Patient:innensicherheit passiert nicht von selbst. Sie gelingt nur durch gemeinsames konsequentes Handeln. SICHER? SICHER! Christophorus März 2026 M A G A Z I N Z E I TSCHR I FT DE R ÖAMTC- F LUGR ETTUNG Österreichische Post AG – MZ 03Z035183 M – Christophorus Magazin, Baumgasse 129, 1030 Wien Emotion Verschütteter Skitourengeher wird rechtzeitig aus Lawine gerettet. Seite 4 Vision 2025 wurden die Christophorus-Crews zu 21.650 Einsätzen alarmiert. Seite 10
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3 INHALT Christkind Ein kleines Mädchen hatte es besonders eilig und erblickte auf einem Parkplatz das Licht der Welt. Zukunftsweisendes Gemeinschaftsprojekt mit dem Björn Steiger Award ausgezeichnet. 7. Emotion Horizont Instrumentenflug-Trainings sind eine Investition in die Zukunft und ein Sicherheitsplus für die Gegenwart. 16. Vision Innovation Kontrolliert Auszeichnung Lawinensprengungen als wichtiger Beitrag zum Schutz alpiner Infrastruktur. 14. 15. 12. Wie die ÖAMTC-Flugrettung Patient:innensicherheit konsequent weiterentwickelt. 8. Internationale Kooperation sorgte für höchste Sicherheitsstandards bei den Olympischen Spielen. 4. Die C99-Crew rettet einen total verschütteten Skitourengeher aus den Schneemassen. Fotos: ÖAMTC/JS (1), ÖAMTC (1), Shutterstock (1), COVERFOTO: ÖAMTC/Postl (1) Kurs auf die Zukunft Mit 2025 ist einmal mehr ein erfolgreiches Jahr für die ÖAMTC-Flugrettung zu Ende gegangen. Ein Meilenstein war dabei zweifellos die Erweiterung unseres Stützpunktnetzes auf 18 Ganzjahresstützpunkte. Dieser Ausbau bedeutet mehr Versorgungssicherheit, kürzere Flugzeiten und noch bessere medizinische Betreuung für die Menschen in Österreich. Dieser Erfolg ist das Ergebnis strategischer Planung, hoher Professionalität und des unermüdlichen Engagements unserer Crews und Mitarbeiter:innen in allen Bereichen. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Auch 2026 werden wir den Weg der Weiterentwicklung konsequent fortsetzen. Es ist ein Jahr, in dem wir in vielerlei Hinsicht die Weichen für die nächsten 20 Jahre stellen wollen. Strategische Entscheidungen bezüglich Flottenentwicklung, Infrastruktur, Digitalisierung und Personal werden unsere Organisation nachhaltig prägen. Unser Anspruch bleibt klar: höchste Qualität, maximale Sicherheit und Innovationskraft in der Flugrettung. Auch der nächste 24/7-Stützpunkt ist bereits in Planung. Damit stärken wir die flächendeckende Versorgung weiter und setzen ein starkes Zeichen für die Zukunft. Mit all diesen Vorhaben sichern wir nachhaltig die Leistungsfähigkeit der ÖAMTC-Flugrettung und schreiben gemeinsam unsere Erfolgsgeschichte mit Verantwortung und Weitblick fort. Information Starke Stimme Bilanz Interessengemeinschaft bündelt Kräfte aller NotarzthubschrauberBetreiber Österreichs. Ein dichtes Netzt an Stützpunkten macht die ÖAMTC-Flugrettung zu einer zentralen Säule der Notfallversorgung. 9. 10. MARCO TREFANITZ Geschäftsführung ÖAMTC-Flugrettung
4 EMOTION Christophorus VERSCHÜTTET. VERZWEIFELT. VERSORGT. Die C99-Crew rettet einen total verschütteten Skitourengeher in einem Wettlauf gegen die Zeit. Präzision und Routine machen das Unmögliche möglich.
5 In der alpinen Flugrettung gibt es Momente, in denen Sekunden über ein Leben entscheiden können. Am 15. Jänner 2026 war ein solcher Tag. Zu Mittag scheint für Pilot Harald Plank, Notarzt Josef Eigenstuhler und Flugretter Joachim Lettner zunächst noch alles Routine zu sein. Die C99-Crew bereitet sich am Stützpunkt im steirischen Niederöblarn gerade auf einen routinemäßigen Sekundärtransport vor – eine Patientenüberstellung vom Krankenhaus Schladming nach Schwarzach. Die Triebwerke der H135 laufen bereits, die Checklisten sind abgearbeitet, die Maschine ist startbereit. Um 13:44 Uhr zerreißt jedoch ein Funkspruch der Leitstelle die Routine: Lawinenabgang im Mörsbachgebiet bei Donnersbachwald, eine Person total EMOTION Christophorus von Antonia Lang „Dass wir so schnell am Lawinenkegel waren und den Verschütteten sofort lokalisieren konnten, zeigt, wie entscheidend unsere jährlichen Trainings sind.