeit im Mittelpunkt. „Es war ein Privileg, so viele erfahrene und engagierte Menschen an einem Ort zu treffen, um Erfolge und Herausforderungen unserer HEMS-Welt gemeinsam zu erörtern“, resümiert Klaus Schwarzenberger. Eines hat der Austausch auch gezeigt: Gerade in der Flugrettung sind starke Netzwerke und gegenseitiges Vertrauen wichtiger denn je. ▲ Vernetzung über Ländergrenzen hinweg Beim Oslo HEMS Summit trafen sich Flugrettungsexpert:innen aus ganz Europa, um aktuelle Entwicklungen zu diskutieren. Teilnehmer:innen aus ganz Europa trafen sich beim Fachkongress in Oslo. Fotos: ÖAMTC/Schornsteiner (2), Norsk Luftambulanse (1)

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