• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Jänner 2008
    11.05.2011
    Autor:
    Roland Fibich

    Immer nach Süden

    Apulien - das ist ungeschminktes, romantisches Italien

    0801_apulien_a © Raiffeisen Reisen, Fibich
    Wo Italien aus ist: ?Märchenland der Trulli? in Alberobello, Apulien
    © Raiffeisen Reisen, Fibich
    Hinter Florenz kommt zunächst einmal Rom, später natürlich Neapel. Und noch weiter im Süden liegt dann schließlich: …ähhh …? Auf unserer touristischen Landkarte fristen Absatz und Spitze des italienischen Stiefels ein Dasein, das durchaus einer permanenten Abseitsstellung ähnlich ist. Das ist natürlich eine große Ungerechtigkeit, besonders gegenüber Apulien. Die Provinz, die im Prinzip den Absatz Italiens bildet, rückt jedenfalls mit Direktflügen ab Österreich und preiswerten Pauschalangeboten für Kultur- und Weinliebhaber sowie Fans ungeschminkter süditalienischer Lebensart im Frühjahr 2008 wieder näher an unser Land heran.

    Die Höhlenstadt Matera ist durch Weltliteratur sogar zum Sinnbild für Abgelegenheit und Rückständigkeit geworden. Christus kam nur bis Eboli - Carlo Levis Roman beschrieb das Leben Zehntausender in den Höhlenwohnungen, den Sassi Caveosi, deren Existenz in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts als die "Schande Italiens" begriffen wurde. 2008 sind die ehemaligen Zufluchtsstätten und Felsenkirchen teilweise restauriertes Weltkulturerbe, Mel Gibson drehte in Matera seinen Schocker "Die letzte Passion Christi".

    Im "Märchenland der Trulli". Matera liegt zwar in der Provinz Basilicata, gehört aber zu jeder Apulienreise dazu. Weit über Italien hinaus bekannt ist "Púglia", so der italienische Originalname, jedoch durch die so genannten Trulli, ganz aus Stein erbaute kleine Häuser mit runden, zugespitzten Dächern. Im "Märchenland der Trulli" genannten Städtchen Alberobello bilden Dutzende von ihnen eine Touristen-Flaniermeile - mit allem, was dazu gehört: Spezialitätengeschäfte und Handwerk für die Frauen, Bars und Fotomotive für die Männer sowie Busparkplatz und saubere Toiletten für alle zusammen.

    Wie in Matera, hat auch in Alberobello ein Funktionswandel ehemaliger Elendsquartiere die Phantasie und den Einfallsreichtum der Menschen beflügelt. Die Trulli waren einst Massenquartiere für Leibeigene gewesen. Die Behausungen mussten rasch abgerissen werden, wenn sich Steuerprüfer näherten - daher die primitive Steinbauweise. Was damals Zuflucht der Ärmsten war, ist auch hier heute Weltkulturerbe.

    Auf ein Glas Primitivo. Apulien ist auch Weinland, die Tradition geht bis auf die Römerzeit zurück. Auf Schritt und Tritt begegnet man der einheimischen Sorte Negroamaro oder auch der Primitivo-Traube, die als Ursprungsrebe des kalifornischen Zinfandel gehandelt wird. Milde Winter und heiße Sommer und die daraus resultierenden Weine lassen die Besucherzahlen in den Kellereien von Locorotondo, bei Albano Carrisi, Leone de Castris und in Albea bei Albarobello in die Höhe schnellen. Wählt man dazu eine organisierte Bustour, muss man sich auch um die sichere Heimreise keine Sorgen machen.

    Die Krone Apuliens. Gleichgültig, ob man mit dem Flugzeug, per Bahn oder mit dem Auto nach Apulien reist, wurscht, ob Pauschal-, Rucksack- oder VIP-Tourist - an der "Steinernen Krone Apuliens" kommt man kaum vorbei. Natürlich handelt es sich dabei um Castel del Monte, den berühmten Bau des Stauferkaisers Friedrich II. aus dem 13. Jahrhundert. Das Schöne an dem schlicht perfekten Oktogon-Gebilde ist, dass alle Aufzeichnungen über seinen Sinn und Zweck wahrscheinlich von bösen Ausländern (Franzosen, Spaniern etc.) vernichtet wurden, sodass Besucher, Autoren und Besserwisser munter darauf los spekulieren können, was es nun eigentlich war: Jagdschloss? Burg? Kirche? Spielerei? Universität? Raumschiff? Der für seine Zeit recht moderne und aufgeklärte Kaiser (Promi-Name: "Das Staunen der Welt") würde sich darüber sicher gerne prächtig amüsieren. Doch leider schmort er in der Hölle - zumindest muss man das annehmen, wenn man Katholik ist. Denn Papst Gregor IX., dem die Ansammlung der Staufermacht nördlich und südlich seines Kirchenstaates ein Dorn im Auge war, ließ Friedrich zum "Feind der Christenheit" erklären und exkommunizieren.