“ Joachim Lettner Flugretter verschüttet. In der Flugrettung gilt in solchen Momenten eine klare Priorisierung: Primäreinsatz vor Überstellung. Da die Maschine bereits auf der Plattform steht und die Triebwerke auf Betriebstemperatur sind, entfällt die übliche Startvorlaufzeit. Dieser „Zeitjoker“ sollte sich als lebensrettend erweisen. Ohne Verzögerung nimmt C99 Kurs auf den Einsatzort. Trügerisches „Bauchgefühl“ Für den 57-jährigen Norbert Suppan aus dem Grazer Umland, der in dieser Region des Öfteren selbst geplante Skitouren unternimmt, soll es ein schöner Tag in den Bergen werden. Während seine Kinder auf den gesicherten Pisten der Riesneralm bleiben, zieht es ihn in den unverspurten Tiefschnee. Kurz vor der Einfahrt in den Hang bittet er seinen Sohn, an der Bergstation abzuwarten und seine Abfahrt zu beobachten. Diese simple, aber effektive Sicherheitsmaßnahme erweist sich als das erste entscheidende Glied in der Rettungskette. An der Gstemmerscharte herrscht Lawinenwarnstufe 2. Die Schneeoberfläche wirkt optisch harmonisch, doch unter der Kruste lauert die Gefahr. „Es war ein emotionaler Fehler, dass ich trotz eines schlechten Bauchgefühls in den Hang eingefahren bin“, erinnert sich Norbert Suppan heute kritisch. Schon beim zweiten Schwung bricht die Schneedecke, ein großflächiges Schneebrett löst sich. Kampf mit Schneemassen Den Lawinenabgang erlebt er als einen Moment totaler Fassungslosigkeit. Die Lawine reißt ihn mit und wirbelt ihn mehrfach unter dem Schnee herum. Einen Lawinenairbag hat er an diesem Tag nicht dabei. „Ich bekam Schnee in den Mund, presste ihn zusammen und spuckte ihn aus. Im letzten Moment konnte ich eine kleine Atemhöhle schaffen“, beschreibt er die dramatischen Sekunden. Lawinenschnee dieser Größenordnung verwandelt sich bei seinem Stillstand sofort in eine betonharte Masse. Suppan wird rund 1,4 Meter tief begraben – unfähig, sich aus eigener Kraft auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Sein Sohn, der das Unglück aus der Ferne beobachtet, setzt sofort den Alpinnotruf 140 ab. In dieser lebensbedrohlichen Lage profitiert der Tourengeher davon, dass die Belüftungsschlitze seiner Hose › Aus der Luft war die Einfahrtspur des Verunglückten in die Lawine deutlich zu erkennen. Fotos: C99 (2)
6 EMOTION Christophorus während der Abfahrt offen waren. Durch die Überschläge in der Lawine wird Pulverschnee in seine Kleidung gewirbelt und kühlt seine Beine ab. Diese milde Hypothermie versetzt seinen Organismus in eine Art „Energiesparmodus“. Der Sauerstoffverbrauch der Muskulatur sinkt, wodurch die knappe Luft in seiner winzigen Atemhöhle länger ausreicht. „Ich habe mich vollkommen entspannt und geistig abgeschaltet, ganz flach geatmet und keinen Muskel bewegt, um Sauerstoff zu sparen. Als ich die leise pochenden Rotorgeräusche des Hubschraubers hörte, begann ich, wieder alles um mich wahrzunehmen, blieb aber völlig regungslos“, schildert er die Zeit unter der Lawine. Präzisionsarbeit Nach vier Flugminuten erreicht C99 das Einsatzgebiet. Der Lawinenkegel – rund 200 Meter lang und 30 Meter breit – ist im steilen Gelände sofort ausgemacht. Auch die Einfahrtspur des Verunglückten ist aus der Luft deutlich zu erkennen. Da eine Landung im steilen Hang unmöglich ist, demonstriert Pilot Harald Plank fliegerisches Fingerspitzengefühl: Er stabilisiert die H135 im Schwebeflug unmittelbar über dem Lawinenauslauf. Flugretter Joachim Lettner und Notarzt Josef Eigenstuhler steigen über die abgestützte Kufe direkt aus. Noch bevor er den Hubschrauber verlässt, aktiviert Lettner sein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS). „Nach dem Ausstieg hatte ich sofort ein Signal“, so Lettner. Während der Notarzt das medizinische Equipment vorbereitet, beginnt Lettner mit der Punktortung. Nach nur wenigen gezielten Schaufelstichen trifft Lettner auf Widerstand. „Als die Lawinenschaufel an meinen Skischuh stieß, habe ich mit meinem Unterschenkel gewackelt. Ich atmete ruhig weiter und wartete ab, bis ich Frischluft erhielt“, schildert Norbert Suppan. Die C99-Crew arbeitete sich rasch zum Kopf vor, der etwa 70 Zentimeter tiefer liegt. Nach der Erstversorgung wird das Lawinenopfer im Bergesack gesichert, mittels Taubergung aus dem steilen Gelände evakuiert und zur Talstation der Riesneralm geflogen. Dort erfolgen die Umlagerung in die Kabine des C99 und der anschließende Transport in das Krankenhaus Schladming. Besuch am Stützpunkt Die schönste Bestätigung für die Arbeit der Christophorus-Crew folgt bereits wenig später. Der Verschüttete erlitt glücklicherweise nur leichte Verletzungen und besucht schon am nächsten Tag den Stützpunkt in Niederöblarn, um sich herzlichst zu bedanken. Flugretter Joachim Lettner betont dabei die Relevanz der ständigen Aus- und Weiterbildung durch das Air Rescue College, die Ausbildungsabteilung der ÖAMTCFlugrettung: „In solchen Stresssituationen macht es sich bezahlt, dass wir die Basics jedes Jahr wiederholen. Im Einsatz funktioniert man dann genauso routiniert, wie man es geübt hat.“ ▲ Bereits am nächsten Tag besuchte Norbert Suppan Flugretter Joachim Lettner am Stützpunkt im steirischen Niederöblarn.
