25.06.2012
Autor:
Christoph Löger I Fotos: Werk

Fahrbericht EXKLUSIV: Tesla Model S

auto touring unternimmt die erste Ausfahrt im elektrischen Reichweiten-Wunderwuzzi, der das iPhone unter den Autos werden möchte.

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Als einziges Medium Österreichs hat auto touring die ersten Kilometer im Tesla Model S absolviert. Der US-Stromer kommt im Frühjahr zu uns  wird rund 55.000 Euro kosten und mit 480 Kilometern Reichweite die E-Mobilität neu definieren.
Als einziges Medium Österreichs hat auto touring die ersten Kilometer im Tesla Model S absolviert. Der US-Stromer kommt im Frühjahr zu uns, wird rund 55.000 Euro kosten und mit 480 Kilometern Reichweite die E-Mobilität neu definieren.
Beginnen wir doch gleich mit jenem Argument, das die Verkäufe von Elektro-Autos heute wohl am stärksten hemmt: der Reichweite. Rund 160 Kilometer versprechen die meisten Hersteller, die derzeit massentaugliche Stromer im Programm haben. Dass diese Werte in der Praxis aber nicht zu erreichen sind, zeigt sich etwa im Alltagsbetrieb des ÖAMTC-eigenen Mitsubishi i-MiEV: Viel mehr als 100 Kilometer sind mit einer Batterieladung selten drin, eine simple Nonstop-Fahrt beispielsweise von Linz nach Salzburg ist nicht möglich. Und Hand aufs Herz: i-MiEV, Nissan Leaf & Co. mögen ja vieles sein – nur schön anzuschauen sind sie leider alle nicht.

Im kommenden Frühjahr könnte sich das ändern. Dann nämlich startet auch bei uns die rein elektrisch betriebene Luxus-Limousine Tesla Model S, von der soeben die ersten Exemplare an die US-Kundschaft ausgeliefert wurden – direkt am Firmensitz im kalifornischen Silicon Valley. Tesla ist ein klassisches Start-Up-Unternehmen mit sympathisch-amerikanischem Zugang zum Risiko, das erst seit 2008 Elektroautos in Serie produziert – bislang allerdings nur den zweisitzigen Sportler Tesla Roadster. Weil man mit nur einem Modell (das noch dazu eine winzige Nische bedient) aber kein Geld verdienen kann, brauchte man folgerichtig ein Produkt für das Massenpublikum – eben das Model S. „Der Apple unter den Autoherstellern“ wolle man damit werden, meint Verkaufs-Chef George Blankenship im Gespräch mit auto touring. Kein Zufall – Der Mann war jahrelang die rechte Hand des kürzlich verstorbenen Apple-Boss Steve Jobs, bevor er aus der bereits angetretenen Pension zu Tesla geholt wurde.

Exklusiv. Als einziges österreichisches Medium war auto touring vor Ort und unternahm eine erste Ausfahrt. Nähern wir uns also dem Auto: Die Fünfmeter-Limousine sieht vorne ein bisschen nach Jaguar aus, seitlich entdecken wir das eine oder andere Maserati-Zitat und die Popsch-Backen erinnern an den Porsche Panamera. Möchte man das Model S in die europäische Konkurrenz einordnen, fallen Namen wie BMW 5er, Audi A7 Sportback oder der erwähnte Panamera ein. Fesch und irgendwie unamerikanisch wirkt das Auto, einen Hauch japanisch sogar. Auch das ist kein Zufall: Chefdesigner Franz von Holzhausen war vorher bei Mazda und dort unter anderem für den RX-8 und den erfolgreichen 6er verantwortlich.

Spannend ist vor allem die Verkaufs-Strategie des Model S: Der Kunde kann zwischen drei Akku-Leistungsstufen für den 360 PS starken E-Motor wählen (40, 60 oder 85 Kilowatt-Stunden), deren Kapazität bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 km/h für realistische 260, 370 oder 480 Kilometer reicht – Die eingangs erwähnte Strecke Linz-Salzburg ließe sich also ohne Aufladen auch problemlos retour erledigen. Schon die schwächste Version erledigt den Spurt auf 100 in 6,5 Sekunden, ordert man die Performance-Variante der stärksten Batterie, gehen sich sogar Supersportwagen-Werte aus und der Tesla sprintet in 4,4 Sekunden auf Tempo 100 – ohne Kraftunterbrechung, weil Elektroautos systembedingt nur einen Gang haben. Die Lithium-Ionen-Akkus, die aus knapp 8.000 Laptop-Zellen bestehen, liegen flach im Wagenboden und sorgen für eine perfekte 50:50-Gewichtsverteilung des 1.735 Kilo schweren und zu 95 Prozent aus Aluminium gefertigten Autos.

