Irgendetwas liegt in der Luft an diesem eiskalten Abend in Liverpool. Menschen in den Gassen der Innenstadt pfeifen bekannte Melodien, aus unzähligen Pubs dröhnen Songs von ausschließlich einer Band, und das ansonsten recht breit gestreute Repertoire der Straßenmusiker ist auffällig einseitig. „Kein Wunder“, meint eine junge Passantin: „Er kommt doch heute endlich wieder heim!“. „Er“, das ist Sir Paul McCartney, eines von vier Mitgliedern der wohl größten Rock-Band der Musikgeschichte – den Beatles. Am Abend wird der 70-jährige ein umjubeltes Konzert geben, bei dem er in drei Stunden 43 Nummern spielt. Begleitet von 10.000 Liverpudlians, die jedes Wort lautstark mitgröhlen. Allein die letzten fünf Minuten von „Hey Jude“ wird er nur das Publikum allein singen lassen.
Tags zuvor: Wir wandern durch Woolton, einen, ruhigen, grünen Vorort von Liverpool. Hier lebt die gehobene englische Mittelklasse. Hier finden sich die Wurzeln von Paul und seinen Freunden John Lennon und George Harrison. Auch wenn es oft – nicht zuletzt von ihnen selbst – behauptet wurde: Bis auf Schlagzeuger Ringo Starr, der im armen Hafenviertel Dingle aufwuchs, mussten sich die anderen nie mit den Arbeiterschicht-Problemen der fünfziger Jahre abmühen. Wir spazieren den Schulweg des kleinen Lennon entlang: vom gutbürgerlichen Haus „Mendips“ in der Menlove Avenue, in dem er bei seiner Tante Mimi aufwuchs, durch den weitläufigen Calderstones Park bis zur Quarrybank High School, von der der erste Bandname der Beatles („The Quarrymen“) abstammt. Unweit finden sich zwei musikalisch wohlbekannte Adressen: Strawberry Field, jenes hinter hohen Hecken versteckte Grundstück, auf dem früher ein Waisenhaus der Heilsarmee stand und auf dem der junge Lennon gern spielte, und Penny Lane – die unscheinbare Straße aus dem gleichnamigen Song von 1967. Tipp: An einem Sonntagmorgen dauert dieser wunderschöne Spaziergang zu Fuß vier Stunden, man ist allein und entgeht der Touristen-Schar. Die bequemere, aber weniger intime Alternative lautet „Magical Mystery Tour“: Per Bus werden die wichtigsten Orte abgefahren und man hat – mit fünfzig anderen – jeweils fünf Minuten zum Fotografieren.
Folgende Szene erlebt man aber nur auf eigene Faust: Während die Sonne untergeht und die Kirchenglocken der kleinen St. Peter’s Church nahe Strawberry Field zur Abendmesse läuten, irren wir auf dem alten Teil des Friedhofs herum und suchen den Grabstein von Eleanor Rigby. Die 1927 verstorbene Dame soll ja Namensgeberin für den berühmten McCartney-Song gewesen sein. Während wir die Gräber beäugen, werden wir vom Pfarrer beobachtet, der soeben zur Messe eilt. Er bleibt stehen, bietet – ganz Brite – Hilfe an. Oft würden Leute das falsche Grab in der ersten Reihe fotografieren, das ebenfalls auf den Namen Rigby lautet, meint er und deutet auf ein kleines weiter hinten – das echte. Dann führt er uns in ein Eck ganz hinten im Kirchengarten: ein unscheinbares Fleckerl Wiese neben einem Komposthaufen. Exakt hier spielte der 17-jährige Lennon mit den „Quarrymen“ am 6. Juli 1957 ein Konzert. Zuschauer damals: ein 15-jähriger Rotzbub namens James Paul McCartney. Nach diesem Auftritt haben die beiden zum ersten Mal miteinander getratscht. Und dann gemeinsam die Musikgeschichte umgeschrieben.
Unsere herzliche Begegnung mit dem Pfarrer ist kein Einzelfall: Die Liverpudlians sind zwar ein ruppiges Hafenstadt-Völkchen und gesegnet mit tiefschwarzem britischen Humor, aber ähnlich gastfreundlich wird man selten wo empfangen. Bevor wir uns ins Nachtleben stürzen, stärken wir uns noch in den Räumlichkeiten von Lennons Lieblings-Pub – dem „Philharmonic Dining Room“. Und wandern dann in die Mathew Street. Die Fortgeh-Meile beheimatet den berühmten Cavern Club. Er gilt als die Brutstätte der Beatles, und noch heute tropft der kondensierte Schweiß von der Decke des unterirdischen Gewölbes, wenn die Band gut ist. Heute treffen wir hier aber nicht Paul McCartney an, sondern Tobias und Sebastian. Die zwei Beatles-Fans aus Oberösterreich sind extra mit ihren Instrumenten angereist, um einmal selbst auf der Bühne ihrer Idole zu spielen. Sie haben sich ein bisschen Mut angetrunken, besteigen die berühmten Bretter und singen sich die Seele aus dem Leib. Nicht wirklich gut – aber das hat man am 21. März 1961 auch über jene vier Buben gesagt, die damals zum ersten Mal hier gespielt haben.
