• Reise-Reportagen
    Ausgabe: Mai 2012
    30.04.2012
    Autor:
    Roland Fibich

    Jenseits von Antalya

    Es muss nicht immer alles inklusive im Strandhotel sein. Wer sich auf Rundreise durch die Südwest-Türkei begibt, kann kulturelle Genüsse erwarten. Und viel Gastfreundschaft.

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    Fischmarkt in den kleinen Urlaubsort Iskele nahe Izmir: Ein die Ferienorte an dieser Küste kommen fast ausschließlich türkische Gäste und keine Ausländer.
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    Am ersten Abend, in S??ac?k, gehen wir vom Hotel hinunter zum Restaurant Liman im alten Hafen, wo sich die Tische unter den Vorspeisentellern biegen. Es gibt heute Muscheln und Reis, marinierte Algen, Paprika, gefüllte Weinblätter und kleine, gegrillte Barben, die man mit den Fingern isst. In großen Runden tafeln die Familien unter bunten Glühbirnen an weiß gedeckten Tischen, die Kellner eilen geschäftig hin und her. In diesen Ferienort an der Ägäis-Küste, eine knappe Stunde außerhalb der Fünf-Millionen-Metropole Izmir, kommen praktisch nur einheimische Touristen. Auch drüben in Urla, auf der anderen Seite der Halbinsel, sind Bettenburgen und Urlauberclubs Mangelware. Am nächsten Tag kaufen wir hier fürs Mittagessen am Hafen um 20 Lira drei Fische, die wir im nahen ?skele Bal?k Evi („Fischhaus am Steg“) gleich rausprasseln lassen. Kostenpunkt für zwei Personen: elf Euro. Einheimisches Efes-Bier gibt es dieses Mal nicht dazu, denn 500 Meter im Umkreis einer Moschee darf kein Alkohol verkauft werden.

    Die göttliche Artemis. Die überwältigende Mehrheit der österreichischen Reisenden kennt die Türkei ausschließlich aus der Perspektive des Urlaubers, für den im Strandhotel alles inklusive ist. Dieses Mal wollen wir aber einen Schritt hinaus wagen: in den Südosten der Türkei, an die Küsten der Ägäis und in die Regionen dahinter. Es ist ein kultur- und geschichtsträchtiges Land, durch das wir uns dabei bewegen. Es drängt uns, nicht nur die Gastfreundlichkeit und die Köstlichkeiten in den Restaurants zu genießen, sondern auch etwas dazuzulernen. Also fahren wir hinunter in die Hafenstadt Ku?adas? und dann weiter nach Ephesus. Diese Metropole des Altertums ist, nach vielen Jahrhunderten im Dornröschenschlaf, wieder ein gefragter Ort. Dafür sorgen die gigantischen Kreuzfahrtschiffe, die in der Saison Tag für Tag in Ku?adas? anlegen. In Hundertschaften werden die Passagiere zum Landausflug zu den Ausgrabungen gekarrt. Als Trost für alle, die sich davon genervt fühlen: Auch im ersten Jahrhundert nach Christus waren die Straßen von Ephesus voll. Und gestunken hat es damals, im Gegensatz zu heute.

    Es gibt wohl zwei Arten, die antike Stadt zu durchwandern. Variante eins: Die Steine anstarren, die vielen anderen Besucher beklagen, unter der Hitze stöhnen, dann mit dem Partner streiten und schließlich wieder abreisen. Variante zwei: sich auf die zahlreichen Geschichten einlassen, die dieser einzigartige Ort mit seinen Steinen erzählt – von Artemis, der jungfräulichen Göttin der Jagd, deren zahlreiche Brüste die Hoden der Opfertiere darstellen. Oder vom Apostel Johannes, der hier zu den Anfängen des Christentums ebenso gewirkt hat wie der Apostel Paulus. Oder von den öffentlichen Toiletten – für diese führte Kaiser Vespasian einst eine neue Steuer ein. Kritikern entgegnete er: „Pecunia non olet – Geld stinkt nicht.“ Das bekannteste (und schönste) Bauwerk von Ephesus ist die sogenannte Celsus-Bibliothek. Im riesigen Theater finden regelmäßig hörenswerte Konzerte statt. Wer nach zwei bis drei Stunden noch nicht genug hat, kann das nahe Museum besuchen – mit göttlichen Artemis-Statuen, einer Kopie des Parther-Frieses (Original in Wien) und einem Monumentalkopf von Kaiser Domitian.

    Über die Dörfer. Im kleinen und chicen ?irince Butik Hotel oberhalb von Ephesus schläft man mit Aussicht auf Moschee und Kirche. Im Bad wartet Lorbeerseife, zum Frühstück gibt es wie früher für die Sultane Traubenmelasse und Sesamöl. Dann fahren wir durch die Dörfer immer Richtung Osten. Unter einer gleißenden Sonne wachsen hier Paprika, Paradeiser, Pfirsiche, Granatäpfel, Oliven und Feigen. In Tire ist am Dienstag großer Markt. Im Bazar treffen wir die Filzmacher und Tischler. „Lohnt sich das denn wirklich?“, frage ich den älteren Herren, der sich in einem Hinterhof mit der Herstellung des Filzes abmüht. „Mein Sohn ist in Ankara im Ministerium für eu-Angelegenheiten. Glauben Sie mir, ich habe die bessere Arbeit.“ Nebenan bestaunen wir das Geschäft mit Beschneidungs-Bedarf aller Art und den zum Trocknen aufgehängten Sesam. Über die wunderbaren Bergdörfer Birgi und Beyda? geht es dann hinunter in das Tal des Großen Mäander; unterwegs ernähren wir uns von frischen Feigen, das Kilo kostet ungefähr vier Euro. Die Berglandschaft ist grandios, doch alle berühmten Drehungen und Windungen des Flusslaufes kann man wohl nur aus dem Flugzeug erkennen – oder auf Google Earth. Im nächsten Dorf (der Name darf nicht verraten werden) huldigen die Einheimischen einem grotesken Brauch: Gibt es im Elternhaus unverheiratete Töchter, werden leere Glasflaschen aufs Dach gestellt, damit sich die Junggesellen aus der Umgebung orientieren können.

