• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Februar 2001
    11.05.2011
    Autor:
    Roland Fibich

    Ausgerechnet Alaska

    Logbuch einer außergewöhnlichen Kreuzfahrt: Draußen Natur pur, drinnen Luxus total

    Alaska_Wal © Carnival Cruises, Fibich
    Ein Naturspektakel der besonderen Art: Buckelwale für Alaskas Eisküste Foto: Carinval
    © Carnival Cruises, Fibich
    Es gibt sie also wirklich!" Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, für so manche dick eingemummte Landratte geht gleich eine Art Lebenstraum in Erfüllung. Mit einem Ausflugsboot sind wir von Auke-Bay, 20 Busminuten von Juneau/Alaska, in die Fjorde des Saginaw- und Lynn-Channel aufgebrochen. Trotz tief hängender Wolken und Nieselregens bleibt niemand unter Deck. Denn Wendy, mit dicker Pelzhaube und Mikrophon bewaffnet, kündigt ihre Sensation wie den Auftritt eines Popstars an. Vor einigen Minuten hat sie mit ihrem Fernstecher den Rücken eines Buckelwals entdeckt.

    In wenigen Augenblicken, so verspricht Wendy ihrem angestrengt in die graue Nebelsuppe starrenden Publikum, wird der Gigant der Meere wieder auftauchen: "Wer den Wal zuerst sieht, gewinnt drei Fischcracker von der Bar", spornt sie uns an. Und tatsächlich: Begleitet von kollektiven "Ohhhs" und "Ahhhs" sowie dem Klicken zahlreicher Kameraverschlüsse, kommt "er" keine 30 Meter vom Boot an die Wasseroberfläche, bläst drei-, vier-, fünfmal Luft aus. Zum Abschied, beim Abtauchen, zeigt er uns stolz seine Schwanzflosse und verschwindet dann wieder in den Tiefen des Ozeans. Die Show hat keine ganze Minute gedauert, dennoch überall zufriedene Gesichter.

    Im Land des Weißen Donners. In Vancouver hatte uns der Hotelportier zur Entscheidung gratuliert, mit der MS Jubilee nach Alaska aufzubrechen: "Diese idiotischen Russen haben das Land einfach um sechs Millionen Bucks verkauft". Heute wirft der riesige US-Bundesstaat - jede Hälfte Alaskas ist größer als Texas - vor allem durch seine Ölvorkommen ein Vielfaches an Gewinnen ab. Sein wahrer Schatz ist aber die unberührte Natur. Während unser schwimmendes Hotel entlang der Küste von British Columbia durch die sogenannte "Inside-Passage" Richtung Alaska rauscht, rücken die schneebedeckten Bergriesen immer näher an den tiefblauen Pazifik. Noch Ende September ist es an diesem sonnigen Tag warm genug, um dieses Panorama in einer Liege an Deck zu genießen. Voraussetzungen allerdings: Decke, Haube und dicker Pullover.

    Der furiose Höhepunkt der Reise wird in "Glacier Bay" aufgeführt. Die größte Naturattraktion Südost-Alaskas ist nur mit dem Flugzeug zu erreichen - oder eben mit unserem Schiff. Vom Deck der MS Jubilee gleitet der Blick vom gigantischen, 4.663 m hohen Mount Fairweather über die gleißenden Gletscher, die hier direkt in die Fjorde münden. Wenn es ganz ruhig wäre - was es aufgrund der aufgeregt schnatternden Mitreisenden nicht ist - könnte man den Weißen Donner hören: Das Getöse der von den Gletschern in den Pazifik stürzenden Eismassen. Der Kapitän dreht die MS Jubilee in dem engen Kanal vorsichtig um 90 Grad. Jetzt liegt der Gletscherabbruch fast zum Greifen nahe direkt vor unseren Augen. Und unter vielen "Ohhhs" und "Ahhhs" (schon wieder!) wird tatsächlich vor unseren Augen ein Eisberg "geboren".