7 EMOTION Christophorus Fotos: C17 (1), zVg (2), C99 (1) Hochbett Marke Eigenbau zur großen Freude der kleinen Hubschrauber-Fans. Für die Sieger gab es die begehrte Trophäe der Firma Rosentalschmiede. Nach der aufregenden Geburt ging es für beide zunächst einmal ins Krankenhaus. Mit dem Hubschrauber ins Traumland Rettungssanitäter baut Bett im ÖAMTC-Design. Spannendes Duell auf der Kartbahn Flugpolizei Salzburg holt erstmals den Wanderpokal. Eine ganz besondere Idee hat Herbert aus Unterach am Attersee umgesetzt: Für seine beiden Kinder Matthäus und Johanna baute er in liebevoller Handarbeit ein Bett im Design eines ÖAMTC-Notarzthubschraubers. Seit einigen Jahren können die beiden nun jeden Abend mit ihrem Hubschrauber in Richtung Traumland abheben. Auch heuer kam es wieder zur traditionellen Gokart-Challenge zwischen den Crews von Christophorus 6 und der Flugeinsatzstelle Salzburg der Flugpolizei. In einem hart, aber fair geführten Wettkampf lieferten sich beide Teams packende Duelle auf der Rennstrecke. In zwei spannenden Läufen wurde der Sieger anhand der errechneten Mittelzeit ermittelt – ein Modus, der nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Konstanz verlangt. Nach zwei vorangegangenen Anläufen gelang es heuer erstmals der Crew der Flugpolizei Salzburg, sich knapp, aber verdient durchzusetzen. Damit ging der heiß begehrte Wanderpokal der Firma Rosentalschmiede in Neukirchen am Großvenediger der Gebrüder Karl erstmals an die Flugpolizei. Neben sportlichem Ehrgeiz und Motorsport-Feeling stand vor allem eines im Mittelpunkt: der kameradschaftliche Austausch zwischen zwei Organisationen, die auch im Einsatzalltag eng zusammenarbeiten. Fast ein Christkind Mädchen kommt auf Parkplatz zur Welt. Ein ganz besonderer Einsatz ereignete sich kurz vor Weihnachten in Traboch: Christophorus 17 wurde zu einer „Geburt im Auto“ auf den Parkplatz eines Supermarkts alarmiert. Als das Team des Roten Kreuzes aus Trofaiach eintraf, war der Kopf des Babys bereits zu sehen. Kurz darauf landete auch der Notarzthubschrauber in unmittelbarer Nähe des Einsatzortes. Nur wenige Minuten später erblickte ein gesundes Mädchen das Licht der Welt. Mutter und Kind waren wohlauf und wurden noch vor Ort gemeinsam im Rettungswagen medizinisch versorgt und untersucht. Die Abnabelung übernahm – sichtlich stolz – der Vater persönlich. Der Einsatz kurz vor Weihnachten zeigte einmal mehr das reibungslose Zusammenspiel von Rotem Kreuz und ÖAMTC-Flugrettung und endete für alle Beteiligten mit einem ganz besonderen Geschenk.
8 Während Athlet:innen umMedaillen kämpften, leistete die ÖAMTCFlugrettung einen wesentlichen Beitrag zur notfallmedizinischen Sicherheit der Olympischen Winterspiele. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner aus Südtirol, Aiut Alpin, stellte sie einen von insgesamt drei Notarzthubschraubern, die über die gesamte Dauer der Spiele für die notfallmedizinische Versorgung bereitstanden. Der in Bormio stationierte, mit einer Winde ausgerüstete Hubschrauber war durchgehend einsatzbereit. Hubschrauber und Piloten kamen aus Österreich, die medizinische Crew stellte der langjährige Südtiroler Partner. Ein starkes Beispiel für gelebte internationale Zusammenarbeit in Am Himmel über Bormio Internationale Kooperation sorgt für höchste Sicherheitsstandards bei sportlichem Großereignis. Fotos: zVg (2), Illustration: kurzundkallweit.at INFORMATION Christophorus der Flugrettung. „Derartige Großveranstaltungen stellen höchste Anforderungen an Planung, Technik und Zusammenarbeit“, betont Marco Trefanitz, Geschäftsführer der ÖAMTC-Flugrettung. „Genau dieses Zusammenspiel ist daher entscheidend, wenn es nicht nur bei den Rennen auf jede Sekunde ankommt.“ Vielfältige Erfahrung Die ÖAMTC-Flugrettung bringt umfassende Erfahrung aus der Absicherung hochkarätiger Sportveranstaltungen mit. Zuletzt sorgte sie etwa beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel, beim Weltcup-Auftakt in Sölden oder bei der alpinen Ski-Weltmeisterschaft 2025 in Saalbach-Hinterglemm für zusätzliche Sicherheit. Aber auch bei Formel-1-Rennen in Österreich oder in Ungarn ist sie mit einem Notarzthubschrauber einsatzbereit. „Ob bei Weltmeisterschaften, Weltcuprennen oder internationalen Großereignissen – unsere Aufgabe ist es, medizinische Spitzenversorgung unter schwierigsten Bedingungen sicherzustellen“, so Trefanitz. „Das gilt für eisige Pisten ebenso wie für Rennstrecken im Motorsport.“ Wie schon bei früheren Großevents standen auch bei den Olympischen Spielen intensive Vorbereitung und klar definierte Abläufe im Mittelpunkt. Der Einsatz des Hubschraubers ermöglichte Rettungen auch aus schwer zugänglichem Gelände und ergänzte das bestehende Sicherheitskonzept vor Ort optimal. Technik im Hintergrund Damit der Helikopter jederzeit starten konnte, arbeitete im Hintergrund ein weiteres Team: die Techniker:innen der HeliAir. Sie übernahmen Daily und Preflight-Checks, Betankung, Enteisung und kontrollierten nach jedem Einsatz die Rettungswinde. Mit Wartungsbus, Ersatzteilen und Spezialwerkzeug waren sie auch für alle Arten technischer Störungen gerüstet. Hangarierung, Schneeräumung am Heliport oder die Begleitung von Trainingsflügen als Luftraumbeobachter:innen gehören ebenfalls zu ihren Aufgaben. Ein meist unsichtbarer, aber dennoch unverzichtbarer Beitrag. „Dass wir gemeinsam mit Aiut Alpin einen Beitrag zur Sicherheit der Olympischen Spiele leisten durften, ist ein starkes Zeichen für das Vertrauen in unsere Arbeit und unsere Kompetenz“, so Trefanitz. In diesem Sinne war Olympia Teamarbeit über Organisations- und Landesgrenzen hinweg. Und genau diese Zusammenarbeit macht es möglich, dass Hilfe aus der Luft dann kommt, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. ▲ Flugretter und Bergespezialist kamen aus Südtirol, Hubschrauber und Pilot aus Österreich.
