• Auto-Tests
    Ausgabe: Februar 2012
    31.01.2012
    Autor:
    Michael Stirner I Fotos: Heinz Henninger

    Stadt und Land

    Souverän im Wiener Gasslwerk und überland erstaunlich flott – ein fast schon erwachsener Nissan Micra DIG-S startet zum Dauertest.

    02 2012 test Nissan Micra 3327 HH © auto touring/Heinz Henninger
    Mit Stopp-Start-Auto­matik ideal für die City: kompakter Micra DIG-S.
    Die jüngste Modell-Auffrischung (vor kaum einem Jahr) hat Nissans Klein­s­tem mehr beschert als nur eine neue, starke Motorvariante. Bei näherer Betrachtung ist der aktuelle Micra sogar ein völlig neues Auto, wenngleich Außenabmessungen und auch wichtige Designelemente weitestgehend erhalten geblieben sind. Knapp vor Weihnachten ist der Kleine in Top-Ausstattung für ein Jahr in den Test-Fuhrpark eingerückt. Seither hat er kaum weniger als 5.000 km hinter sich gebracht, und im Fahrtenbuch finden sich schon die ersten Eintragungen.

    AUSSEN & INNEN

    Der neue Micra ist nicht mehr ganz so putzig wie zu jenen Zeiten, als ihn das Nissan-Marketing zur Micra Mouse stempelte – die Maus hat sich gemausert. Musste sie auch, denn schließlich gilt der Neue als so genanntes Weltauto: Er sieht überall gleich aus und soll sich künftig weltweit gut verkaufen lassen. Und dazu muss er weithin verbreitetem, internationalem Geschmack entsprechen. Kaum 3,8 Meter ist die Karosserie auch in der jüngsten Variante lang und Breite wie Höhe blieben ebenfalls so gut wie unverändert. Allerdings ist der über viele Jahre liebevoll kultivierte Stockerlpopo ebenso verschwunden wie die glupschigen Scheinwerfer – der Neue wirkt von allen Seiten flotter, glatter, eleganter. Trotz der knappen Außenabmessungen kann man sogar zu viert recht kommod unterwegs sein. Will man allerdings – wie laut Zulassung gestattet – zu fünft reisen, können hinten nur drei Kinder nebeneinander Platz nehmen – sofern sie einem Kindersitz entwachsen und ausgesprochen schlank sind. Auf jeden Fall sollte man die Zuladung im Auge behalten: 457 kg sind rasch erreicht.

    Positiv ist die Vielzahl praktischer Ablagen und Fächer, die es einem leicht machen, Ordnung zu halten. Begrenzt nutzbar, aber zumindest für gerade nicht benötigte Straßenkarten ein probates Versteck ist das Fach unter der Sitzfläche des Beifahrersessels. Weder ein eklatanter Nachteil, noch ausgesprochener Grund zum Jubel ist die gegenüber dem Vormodell umkonstruierte hintere Sitzbank: Konnte man sie früher zugunsten des Kofferraums bzw. der Kniefreiheit im Fond komplett rund 20 cm weit nach vorn oder ­zurück verschieben, lässt sie sich jetzt nur noch – asymmetrisch geteilt – zusammenfalten und an die vorderen Rückenlehnen hochklappen. Der praktische Nutzen dieser Lösung wird sich bei größerem Transportgut gewiss noch zeigen.

    Es mag vereinzelt Freunde des Glasdachs geben, aber einen allfälligen praktischen Nutzen dieses getönten, von innen abdeckbaren, aber nicht zu öffnenden Dachfensters hat noch kein Lenker gefunden. Es ist übrigens Bestandteil der Tekna-Topausstattung und automatisch inkludiert, wenn man etwa das schlüssellose Sperrsy­stem mit codiertem Chip und Startknopf, elektrisch anklappende Außenspiegel, Licht- und Scheibenwischer­-Automatik oder ein fix ins Armaturenbrett ­integriertes Navigationssystem haben will.

    FAHREN & SICHERHEIT

    Angesichts der Dimensionen, des kurzen Radstands und der knappen Überhänge wuselt der kleine Nissan erwartungsgemäß leichtfüßig durchs Verkehrsgewühl . Die Lenkung ist leichtgängig und sogar mit Winterprofil recht präzise. Die Kurvenneigung bleibt im Rahmen und auch die Bremsen sind guter Durchschnitt. Schon im Visia-Basistrimm und nicht erst in der Tekna-Topausstattung sind übrigens alle aktiven wie passiven Sicherheitsattribute – von ABS, ESP und elektronischer Bremskraftregelung (EBD) bis zu einer ganzen Phalanx von Airbags – mit an Bord.