    Der Paß der Goldgräber. Am 17. August 1896 fanden George Carmack und seine zwei indianischen Scouts im Bonanza Creek einige Nuggets, der Klondike Goldrush begann. Der Seeweg, die Inside Passage, war schon damals die beste Route nach Alaska. Der Andrang war so groß, daß an ihrem nördlichen Ende, in Skagway, eigens eine Eisenbahn gebaut wurde, um die Glücksritter ins Landsinnere zu bringen. Heute befördert die "White Pass&Yukon Railway", eine technische Meisterleistung ihrer Zeit wie der Panamakanal oder der Eiffelturm, uns Kreuzfahrt-Touristen in Schwindel erregende Höhen bis zur kanadischen Grenze. Wieder zurück, kann man sich im rauen "Red Onion"-Saloon stilecht ein Bierchen genehmigen oder in den von Freudenhäusern zu Souvenirgeschäften mutierten Holzbauten entlang des Broadways Mitbringsel shoppen. Skagway versprüht eindeutig mehr "Last Frontier"-Flair als Juneau, die Hauptstadt Alaskas. Dennoch: Der kleine, zwischen himmelhoch aufragenden Bergen versteckte Ort lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Ist das letzte Schiff Anfang Oktober abgedampft, werden die Gehsteige hochgeklappt.

    Die Killerwale kommen! Zurück zu den Naturwundern. Will man die Weißkopf-Seeadler, einen Grizzly oder Schwarzbären wirklich sehen, darf man nicht am Schiff bleiben, sondern muß einige der exzellent organisierten, aber wahrlich nicht billigen Landausflüge buchen. Vom Deck der MS Jubilee nämlich sieht man höchstens "Ameisenbären" - selbst der stärkste Feldstecher zeigte uns Meister Petz kaum größer als eine Ameise. Mit etwas Glück - wir hatten es! - kann man aber später mit einem Drink in der Hand vom Sonnendeck der MS Jubilee durchaus ein Rudel Killerwale beobachten. Was man nicht lange suchen muß, das sind im Herbst die Lachse. In Ketchikan, einer schmucken Indianer-Siedlung mit vielen eindrucksvollen Totem-Pfählen, tummeln sie sich zu Zigtausenden in den Flüssen und Bächen.

    Täglich frischer Lachs am Tisch. Womit wir beim Essen wären - der Haupt-Annehmlichkeit, die die MS Jubilee zu bieten hat. Keine Selbstverständlichkeit auf einem durch und durch US-amerikanischen Schiff: Speisen (und Getränke) bestechen durch Qualität und Einfallsreichtum. So gibt's zusätzlich zu umfang- und abwechslungsreichen Menüs auf dieser Tour abends täglich Lachs in immer neuen Varianten: Montag Lachssteak mit Pistazienkruste, Dienstag Lachssteak mit Muscheln, Mittwoch gegrillter Lachs mit Sauce Bernaise und Kartoffeln aus Oklahoma, Donnerstag Lachs mit Zitronensauce usw. Weine vom Feinsten, Spitzen-Service und lockeres Ambiente kennzeichnen die Bord-Restaurants. Klar, daß Bars, Show-Programm und Service hervorragendem Kreuzfahrt-Standard entsprechen, wenn auch die US-Klimaanlagen die Europäer unter den Reisenden öfters frösteln lassen. 2001 läuft übrigens statt der Jubilee ein funkelnagelneues Schiff, die Carnival Spirit, zu den wöchentlichen Alaska-Reisen von Vancouver aus. Was soll da noch passieren?

    Unsere Wertung:

    Klima: *** Eine Glückssache: Im September kann es angenehm warm, aber auch schon bitterkalt sein. Manche Landausflüge (Rundflüge!) lohnen sich nur bei gutem Wetter. Anorak und Haube unbedingt ins Gepäck.
    Route: ***** Wer eine einzigartige Natur auf einem 100% bequemen Trip erleben will, ist hier richtig. Nichts für Sonnenanbeter und Bikini-Fetischisten!
    Bordleben: **** US-amerikanisch von A bis Z. Absolut freundliche Bedienung, perfekte Organisation, tolle Shows. Einer der vielen hilfreichen Geister spricht auch mit Sicherheit deutsch.
    Landausflüge: **** Goldwaschen, Hubschrauber-Landung auf dem Gletscher, Lachsfischen, Rafting - es wird alles geboten. Die Preise sind entsprechend saftig.
    Sicherheit: ***** So sicher wie in Abrahams Schoß.

    ***** hervorragend, **** sehr gut, *** gut, ** durchschnittlich, * mangelhaft

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