9 Auftakt ins neue Arbeitsjahr EHAC Board Meeting 2026 in Den Haag. Das erste EHAC Board Meeting des Jahres 2026 fand kürzlich in Den Haag statt. Gastgeber war ANWB Medical Air Assistance, eines der Gründungsmitglieder des European HEMS & Air Ambulance Committee (EHAC). Einige Mitglieder waren bei diesem Treffen zudem online zugeschaltet. Erstmalig war diesmal auch Bastiaan Kroes (Bildmitte) als neues EHAC-Boardmitglied mit dabei. Seine Berufung in das Gremium unterstreicht die langjährige und enge Verbundenheit des ANWB mit der europäischen HEMS-Zusammenarbeit und setzt ein starkes Zeichen für Kontinuität im internationalen Netzwerk. Auf der Agenda standen unter anderem die nächsten Planungsschritte für die AirMed 2026 sowie erste Überlegungen zum 25-jährigen Bestehen des EHAC – einem bedeutenden Jubiläum für das Komitee. Darüber hinaus befasste sich das Board mit aktuellen Entwicklungen auf europäischer Regulierungsebene und den jüngsten EASA-Updates, die für HEMS- und Air-Ambulance-Operationen in Europa von besonderer Relevanz sind. Österreich verfügt über ein flächendeckendes und bestens organisiertes Notarzthubschrauber-System, das die präklinische Notfallversorgung von Patient:innen aus der Luft sicherstellt. Um dabei einheitliche Kriterien – von der medizinischen Versorgung bis hin zur Abrechnung – zu gewährleisten, haben sich alle Betreiber 2015 in der Interessengemeinschaft Notarzthubschrauber (IG NAH) zusammengeschlossen. Diese Plattform dient in erster Linie dazu, gemeinsame Positionen zu erarbeiten und den vielfältigen organisatorischen, medizinischen und rechtlichen Herausforderungen der Flugrettung koordiniert zu begegnen. Ein wesentliches Ziel ist es zudem, insbesondere gegenüber dem Dachverband der Sozialversicherungsträger mit einer Ansprechstelle aufzutreten. Mit Beginn dieses Jahres hat nun Marco Trefanitz die Funktion des Sprechers der IG NAH übernommen. In dieser Rolle vertritt er die gemeinsamen Interessen und stärkt die Zusammenarbeit INFORMATION Christophorus Das EHAC-Board bei seinem ersten Treffen 2026 in den Niederlanden. Lawineneinsätze waren auch 2003 schon ein Thema. Letzter Einsatz Seit Dezember 2003 ist der erste Notarzthubschrauber Österreichs, eine Ecureuil AS355F, als zentrales Schaustück in der Verkehrssammlung des Technischen Museums Wien zu sehen. Bevor der Helikopter seinen „letzten Einsatz“ im Museum antrat, wurde er von Schüler:innen der Bundesfachschule für Flugtechnik in Langenlebarn in mehr als 1.200 Arbeitsstunden mit großem Engagement restauriert. Im Rahmen eines Festakts wurde er schließlich feierlich an das Museum übergeben, worüber das ChristophorusMagazin in der Dezember-Ausgabe desselben Jahres ausführlich berichtete.. Anno dazumal Starke Stimme für die Flugrettung Interessengemeinschaft bündelt Kräfte der Notarzthubschrauber-Betreiber. innerhalb des Systems. Zudem kann er nun auch seine internationalen Erfahrungen als EHAC-Board-Member auf nationaler Ebene einfließen lassen.
C8 C5 C1 C4 C7 LIENZ REITH INNSBRUCK ZAMS NENZING VORARLBERG TIROL 942 Alpin 5 HINTERTUX 388 AlpinHeli6 ZELL/SEE 519 Alpin 2 SÖLDEN 575 999 930 753 810 21.650 EINSÄTZE 10 INFORMATION Christophorus
C12 C17 C10 C15 C2 C9 C18 C16 C3 ITH C14 C99 CE3 SUBEN LINZ GNEIXENDORF WR. NEUSTADT FRAUEN KIRCHEN OBERWART GRAZ ST. MICHAEL NIEDERÖBLARN SALZBURG KÄRNTEN STEIERMARK OBERÖSTERREICH NIEDERÖSTERREICH BURGEN LAND WIEN YBBSITZ 1.342 1.275 1.215 1.117 1.449 1.073 1.468 1.208 C6 SALZBURG 1.735 C11 KLAGENFURT 1.068 Alpin 1 PATERGASSEN 314 1.297 1.029 290 724 924 11 INFORMATION Christophorus Ein dichtes Netz an Stützpunkten macht die ÖAMTC‑Flugrettung zu einer zentralen Säule der Notfallversorgung. Österreichweit sind die erfahrenen Crews täglich dort im Einsatz, wo jede Minute zählt.