Tags zuvor: Wir wandern durch Woolton, einen, ruhigen, grünen Vorort von Liverpool. Hier lebt die gehobene englische Mittelklasse. Hier finden sich die Wurzeln von Paul und seinen Freunden John Lennon und George Harrison. Auch wenn es oft – nicht zuletzt von ihnen selbst – behauptet wurde: Bis auf Schlagzeuger Ringo Starr, der im armen Hafenviertel Dingle aufwuchs, mussten sich die anderen nie mit den Arbeiterschicht-Problemen der fünfziger Jahre abmühen. Wir spazieren den Schulweg des kleinen Lennon entlang: vom gutbürgerlichen Haus „Mendips“ in der Menlove Avenue, in dem er bei seiner Tante Mimi aufwuchs, durch den weitläufigen Calderstones Park bis zur Quarrybank High School, von der der erste Bandname der Beatles („The Quarrymen“) abstammt. Unweit finden sich zwei musikalisch wohlbekannte Adressen: Strawberry Field, jenes hinter hohen Hecken versteckte Grundstück, auf dem früher ein Waisenhaus der Heilsarmee stand und auf dem der junge Lennon gern spielte, und Penny Lane – die unscheinbare Straße aus dem gleichnamigen Song von 1967. Tipp: An einem Sonntagmorgen dauert dieser wunderschöne Spaziergang zu Fuß vier Stunden, man ist allein und entgeht der Touristen-Schar. Die bequemere, aber weniger intime Alternative lautet „Magical Mystery Tour“: Per Bus werden die wichtigsten Orte abgefahren und man hat – mit fünfzig anderen – jeweils fünf Minuten zum Fotografieren.
Folgende Szene erlebt man aber nur auf eigene Faust: Während die Sonne untergeht und die Kirchenglocken der kleinen St. Peter’s Church nahe Strawberry Field zur Abendmesse läuten, irren wir auf dem alten Teil des Friedhofs herum und suchen den Grabstein von Eleanor Rigby. Die 1927 verstorbene Dame soll ja Namensgeberin für den berühmten McCartney-Song gewesen sein. Während wir die Gräber beäugen, werden wir vom Pfarrer beobachtet, der soeben zur Messe eilt. Er bleibt stehen, bietet – ganz Brite – Hilfe an. Oft würden Leute das falsche Grab in der ersten Reihe fotografieren, das ebenfalls auf den Namen Rigby lautet, meint er und deutet auf ein kleines weiter hinten – das echte. Dann führt er uns in ein Eck ganz hinten im Kirchengarten: ein unscheinbares Fleckerl Wiese neben einem Komposthaufen. Exakt hier spielte der 17-jährige Lennon mit den „Quarrymen“ am 6. Juli 1957 ein Konzert. Zuschauer damals: ein 15-jähriger Rotzbub namens James Paul McCartney. Nach diesem Auftritt haben die beiden zum ersten Mal miteinander getratscht. Und dann gemeinsam die Musikgeschichte umgeschrieben.
Unsere herzliche Begegnung mit dem Pfarrer ist kein Einzelfall: Die Liverpudlians sind zwar ein ruppiges Hafenstadt-Völkchen und gesegnet mit tiefschwarzem britischen Humor, aber ähnlich gastfreundlich wird man selten wo empfangen. Bevor wir uns ins Nachtleben stürzen, stärken wir uns noch in den Räumlichkeiten von Lennons Lieblings-Pub – dem „Philharmonic Dining Room“. Und wandern dann in die Mathew Street. Die Fortgeh-Meile beheimatet den berühmten Cavern Club. Er gilt als die Brutstätte der Beatles, und noch heute tropft der kondensierte Schweiß von der Decke des unterirdischen Gewölbes, wenn die Band gut ist. Heute treffen wir hier aber nicht Paul McCartney an, sondern Tobias und Sebastian. Die zwei Beatles-Fans aus Oberösterreich sind extra mit ihren Instrumenten angereist, um einmal selbst auf der Bühne ihrer Idole zu spielen. Sie haben sich ein bisschen Mut angetrunken, besteigen die berühmten Bretter und singen sich die Seele aus dem Leib. Nicht wirklich gut – aber das hat man am 21. März 1961 auch über jene vier Buben gesagt, die damals zum ersten Mal hier gespielt haben.



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