• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Jänner 2006
    11.05.2011
    Autor:
    Kurt Zeillinger

    Der Bauch Frankreichs

    Lyon schmeckt - und wie! Ein Ausflug in die Schlemmer-Metropole.

    lyon_eins © Kurt Zeillinger
    Lyon gilt als die kulinarische Hauptstadt Frankreichs. Das Chabert & Fils ist nur eines der vielen erschwinglichen, guten und gemütlichen "Bouchons"
    © Kurt Zeillinger
    Essen wie Gott in Frankreich: Das kann man im "Bauch des Landes", in Lyon, genauso gut wie in seinem Kopf, in Paris. Nur wesentlich günstiger und gemütlicher. Es muss ja nicht gleich bei Paul Bocuse (Menüs von 110 bis 190 Euro) sein, der nicht ganz unschuldig daran ist, dass heute 25 Restaurants in der 1,3-Millionen-Stadt Michelin-Sterne tragen dürfen. In den meisten der 75 (!) mit Gault-Millau-Hauben ausgezeichneten Lokale kommen Gourmets weit günstiger weg: Michel Troisgros, Nicolas Le Bec oder Christian Têtedoie (Menüs ab 40 Euro) sind die jungen Stars, die den Altmeister längst kreativ überholt haben. Wer bei ihnen essen möchte, muss lange im voraus reservieren.

    In den Markthallen am Cours Lafayette treffen sie sich jeden Morgen. Auch für Schlemmer-Reisende auf kulinarischem Wochenend-Trip (dank günstiger Tagesrand-Flüge von Wien keine Hexerei) lohnt sich der Weg in den 70er-Bau. Denn nirgendwo kann man sich besser mit Spezialitäten für daheim eindecken als hier: Bei Colette Sibilia mit den besten Würsten der Stadt (Lyon gilt als die Wurst-Stadt Frankreichs), pikanten Hartwürsten und deftigen Andouilettes, Kochwürsten aus Innereien. Nur das, was man bei uns Lyoner nennt, findet man nirgendwo. Am Käsestand von Renée & Renée Richard lässt man sich den Saint-Marcellin und Saint-Félicien am besten vacuumverpacken, denn sonst riecht das ganze Flugzeug danach. Und mittags probiert man z. B. bei Chez Léon die in der Nacht gefischten Austern.

    Auf geheimen Pfaden lassen sich Kalorien in der Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône wieder abbauen. Man fährt mit der Metro in die Altstadt (Station Vieux Lyon), steigt um in den Schrägaufzug zum Fourvière-Hügel, genießt den Panoramablick von der Basilika - und spaziert den steilen Abhang hinunter ins mittelalterliche Gassen-Gewirr. Dort steigt man ein in die Welt der Traboules: Die Haustore zu den Gängen, die oft ein halbes Dutzend Innenhöfe miteinander verbinden, öffnen sich allerdings nur jenen, die mit einem Guide unterwegs sind. Tippt dieser einen nur ihm bekannten Zifferncode in die Tür-Tastatur, betritt man diese verborgene Welt. Die an die 300 pittoresken Abschneider, in denen man die Lyoner Seidenwaren unbehelligt von Wind und Wetter zu den Schiffen bringen konnte, gelten als eigentliche Seele der Stadt.

    Und noch ein Markt. Am anderen Ufer, gegenüber dem Justizpalast, verstauen die Standler ihre Ware. Unter den Platanen duftet es noch nach den zehn verschiedenen Arten von Bresse-Hühnern, die sich bis vor kurzem am Spieß drehten, und nach dem Kaffee, der hier an schönen Wintertagen im Freien serviert wird. Freunde alter Bücher und Stiche schlendern noch den Kai entlang, wo die Bouquinistes ihre Stände aufgebaut haben. Feilschen ist durchaus drin. Jetzt noch ein Abstecher ins Renaissance- (und Einkaufs-) Viertel mit der Oper, der der Architekt Jean Nouvel eine futuristische Haube aufsetzte, ein Aperitif im üppigen rot-goldenen Gründerzeit-Dekor des Grand Café des Négociants oder im stylishen Comptoir de la Bourse - und dann ab in eines der urigen Bouchons.

    © Archiv

    Bouchons in Lyon

    Urig Schlemmen. Bouchon ("Korken") heißen die uralten volkstümlichen Weinstuben mit ihren karierten Tischtüchern, die heute Tempel der Fleischeslust sind - selbst wenn es da und dort neben Geflügel auch die für Lyon typischen luftig-leichten Hechtnockerln (Quenelles) gibt. Vier Gänge ab € 18,-, unbedingt reservieren!

    Café des Fédérations, 8-10, rue de Major Martin, Tel. (+33) 478 282 600, www.lesfedeslyon.com

    Chabert & Fils, 11, rue des Marronniers, Tel. (+33) 478 370 194, www.chabertrestaurant.fr

    Chez Georges, 8, rue du Garet, Tel. (+33) 478 283 046.

    La Meunière, 11, rue Neuve, Tel. (+33) 478 286 291, www.la-meuniere.fr

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