Bestell-Rätsel - noch bei Licht. Die Speisenauswahl trifft man noch bei Licht, wobei die kryptischen Formulierungen in der Menü-Information nicht wirklich viel zur Erleuchtung beitragen:
"Launische Tierchen vergnügen sich in aromatischen Nebelschwaden, wie sie nur glühende, holde Wachsamkeit zu erzeugen vermag. Nun ruhen sie selig auf frischen Betten - doch pikante Geister spuken umher" oder
"In der Grundessenz goldiger Bären erstarrte Teile tafelnder Weggefährten geben sich ein Stelldichein mit in Ungnade gefallener Intelligenz und den guillotierten Bewohnern steirischer Nationalhelden" - das und all die anderen Sprüchlein bringen höchstens Hellseher einen Schritt weitrer. Jedenfalls deuten auch geschulte Rätselknacker nach längerem Zögern auf den jeweiligen Titel und bestellen kurz entschlossen Fisch, Fleisch, Vegetarisches oder die asiatische Speisenfolge - mit oder ohne Suppe.
Licht aus. Dann geht's - geleitet vom Kellner - im Gänsemarsch zum Tisch, wobei schon die Sitzordnung ein wenig Verwirrung beschert: "Wo bist Du, neben mir oder gegenüber? Ja, so ist's gut, aber wo ist mein Sessel? Ah, hier, danke!" Ohne die freundliche Hilfe des dank militärischer Sichttechnik überlegenen Personals würden da bereits erste Flurschäden entstehen oder es gäbe zumindest ein paar blaue Flecken.
Interessant auch die Hilflosigkeit beim Eingießen der Getränke: Bier schäumt und auch Cola - das weiß man. Aber woran merke ich, ob mein Glas tatsächlich schon randvoll? Das Gehör lässt einen im Stich, die dezente Hintergrundmusik übertönt jegliches Plätschern oder Glucksen. Ergo: Man ist schon froh, wenn man überhaupt ins Glas getroffen hat, und wenn man es dann auch wieder findet.
Das Essen wird serviert. Plötzlich schwebt der unsichtbare Ober heran und platziert den ersten Gang behutsam vor seinen Gästen, die prompt beginnen, mit den verfügbaren Sinnen hinter das Geheimnis der Lieferung zu kommen. Und da die tief in die Teller versenkte Nase nicht die gewünschten Informationen liefert, werden zuerst Form und Konsistenz mit dem Besteck erforscht, bevor schließlich der Geschmacksinn herhalten muss. Dass dabei etwa ein ganzes Salatblatt widerspenstig übers halbe Gesicht gebreitet wird oder - alternativ - erst beim zehnten Versuch eine verlorene Nudel zwischen die gierig geöffneten Lippen findet, gehört zu den harmloseren Tücken des Abends. Die gravierenderen Entgleisungen entdeckt man erst beim Heimgehen, oder wenn der Kellner gnädig zum dritten Mal das Tischtuch wechselt.
Das "Was-ist-das-auf-meinem-Teller-Quiz" wiederholt sich bei jedem Gang und verliert bis zum Schluss nicht an Spannung. Wer gehofft hat, dass im Lauf des Abends die Trefferquote steigt und man zunehmend rascher die Geschmacksrätsel lüftet, wird enttäuscht. Die Auflösung, die man beim Abschied freundlicher Weise schriftlich ausgehändigt bekommt, unterscheidet sich erfahrungsgemäß grundlegend von den ursprünglichen Rate-Ergebnissen. Und das, obwohl man doch zumindest ein oder zwei Mal "hundertprozentig sicher" ein durchaus gängiges Gericht erkannt hatte.
Das Fazit eines außergewöhnlichen Abends. Was Zweifler aber beruhigen sollte: Die Qualität des Gebotenen entspricht nicht nur dem Preisniveau, sondern jedenfalls auch gehobenen Erwartungen. Rund 30 Euro für das viergängige Menü - mit oder ohne Suppe macht preislich kaum einen Unterschied - zahlt man anderwärtig auch für durchschnittliche Mahlzeiten, und da ist von einem Spaßfaktor gar keine Rede. Zugegeben, die Getränke muss man auch noch einkalkulieren, aber dafür bescheren die kulinarischen und kommunikativen Erlebnisse in absoluter Finsternis geradezu unbezahlbare Eindrücke, Einsichten und vielleicht sogar das Bewusstsein, wie wertvoll und beglückend es ist, sehen zu können.



![[1293286_1.jpg]](/media/image/2011.03.22/1293286_1.jpg?1305158009)
![[1293287_1.jpg]](/media/image/2011.03.22/1293287_1.jpg?1305158011)