12 Der Moment dauert nur Sekunden. Schlechte Sicht, hektische Abläufe, zwei Ampullen, die fast gleich aussehen. Ein ähnlicher Name, eine ähnliche Farbe – und schon ist das falsche Medikament aufgezogen. Solche Verwechslungen sind selten, aber sie zeigen, wie viel in der Notfallmedizin vom richtigen Handgriff im richtigen Augenblick abhängt. Und sie verdeutlichen, warum Patient:innensicherheit nicht erst im Krankenhaus beginnt, sondern bereits am Notfallort und im Inneren des Hubschraubers eine zentrale Rolle spielt. Für die Crews der ÖAMTC-Flugrettung ist Medikamentengabe tägliche Routine, bei klassischen Notarzteinsätzen ebenso wie bei Intensivtransporten. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass der Mensch unter Stress fehleranfällig bleibt. Sicherheit ist daher keinZustand, sondern ein fortlaufender Entwicklungsprozess. AUF NUMMER SICHER Wie die ÖAMTC-Flugrettung Patient:innensicherheit konsequent weiterentwickelt – und warum der Beitritt zur Plattform Patient:innensicherheit ein wichtiges Signal ist. INNOVATION Christophorus von Ralph Schüller
13 INNOVATION Christophorus So wurde in den vergangenen Jahren konsequent daran gearbeitet, Standards weiter auszubauen und noch verlässlicher umzusetzen. Ein zunehmend strukturiertes Sicherheitskonzept bildet dafür die Grundlage: Spritzen werden mit neuen, gut lesbaren, farbcodierten Normetiketten versehen, Ampullarien – also die Medikamentenboxen – werden ident eingeräumt und Steckplätze beschriftet. Vor jeder Medikamentengabe wirft eine zweite Person einen kontrollierenden Blick darauf und auch Anweisungen werden bewusst wiederholt, um Missverständnisse zu vermeiden. Was selbstverständlich wirkt, ist jedoch das Ergebnis systematischer Arbeit und bleibt ein kontinuierlicher Auftrag. Mehr als Medizin Doch Patient:innensicherheit meint weit mehr als die korrekte Dosierung. Sie umfasst den gesamten Einsatz. Sie entsteht dort, wo Rollen klar definiert sind, Kommunikation strukturiert abläuft und Teams auch unter Druck handlungsfähig bleiben. Sie zeigt sich in standardisierten Abläufen, in bewusst gesetzten Sicherheitsbarrieren und in einer Kultur, in der Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen. Sicherheit beginnt in Wirklichkeit schon lange vor dem eigentlichen Einsatz: in Vorbereitung, Training und gemeinsamen Standards. Und sie wirkt darüber hinaus – in Nachbesprechungen, im Lernen aus Ereignissen und in der konsequenten Weiterentwicklung von Prozessen. Wie komplex Sicherheit tatsächlich ist, zeigt ein zentrales Modell der Sicherheitsforschung: das Schweizer-Käse-Modell. Jede Schutzmaßnahme bildet eine eigene Barriere – vergleichbar mit einer Scheibe Käse, die unvermeidbare Schwachstellen („Löcher“) enthält. Ein Schaden entsteht nicht durch einen einzelnen Fehler, sondern erst dann, wenn sich mehrere dieser Schwachstellen über verschiedene Ebenen hinweg ausrichten. Die Aufgabe eines Sicherheitssystems ist daher, möglichst viele stabile Barrieren zu schaffen, damit solche Ausrichtungen gar nicht erst entstehen. Genau diesem Prinzip folgt die Patient:innensicherheitsinitiative der ÖAMTC-Flugrettung. Fehler verstehen Im Mittelpunkt stehen sogenannte „Never Events“ – Ereignisse, die unter keinen Umständen passieren dürfen. Sie werden klar benannt, analysiert und offen kommuniziert. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, Risiken sichtbar zu machen. „Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem jeder Hinweis ernst genommen wird und in dem Melden als Beitrag zur Sicherheit verstanden wird“, sagt Bernhard Obholzer, Safety Manager der ÖAMTC-Flugrettung. „Transparenz ist kein Risiko, sondern eine Stärke.“ Diese Haltung bildet den Kern einer „Just Culture“, also einer Organisationskultur, in der Fehler oder beinahe eingetretene Zwischenfälle nicht vertuscht, sondern systematisch aufgearbeitet werden. Sie tauchen in Safety-Reports auf, werden in Besprechungen diskutiert und fließen in Trainings und simulationsbasierte Übungen ein. Besonders sensible Bereiche wie Kindernotfälle oder die Atemwegssicherung werden regelmäßig anhand von Risikoanalysen durchgespielt, damit Crews auf seltene, aber kritische Situationen optimal vorbereitet sind. Das AirRescueCollege (Ausbildungsabteilung) und das Safety-Management arbeiten dabei eng zusammen, denn Sicherheit ist immer Teamarbeit. Vernetzt lernen Schon in der Vergangenheit wurden in der ÖAMTC-Flugrettung Entscheidungen und Projekte auf Basis der Expertise der Plattform Patient:innensicherheit oder vergleichbarer Organisationen getroffen. Nun ist sie der Plattform offiziell beigetreten. Dieser Schritt unterstreicht, dass Sicherheit nicht an den eigenen Strukturen enden darf. Der Austausch mit externen Expert:innen, das Lernen von anderen Organisationen und das Teilen eigener Erfahrungen stärken das gesamte System. Patient:innensicherheit ist kein Projekt mit Ablaufdatum. Sie ist ein fortlaufender Prozess, getragen von klaren Standards, regelmäßigen Trainings, offener Kommunikation und der Bereitschaft, aus jedem Vorfall zu lernen. Wenn ein Notarzthubschrauber startet, geht es immer darum, Menschen in einer Extremsituation bestmöglich zu helfen – schnell, kompetent und vor allem sicher. Der Beitritt zur Plattform Patient:innensicherheit ist deshalb nicht nur ein organisatorischer Schritt, sondern ein Bekenntnis: Sicherheit ist kein Zufall. Sie ist tägliche Arbeit. ▲ Die Medikamentengabe ist einer von vielen Punkten in Bezug auf Patient:innensicherheit. Fotos VON: ÖAMTC/Kika (2)