    Bald darauf taucht am Horizont mitten in der Vulkanlandschaft ein großer weißer Fleck auf. Die Sinterterrassen von Pamukkale und die oberhalb gelegene Ausgrabungsstätte von Hierapolis gehören zu den Touristenmagneten in der Türkei. Bis zu 17 Millionen Besucher/-innen kommen jedes Jahr an diesen Ort, die meisten von ihnen per Tagesausflug von den großen Hotels an der türkischen Riviera in der Umgebung von Antalya. Schrankenlos umherspazieren kann man auf dem Gelände schon lange nicht mehr, dafür glänzen die Terrassen (teilweise) wieder in strahlendem Weiß. Tatsache ist aber auch, dass aus den Quellen um 90 Prozent weniger Wasser fließt als noch in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, dass die Zukunft Pamukkales auch als Weltkulturerbe also weiterhin ungewiss bleibt. Oberhalb der Terrassen, auf dem Gelände des früheren römischen Bades, wurde ein Thermalbad mit großen Steinpools errichtet (Eintritt 25 Lira, ca. fünf Euro). Wer hier wie einst der römische Adel im rund 33 Grad warmen Wasser pritscheln will, muss sich dieses Vergnügen mit Dutzenden anderen, reichlich mit Sonnenöl eingecremten Touristen aus aller Welt teilen.

    Im Reich des Krösus. Dann fahren wir wieder zurück Richtung Meer, nach Sardes. Die einstige Hauptstadt des lydischen Reiches ist heute ein wenig besuchtes Ruinenfeld, das auf den ersten Blick nichts von einstiger Größe verrät. Auch der Paktolos, früher Goldfluss genannt, ist heute nur noch ein ausgetrocknetes Bachbett. Und doch residierte hier vor 2.500 Jahren der mächtige und sagenhaft reiche König Krösus, dem das Orakel von Delphi vor dem Krieg mit dem persischen Weltreich prophezeite: Wenn du den Halys (einen Fluss in Kleinasien) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören. Krösus glaubte, das Orakel meine seine Feinde, zog in den Krieg, verlor und zerstörte damit ein Reich – sein eigenes. Das Orakel habe seinen Sieg vorausgesagt, die sagenhaften Goldreichtümer der Lydier gehörten fortan Kyros, dem persischen König der Könige. Rund um die Ruinen prägen Hügel die Landschaft: Es sind die Gräber lydischer Könige. Es wird gemunkelt, dass Flüche auf ihnen liegen. Schwerter aus purem Gold tauchen plötzlich in der Luft auf, verschwinden wieder in der Erde.

    Die Stadt Kemalpa?a, noch ein Stück mäanderabwärts, ist in der ganzen Türkei berühmt für ihre „Napoleonkirschen“. Das Kilo kostet zwischen sechs und zwölf Lira (1,50 bis drei Euro), biologischer Anbau ist heute selbstverständlich. Wir haben auf unserer Runde nun schon wieder den Einzugsbereich der großen Städte an der Ägäisküste erreicht. Viele Türken kommen am Wochenende zum Ausruhen in die hübschen Boutique-Hotels. Ein beliebtes Mitbringsel sind Glaskunstwerke aus Nazarköy. Ali, der damit seinen Lebensunterhalt verdient, begrüßt uns freundlich: „Ihr seid willkommen, weil ihr keine Chinesen seid. Die nehmen uns nur die Arbeit weg.“ In einer kleinen Werkstatt kann man Ali zuschauen. Die großen, bunten Augen, die er unablässig herstellt, sollen den Bösen Blick vertreiben – oder sind gütige Augen Gottes, die beschützen und bewachen.

    Rundreise-Tipp. Noch ein Wort zu den Rundreisen, die in der Südwest-Türkei angeboten werden. Es gibt hier verschiedene Möglichkeiten. Außerhalb der Saison (zum Beispiel im Winter) füllen die Hotels ihre Betten mit Gästen, die Pauschalangebote zu besonders niedrigen Preisen gebucht haben. Möchte man auf solchen Touren Land und Leute wirklich kennenlernen, muss man sogenannte Ausflugspakete dazu buchen, sehr flexibel sein und sich auf zahlreiche Verkaufsveranstaltungen einstellen. Wer hingegen tatsächlich tiefer in Geschichte und Kultur des Landes eintauchen will, wird besser auf eine bequeme Rundreise eines renommierten Reiseveranstalters zurückgreifen und dafür einen etwas höheren Preis bezahlen. Die beste Reisezeit für die Südwest-Türkei sind das Frühjahr und der Herbst.