    Sarazenen und Byzantiner. Apulien erstreckt sich weit ins östliche Mittelmeer hinein, das Land ist Sprungbrett nach Osten und Einfallstor nach Italien. Heute sind es Flüchtlinge aus Asien und Afrika, die an seinen Stränden ihr Glück suchen, vor Jahrtausenden waren es Griechen, die an seinen 800 Kilometer Küsten anlandeten. Wer sich mit Reiseleiterinnen wie Angela auf eine Rundfahrt nach Bari oder Lecce begibt, wird viel erfahren über die wild bewegte Geschichte dieses weltoffenen, oft allzu trockenen, immer aber herausfordernden Landes, in dem sich die Kulturen kreuzen.

    Beim Heiligen Nikolaus. Illyrer, Ägäer, Griechen, Römer, Langobarden, Byzantiner, Normannen, Sarazenen, Staufer, Anjou, Spanier... die Liste der Invasoren und Kolonisatoren an diesem Schnittpunkt der Kulturen ist endlos, allzu leicht kann man den Überblick verlieren. Festhalten kann man sich an phantastischen Bauwerken wie der Basilika San Nicola in Bari, einem Meisterwerk apulischer Romanik. 1087 stachen von Bari 62 mutige Männer in See, um die Gebeine des Heiligen Nikolaus aus Myrrha in der heutigen Türkei, damals in Byzanz, zu rauben. Sie sind noch immer hier - direkt unter dem Hauptaltar. Baris direkte Rivalin ist die Stadt Lecce, noch weiter im Süden, die mit zu barockem Leben erwachten Steinbauten zu glänzen vermag - insgesamt 100 Kirchen zeugen von der anhaltenden Attraktivität des Glaubens. Bei gutem Wetter kann man vom 70 Meter hohen Turm des Domes über die Straße von Otranto hinweg die Gebirge Albaniens sehen. Während man sagt "Wo die Bareser hinkommen, wächst kein Gras mehr" - und damit nicht nur auf den Stil der örtlichen Fußballmannschaft anspielt -, bevorzugt man in Lecce eine feinere Klinge. Vielleicht, weil hier auch einmal die Venezianer den Ton angegeben haben.

    Aus Alt wird Neu. Diesem Grundsatz folgend, hat Apulien die in Süditalien traditionelle Bürde bitterer Armut recht erfolgreich abschütteln können. Ein schönes Beispiel dafür ist die Masseria Torre Coccaro. Aus dem ehemaligen befestigten Gutshof, der dem Verfall preisgegeben war, haben clevere Investoren eine Luxusherberge gemacht. Man wohnt in trendig gestylten Höhlenwohnungen, genießt den großen Pool oder Wellnessbehandlungen und erfreut sich an ausufernden Menüs. Der ganze Spaß ist nicht gerade billig, doch eine willkommene Abwechslung.

    Eine verborgene Schönheit. Apulien ist kein Land, dessen Schönheit schon im ersten Augenblick der Begegnung verzaubert. Eher im Gegenteil: Am Anfang wird man vielleicht enttäuscht sein - das Land ist zersiedelt, die Städte sind laut und chaotisch, die Strände in der Umgebung von Bari und Brindisi keine besondere Offenbarung. Doch es gibt sie, diese gut verborgenen Plätze, an denen man einen Hauch dessen spürt, was das Land ausmacht. Während eines Spaziergangs durch die stillen Gässchen von Ostuni, der Weißen Stadt, lockt die "Taverne zur verlore-nen Zeit" auf ein Glas Primitivo. Man setzt sich nieder, die Gedanken folgen den Erlebnissen des Tages im Rückwärtsgang. Warum baut ein Kaiser Türme mit acht Ecken, wo doch alle anderen auf der Welt nur vier haben? Was würden die bettelarmen Erbauer der Trulli über Menschen denken, die ihre unter Mühen errichteten Häuser als "putzig" beschreiben? Und, zum Teufel noch einmal: Was mischen diese Apulier in ihre Ohrnudeln, dass die so verdammt gut schmecken?

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