Schlaflos, aber glücklich. Es ist kurz nach Mitternacht. Sonnenlicht knallt, durch dicke Vorhänge nur teilweise gedämpft, heiß ins kühl designte Zimmer des Thon-Hotels von Svolvær. Ich blättere schweißgebadet im Reisetagebuch. Man weiß gar nicht, wann man schlafen soll, so viel gibt’s auf den Lofoten zu sehen, steht da. Und: Am besten also tritt man die Reise gut ausgeruht an. Aufgezeichnet am 3. Juli, also vor vier Tagen. Sehr witzig. Ich verlasse meine Liegestatt, blinzle durch die Glasfront auf den zu dieser Nachtzeit menschenleeren, aber sonnenüberfluteten Hafen. Links die Promenade mit den schicken Restaurants, rechts hinten der schöne Biergarten mit den rekordverdächtig niedrigen Preisen – 0,4 Liter um nur 64 Kronen, das sind nur etwas mehr als acht Euro. Kein Witz, billiger ist Bier im Beisl hier kaum zu haben. Gleich neben dem Hotel legen täglich die berühmtigen Hurtigruten-Schiffe an. Nächste Station auf ihrer Route rund ums Nordkap ist Stokmarknes mit dem Hurtigruten-Museum. Dazwischen liegt die spektakuläre Passage des Trollfjords mit seinen steil aufragenden Felswänden. Das wäre doch ein Ausflug! Ungefähr in diese Richtung müsste das sein, nach Norden! Aber damit ich hier und jetzt mehr erkennen könnte, müsste dieser riesige Feuerball verschwinden, der genau im Norden weit über dem Horizont steht: die Mitternachtssonne.
Reise-Reportagen
Lichtblick im Norden
Eine sommerliche Reise auf die Lofoten, Norwegens Zauberinseln jenseits des Polarkreises.
Die herrlichen Landschaften sind wahrscheinlich die Hauptgründe, deretwegen sich immer mehr Österreicher für eine Urlaubsreise nach Nord-Norwegen entscheiden: grandiose, steil aufragende Gebirgsketten, umrahmt von unzähligen spektakulären Fjorden und sandigen Buchten, die ein höchst lebendiges Meer geschaffen hat. Die Menschen wohnen in schmucken, bunten Häusern in kleinen Städten oder Dörfern oder in gut versteckten Ferienhäusern und -hütten. Dem Reisenden begegnet man auf der Inselkette der Lofoten mit großer Offenheit. Nirgendwo habe ich Unfreundlichkeiten oder verschrobene Verschlossenheit erlebt, die man den Nordländern ja manchmal nachsagt. Eine Reise nach Nord-Norwegen ist aber vor allem eines: einfach. Das beginnt schon bei der Anreise. Seit kurzem gibt es im Sommer ab Wien einen wöchentlichen Flug nach Bodø, sprich: Bodö, knapp nördlich des Polarkreises. Damit erspart man sich Tausende Kilometer Anreise per Bus oder Auto, die leicht langweilig werden können, oder teure Umwege beim Fliegen. Auch nach der Ankunft ist alles einfach. Entweder man steigt in den modernen (Pauschal-)Reisebus – und muss sich um gar nichts mehr kümmern. Oder man mietet ein Auto, was ebenso kinderleicht ist wie das Benützen der Fähren (notwendige Vorausbuchungen erledigt das Reisebüro) und das Fahren selbst (toll ausgebaute Straßen, kein Verkehr).
Nördlich des Polarkreises erkennt man Touristen bald daran, dass sie bei plus 25 Grad und Sonnenschein eine Jacke anhaben. Die Einheimischen spazieren im Sommer – auch wenn es viel kälter sein sollte, was auch vorkommen kann – grundsätzlich in T-Shirt und kurzen Hosen umher. Oder machen es sich in den unzähligen Outdoor-Cafés gemütlich, wo man sich – so noch geöffnet ist – auch gegen Mitternacht bei einem oder mehreren coolen Drinks bräunen lassen kann. Dabei lässt sich dann trefflich über die Frage nachdenken, welchen Lichtschutzfaktor die Sonnencreme bei Mitternachtssonne haben sollte bzw. ob man auch nach 23 Uhr einen Sonnenbrand bekommen kann. Ich schwöre es: In Bodø hatte es einmal um diese Zeit über 20 Grad – plus, versteht sich. Soviel zum normalen Wetter. Gut, die Norweger machen aber auch recht komische Sachen. Zum Beispiel essen sie Wal-Carpaccio oder Wal-Burger, was ich konsequent vermeide. Oder sie lassen unkundige Gäste im Restaurant verhungern. Dieses Geheimnis konnte ich erst lösen, nachdem ich im Skarvens Biffhus unten am Hurtigruten-Anleger von Tromsø endlos lange und ebenso lange vergeblich der hübschen Kellnerin zugewunken hatte. Sie lachte immer zurück – und ging dann anderer Wege. In Norwegen, so lernte ich dann, bestellt man auch im Restaurant an der Ausschank und bezahlt sofort. Später wird dann serviert – oder man muss nochmals aufstehen und sich selbst bedienen.
