• Reise-Reportagen
    27.11.2011
    Autor:
    Roland Fibich

    Küstenreich

    Zweimal Sardinien: Unter den Reichen und Schönen an der berühmten Costa Smeralda. Und zu Gast bei Hirten und Bauern im wilden Herzen der Insel.

    12 2011 sardinien 5-1 © Archiv
    Zweimal Sardinien: Unter den Reichen und Schönen an der berühmten Costa Smeralda. Und zu Gast bei Hirten und Bauern im wilden Herzen der Insel.
    Endlich, diese ersten Minuten des Urlaubs sind so besonders kostbar! Also schnell den Koffer abstellen und hinaus auf die Terrasse. Eine frische Brise weht unter einem strahlend blauen Himmel über das glasklare Meer heran. Der Blick geht hinüber auf den kleinen Ort Baja Sardinia, wo sich die Sonnenschirme an einem schönen Sandstrand locker aneinander reihen. Dahinter, an der Promenade, finden sich die gemütlichen Restaurants und Cafés sowie eine einladende Einkaufszeile – ein kleines Italien wie aus dem Bilderbuch.
    Nur anderthalb Stunden hat der Nonstop-Flug mit Niki ab Wien nach Olbia am nordöstlichen Zipfel Sardiniens gedauert. Und schon im Landeanflug konnte man das Wahrzeichen der Insel sozusagen im Breitbildformat von oben ausführlich begutachten: Das blaugrüne Wasser, das so klar und rein war, dass man aus dem Flugzeugsessel den Meeresboden gestochen scharf sah. Hier ist sie also, die welt­berühmte Costa Smeralda, eine der Heim­stätten der Reichen und Schönen dieser Erde – und gleichzeitig auch unser Ferienziel.
    Die Geburtsstunde des sardischen Tourismus schlug 1961, als einige Hirten ihre steinigen Weiden an einem Monti Molina genannten Küstenstreifen im Nordosten der Insel dem Prinzen Karim Aga Khan überließen – im Tausch gegen eine Hand voll Geld. Aus dem Nichts schuf das geschäftstüchtige Oberhaupt der Religionsgemeinschaft der Ismailiten die Costa Smeralda (Smaragdküste), ein Ferien-paradies für den internationalen Jet-Set.
    Porto Cervo: nahe den Reichen und Schönen. Heute hat der Aga Khan seine Anteile schon lange verkauft. Und die Hotels und Ferienanlagen – allen voran die Luxusherberge Cala die Volpe, wo das Zimmer ab 500 Euro pro Nacht zu haben ist – integrieren sich gut in die Landschaft: Ein Italien ohne die Landschaft verschandelnde Bettenburgen ist es, wo wir gelandet sind. Und auch die Promis sind immer noch da. Unten in der Bucht liegt die Luxusyacht der jordanischen Königin Rania. Im Villenviertel von Porto Cervo, so munkelt man, haben sich der russische Ministerpräsident Wladimir Putin und Microsoft-Gründer Bill Gates Rückzugsräume geschaffen. Das eigentliche Porto Cervo ist ein schmuckes, aber doch irgendwie künstlich wirkendes Touristendorf mit Bars und Geschäften sowie sündteuren Riesenyachten im Hafenbecken. Im kleinen Geschäft von „Playboy“ Flavio Briatore kosten ein Polo-Leiberl 170 und die Jeans 680 Euro.
    Die 1.800 Kilometer Küste sind und bleiben Sardiniens größtes Kapital. Die sandigen Buchten sind so lang, dass selbst in der Hochsaison Platz für jeden bleibt. Und die Entfernungen sind nicht allzu groß, sodass man von einem Hotel-Standort an der Costa Smeralda bequem schöne Ausflüge unternehmen kann, um Land und Leute ein wenig besser kennen zu lernen. Zum Beispiel bei einer Fahrt entlang von windzerzausten Korkeichen und durch duftende Macchia quer durch die Gallura. Das ist das karge und steinige Land, in dem der trockene Vermentino-Weißwein wächst. Ziel ist Alghero an der Nordwestküste, einem kleinen Stück Katalonien auf Sardinien. Weshalb Katalonien? Als die Aragonier aus Spanien 1354 die Insel besetzten, leistete die Stadt Widerstand. Zur Strafe vertrieben die Eroberer die sardische Bevölkerung und siedelten Katalanen an. Heute ist eine wunderbare Altstadt zu sehen, am palmenbestandenen „Lungomare“ südlich der Altstadt lässt es sich herrlich flanieren. Hier legen auch die Ausflugsboote zur Neptungrotte am Capo Caccia ab, einem der größten Naturwunder Sardiniens. Die Stalagmiten und Stalagtiten in der „Grotta di Nettuno“ beschäftigen die Fantasie: Lässt sich hier ein Buddha erkennen oder dort eine Orgel? Im Licht geschickt platzierte Lampen erleuchten kristallklare Seen. Die Grotte ist derart beliebt, dass es in der Hochsaison ein ziemliches Gedränge geben kann.