    In den ersten kühlen, feuchten Wintertagen stieß die Heizungs- und Lüftungsanlage des Micra gelegentlich an ihre Grenzen: Es dauerte oft eine Weile, bis die Windschutzscheibe freigeblasen war, die Seitenfenster blieben noch länger beschlagen. Das mag daran liegen, dass sich Motor und Kühlwasser nur zögerlich erwärmen und etliche Minuten vergehen, bis warme Luft aus den Düsen strömt. Da hilft auch die Klimaanlage nicht. Wer’s unter solchen Bedingungen eilig hat, muss die Fenster eben händisch frei wischen.

    GELD & UMWELT

    Da auch bei Kleinwagen größter Wert auf Wirtschaftlichkeit gelegt wird, nutzt man einen Modellwechsel häufig gleich zur Blutauffrischung im Bereich des Antriebs. Der so genannte dig-s-Motor des Test-­Micra basiert zwar auf dem bekannten 1,2-Liter-Dreizylinder-Triebwerk, hat aber dank Kompressor und Benzin-Direkteinspritzung feurige 98 PS. Die Leistung des Dreizylinders ist jedenfalls beachtlich, ebenso wie 180 km/h Spitze (so die sehr glaubwürdige Werksangabe). Hurtig auch das Beschleunigungsvermögen – bereits aus niedrigen Drehzahlen. Die gestoppten 11,5 sek auf 100 km/h sind durchaus in Ordnung. Dabei wirkt der Motor gar nicht so rassig und spritzig, zumal sein heiseres Brummen auch noch ordentlich gedämpft ist. Keine Rede übrigens von übertriebenen Vibrationen: Technisch beleuchtet verspricht diese Konstruktion sogar einen besseren Massenausgleich und damit weniger Schwingungen als ein Vierzylinder-Aggregat.

    Noch nicht ganz zufrieden kann man vorläufig mit dem Verbrauch sein: Angesichts zahlreicher Kurzstrecken und kühlem Wetter (= häufige Kaltstarts) kamen auf den ersten gut 4.700 km durchschnittlich 6,1 l je 100 km zustande. Die hochmoderne und präzise Multipoint-Direkteinspritzung in Verbindung mit der Stopp-Start-Automatik sollte Spritverbrauch und CO2-Ausstoß aber eigentlich noch besser in Zaum halten können. Die euphorischen und unter Laborbedingungen ermittelten Normverbrauchs-Werksangaben liegen jedenfalls ein gutes Stück niedriger. Wie reali­stisch sie sind und ob wir ihnen bei warmem Wetter und höherem Landstraßenanteil wirklich nahe kommen können, wird sich noch zeigen.
    Überhaupt sind wir schon gespannt, was die nächsten Micra-Monate bringen werden, wie der Nissan mit Schnee und Eis zurecht kommt, wie die Insassen längere Fahrten verdauen und wie sich die verschiedenen Ausstattungsdetails in der Praxis bewähren.

    FAZIT

    PLUS: Kompakt, handlich, gut ausgestattet. Kräftiger Motor, ansprechende Fahrleistungen.
    MINUS: Noch (?) überhöhter Spritverbrauch, mäßig effiziente Scheibenbelüftung.

    Technische Daten Nissan Micra 1,2 DIG-S Tekna

    Preis EUR 17.090,-
    Motor 3-Zyl.-Benzin, 1.198 cm3
    Leistung 72 kW (98 PS) 5.600/min
    Drehmoment 142 Nm bei 4.400/min
    Spitze 183 km/h
    Normverbrauch 5,2/3,7/4,3 l/100 km
    Innerorts/außerorts/gesamt
    CO2-Ausstoß 99 g/km
    Antrieb Front, 5-G.-Handschaltung
    L/B/H 3.780/1.665/1.525 mm
    Radstand 2.450 mm
    Gewicht 1.048/1.505 kg (leer/Zuladung)
    Kofferraum 265/1.132 l (min/max)
    Tankinhalt 41 l
    Steuer, Versicherung (jährl. Bezahlung)
    Kfz-Steuer EUR 316,80
    Kfz-Haftpflicht ab EUR 220,02 SK, Stufe 0
    Bonus-Kasko ab EUR 462,58 Generali, SB 500
    auto touring Messwerte
    Beschleunigung 11,5 s (0-100 km/h)
    Bremsweg* 41,3 m aus 100 km/h
    Verbr. im Test 6,1 l/100 km