Der enorme Reichtum des Landes, dem Nordseeöl vor den Küsten sei Dank, ist ständiger Reisebegleiter. Dörfer und Städte sind picobello zusammengeräumt, Tunnel und Brücken spektakulär und die Preise schamlos hoch. Vor Jahren, wird mir erzählt, fragte die Regierung das norwegische Volk: Wollt ihr, dass die Öl-Milliarden jetzt für noch bessere Sozialleistungen ausgegeben werden oder sollen wir das Geld besser für spätere Generationen sparen? Die Norweger entschieden sich fürs Aufheben. Die Lofoten und die weiter nördlich gelegenen Vesterålen sind dennoch heute mit spektakulären Brücken untereinander und mit dem Festland verbunden. Soviel Bequemlichkeit konnte ich dann auch auf der Fahrt bis ins kleine Dorf Å ganz am Ende von Moskenesøya, der südlichen Lofoteninsel, genießen. Auf dieser Route reiht sich ein wunderbares Fischerdorf an das andere, schmiegen sich kleine Hotels und Pensionen an endlose Dünen und Sandstrände oder grün gesprenkelte Gebirgszüge. Ein Lichtblick reiht sich an den anderen, ich kann gar nicht genug bekommen von den immer neuen Panoramen im Cinemascope-Format, die sich hinter jeden zweiten Kurve entfalten.
Die beste Autoroute von Bodø auf die Lofoten und wieder retour? Zunächst einmal eine große Etappe in die 15.000 Einwohnerstadt Narvik, wo man nach Ankunft und Abendessen noch bis zwei Uhr früh (!) Zeit hat, mit dem Sessellift auf den Fagemesfjell hinaufzufahren und die Aussicht auf die Stadt zu genießen. Die berühmteste Sehenswürdigkeit von Tromsø, der Hauptstadt des Polarlandes, ist die Eismeerkathedrale mit ihren großen Glasmosaiken. Wer Zeit hat, besucht auch noch das Polarmuseum und fährt auch hier spätabends mit der Seilbahn weit hinauf – diesmal auf den Storsteinen: Die Mitternachtssonne scheint in Tromsø von 21. Mai bis 23. Juli. Von hier geht es weiter in den kleinen Fischerort Gryllefjörd, von wo im Sommer mehrmals pro Tag eine Fähre nach Andenes auf den Vesterålen ablegt. Andenes selbst ist Ausgangspunkt für Walbeobachtungstouren, bei denen man mit größter Wahrscheinlichkeit Pottwale ganz aus der Nähe beobachten kann. Nun wendet man sich Richtung Süden: Von Stokmarknes mit seinem Hurtigrutenmuseum gelangt man wieder per Fähre nach Hanøy und erreicht schließlich Svolvær, den Hauptort der Lofoten. Von hier ist es nie weit zu den anderen Kleinoden der Insel, etwa nach Kabelvag. Henningsvær, Nusfjord, Reine oder Moskenes. Wenn man sich dann doch satt gesehen hat und völlig fertig erholt ist, nimmt man einfach die Fähre von Moskenes direkt retour nach Bodø. Diese Route kann man in einer Woche gut bewältigen.
Doch blenden wir zurück an den Anfang der Reise. „Wohin geht’s denn? Griechenland? Türkei?“, fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen aufgeräumt. „Nein, nach Norwegen!“ Betretenes Schweigen. Denkt der Lenker nach, wie er den Irren in seinem Wagen loswerden soll? Ich zücke das Smartphone und tippe „Bodö“ in die Wetterabfrage. 23 Grad, Sonnenschein, steht da geschrieben. Als wir an den nächsten Ampel halten müssen, zeige ich dem Chauffeur das Display. Unglaublich, murmelt der. Ich lächle. Lange wird der Norden Norwegens wohl kein Geheimtipp mehr bleiben.
Doch blenden wir zurück an den Anfang der Reise. „Wohin geht’s denn? Griechenland? Türkei?“, fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen aufgeräumt. „Nein, nach Norwegen!“ Betretenes Schweigen. Denkt der Lenker nach, wie er den Irren in seinem Wagen loswerden soll? Ich zücke das Smartphone und tippe „Bodö“ in die Wetterabfrage. 23 Grad, Sonnenschein, steht da geschrieben. Als wir an den nächsten Ampel halten müssen, zeige ich dem Chauffeur das Display. Unglaublich, murmelt der. Ich lächle. Lange wird der Norden Norwegens wohl kein Geheimtipp mehr bleiben.



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