• Reise-Reportagen
    Ausgabe: März 2001
    11.05.2011
    Autor:
    Jo Deimel

    Lockruf des Westens

    Weite Prärien, bizarre Felstürme und Highlife in Las Vegas - mit Zelt&Schlafsack durch die USA.

    USA_Felsen © Deimel, Buenos Dias, Adventure Access
    Das Abenteuer lockt...
    © Deimel, Buenos Dias, Adventure Access
    Zeltaufstellen ist für Dave keine Hexerei. Wenn's sein muß, schafft er es wohl auch mit verbundenen Augen. Als der Trek am Abend im Joshua- Tree-Nationalpark sein Lager aufschlägt, stellt Dave dieses Talent unter Beweis: Daß es bereits finster ist, macht dem campingerfahrenen Trekker wenig aus. Schon nach ein paar Minuten verankert er den letzten Hering im sandigen Boden. Und schon steht sein Zweimann-Zelt in der Prärie.

    Sybren, der Leiter dieses Treks, ist besonders stolz darauf, keinen festen Wohnsitz zu haben. Er schläft immer dort, wo sein Troß abends gerade Halt macht: Das kann heute an einem Strand in Kalifornien sein, tags darauf inmitten der Prärie. Zwischendurch genießt er auch immer wieder den Trubel der Städte: Egal ob Bräunungs-Wettbewerbe unter der Sonne von Los Angeles oder Partys in Las Vegas - Sybren lebt die Butterseite des American Way.

    Elf junge Leute sind aus aller Welt angereist, um den Westen auch einmal auf Sybrens Art zu erleben: hautnah und ein bißchen wild. Als Beförderungsmittel dienen die mehr als 250 Pferdestärken von Sybrens Van. Am Dachträger sind bereits Zelte, Kocher und Camping-Geschirr verladen. Nachdem auch alle Rucksäcke verstaut sind, heißt's für die elf Abenteurer aufsitzen. Sybren startet den Motor und los geht's.

    "Glückwunsch!", witzeln die Park-Ranger am Ausgang des Joshua-Tree-Campingplatzes. "Hier in der Prärie regnet's vielleicht an fünf Tagen im Jahr!" Den Trek freut es eher wenig, daß es just an diesem Morgen wie aus Schaffeln schüttet. Nach einem feuchten Frühstück im Freien gelingt das Zeltabbauen und Gepäck-verladen wegen des Hundewetters in Rekordzeit. Was für einen Segen dieser Guß aber wirklich bringt, zeigt sich erst 300 Meilen weiter, nach der Ankunft am Grand Canyon. Es ist etwa fünf Uhr abend. Und rund eine Stunde bevor die Sonne untergeht, hat der Regen nun leicht nachgelassen. Vom Parkplatz aus versteckt sich der Grand Canyon noch hinter den dichten Nadelbäumen. Aber keine hundert Meter hinter dem Wald eröffnet sich ein Weltwunder: Über der Schlucht reißt gerade an einigen Stellen die Wolkendecke auf. Einzelne Strahlen der tief stehenden Sonne schießen gebündelt durch und leuchtende Regenbogen bilden sich. In der Gewitterstimmung glühen die Felstürme rot-orange. "Wahnsinn!", meint nicht nur Anna, die sich gerade beeilt, einen lichtempfindlicheren Film einzulegen. Die Größe der Schluchten, die der Colorado River in Millionen von Jahren in dieses Plateau geschnitten hat, ist jedoch von keinem Foto zu erfassen.

    Auf dem langen Weg durch den Westen jagt ein Naturwunder das nächste: Im Monument Valley, Bryce Canyon, Zion National Park oder Death Valley hat die Bewegung der Erdkruste zusammen mit Wind, Wasser und Sonne extreme Landschaften aus Fels geformt. Den Reichtum der Natur offenbart Yosemite mit seinen uralten, bis zu 100 m hohen Redwood-Bäumen.

    Die Campingplätze in den Nationalparks bieten neben der eindrucksvollen Naturkulisse auch ordentlichen Komfort. So braucht man weder auf die heiße Duschen noch auf saubere Toiletten verzichten. Auch Hunger leiden muß während des Treks niemand. Jeden Tag wird am Campingherd frisch gekocht. Tom und Rachel zaubern eine englische Kürbiscremesuppe hervor. An einem anderen Abend zeigt sich Kim hellauf begeistert vom Reistopf mit Röstgemüse und Hühnerfleisch. Vielfalt offeriert auch das Frühstück: Müsli, Obst, Bagels, Creamcheese und Orangensaft kommen auf den Tisch. Kaffee gibt's nach typisch amerikanischer Manier: Fast geschmacklos, aber heiß und immer gleich literweise.

