Wenn sich jemand zum Vergnügen Pulver in die Nase schießt, muss es sich nicht unbedingt um ein Drogendelikt handeln. Zumindest nicht in Brügge, diesem Schatzkästchen Flanderns, wo Dominique Persoone in der Simon Stevinplein 19 sein kleines Geschäft hat. Denn der Schokolatier hat den Umgang mit dem süßen Stoff zur Kunst erhoben. Und hat neben dem Schoko-Lippenstift und vielen anderen nützlichen Dingen auch den Schokolade-Shooter entwickelt – eine Art Abschussrampe für das braune Pulver direkt in die Riechorgane seiner Kunden. Weil Brügge vor Jahrhunderten seinen Zugang zum Meer, damit an Bedeutung verloren und später auch die industrielle Revolution verpasst hat, blieben viele Gebäude rund um Persoones Experimentierstube in der Altstadt erhalten. Vor allem deshalb strömen die Touristen in Scharen zum Spaziergang an den Rozenhoedkai und an den von mittelalterlichen Giebelhäusern gesäumten Markt. Hier führen 366 Stufen auf den Belfort-Turm, von dem man eine herrliche Aussicht hat. Besonders beliebt bei den Besucher/-innen sind die Bootsfahrten auf den Kanälen, welche die Altstadt durchziehen. Keinesfalls versäumen sollte man das Groeningemuseum mit frühen flämischen Meistern und so außergewöhnlichen Kunstwerken wie das „Jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch. Besonders angenehm ist die Stadt am frühen Morgen oder späten Nachmittag, wenn nicht gar so viel los ist.
Schokolade für sie, Bier für ihn. Mit angeblich 54 Schokoladegeschäften ist Brügge auf jeden Fall eine Stadt, die in erster Linie Frauen glücklich macht. Die Einwohner sind stolz darauf, dass der Kakao besonders fein gemahlen wird. Zur Herstellung wird ausschließlich Kakaobutter und kein anderes Fett verwendet. Das Überangebot an süßen Stimmungshebern vorwiegend für die weibliche Kundschaft wird in ganz Flandern freilich durch die große Auswahl an Bier für die männliche Kundschaft mehr als aufgewogen. Insofern ist das Risiko, dass die Flandern-Reise entweder ihm oder ihr nicht so gut gefällt, recht gering. Für unsere Geschmacksnerven sind allerdings manche der angebotenen Biere (etwa „Kirsch“ oder „Banane“) recht gewöhnungsbedürftig.
Von Gent nach Brüssel. Flandern ist ja, grob gesagt, jener Teil Belgiens, in dem vorwiegend niederländisch gesprochen wird. Die Sprachgrenze zu Wallonien (französischsprachig) verläuft direkt durch Brüssel, das eine eigene, dritte Region bildet. Zwischen Brügge und Brüssel liegt, am Zusammenfluss von Lej und Schelde, die wunderbare mittelalterliche Hafenstadt Gent. Der Geburtsort des Renaissance-Kaisers Karl V. stand touristisch lange Zeit im Schatten Brügges, lockt aber heute mit einer schönen, ebenfalls von Kanälen durchzogenen Innenstadt und ausgezeichneten Museen: etwa dem im Oktober 2010 eröffneten Stadtmuseum mit vielen interaktiven Präsentationen. Größte kulturelle Attraktion ist aber der berühmte Genter Altar in einer Seitenkapelle des Doms Sankt Bavo, auf dem die Brüder Eyck in der „Anbetung des Lamms“ die christliche Heilsgeschichte dargestellt haben. Gent beherbergt aber auch kulinarische Kleinode wie den „Schinkenhimmel“ in der Fleischhalle in der Langemunt, in dem man den berühmten luftgetrockneten Schinken verkosten kann. Oder die Gruut-Stadtbrauerei in der Grote Huidevettershoek 10, in der hopfenfreies „Gruut“-, also Kräuter-Bier gebraut wird – das genaue Rezept ist ein Geheimnis. Ein Erlebnis besonderer Art ist ein Dinner im Restaurant Belga Queen an der Graslei, bei dem zu jedem Gang, und seien es auch Muscheln mit Pommes frites, eine spezielle Biersorte serviert wird. Den Gentern sagt man einen rebellischen Geist nach. Als die Bürger der Stadt nach einer gescheiterten Rebellion gegen den Kaiser zur Strafe allesamt mit Stricken um den Hälsen durch ihre Stadt laufen mussten, erhoben sie diese Schmach zum Widerstandssymbol und bezeichnen sich stolz noch heute als „Stroppendrager“, also Strickträger.
Europa-Hauptstadt. Nach dem heimeligen Brügge und dem gemütlichen Gent wirkt das EU-Viertel in Brüssel wie ein Schock. An einem Samstagvormittag zeigen sich die Glaspaläste von Parlament und Kommission abweisend und kalt. Europa seinen Bürgern näher zu bringen, bleibt hier eine mühsame Arbeit. Doch die 35.000 EU- und 4.000 NATO-Arbeitplätze sind nur ein kleiner Teil Brüssels, das genügend Sehenswürdigkeiten gleich für mehrere Tage zu bieten hat. Was man neben Grand Place, Manneken Pis, Place Royale und dem Museum der Schönen Künste aber auf keinen Fall versäumen sollte, sind die wunderbar knusprigen Pommes frites, die mit fetten Saucen und Beilagen zwar ungesund sind, aber – wie auch Schokolade und Bier – einen Besuch Flanderns und Brüssels unvergesslich machen. Dass die Figur eines Knaben, der in einen Brunnen pinkelt, zu einer weltbekannten Attraktion werden konnte, ist wohl erstaunlich genug. Mehrere Legenden ranken sich um die Bedeutung von Manneken Pis. Angeblich soll ein Fürst während einer mittelalterlichen Schlacht, unbeeindruckt vom Gemetzel um ihn herum, gegen einen Baum gepinkelt haben, was vom Mut der Belgier zeuge. Der Knabe hat mittlerweile 650 verschiedene Kleidungsstücke. Viele davon sind Nationaltrachten anderer Länder, die ihm abwechselnd übergezogen werden. Vor der Figur drängeln sich fast pausenlos fotografierende Touristen.
Flandern-Infos: (01) 596 06 60, www.flandern.at



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