    Von Alghero geht es weiter nach Westen, Richtung Castelsardo. Einst war die Festung auf dem Felsen direkt an der Küste uneinnehmbar. Von hier konnten die Genuesen die gesamte Meerenge zwischen Sardinien und Korsika kontrollieren. Am schönsten ist es hier auf einer der Panoramaterrassen der Altstadt, wenn die Sonne im Meer untergeht, der Himmel sich langsam verfärbt und die Tuffsteine der alten Stadt gleichsam zu glühen beginnen.Von Santa Teresa noch weiter im Norden kann man bei gutem Wetter Korsika sehen. Ein reger Fährverkehr über die nur zwölf Kilometer breite Meerenge Bocche di Bonifacio verbindet hier Sardinien und seine französische Nachbarinsel. Westlich von Santa Teresa führt ein schmaler Damm auf die Halbinsel Capo Testa. Wind und Wasser haben die Granitfelsen zu fantastischen Formen abgeschliffen.
    Unter Hirten und Banditen. Fährt man von der Costa Smeralda über Olbia in Richtung Zentrum der Insel, zum Beispiel Richtung Nuoro und Orgosolo, bemerkt man, dass Sardinien vor allem eines ist: fast menschenleer. In die unzugänglichen Hügel und Berge zogen sich die Sarden einst vor den wechselden Eroberern zurück, um ihre eigene Kultur zu bewahren.
    Das Herz Sardiniens, das ist die Barbagia (von den Römern „Barbaria“ genannt) südlich von Nuoro. In dieser modernen, etwas schäbigen Provinzstadt befindet sich das Museo della Vita e delle Tradizioni popolari sarde, welches das reiche Kulturerbe der Insel bewahrt. Besonders interessant sind die Trachten aus allen Regionen und die hölzernen Mamuthones, die schaurigen Masken, welche die Hirten aus dem nahen Dorf Mamoiada im Karneval tragen. Noch einige Dutzend Kurven weiter klebt das „Banditendorf“ Orgosolo an den Ausläufern des schroffen Supramonte. Der Ort, dessen Bewohner früher oft mit Entführungen und blutigen Familienfehden in Verbindung gebracht wurden, ist ein Symbol des politischen Widerstandes der sardischen Landbevölkerung gegen politische Bevormundung. Die Murales (Wandmalereien) sind auch heute noch Zeichen des Protestes – derzeit vor allem gegen die Machenschaften des internationalen Finanzkapitals. Allerdings wirkt die Revolutionsrethorik auf den Besucher heutzutage etwas altmodisch. In der näheren Umgebung von Orgosolo hat man auch als Tourist die Möglichkeit, zumindest an den angenehmeren Seiten des Hirtenlebens Anteil zu nehmen. Inmitten eines schattigen Wäldchens haben fleißige Hände ein schmackhaftes Spanferkel („porcetti“) zubereitet und fachgerecht zerteilt, das auf einfachen Tellern gemeinsam mit kühlem Wein aus Tonkrügen gereicht wird. Auch diejenigen, die gerade noch die Ungerechtigkeiten der Welt beklagten und laut über die Revolution der Unterdrückten sinnierten, sinken nach dieser herrlichen Mahlzeit ermattet und zufrieden in die Arme des Morpheus. Das hatte schon Berthold Brecht erkannt: Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral. Da ist es gut, dass ganz in der Nähe die Sorgente Su Gologone liegt: In einem Eukalyptushain sprudeln aus einem Felsspalt 300 Liter Süßwasser pro Minute. An glutheißen Sommertagen ist die Quelle eine kühle, romantische Oase, die zum Ausruhen einlädt.
    Erbe aus der Bronzezeit. Die steinernen Kegel, die weithin sichtbar die Hügel und Ebenen des Landesinneren beherrschen, zeugen von einer Hochkultur der Bronzezeit, die es so nur auf Sardinien gab. Ob einzelne Wehrtürme oder ganze Festungsanlagen: 7.000 wurden bisher lokalisiert, in manchen Gegenden findet sich ein Turm pro Quadratkilometer. Die Herren dieser Türme, die Nuraghier, sind ebenso im Dunkel der Zeit verschwunden wie die benachbarten Etrusker auf dem Festland. Auch die Gigantengräber von Arzachena lohnen einen Besuch. Viele Rätsel verbinden sich mit diesen Tombe di Giganti, die bis zu 4000 Jahre alt sind, magische Kräfte werden ihnen zugeschrieben. Gewaltige Steinplatten verschlossen die Zugänge zu den eigentlichen Gräbern. Die größte Stele steht in der Mitte, in ihr kann man mit etwas Fantasie auch eine stilisierte menschliche Gestalt sehen.
    Abschied von Sardinien. Eine knappe Woche ist nicht allzu viel Zeit, um den Norden dieser wunderbaren Insel zu entdecken. Was besonders gefallen hat? Dieser unaufhörliche Zustrom an frischer Luft, die Düfte, das helle Licht und die prachtvollen Farben. Zum Niederknien war auch die einfache Küche mit Käse, Oliven, Schinken, Salami und Wein – plus dem Cannonau, dem trockenen, starken Roten. Und das Meer? Nach dem Start verblasst die türkise Küstenlandschaft, die uns so lange begleitet hat, langsam unter den Tragflächen des Flugzeuges. Schade, dass die Reise schon wieder vorbei ist.