    Selbstversorger zu sein, hat einen großen Vorteil: Es ist billig! Mit 35 Dollar pro Nase läßt sich eine Woche lang gut in den amerikanischen Supermärkten einkaufen. Generell kommt man im Rahmen dieses Treks relativ günstig davon. Man erspart sich Mietauto und Hotelkosten, außerdem sind sämtliche Eintrittspreise für die Nationalparks im Tourpreis inkludiert. Dadurch kann man es sich leisten, zwischendurch mal ordentlich zu prassen.

    Wer eine handvoll Dollar übrig hat, kommt an Las Vegas keinesfalls vorbei. "Den Luxus hier kann jeder auskosten!", weiß Sybren aus eigener Erfahrung. Für diesen Abend tauschen die Trekker ihr Zelt gegen ein Hotelzimmer und den Van gegen zwei Stretch-Limousinen. Während Sybren auf der Rückbank mit Champagner auf seine Truppe anstößt, lenkt der Chauffeur die Limo den berühmten Las Vegas Strip hinauf. Die Superluxus-Hotels und Glücksspiel-Tempel wie das MGM Grand, das Luxor oder das Venetian säumen die Straße. Nach der Flanierfahrt riskieren noch einige ihr Glück am Einarmigen Banditen oder am Roulette-Tisch.

    Noch viel risikofreudiger zeigen sich tags darauf Lydia, Kirsten, Anna und Asa. Sie nähern sich Las Vegas noch einmal aus einer anderen Richtung: 4.000 m über dem Boden springen sie nacheinander aus einem Flugzeug. Daß sie dabei immer ans Brustgeschirr eines erfahrenen Fallschirmspringers geschnallt sind, läßt vorm Absprung die Schmetterlinge im Bauch keineswegs verschwinden. Es folgen 40 Sekunden freier Fall, bevor sich der Schirm öffnet. Das setzt eine Menge Adrenalin frei. "Wow!", kommentiert Asa nach sicherer Landung den Flug zunächst noch etwas atemlos. "Das ging alles viel zu schnell!", meint Kirsten mutig. Und Lydia ist vom luftigen Panorama ganz und gar begeistert: "Dort oben siehst du vom Lake Mead über den Hoover-Damm bis hinunter in die Straßen von Vegas!"

    Noch viel weiter hinter dem Horizont endet der Westen der USA an der Küste Kaliforniens. Entlang des pittoresken Highway Nr. 1, der die Hollywood-Metropole Los Angeles mit San Francisco verbindet, liegen viele Traumstrände. Von hier stammt der Begriff vom "California Dreaming": Das Leben dreht sich um Sonne, Surfen und Parties. Ein Traum, den die Teilnehmer dieses Treks auf ihrem Weg nicht nur träumen, sondern teilweise auch erleben durften.

    Für alle, die es nicht gerade in den Wilden Westen zieht, gibt's auch noch andere Treks in den USA, in Kanada oder Mexiko. Informationen in den ÖAMTC-Reisebüros.

    Unsere Wertung:

    Klima: ****Obwohl die Sonne das Klima des Westens prägt, sollte man fürs Campieren Pullover, Jacke und Mütze nicht vergessen.
    Land und Leute: *****Vielfältiger und schöner als im Westen Amerikas kann Natur kaum sein. Außerhalb der Städte trifft man durchwegs freundliche und hilfsbereite Menschen. In Las Vegas regiert der Dollar.
    Kulinarisches: ***Kein Klischeé: Fast Food beherrscht Amerika. Da ist selbst gekochtes Essen beim Campieren eine gute Abwechslung.
    Abenteuer: *****Fallschirmspringen, Reiten, Mountainbiken, Wandern oder Helikopterflüge durch den Grand Canyon - alles zwar extra zu bezahlen, aber wer eine handvoll Dollars übrig hat, sollte die zusätzlichen Freizeit-Angebote vor Ort unbedingt nützen.

    ***** hervorragend, **** sehr gut, *** gut, ** durchschnittlich, * mangelhaft

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