Wer jetzt an hohe Kosten denkt, irrt: Der geschätzte Einstiegspreis für Europa von rund 55.000 Euro (exkl. etwaiger nationaler Förderungen) ist angesichts des Gebotenen sogar richtig günstig. Zum Vergleich: Ein sehr viel kleinerer und ebenfalls elektrischer Nissan Leaf kostet derzeit 37.500 Euro. Schaut man sich in derselben Klasse um, sind etwa für einen 5er BMW in Basisversion mindestens 43.300 Euro fällig – den gibt es aber nur fossil betrieben. Stichwort 5er BMW: Im Tesla S lässt sich fast zweimal soviel Gepäck verstauen. Aus dem einfachen Grund, weil dort, wo beim Bayern vorn der Motor sitzt, im Amerikaner gähnende Leere herrscht – in Form eines zweiten Kofferraums, denn der über der Hinterachse montierte  E-Motor braucht fast keinen Platz. So kann man den Tesla mit zwei vollwertigen, gegen die Fahrtrichtung blickenden Kindersitzen hinter der Rückbank sogar zu einem Siebensitzer aufrüsten, und es bleibt immer noch das vordere Koffer-Abteil. Auch gut: Mangels Getriebetunnel sitzen die Fond-Passagiere komplett barrierefrei. Wermutstropfen für Europa-Kunden: Einen Tesla-S-Kombi wird es nicht geben – Die bei uns so beliebte Karosserie-Variante interessiert in den USA nämlich niemanden.

Lustiges Gimmick beim Einsteigen: Die Türgriffe fahren erst nach zarter Berührung aus der Karosserie – was tut man nicht alles für ein bisschen weniger Luftwiderstand. Im Cockpit dann eine Überraschung: Es gibt de fakto keine Knöpfe, alle Funktionen werden über ein riesiges, zentrales Tochscreen-Display bedient, das in etwa doppelt so groß ist wie ein iPad-Bildschirm. Die Handhabung ist intuitiv, die Naturgesetze konnte aber auch Tesla nicht zurechtbiegen: Scheint die Sonne, spiegelt es nämlich gewaltig. Die Sitze sind mit ihrer zu kurzen Schenkel-Auflage für Premium-Verhältnisse nicht wirklich bequem, die Innenraum-Materialien hie und da ein wenig zu amerikanisch, sprich: Leder und Plastik leugnen nicht, von unglücklichen Kühen und aus Fernost-Produktion zu stammen.

Beeindruckend hingegen: das Fahrgefühl. Der Tesla beschleunigt aus dem Stand linear mit einer Vehemenz, die einem ein hilfloses Grinsen ins Gesicht zaubert und an Sportler der 150.000-Euro-Liga á la Lamborghini erinnert. Währenddessen ist es bis auf leise Windgeräusche komplett still an Bord, man könnte mit den Mitreisenden sogar bei hohen Geschwindigkeiten flüstern oder allein jede Nuance von Vivaldi’s „Vier Jahreszeiten“ hören. Das luftgefederte Fahrwerk schluckt schlechte Straßen gekonnt, ist aber nicht wirklich sportlich ambitioniert und gibt dem Fahrer wenig Rückmeldung. Dazu passt auch die Lenkung, die in drei Stufen justierbar ist: leichtgängig, mehr leichtgängig und zu leichtgängig. Eine Elektro-Auto-Eigenheit haben die Amerikaner übrigens simpel, aber gut gelöst: Geht man vom (Strom-)Pedal, ohne die Bremse zu berühren, verzögert ein E-Kfz viel stärker als eines mit Verbrennungsmotor und könnte somit nachfolgende Fahrer überraschen. Der Tesla aktiviert in diesem Fall einfach selbständig die Bremsleuchten.

Der Tesla Model S wird im Laufe des kommenden Frühjahrs in Österreich erhältlich sein, die Preise stehen noch nicht fest, werden aber geschätzt zwischen rund 55.000 Euro für das Einstiegsmodell mit 260 Kilometern Reichweite und rund 100.000 Euro für das 480-Kilometer-Topmodell mit Performance-Paket liegen. Als sicher gilt auch, dass der E-Antrieb des Model S im kommenden Toyota RAV4 arbeiten wird und mittelfristig (aufgrund einer Kooperation mit Mercedes) in der neuen A-Klasse – die damit das erste Serien-Kompaktmodell mit alltagstauglicher Reichweite wird.