10.02.2011
Autor:
Christoph Löger

Alles Gute kommt von oben

Ein Tag im ÖAMTC-Notarzthubschrauber. auto touring begleitet die Crew von Christophorus 14.

Ein Tag im ÖAMTC-Notarzthubschrauber. Mit Fotoshow!

Fotostrecke

Thumbnails

Bild 1 von 15
Bild 2 von 15
Bild 3 von 15
Bild 4 von 15
Bild 5 von 15
Bild 6 von 15
Bild 7 von 15
Bild 8 von 15
Bild 9 von 15
Bild 10 von 15
Bild 11 von 15
Bild 12 von 15
Bild 13 von 15
Bild 14 von 15
Bild 15 von 15
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Kurz vor 7 Uhr an einem bitterkalten Wintermorgen im obersteirischen Niederöblarn: Technik- und Ausrüstungscheck der C14-Crew. Ab Sonnenaufgang muss sie einsatzbereit sein  geflogen wird bis Sonnenuntergang.
Kurz vor 7 Uhr an einem bitterkalten Wintermorgen im obersteirischen Niederöblarn: Technik- und Ausrüstungscheck der C14-Crew. Ab Sonnenaufgang muss sie einsatzbereit sein, geflogen wird bis Sonnenuntergang.
"Mit leerem Magen fliegt mir niemand mit“, sagt Manfred Egger und wirft eine beachtliche Menge an Eiern und Speck in die heiße Pfanne. Dem Piloten des ÖAMTC-Notarzthubschraubers Christophorus 14 eilt unter Kollegen der Ruf voraus, die besten Ham and Eggs weit und breit zu kredenzen. Es ist kurz vor 7 Uhr an diesem bitterkalten Wintermorgen im obersteirischen Niederöblarn, die Crew frühstückt. Die Crew, das sind neben dem kochenden Captain heute noch Notärztin Dr. Birgit Jaritz und Flugrettungssanitäter Matthäus Pernkopf. Ab Sonnenaufgang müssen sie einsatzbereit sein, geflogen wird bis Sonnenuntergang.
Der Technik- und Ausrüstungscheck ist bereits erledigt, die Stimmung in der Küche familiär. Man spürt: Das Team ist eingespielt. Im Einsatzfall muss schließlich jeder Handgriff sitzen und jeder dem anderen blind vertrauen können. Auf die Frage, wann es heute zum ersten Mal losgehen könnte, meint Notärztin Jaritz: „Hoffentlich gar nicht. Nicht, weil wir nicht fliegen wollen, sondern weil sich dann niemand weh getan hat.“ Nachsatz: „Aber wenn, dann wünsche ich mir etwas Harmloses wie einen Schwindelanfall.“ Die Statistik spricht gegen einen ruhigen Tag: Im Vorjahr flog Christophorus 14 insgesamt 611 Einsätze, davon waren fast ein Drittel alpine Sport- und Freizeitunfälle.
Kurz nach Mittag der erste Alarm. Schiunfall in Obertauern. Jetzt geht alles schnell, vom Notruf bis zum Abheben vergehen keine drei Minuten. In der Luft erhält die Besatzung erste Informationen: Ein deutscher Schiurlauber mit kompliziertem Oberarmbruch. Warum sie neben ihrem Hauptberuf im Krankenhaus auch bei der Flugrettung arbeitet, fragen wir Dr. Jaritz unterwegs: "Es geht jedenfalls nicht ums Geld, das ist gar nicht so viel. Ich helfe einfach gerne", meint sie und lacht: "Außerdem wollte ich schon als kleines Mädchen immer Pilotin werden. Daraus ist ja nichts geworden, jetzt leb' ich den Traum eben so aus."
Ein paar Flugminuten später setzt Capt. Egger die vier Millionen Euro teure „fliegende Intensivstation“ auf einen verschneiten Parkplatz neben dem Arzthaus in Obertauern, wohin der Patient zuvor mit der Rettung gebracht wurde. Dabei ist Vorsicht geboten: Der Hauptrotor des 1400 PS starken EC 135 wirbelt viel Luft auf, lose Gegenstände am Boden, wie etwa Sonnenschirme, könnten umstehende Menschen gefährden. Kein Problem für den erfahrenen Piloten, der in jungen Jahren auch schon einmal einen Heli nonstop von Südfrankreich nach Innsbruck geflogen hat. Während Notärztin und Sanitäter mit dem Arzt vor Ort das weitere Vorgehen besprechen, fragt eine Mutter mit Kleinkind, ob sie das Geschehen fotografieren dürfe – der soeben gelandete Hubschrauber mitten im Ortsgebiet ist auch in der Schiregion kein alltäglicher Anblick.
