• Auto-Tests
    Ausgabe: Juli 2012
    29.06.2012
    Autor:
    Alexander Fischer I Fotos: Eckler, Henninger

    Nackte Tatsachen

    Problemlos hat der Ford Focus den einjährigen Dauerlauf überstanden. Was uns gefiel, was uns missfiel und ob sich die vielen Sicherheitssysteme bewährten, erzählt die Bilanz nach 50.000 km.

    07_2012_dauertest_focus_6-1 © Archiv
    Problemlos hat der Ford Focus 1,6 TDCI (115 PS) den einjährigen Dauertest überstanden. Was uns gefiel, was uns missfiel und ob sich die vielen Sicherheitssysteme bewährt haben, erzählt die Bilanz nach 50.000 km.
    Der Farbton: Safari-Gelb – eigentlich die falsche Wahl für ein Auto, das die afrikanische Weiten mit uns nie befahren, Elefant & Co. maximal im Zoo sehen würde. Stattdessen haben wir den Ford Focus quer durch Europa bewegt, ein Jahr lang mussten Auto und Ausstattung hier ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen. Sein Temperament war maßvoll, sein Komfort ordentlich. Doch jetzt ist er weg, und es fühlt sich an, als ob man die Lieblingsjeans verloren hätte.

    Bravo, Focus. Wir schätzten seinen recht behutsamen Spritbedarf von 6 l/100 km, ebenso seine soliden Fahrleistungen. Wir mochten die direkte Lenkung, mehr noch die ausgewogene Straßenlage. Bequeme Sitze stützten mit kräftigen Seitenwangen unsere Rümpfe und Extremitäten, ermöglichten uns das Abspulen mehrstündiger Langdistanzen ohne nennenswerte Verspannungen. Wir taten dies alleine und gerne auch im Beisein anderer, da genügend Platz vorhanden war – und zwar für die Reisegesellschaft plus deren Gepäck. Als sehr praktisch erlebten wir in diesem Zusammenhang die beiden massiven Griffe auf der Innenseite der Heckklappe. Denn ist die Ware aus dem Kofferraum erst einmal einseitig gestemmt, kann mit der anderen, freien Hand die Klappe wieder mühe- und verrenkungslos geschlossen werden. Aber: Wir schätzten den Focus auch für sein üppiges Schutzangebot. Allerlei Sensoren und Kameras sollten uns Lenkende nämlich vor allerlei möglichen Gefahren bewahren, einem unbeabsichtigten Spurwechsel beispielsweise. Je nach Einstellung summte der Focus warnend, vibrierte sanft das Lenkrad oder übernahm das System helfend selbst das Steuer – selbstverständlich nur für die kurze Dauer der Lenk-Korrektur. Wer das nicht glauben mag: Ja, der Focus lenkte selbstständig, sehr gut sogar, wir haben das extra mit einem Video dokumentiert.

    Doch der Focus konnte noch einiges mehr: Er erkannte Überholverbote und Tempolimits mit überraschender Genauigkeit. Auch wechselte er automatisch zwischen Fern- und Abblendlicht, nicht immer zu unserer vollsten Zufriedenheit. Immer wieder wurden entgegenkommende Fahrzeuge zu spät erkannt und deren Fahrer geblendet. Darüber hinaus verzögerte der Focus bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h selbstständig, falls ein vorausfahrendes Auto hart und plötzlich abbremste. Active City Stop nennt sich diese optionale Funktion, ebenfalls im Video zu sehen. Alle zuvor genannten Systeme sind übrigens Teil des Fahrer-Assistenz-Pakets, für EUR 1.373,58. Das letzte „Bravo“ spendieren wir dem SAPP-System, einer semi-automatischen Einparkhilfe (inkludiert im Easy Driver Plus-Paket, EUR 637,74). Passende Längs-Parklücken wurden vom Focus zuverlässig erkannt und dann, zum Staunen der anwesenden Passagiere, quasi im Alleingang geentert.

    Buh, Focus. In Zeiten preiswerter werdender Touchscreen-Navigationssysteme sollte ein fest installiertes und über Tasten zu bedienendes System schon sehr gut sein, um den Aufpreis rechtfertigen zu können – das Navi des Focus (EUR 392,45) ist dies nicht. Es agiert träge, ist kompliziert in der Handhabung und unpraktisch im Gebrauch. Soll beispielsweise die Karten-Skalierung verändert werden, bedarf es der Betätigung unterschiedlicher Tasten. Normalerweise reicht dafür ein Tastendruck oder ein Dreh am Steuerrad. Gleichfalls eigenartig: die Fahrzeugschlüssel-Regelung – fürs Öffnen und Schließen wird der Schlüssel benötigt, zum Starten nicht (das passiert mittels Startknopf). Warum? Entweder bedarf es des Schlüssels für beide Tätigkeiten, oder für keine der beiden (und der Schlüssel bleibt bequem in der Tasche). In den Fokus unserer Aufmerksamkeit gelangten zudem zwei Einstellräder (auf jeder Seite) und gelangten so zu Negativ-Eintragungen im Fahrtenbuch: Rad Nummer eins dient der Lehnenverstellung, ist an der Außenseite der Sitze montiert. Unpraktischerweise befindet sich diese Position meist gegenüber der B-Säule (abhängig von der Längseinstellung), an einer ohnehin recht engen Stelle. Rad Nummer zwei ist zwar deutlich leichter erreich-, aber schlechter greifbar. Jedenfalls ist es unverständlich, dass die Temperaturregler so klein gehalten wurden. Wären sie zwei, drei Millimeter höher, könnten sie auch von Menschen mit großen Fingern problemlos bedient werden – die Optik der Mittelkonsole würde sicher nicht darunter leiden.

    Nochmals zu den Assistenz-Systemen: Der Tote-Winkel-Assistent funktionierte nicht zu unserer Zufriedenheit. Eigentlich sollten Radarsensoren herannahende Fahrzeuge erkennen, woraufhin der Fahrer via optischer Signale im Seitenspiegel gewarnt würde. Tatsächlich schlägt das System ungemein oft Alarm, auch dort, wo garantiert kein Überholender naht – in Parkhäusern beispielsweise. Oder während einer Nachtfahrt auf leeren Landstraßen. Möglicherweise war es aber auch nur ein Schwarm Glühwürmchen, der das Safari-Gelb des Focus so anziehend fand?

    Technische Daten Ford Focus 1,6 TDCi Titanium

    Preis EUR 25.850,-
    Motor 4-Zyl.-Diesel, 1.560 cm3
    Leistung 85 kW (115 PS) 3.600/min
    Drehmoment 270 (285*) Nm bei 1.750/min
    Spitze 193 km/h
    Normverbrauch 5,1/3,7/4,2 l/100 km
    Innerorts/außerorts/gesamt
    CO2-Ausstoß 109 g/km
    Antrieb Front, 6-G.-Handschaltung
    L/B/H 4.358/1.823/1.484 mm
    Radstand 2.648 mm
    Gewicht 1.325/575 kg (leer/Zuladung)
    Kofferraum 363/1.148 l (min/max)
    Tankinhalt 53 l
    auto touring Messwerte
    Beschleunigung 11,9 s (0-100 km/h)
    Bremsweg** 39,3 m aus 100 km/h
    Verbrauch im Test 6,0 l/100 km
    Reichweite 883 km