• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Oktober 2011
    29.09.2011
    Autor:
    Kurt Zeillinger I Fotos: Zeillinger, Werk

    Vollgas in die Zukunft

    Abu Dhabi rüstet sich für die Zeit nach dem Erdöl. Hochklassiger Event- und Kultur-Tourismus soll den Wohlstand sichern.

    10 2011 abu dhabi 5-1 © auto touring, Kurt Zeillinger
    Vollgas in die Zukunft. Abu Dhabi rüstet sich für die Zeit nach dem Erdöl. Hochklassiger Event- und Kultur-Tourismus soll den Wohlstand sichern.
    © auto touring, Kurt Zeillinger
    Die Gischt spritzt ins Gesicht, die Lippen schmecken salzig, der Fahrtwind zerzaust das Haar. „Hold on,“ schreit der Captain ins Megaphon, „Hold on!“ Festhalten ist ein guter Rat, wenn Wasser hart wie Beton wird, das Vorderschiff rhythmisch abhebt und wieder aufknallt. Mit 450 PS im Nacken rasen wir im gelben Speedboot auf die Skyline von Abu Dhabi City zu. Auch die Stadt selbst, Hauptstadt des gleichnamigen Emirats und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zugleich, fährt einen Vollgas-Kurs. Binnen 30 Jahren vom Fischerdorf zur Millionen-Metropole: unmöglich ohne die riesigen Erdölvorkommen. Die Petrodollars bringen einen Bau-Boom ohne Ende, Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die alle Einwohner mit lebenswichtigem Wasser versorgen und satt grüne Parkanlagen und Golfplätze überhaupt ermöglichen, sowie, typisch arabisch, den verschwenderischen Lebensstil. Die Einheimischen sind in der – stets bestimmenden – Minderheit, 85 Prozent der Bevölkerung sind Gastarbeiter. Unser Kapitän ist einer davon, er ist Brite: Ken aus Birmingham.
    Kurz vor der Corniche, der Küstenstraße, auf der sich offene Rolls-Royce, riesige SUV und AMG-Mercedes drängen, ruft Ken wieder „Hold On!“ und steuert plötzlich hart Richtung Backbord. Über die peitschende See geht es hinaus in die archaische Welt der pakistanischen Fischer. Welch ein Gegensatz, die in der Sonne glänzenden Fassaden der Wolkenkratzer am Horizont und die vor Anker liegenden riesigen hölzernen Daus. Die Fischer leben auf diesen knarrenden Booten, trocknen auf ihnen ihre Netze und grillen den Hammour, den sie nicht verkaufen konnten, gleich an Deck: Den Fischliebhabern unter den Emiratis, die mit ihren Yachten zum Barbecue kommen, gefällt das.
    Die Wurzeln im Museum. Wie Abu Dhabi City vor Jahrzehnten ausgesehen hat, erahnen wir – nun wieder an Land – im Heritage Village, einer Art arabischem Museumsdorf. Da spaziert man an den Zelten der Beduinen vorbei zu einer nachgebauten Karavanserei, in der man alte Handwerkskunst bewundern und Kamele knutschen kann sowie Einblicke in das Leben vor dem Öl gewinnt. Eines der wenigen Relikte dieser vergangenen Zeit, die heute noch funktionieren, ist der große Markt im Schatten der Boomtown. Durch sein babylonisches Stimmengewirr schlendern wir vorbei an Ständen, die sich unter 16 Sorten Datteln biegen und viele Emiratis auf traditionelle Weise einkaufen: Sie reiten zwar nicht mehr auf dem Kamel ein, sondern fahren im Landcruiser vor. Sobald die abgedunkelten Scheiben hinunter fahren, stürzen sich die Verkäufer zum Auto, um der verschleierten Hausfrau im Fonds ihre Waren  zu präsentieren. Ein paar Handbewegungen, und alles wird ins Auto gereicht.
    Nach dem Erdöl gibt’s Kultur. Irgendwann einmal, wenn das heute noch sprudelnde Öl zur Neige gehen wird, sollen andere Einnahmequellen den Wohlstand im Wüstensand erhalten. Daran wird zur Zeit heftigst gearbeitet. Auf der bis dato unbewohnten Insel Saadiyat („Glück“) sollen schon in ein paar Jahren 145.000 Menschen leben und spektakuläre Museen Besucher aus aller Welt anlocken. Nach Plänen des Stararchitekten Frank Gehry baut man an einer Dependance des Guggenheim-Museums, zwölf Mal größer als das Original in New York. Nicht weit davon entstehen Jean Nouvels Louvre-Zweigstelle und ein riesiges Meeres-Museum, von dessen Untergeschoß aus man Perlentauchern bei der Arbeit zusehen können wird. Was da alles entstehen wird, sehen wir im Rahmen einer Ausstellung im Emirates Palace, dem Über-Drüber-Vorzeige-Hotel (die 600 m2-Präsidenten-Suite kostet 12.000 Euro pro Nacht). Tipp: Das Mittagsbuffet im Vendôme-Restaurant ist nicht nur köstlich, sondern auch leistbar.
