Jenseits des Himalaja
Über die höchsten Straßenpässe der Welt im Norden Indiens.
Ein kleines Tibet. Ladakh, das ist eine abgeschiedene, friedliche Provinz des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir. Für Ladakh, auch Klein Tibet genannt, gibt es - im Gegensatz zum großen Rest des Bundesstaates - keine Reisewarnung des Außenministeriums, 90% Buddhisten und 10% Muslime leben friedlich zusammen. Oft hört man die Ansicht, Ladakh sei ursprünglicher und authentischer als das eigentliche Tibet, das ein Teil Chinas ist.
Der alte Königspalast in Leh jedenfalls sieht aus wie eine Miniaturausgabe des Potala in Lhasa. Vor dem Bau breitet sich die Stadt als grüne Oase oberhalb des Indus aus - mit kleinen Hotels, Restaurants, Geschäften und einem großen Poloplatz. Im kurzen Sommer, von Juni bis Mitte September, kommen immer mehr Touristen mit dem Flugzeug - zum Wandern und um die Kultur Ladakhs kennen zu lernen. Einen schönen Überblick über Stadt und Tal hat man von der neuen Shanti Stupa. Eindrucksvoller jedoch sind der neue Königspalast ("Stok Palace") jenseits des Indus und die Klöster Hemis und Thikse, deren Besuch ab Leh bequem zu einem Tagesausflug verbunden werden kann.
Himalaja-Überquerung. Ein kleines Abenteuer ist es schon, die von West nach Ost verlaufenden Ketten des höchsten Gebirges der Welt auf Straßen zu überqueren. Für die 400-Kilometer-Tour von Leh über die Zanskar-Kette sowie den großen und den kleinen Himalaja bis in den Ferienort Manali im Süden benötigt man, wenn alles glatt geht, zwei volle Tage. In dem kleinen Ort Upshi verlassen wir das Indus-Tal und klettern dann auf dieser "Hauptstraße" immer höher Richtung Taglang La (5.330 Meter), dem zweithöchsten Straßenpass der Welt. Asphalt und Schotter wechseln einander als Straßenbelag ab, Tankwagen der indischen Armee, die Nachschub für den Winter nach Ladakh transportieren, sind ständige Begleiter: Ab Oktober ist diese einzige direkte Straßenverbindung von der Gangesebene nach Ladakh aufgrund der vielen Erdrutsche meist gesperrt. "Geduld ist hier die höchste Tugend für die Fahrer", sagt unser Begleiter Dean Chapri, Direktor der Agentur Discovery Journeys. Und tatsächlich: Mehr als ein Durchschnittstempo von 20 km/h ist nicht zu schaffen.
Toilette mit Aussicht. Jenseits des Taglang La - das Wort "La" bedeutet Pass - sticht die Route hinunter in die Zanskar-Hochebene, eine graubraune Wüste, die von mit Schnee bedeckten Bergen und einem hellblauen Himmel gekrönt wird. Das auf der Karte als Ort eingezeichnete Pang entpuppt sich als Zeltlager, in dem Getränke, kleine Imbisse und Ersatzteile für geschundene Fahrzeuge feilgeboten werden. Die Landschaft ist so karg und abweisend, dass es nicht einmal möglich ist, ein Gebüsch als Ersatztoilette zu finden. Bei den Stopps verschwinden die Reiseteilnehmer daher hinter der nächsten Kurve - Frauen links, Männer rechts. Freilich: Wer hat schon zu Hause eine Toilette mit einer solchen Aussicht?
Unterm Sternendach. Während die Bergriesen immer längere Schatten werfen, erreichen wir nach hunderten weiteren Serpentinen den Lachalung La (5.065 Meter) und später die "Zeltstadt" Sarchu. Für Touristen gibt es hier auf 4.000 Meter relativ bequeme Zwei-Personen-Zelte, die hinter einer Abtrennung sogar über WC verfügen. Beim Abend-essen dreht sich das Gespräch der in dicke Jacken gehüllten Reiseteilnehmer um die Leistungen von Sven Hedin und Heinrich Harrer - unglaublich, was diese Menschen vollbracht haben!
Es gibt nichts zu beschönigen, als Durchschnitts-Tourist schläft man in dieser Höhe schlecht. Die positiven Seiten: das Gefühl, ein außergewöhnliches Abenteuer zu erleben etwa. Oder das strahlende Sternenband der Milchstraße über den Bergriesen des Himalaja nach Mitternacht. Am nächsten Morgen brechen wir früh auf. Noch zwei Pässe, der Baralacha (4.980 Meter) und schließlich der Rohtang (3.975 Meter), sind zu bewältigen.
Hinter den sieben Bergen. Nach den vielen einsamen Stunden sind die Horden indischer Touristen, die von Manali für einen Tagesausflug auf den Rohtang-Pass hinauf gekommen sind, ein Schock. Dann geht es hinunter ins Tal, die ersten Bäume werden von uns wie alte Bekannte begrüßt. Viele zusätzliche Kurven später warten am frühen Abend im Hotel ein kühles Bier und eine heiße Dusche. In dem Gewusel und Gedränge von Manali ist das ferne Ladakh dann nur noch eine vergangene Welt hinter sieben Bergen.
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