14 Gezielte Lawinensprengungen erhöhen die Sicherheit. Einweisung des Helikopters zum Tanken. Nächtliche Einsatzbetankung Lebensrettung ist Teamarbeit über alle Organisationsgrenzen hinweg. Kontrollierte Sicherheit aus der Luft Lawinensprengungen als wichtiger Beitrag zum Schutz alpiner Infrastruktur. Was tagsüber kaum ein Problem darstellt, erfordert bei nächtlichen Einsätzen deutlich mehr Planung: Wann und wo kann ein Hubschrauber aufgetankt werden, damit er sicher zu seinem Stützpunkt zurückkehren kann? Dass sich diese Frage stellt, hat mit der verfügbaren Infrastruktur zu tun, denn nachts gibt es kaum Flughäfen, die in Betrieb sind und damit auch zum Tanken angeflogen werden können. Eine besondere Lösung für diese Herausforderung bietet die enge Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr Mondsee (OÖ). Dort steht ein Tankwagen mit Kerosin zur Verfügung, der in verschiedenen Szenarios genutzt werden kann, darunter z. B. das Nachtanken von Helikoptern bei der Waldbrandbekämpfung. Oder auch von einem ÖAMTC-Notarzthubschrauber, so geschehen Anfang Februar 2026: Der in Niederöblarn stationierte Christophorus 14 hatte nachts einen Patienten ins Krankenhaus Salzburg geflogen. Aus Sicherheitsgründen entschied sich die Crew, für den Rückflug neuen Sprit an Bord zu nehmen. Nach entsprechender INNOVATION Christophorus Durch den Nebel Das Nebeldurchstoßverfahren entspricht im Prinzip dem Instrumentenlandesystem (ILS), das z. B. von Passagierflugzeugen genutzt wird. Das System besteht aus am Boden installierten Sendern, die Leitstrahlen erzeugen und damit den Weg zum Aufsetzpunkt weisen. Eine Koppelung mit dem Autopiloten ermöglicht der Crew so bei schlechten Sichtverhältnissen automatische An- und Abflüge. Von der ÖAMTC-Flugrettung wird dieses Verfahren aktuell an drei Stützpunkten in unmittelbarer Nachbarschaft von Flughäfen mit ILS genutzt: C10 (Linz), C11 (Klagenfurt) und C12 (Graz). Wissenswert Meldung an die Leitstelle wurde die Feuerwehr Mondsee alarmiert und zu einem der vorab eigens für solche Fälle definierten Plätze geschickt. Dort traf wenig später auch der Notarzthubschrauber ein, wurde eingewiesen und von den Kamerad:innen der Freiwilligen Feuerwehr betankt. Zu Jahresbeginn herrschte in vielen Regionen Österreichs erhebliche Lawinengefahr. Um Verkehrswege, Siedlungsräume und Skigebiete zu schützen, setzen die Verantwortlichen auch auf die kontrollierte künstliche Lawinenauslösung – ein international bewährtes Instrument der Prävention. Expert:innen der örtlichen Lawinenkommissionen beobachten Wetter- und Schneesituation, erstellen Schneedeckenprofile und beurteilen laufend die Gefahrenlage. Auf dieser Basis werden gemeinsam mit Sprengbefugten gezielte Maßnahmen gesetzt. Unterstützt werden sie dabei aus der Luft, nämlich von Hubschraubern. Hier kommt auch die Elikos ins Spiel. Mit ihrem fliegerischen Know-how, ihren erfahrenen Hochgebirgspilot:innen und präziser Einsatzkoordination ist sie bei Lawinensprengungen ein verlässlicher Partner. Der Hubschrauber ermöglicht punktgenaue Abwürfe selbst in schwierigem Gelände und ist damit oft das Mittel der Wahl. Ziel aller Maßnahmen ist es, potenzielle Lawinenhänge kontrolliert zu entlasten, große unkontrollierte Abgänge zu verhindern und lange Sperren zu vermeiden. Die Einsätze bleiben meist im Hintergrund, ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch in sicheren Pisten, offenen Verkehrsverbindungen und einem Plus an Sicherheit im alpinen Raum.
15 Erneut große Anerkennung für ein zukunftsweisendes Gemeinschaftsprojekt in der Notfallversorgung: Das internationale Drohnenprojekt von ÖAMTC-Flugrettung, ANWB Medical Air Assistance und Touring Club Schweiz wurde in Berlin mit dem Björn Steiger Award in den Kategorien Technik und Forschung ausgezeichnet. Die Björn Steiger Stiftung würdigt mit diesem Preis herausragende Projekte, innovative Forschung und technologische Entwicklungen im Rettungswesen. Im Zentrum der Kooperation steht das Ziel, Drohnen als ergänzendes Einsatzmittel im Rettungsdienst zu etablieren. Sie sollen künftig medizinische Güter wie Medikamente, Blutkonserven oder Defibrillatoren schnell und effizient in schwer erreichbare Regionen oder zu besonders zeitkritischen Notfällen transportieren. Damit kann wertvolle Zeit gewonnen und die präklinische Versorgung gezielt unterstützt werden. Das Projekt überzeugte die Jury insbesondere durch seinen praxisnahen Ansatz und sein großes Potenzial für die Weiterentwicklung der Flugrettung. Die Kooperation der drei Organisationen steht beispielhaft für eine moderne, vernetzte Notfallversorgung in Europa. Sie zeigt, wie technologische Innovation, operative Erfahrung und internationale Zusammenarbeit zusammenwirken können, um die Versorgung von Patient:innen weiter zu verbessern. ▲ Auszeichnung in Berlin Björn Steiger Award würdigt Innovation im Rettungsdienst. Michael Poglitsch, Marco Trefanitz und Jonas Heller haben den Preis in Berlin übernommen. Fotos: Elikos (1), FF Mondsee (1), Björn Steiger Stiftung (1), C9 (1), C11 (1) Auch zu Verkehrsunfällen werden die Christophorus-Hubschrauber alarmiert. 65 Jahre Verkehrsunfallstatistik Deutlicher Rückgang trotz stark gestiegenen Kfz-Bestandes. Seit 1961 werden Verkehrsunfälle mit Personenschaden in Österreich systematisch erfasst. In den vergangenen 65 Jahren verunglückten bei rund 2,7 Millionen Unfällen mit Verletzten oder Getöteten insgesamt etwa 3,6 Millionen Menschen, 87.308 davon tödlich. Besonders eindrücklich zeigt sich die Entwicklung im langfristigen Vergleich: Das Jahr 1972 brachte mit 2.948 Getöteten den traurigen Höchstwert. 2025 waren es 397 Tote, während sich der Kfz-Bestand im selben Zeitraum jedoch mehr als verfünffachte. Als wesentlicher Faktor für den Rückgang der Todesopfer gelten massive Fortschritte in der Fahrzeugsicherheit – von Sicherheitsgurten und Airbags bis hin zu modernen Assistenzsystemen. Aus Sicht des ÖAMTC besteht aber weiterhin Handlungsbedarf: Künftige Verkehrssicherheitsarbeit müsse neben der weiteren Reduktion der Verkehrstoten verstärkt auf die Senkung der Anzahl von Schwer- und Schwerstverletzten abzielen. INNOVATION Christophorus