    Eine Moschee spannt den Bogen zwischen den Zeiten – aber nicht irgendeine. Die nach dem 2004 verstorbenen Emir und VAE-Präsidenten Scheich Zayed benannte Moschee ist nicht nur die drittgrößte der Welt (und bietet 40.000 Gläubigen Platz), sondern vor allem ein Bauwerk für die Zukunft – in der Tradition des Gestern aus Materialien von heute: 1.000 Säulen aus griechischem Marmor, mit Palmen-Dekor aus vergoldetem Alu an der Oberkante und Halb-edelstein-Intarsien darunter. Vier Minarette, 82 Kuppeln – die Hauptkuppel 70 Meter hoch. Bevor wir die 17 Tonnen schwere Eingangstür passieren dürfen, müssen alle die Schuhe ausziehen und Frauen den Abbaya, einen schwarzen Übermantel, und ein Kopftuch anlegen (beides gratis auszuleihen). Drinnen stehen wir auf dem größten Teppich der Welt unter dem größten Luster der Welt, der 9,5 Tonnen wiegt und Tausende bunte Swarovski-Kristalle trägt, die von LEDs beleuchtet werden – eindrucksvoll gelebter Glaube.
    Eines sollte man aber vermeiden: In Richtung des Mausoleums von Scheich Zayed zu fotografieren. Denn wer das tut, bekommt garantiert Ärger – in Form von Muskelmännern, die sich persönlich vergewissern, dass entsprechende Bilder auch wirklich gelöscht werden. Tipp: Einen Guide zu nehmen, lohnt sich – allein schon wegen der geistreichen Einführung in den hierorts tolerant gelebten Islam.
    Event-Insel Yas Island. Bis die Kultur-Insel Saadiyat fertig ist, setzt Abu Dhabi vor allem auf die Freizeit-Schiene – und damit auf die Insel Yas Island, 15 Autominuten von der Stadt entfernt. Da lockt der Yas-Links-Golfplatz Europäer, die gerne dem Winter entfliehen möchten und ihren Abschlag im Dezember oder Jänner bei angenehmen 24 bis 26 Grad machen möchten. Denn schon im Mai ist es nachmittags im Schnitt 38 Grad heiß. Yas Islands neueste Attraktion heißt Ferrari World, ist eine Art Disneyland für Motorsport-begeisterte Junge und Junggebliebene und wirklich nicht zu übersehen: Ein riesiges rotes Segel überdeckt das voll klimatisierte 200.000 Quadratmeter-Areal komplett. Drinnen kann man locker einen ganzen Tag verbringen, durch die bis hin zum Werkzeug komplette Ferrari-Formel-1-Box schlendern (sogar echte Renner und das Mobile Home aus dem  Grand-Prix-Zirkus hat man herangekarrt), seinen Mut an der schnellsten Achterbahn der Welt (240 km/h) beweisen oder sich auf 62 Meter Höhe hinaufkatapultieren lassen, um dabei die Beschleunigung eines Formel-1-Boliden zu erleben. Uns ist das alles nicht ganz geheuer, wir begnügen uns mit der „Fiorano Challenge“, einer GT-Hochschaubahn, die nur 95 km/h schafft. Und mit eher kindergerechten Attraktionen. Mit dem nötigen Kleingeld hätten wir aber auch einen Original-Frontspoiler von Michael Schumachers 2005er-Werkswagen erwerben können.
    Grand-Prix-Luft schnuppern wir dann an der echten Rennstrecke, die man an einigen Abenden sogar mit Fahrrad oder Rollerblades umrunden kann. Den besten Blick auf den Yas Marina Circuit genießt man vom Yas Hotel, das von der Strecke fast hautnah umrundet wird und von allen Hotels in Yas Island in ein paar Minuten zu Fuß zu erreichen ist. Als wir das schneeweiße Haus im organisch wirkenden Design-Stil betreten, herrscht helle Aufregung: überall Männer in dunklen Anzügen und mit Maschinenpistolen, gespannte Stille. Was jetzt? Aufatmen – man dreht gerade einen Bollywood-Film, der Hauptdarsteller, ein indisches Look-alike von Karel Gott, gibt nach der Schlussklappe geduldig Autogramme. Tipp: die Bar auf dem Dach, die abends vom Pariser Buddha-Bar-Team bespielt wird.
    Wüste? Na klar, die hat in Abu Dhabi auch was zu bieten. Uns bleibt für eine spezielle Safari mit Picknick keine Zeit, wir fahren weiter nach Al Ain, 150 km Autobahn mitten in die Wüste gebaut. Hier gibt es sie noch, die alten Forts, die sich um eine riesige Oase gruppieren (aus der das überall erhältliche Quellwasser stammt), kaum höhere Häuser, wenige Touristen und den größten Kamelmarkt Arabiens. Die Händler campieren in ihren Gehegen, auf Podesten direkt über den Jungtieren.
    Was Abu Dhabi fehlt? Einiges. Perfekte Shopping-Möglichkeiten zum Beispiel. Da hat Dubai die Nase vorn – mit den größten Malls und den darin befindlichen verrücktesten Attraktionen, von der Skipiste bis zum weltgrößten Aquarium. Hochhäuser, von denen aus man alles überblicken kann: Da punktet Dubai mit dem Burj Khalifa, mit seinen 830 Metern das höchste Gebäude der Welt. Dubai ist dank mehr Meer-Zugängen besser für für einen Badeurlaub geeignet. Und was das Orient-Feeling betrifft, auch: Am Dubai Creek wurlt es nur so von Wassertaxis, weil alle über den Meeresarm zum Basar und zum Gold-Souk wollen. Die Folge: Wir sehen uns das zwei Autobahnstunden entfernte Nachbar-Emirat auch gleich an. Fazit: Abu Dhabi und Dubai ergänzen einander perfekt.

    Noch ein Tipp zum Schluss: Arabian Lemonade aus Limetten, Wasser, Rosenwasser und viel frischer Minze probieren, das schmeckt köstlich und kostet wenig.