Nachdem der Patient in den Bergesack verpackt und sicher verstaut ist, geht es weiter ins Krankenhaus. Die Schmerzmittel machen den Flug für ihn ein wenig erträglicher. Neben der Versorgung durch die Notärztin wirkt in der Stresssituation auch beruhigend, dass es an Bord überraschend leise ist – die Eurocopter des ÖAMTC zählen zu den vibrationsärmsten Hubschraubern überhaupt. Vom typischen „Heli-Knattern“ ist innen nur wenig zu hören. Kurz darauf erspäht die Crew an einem Berghang einen Paragleiter, dem die Luftverwirbelungen des nahenden C14 gefährlich werden könnten. Für den mitfliegenden Laien ist der Schirm kaum erkennbar, die sechs Augen der Profis hingegen sind auf derlei Hindernisse im Flugraum konditioniert. Dann die Ankunft auf dem Dachlandeplatz des Krankenhauses: Der Patient wird übernommen, es geht zurück zum Stützpunkt. Von der Alarmierung bis zur Rückkehr ist nur eine gute Stunde vergangen.
Während Routine-Einsätze wie dieser im Schnitt 2.000 Euro kosten (pro Flugminute rund 75 Euro), kann es bei längeren Flügen – etwa bei komplizierten Seilbergungen im Alpinbereich – empfindlich teurer werden. Christophorus 14 musste im Vorjahr beispielsweise 74 Mal zu einer solchen Seilbergung ausrücken. Wurden vom ÖAMTC-Schutzbrief hier bisher 4.500 Euro übernommen (ein Betrag, der bei entsprechender Einsatzdauer schnell überschritten wurde), gilt seit 1. Jänner eine Deckungssumme von 10.000 Euro. Somit ist vom Schutzbrief nun nahezu jeder Alpineinsatz gedeckt.
Es ist Nachmittag, die morgendliche Kalorienbombe war ein guter Rat: Erst jetzt ist Zeit für ein schnelles Mittagessen. Pilot Egger macht sich eine Brettljause, Notärztin Jaritz greift zum Mikrowellen-Menü. Die Ruhepausen werden zur Einsatzdokumentation verwendet oder zum Entspannen. Im Stützpunkt steht für jedes Crew-Mitglied ein eigenes Zimmer mit Bett, Schreibtisch und Fernseher bereit. Wir fragen Sanitäter Pernkopf, ob ihm die Einsätze nach so vielen Jahren manchmal noch nahe gehen: „Natürlich ist viel Routine dabei, und das ist auch gut so. Schwierig wird es bei Kindern oder, wie es mir einmal passiert ist, wenn man einen Bekannten tot bergen muss, mit dem man kürzlich noch beisammen gesessen ist.“ Und wie geht man mit dem eigenen Risiko um? Pernkopf erinnert sich an eine prekäre Seilbergung: „Ich hing mit dem Patienten unterm Hubschrauber, wir begannen durch eine Windböe zu pendeln und ich schlug mit dem Rücken hart gegen einen Baumstamm, aus dem Aststümpfe ragten. Getroffen hab ich gottseidank keinen davon, es sind nur blaue Flecken geblieben. Aber das hätte auch ins Auge gehen können. Ein Restrisiko bleibt halt immer.“
Die Sonne ist untergegangen, der Hubschrauber gereinigt, es bleibt heute glücklicherweise bei diesem einen Einsatz. Nicht immer kann die Crew mit dem Gefühl nach Hause gehen, geholfen zu haben: Nur eine Woche später prallt ein Paragleiter gegen eine Felswand und stürzt ab. Die an jenem Tag diensthabende Besatzung von Christophorus 14 kann nur mehr seinen Tod feststellen.