WENN DER HORIZONT VERSCHWINDET Nur wenige Christophorus-Einsätze werden bisher im Instrumentenflug absolviert. Dass dafür trainiert wird, ist eine Investition in die Zukunft – und ein Sicherheitsplus für die Gegenwart. Vision Christophorus 16
17 Vision Christophorus von Stefan Tschernutter › Der Horizont ist nicht mehr zu sehen, alle Konturen, die Landschaft und der Himmel scheinen sich in einförmiges Grau aufgelöst zu haben. Im Cockpit herrscht Ruhe, die Konzentration ist greifbar. Der Blick wandert vom künstlichen Horizont zum Höhenmesser, vom Variometer zum Kurskreisel. Draußen ist nichts zu sehen – drinnen muss alles passen. Franz Putz hat es geschafft: Er hat die notwendigen Flugstunden gesammelt, um einen Hubschrauber in Österreich nach Instrumentenflugregeln (IFR) im gewerblichen Flugbetrieb steuern zu dürfen. Als erster Christophorus-Pilot ist er dafür nach seiner IFR-Grundausbildung in die USA gereist. Und er war nicht der letzte, der zu diesem Zweck zur Hillsboro Aero Academy im US-Bundesstaat Oregon geschickt wurde: Mit Christoph Maa und Manuel Digruber stehen die nächsten Kandidaten, die im Zuge eines „Timebuilding“ abheben werden, bereits in den Startlöchern. Knackpunkt Wetter In eine Situation wie eingangs beschrieben kommen Christophorus-Pilot:innen nur selten. Die überwiegende Mehrheit aller Einsätze wird im Sichtflug absolviert, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass ein Notarzthubschrauber regelmäßig im freien Gelände landen muss – und das ist eben nur auf Sicht möglich. Dennoch ist die Fähigkeit zum Flug nach IFR wichtig: Sie ist auch ein zusätzliches Sicherheitsnetz für Sichtflüge, wenn Sichtweite, Wetter oder Tageslicht an ihre Grenzen stoßen. Das kann mitunter auch ganz plötzlich passieren, wenn sich die Wolken schließen oder Nebel aufzieht. Unabhängig davon ist durch den technischen Fortschritt heute viel mehr möglich als früher. So wird das seit über zehn Jahren am Stützpunkt von Christophorus 11 (Klagenfurt) etablierte Nebeldurchstoßverfahren mittlerweile auch in Graz (Christophorus 12) und Linz (Christophorus 10) eingesetzt und hat bereits viele Leben gerettet. Aktuell wird außerdem am Point-in-Space-Verfahren (PinS) gearbeitet, das mittels Satellitennavigation Starts und Landungen an fixen Punkten, z. B. Krankenhäusern, auch bei schlechter Sicht erlaubt. In Zukunft sollen solche PinS-Verfahren durch ein „Low Level Flight Network“, ein speziell für Notarzthubschrauber geschaffenes Luftstraßennetz in geringer Flughöhe, verbunden werden. Um dieses Potenzial ausschöpfen zu können, investiert die ÖAMTC-Flugrettung bereits jetzt in eine moderne, IFR-taugliche Flotte. Es braucht aber auch Personal, das zum Flug unter solchen Bedingungen berechtigt ist. Für einen Teil der Pilot:innen trifft das bereits zu, weil der entsprechende Eintrag z. B. aus Vordienstzeiten schon in der Lizenz steht. Alle anderen durchlaufen Schulungen am Simulator und im Cockpit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die volle Berechtigung zum kommerziellen Instumentenflug ist hingegen eine Investition in die Zukunft, wenn neue Hubschrauber und Verfahren in größerer Breite zur Verfügung stehen. Grundausbildung in Europa Die Grundausbildung im Instrumentenflug findet für die Christophorus-Pilot:innen vollständig in Österreich statt. Sie beginnt mit intensiver Theorie, geht über 40 Stunden im Simulator von RotorSky in Linz-Hörsching und führt schließlich zu mindestens zehn Stunden Instrumentenflug im Notarzthubschrauber unter Aufsicht einer:eines Fluglehrer:in. In diesen Phasen geht es um Verfahren, Cockpitlogik und das Vertrauen in die Instrumente, wenn draußen jede Referenz fehlt. Ist dieser Teil der Ausbildung abgeschlossen, sind die Pilot:innen grundsätzlich zum Flug nach IFR berechtigt. Für den kommerziellen IFR-Betrieb – und als solcher gilt die Flugrettung – schreibt die EASA, die Europäische Agentur für Flugsicherheit, allerdings insgesamt 100 Instrumentenflugstunden auf Hubschraubern vor. Nach Abschluss der Ausbildung fehlen also rund 50 Stunden – und genau diese zu sammeln, ist in Europa erstaunlich schwierig und kostspielig. Timebuilding in Amerika Und hier kommt der eingangs erwähnte Trip ins ferne Amerika ins Spiel: Dort ist der Instrumentenflug mit dem Helikopter etablierter als bei uns, dadurch findet man viele Flugplätze mit unterschiedlichsten Anflugverfahren und perfekte Voraussetzungen für ein intensives Training vor. Hinzu kommt der wirtschaftliche Aspekt: Das Regulativ erlaubt in den USA den Instrumentenflug mit vergleichsweise kleinen Maschinen, für die z. B. keine Start- und
