• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Jänner 2011
    11.05.2011
    Autor:
    Roland Fibich

    Auf der Grünen Welle

    Bankenkrise hin, Rettungsschirm her: eine Rundreise durch das liebenswerte Irland abseits der Politik.

    1101_irland_a © Fibich (3), Tourism Ireland (4)
    Höhepunkt in Irland. Die spektakulären Cluffs of Moher im äußersten Westen der Insel.
    © Fibich (3), Tourism Ireland (4)
    Beginnen wir also nicht mit Finanzpolitik, sondern mit Meteorologie. Das Gebirge von Mourne in der irischen Grafschaft Down ist so etwas wie der lokale Wetterbericht. Wenn man diese Berge sehen kann, erzählen einander die Menschen, werde es sicherlich bald zu regnen beginnen. Könne man hingegen die Mourne Mountains nicht mehr erblicken, sei der Regen bereits eingetroffen. Andere Wetterlagen seien nicht bekannt.

    Doch wir wollen Gerechtigkeit walten lassen. Während unserer Rundreise im Juli 2010 war das Wetter in Wahrheit freundlich abwechslungsreich. In Dublin gab es Nieselregen, am Shannon schien die Sonne, der Ring of Kerry glänzte ebenfalls. Zwischen Galway und Sligo schüttete es und am Giant's Causeway war es richtig kalt, doch zum Schluss, im lieblichen Tal des River Boyne, wurden wir wieder freundlich erwärmt.

    Pub-Ratgeber. So ein Regenguss kann für den Rundreisenden jedoch willkommener Anlass sein, am nächsten Pub zu halten und sich ein Bier zu genehmigen. Für Autofahrer gibt's selbst in irischen Pubs Softdrinks.

    Dafür ist keine weitere Vorausplanung notwendig. Vor der Reise berichtete uns Kollege M., in dem überschaubaren Städtchen Cahersiveen (gälisch: Cathair Saidbhin) habe er als Student vor allem die Pubs studiert und sei auf die Zahl 80 gekommen. Heute, 30 Jahre später, sind es noch immer mehrere Dutzend, ergaben Recherchen. Im Pub ist wichtig zu wissen: Man bestellt an der Bar und zahlt sofort. Männer trinken ein Pint (sprich: Paint, 0,568 Liter), und zwar meist in schnellen Zügen. Genippt oder ähnlich zögerlich herum getan wird in Irland nicht. Wer ein halbes Pint möchte, bestellt ein "Glass". Irische Frauen bestätigten dem Autor, der sich in solchen Fragen traditionell zurück hält, dass es als mädchenhaft gilt, als Mann im Pub ein "Glass" zu trinken. Das Auto holt man dann am nächsten Tag.

    Es würde sich auszahlen, alleine wegen der Pubs nach Irland zu reisen. Es gibt berühmte Exemplare wie etwa gleich gegenüber der Oper von Belfast die Crown Bar, die mit ihrem holzgetäfelten Innenraum und den verzierten Fliesen ein Kunstwerk für sich ist. In Dublin sollte man das sehr touristische Temple-Bar-Viertel eher meiden und besser die Gassen zwischen Dame Street und St. Stephen's Green abarbeiten. Billig ist's hier und dort nicht: Ein Pint mit dem berühmten dunklen Guinness kostet in der Temple Bar € 4,45. Es gilt übrigens als unhöflich, bei den allerorts üblichen Darbietungen irischer Volksmusik ohne ausdrückliche Aufforderung mitzugrölen.

    Wilde Kelten. Während also die Iren im Pub friedliebende Menschen sind, verwandeln sie sich am Steuer eines Kraftfahrzeuges in rasende Bestien. Für den Festlandeuropäer ist der Linksverkehr anfangs ohnehin gewöhnungsbedürftig genug. Jederzeit muss man zusätzlich damit rechnen, dass man auf schmalen Landstraßen geschnitten, abgedrängt und rücksichtslos-gefährlich überholt wird. Radfahrer befinden sich in Irland ohnehin in ständiger Lebensgefahr. Wer sich dem allgemeinen Stress auf der Straße nicht aussetzen will, bucht besser eine Bus-Rundreise. Während einer Fahrt rund um die Insel gelangt man früher oder später auch in den äußersten Westen, wo teilweise auch noch im Alltag gälisch gesprochen wird. Sichtbarstes Zeichen des keltischen Ursprungs der irischen Zivilisation sind heute die zweisprachigen Beschriftungen im öffentlichen Raum. Dublin zum Beispiel heißt eigentlich Baile Átha Cliath, also etwa "Stadt an der Hürdenfurt".

    Der Westen Irlands hat die schönere Landschaft: vom berühmten Ring of Kerry mit seinen herrlichen Stränden und Aussichtspunkten über die Cliffs of Moher, die mehr als 200 Meter über dem Meer aufragen, bis zu den wilden Landschaften Connemaras und Mayos.

    Besuch in Ulster. Weiter nach Norden: Grenzübergänge zwischen der Republik Irland und Nordirland, das zum Vereinigten Königreich gehört, gibt es nicht. Keine Fahnen, keine Balken oder Grenzsteine, auch keine Kontrollen. Nur an der Tatsache, dass plötzlich die gälischen Bezeichnungen fehlen und mit Pfund statt Euro bezahlt werden muss, merkt der Ausländer zunächst, dass er sich in einem anderen Land befindet.

    In Nordirland, der Provinz Ulster also, gibt es viel zu sehen: getrennte Stadtviertel mit künstlerischen Graffiti, schöne Küstenlandschaften und Naturwunder wie Giant's Causeway, eine spektakuläre Formation von schwarzen Basaltsäulen. Besonders aufschlussreich für den Besucher aber ist der Anschauungsunterricht, welche fast unüberwindbaren Barrieren eine politische Trennung der Menschen nach ihrer Religion (in diesem Fall: Katholiken und Protestanten) aufrichten kann. In Nordirland versuchen die Menschen im Rahmen des Friedensprozesses seit mehr als zehn Jahren, einander über diesen Abgrund die Hände zu reichen. Für den Touristen birgt eine Reise nach Nordirland dadurch keinerlei besondere Gefahren mehr. Und: Wer sich schon zu einer Reise auf die Grüne Insel entschließt, sollte sich das ganze Irland einschließlich Nordirland zu Gemüte führen.

    Schätze der Vergangenheit. Dass die Religion seit Anfang der Zivilisation auf dieser äußersten Insel Europas eine große Rolle spielte, ist für heutige Generationen auch ein Glücksfall. Denn die großartigsten Zeugnisse frühchristlicher Kunst finden sich nicht etwa in Rom oder Paris, sondern - wie zum Beispiel das "Book of Kells" - hier auf der Insel. Wer möchte, kann seine Irlandreise zu einer Tour auf einer "Grünen Welle" zwischen mystischen Plätzen versunkener heidnisch-keltischer Kulturen und den Zeugnissen des neuen Glaubens an einen einzigen barmherzigen Gott machen. Die zahlreichen Spuren, die etwa Irlands Nationalheld St. Patrick hinterlassen hat, geben dazu ausreichend Gelegenheit. Besonders stolz ist man in Irland nicht zuletzt darauf, dass in den Abteien und Klöstern des Landes die Kultur des Abendlandes in die Gegenwart gerettet wurde, während der Kontinent im frühen Mittelalter in Anarchie und Chaos versank.

    Insofern wurde Europa einst ausgerechnet dort neu erfunden, wo es heute ein bisschen ins Wanken geraten ist.


    Irland-Infos: Tel (01) 501 596 000, www.entdeckeirland.at, info.at@tourismireland.com