Modellvorstellungen
09.07.2012
Autor:
Peter Pisecker I Fotos: Werk

Fahrbericht: Lancia Flavia

Die erste Ausfahrt im Ami, der gern ein Italiener wäre.

Vergessen Sie alles, was Ihnen die Werbung in Zusammenhang mit diesem Cabrio von Dolce vita und italienischem Lebensgefühl erzählt. Versuchen Sie auch zu ignorieren, dass dieses Cabrio als jüngster Spross der italienischen Edelmarke Lancia daherkommt. Was es wirklich ist: ein tadelloses neues viersitziges Chrysler-Cabrio, produziert in Sterling Heights, Michigan. Ja, Lancia-Designer haben auch mitgeholfen.

Aus Chrysler-Sicht ein Jammer: Die Marke existiert ja weiterhin, nur nicht mehr in Europa, da werden der Van und die Limousine seit heuer als Lancia Voyager und Thema verkauft. Das viersitzige Cabrio war immer ein Fixpunkt des Herstellers (Chrysler, nicht Lancia!), vom LeBaron über den Stratus bis zum Sebring, und jetzt haben sie es in allen Bereichen zum aktuellen Chrysler 200 Convertible weiter entwickelt und optimiert – und können’s in Europa nicht mit dem durchaus zutreffenden Argument des relaxten American Way of Drive anbieten, weil Lancia draufstehen muss.

Also: vier Sitze, elektrisch betätigtes Stoffverdeck, knapp fünf Meter Länge, nur ein Motor. Ein gut gedämmter, eher träger 2,4-l-Vierzylinder mit 170 PS, der über eine etwas altvaterisch agierende Sechsgangautomatik die Vorderräder antreibt. Dieselmotor wird es für den Flavia nicht geben. Die Ausstattung ist auf luxuriöse Art komplett, erwartet werden dürfen Ledersitze, viel Chrom, Tempomat und ein umfangreiches Multimedia-Center mit Touchscreen. Darin enthalten sind Navigationssystem, Bluetooth-Freisprechanlage, Radio mit MP3-fähigem CD- und DVD-Player, eine 40-GB-Festplatte für rund 6.700 Musiktitel, und zu den Ohren gelangt all der Sound über eine leistungsfähige Boston-Acoustics-Tonanlage. Extras: keine, bis auf die eine oder andere Sonderlackierung.

Tutto completto kostet der Lancia Flavia 39.900 Euro, bis Ende September lässt der Importeur 4.000 Euro nach, also 35.900 Euro. Die Sicherheitsausstattung enthält ABS und ESP, hier ESC genannt, Front- und Seitenairbags vorne sowie aktive Kopfstützen vorne (die sich einem zurückgeworfenen Kopf entgegen bewegen), außerdem Isofix-Befestigungen für Kindersitze und ein Reifendruck-Kontrollsystem. Leider gibt es weder Seitenairbags für die Rücksitze noch einen aktiven (bei einem Unfall heraus schnellenden) Überschlagschutz.

Das Fahren mit dem Flavia ist eher eine gemütliche Angelegenheit, die sportliche Gangart ist seine Sache nicht. Ein Tritt auf das Drehzahlerhöhungspedal hat stärkere akustische als fahrdynamische Auswirkungen, bei Überholvorgängen oder Bergauf-Passagen wirkt der Motor so angestrengt, dass man sich’s lieber zweimal überlegt draufzusteigen. Gleiten statt hetzen also, doch anders als dieses zeitlose und zugleich so zeitgemäße Motto dürfte sich die Temperamentlosigkeit des Flavia nicht positiv auf den Benzinverbrauch auswirken: Den Normverbrauch (gesamt) gibt Lancia mit 9,4 l/100 km an, in der Praxis wird man wohl mit zehn Litern und mehr rechnen müssen.