• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Oktober 2001
    11.05.2011
    Autor:
    Walter Nausch

    Flirt á la Karibik

    Von Martinique & Guadeloupe lässt man sich gerne anbraten.

    Martinique_Kreolin © Nausch, Bernleitner
    Zwei Kopftuch-Zipfel bedeuten: "Mein Herz ist leider schon vergeben!"
    © Nausch, Bernleitner
    Madras? Das ist eine Stadt in Südindien!" Bingo! Volltreffer! Weltweit hätten Sie mit dieser Antwort den Jackpot jeder Quiz-Show geknackt. Weltweit? Nein, leider nicht ganz. Auf zwei kleinen Inseln mitten im karibischen Archipel bedeutet "Madras" etwas völlig anderes.

    In Martinique und Guadeloupe versteht man unter "Madras" einen karierten, bunten Baumwollstoff. In leuchtenden Farben von Purpur-Rot bis Sonnen-Gelb - viel pfiffiger als Burberry - ist er Kopfbedeckung der kreolischen Frauen. Doch damit nicht genug: Die vifen femmes à madras haben in der Art wie sie das Tuch wickeln, gleich eine raffinierte Geheimsprache für's Flirten verpackt. Ein Zipfel heißt zum Beispiel: "Ich bin frei für Dich", zwei Zipfel: "Leider schon vergeben".
    In jedem Fall also klare Fronten für Schürzenjäger unter heißer Sonne.
    Und auch sonst ist einiges ein bisserl anders im "French Quarter" der Karibik! Die Inseln sind Übersee-Departements der "Grand Nation". Das heisst, sie gehören irgendwie zu Europa und schon bald wird auch hier mit Euro bezahlt werden.

    Mit paradiesischen Traumstränden locken Prospekte über Martinique. Beeindruckt haben uns zuerst aber viel mehr die bizarre Vulkanlandschaft und der noch vollkommen intakte, wildromantische Regenwald. Wer mehr Details über die Vielfalt der karibischen Flora erfahren möchte, dem empfiehlt sich der Besuch des botanischen Gartens Jardin de Balata unweit der Hauptstadt Fort-de-France.
    Apropos Traumstrände: Zu Beginn etwas enttäuscht, haben wir aber dann doch noch das richtige Kari-bik-Feeling gefunden - auf dem herrlichen Strand Le Diamant. Ein idealer Platz mit Postkarten-Idylle für jetlag geplagte. Und wer meint, eine Seele zu haben, der sollte sie doch hier, unter Palmen vor der Kulisse des einsamen Fel-sens Rocher du Diamant und dem türkisblauem Meer, auch mal richtig baumeln lassen.

    A an lot soleil
    Bis später
    wörtlich: bis zur nächsten Sonne

    Jean Luc, Kreole

    Traurige Berühmtheit. Nichts deutet heute mehr darauf hin, dass das idyllisch verträumte Dorf Saint Pierre am Fuße des Vulkans Mont Pelée um die Jahrhundertwende Schauplatz einer Tragödie war und deshalb weltweit in den Schlagzeilen.
    Ein dumpfes Grollen, ein riesiger Feuerball - und binnen Sekunden war alles Leben ausgelöscht.
    Uns präsentiert sich der mit 1.397 m für karibische Verhältnisse geradezu riesige Berg lammfromm. So als würde er sich für seine Tat noch immer schämen, versteckt er sich im Dunst und Nebel.
    Macheten schwingende Zuckerrohrarbeiter sind auf einer Fahrt durch das Hinterland von Martinique ein alltägliches Bild. Und so ist es natürlich ein Muss, eine der traditionellen Rum-Fabriken zu besichtigen. Die Verkostung ist selbstverständlich inklusive.
    Und hätten Sie es gewusst? Die französiche Kaiserin Josefine war von dunklem Teint und durch und durch eine waschechte Kreolin. Darum lohnt sich ein Ausflug zu ihrem Geburtshaus nach La Pragerie auf Martinique.
    Die ehemalige Küche des Anwesens ist heute ein Museum mit jeder Menge Kuriositäten. Wie etwa ihrem Kinderbett oder der Totenmaske ihres Gemahls - des großen Generals Napoleon Bonaparte. Ob sie ihn auch mit der Sprache der Kopftuch-Zipfel verführte, das allerdings verschweigt die Geschichte.

    Landanflug auf Guadeloupe. Aus der Vogelperspektive gleicht das Eiland einem grünen Schmetterling. Die beiden Flügeln Basse-Terre und Grande-Terre liegen - von weißen Stränden gesäumt - friedlich in der Karibischen See.
    Die Ureinwohner nannten sie Karukéra - Insel der schönen Gewässer. Erst als Kolumbus 1493 auf seiner 2. Reise hier landete, erhielt sie ihren heutigen Namen - nach der in Spanien verehrten Marienstatue "Guadeloupe". Für die Kariben-Indios war das bestimmt kein glücklicher Tag. Schon ein paar Jahrzehnte später waren sie erbarmungslos ausgerottet.
    Basse-Terre, der "Westflügel", ist vulkanischen Ursprungs. Immergrüne Urwälder, Wasserfälle und ein weites Netz an Wegen bilden den größten Naturpark der Karibik.
    Doch Vorsicht, - Absturzgefahr! Ti-Punch, Rum mit frischer Limone, wird überall und zu jeder Tageszeit gereicht. Für Ungeübte ist er genauso riskant wie das schneidige Wasserfall-Canyoning.
    Die Strände sind zwar malerisch, aber von Korallen und Felsen durchzogen. Zum Schnorcheln zwar ideal, doch wir wollten einfach nur schwimmen und bevorzugten den flacheren "Ostflügel".

    Markttag in Saint-Antoine: Noch einmal karibischer Alltag pur. Wild gestikulierende Krämerinnen versuchen ihre Heilmittel und angeblich potenzsteigernden Wunderwaffen an den "Mann" bringen. Düfte, Farben und Gerüche stressen unsere Sinne. Und eine letzte Gelegenheit, wirklich exotische Mitbringsel einzukaufen, wie etwa ein Säckchen feurig scharfes Piment-Gewürz.
    Ein Kraut gegen den Abschiedsschmerz haben wir aber nicht gefunden - und so blieb uns nur ein wehmütiger letzter Sonnenuntergang und natürlich ein Ti-Punch.

    Unsere Wertung:

    Klima:**** Passatwinde sorgen für angenehme Kühlung der Inseln ober dem Wind. Die Meerestemperaturen liegen ganzjährig zwischen 22 und 27 Grad. Tropische Regenfälle sind kurz, aber ergiebig.
    Land und Leute:**** Faszinierende Landschaft von Regenwald und Vulkanen bis zu Traumstränden. Sonniges Gemüt der Menschen, auch wenn manches ein bisschen länger dauert.
    Kulinarisches:**** Vielfältige kreolische Küche - von Ziegen- Ragout in scharfer Curry-Sauce bis zu feinsten Fischgerichten.
    Sprache und Geld:***Die Landessprache ist französisch. In den guten Hotels wird aber durchwegs englisch gesprochen. Vorteil: Ab 2001 zahlt man auch hier - im Übersee-Departement Frankreichs - mit Euro.

    ***** hervorragend, **** sehr gut, *** gut, ** durchschnittlich, * mangelhaft

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    ÖAMTC-Länderinfo:Martinique und Guadeloupe