18 Vision Christophorus Landegebühren anfallen. Die Reise über den großen Teich ist damit in jeder Hinsicht eine Investition in die Zukunft, die sich lohnt – dass es künftig auch andere, näher liegende Lösungen gibt, ist freilich nicht auszuschließen. In dieser Zeit, die ungefähr drei Wochen dauert, üben die Pilot:innen nochmals, sich ausschließlich auf ihre Instrumente zu verlassen, wenn die Außenwelt als Referenz wegfällt. Dabei kommen entweder spezielle Brillen zum Einsatz, die Nebel simulieren, oder manchmal werden auch Teile der Cockpitverglasung abgedeckt. So kann nahezu gefahrlos geübt werden – Flüge, die wirklich in die Wolken führen, sind auch in den USA nicht ohne Weiteres möglich. Dank ausgefeilter Trainingsmethoden sind sie allerdings auch nicht nötig, was das Risiko minimiert. Anspruchsvolle Arbeit Die Arbeit der Christophorus-Pilot:innen ist in vielerlei Hinsicht anspruchsvoll – man denke etwa an nächtliche Außenlandungen oder Taubergungen aus schwierigem Gelände. Und auch der Instrumentenflug ist keine Ausnahme: Anders als z. B. ein großes Passagierflugzeug ist der Hubschrauber instabiler, reagiert sensibler auf kleinste Steuerimpulse und verlangt permanente Korrektur. Ohne visuelle Referenz kann jeder Fehler in einer Katastrophe enden. Damit das nicht passiert, zielt das Training nicht nur auf fliegerische Verfahren ab, sondern auch auf mentale Stabilität: Vertrauen in die Anzeigen und in das in der Theorie Gelernte und in der bisherigen Praxis Geübte. Denn auch wenn der Instrumentenflug den Sichtflug nie ersetzen wird, erweitert er den Handlungsspielraum in jenen Momenten, in denen es darauf ankommen kann. Und genau das kann am Ende den Unterschied für Patient:innen machen. ▲ Was bringen IFR konkret? ● Erweiterung des Einsatzspektrums um geplante Flüge in bzw. durch Wolken, die sonst nicht durchgeführt werden könnten. ● Sicherheitsreserve: Pilot:innen können sicherer reagieren, wenn sie unbeabsichtigt in Wolken geraten – besonders nachts entscheidend. ● Moderne Technik nutzen: Aktuelle Hubschrauber-Generationen bieten Autopilot und stabile Fluglage; Der Flug nach IFR ermöglicht, diese Systeme voll auszuschöpfen. ● Zukunftsfähigkeit: mehr Flüge bei Schlechtwetter erwartet; IFRBerechtigung wird zunehmend gefordert. ● Internationale Standards: Verfahren sind standardisiert; Pilot:innen können flexibler in unterschiedlichen Lufträumen operieren. Infobox IFR-Systeme ermöglichen künftig mehr Flüge bei schlechtem Wetter. Fotos: Schornsteiner (1), zVg (1), ÖAMTC/Mikes (1)
19 Christophorus VISION Das Österreichische Umweltzeichen für Druckerzeugnisse, UZ 24, UW 686 Ferdinand Berger & Söhne GmbH. Impressum Herausgeber Christophorus Flugrettungsverein, Baumgasse 129, 1030 Wien ZVR: 727468201 Tel.: (01) 71199-37051 E-Mail: flugrettung@oeamtc.at Geschäftsführung Marco Trefanitz, Klaus Schwarzenberger, Ernst Kloboucnik Medieninhaber/Verleger ÖAMTC Verbandsbetriebe GmbH, Baumgasse 129, 1030 Wien Chefredaktion Ralph Schüller, Baumgasse 129, 1030 Wien Redaktion Antonia Lang, Stefan Tschernutter – unter Mithilfe aller Mitarbeiter:innen des Christophorus-Teams Artdirection Andreas Hnat Layout Peter Scharnagl Lektorat Angelika Hierzenberger-Gokesch Produktion Andreas Kaleta, Peter Scharnagl Druck F. Berger und Söhne Ges.m. b. H., Wiener Straße 80, 3580 Horn Offenlegung gemäß Paragraf 25 Mediengesetz: www.oeamtc.at/offenlegung Unterstützt von Christophorus M A G A Z I N Wenn heute ein Notarzthubschrauber im alpinen Gelände landet, wird das als selbstverständlich gesehen. Abläufe greifen ineinander, Handgriffe sitzen, die Zusammenarbeit funktioniert. Dass das so ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Walter Phleps. Er war keiner, der große Worte machte. Er war einer, der anpackte. Schon früh faszinierte ihn die Idee, schwer verletzten Menschen im Gebirge schneller und besser helfen zu können. In einer Zeit, in der Hubschraubereinsätze noch die Ausnahme waren, dachte er weiter: Warum nicht die Möglichkeiten der Flugrettung konsequent nutzen? Warum nicht neue Wege gehen, auch wenn es dafür noch keine fertigen Konzepte gab? Nachhaltiges Vermächtnis Mit Gerhard Flora und Kurt Noé-Nordberg gehörte er zu jener Generation, die die Flugrettung in Österreich aufgebaut hat. Taubergungen, strukturierte Abläufe, die enge Verzahnung von Bergrettung und Flugrettung – vieles davon Ein Leben für die Flugrettung Mit Walter Phleps verliert die ÖAMTC-Flugrettung einen ihrer Gründerväter. Der Mediziner und langjährige Bergrettungsarzt ist untrennbar mit dem Aufbau und der Professionalisierung der alpinen Flugrettung in Österreich verbunden. war damals Neuland. Phleps brachte medizinische Kompetenz, alpinistische Erfahrung und den Mut mit, Dinge auszuprobieren und zu verbessern. Nicht spektakulär, sondern sachlich, Schritt für Schritt. Zwischen 1969 und 1994 absolvierte Phleps mehr als 1.000 Hubschraubereinsätze – zunächst als Flugretter, ab 1976 als Notarzt. Die spektakulären Rettungen, an denen er beteiligt war, stellte er nie in den Vordergrund. Wichtiger war ihm, dass Strukturen entstehen, die dauerhaft tragen. Er wirkte an der Entwicklung neuer Stützpunkte mit, bildete Kolleg:innen aus und setzte sich für hohe Standards in der präklinischen Notfallmedizin ein. Viele der heute etablierten Prozesse tragen indirekt seine Handschrift. Walter Phleps hat die Flugrettung nicht nur begleitet, sondern aktiv gestaltet. Er war Vordenker, Antreiber und Mentor – stets sachlich, stets dem Patient:innenwohl verpflichtet. Seine Arbeit legte wichtige Grundlagen für das heutige flächendeckende System in Österreich und den Anspruch, es permanent weiterentwickeln zu wollen. ▲
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