Steiermark / Kärnten
10.10.2011

Eröffnung des ersten Shared Space in Graz

Auf dem Sonnenfelsplatz gilt nun "Gleiches Recht für alle"

Gleinstätten hat ihn schon, nun ist es auch in Graz soweit: Mit dem neugestalteten Sonnenfelsplatz im Univiertel hat die Landeshauptstadt einen Platz, auf dem Mobilität weitgehend ohne Verkehrszeichen, Ampeln und klassische Straßenmarkierungen auskommen muss.

Eröffnung erfolgte am 11.Oktober

Zwar fielen die Einfärbungen des Asphalts, die die unterschiedlichen Zonen verdeutlichen sollten weniger intensiv aus als angekündigt, dennoch wurden auf dem Sonnenfelsplatz Akzente gesetzt, die den Platz strukturieren und lenkend auf die Verkehrsteilnehmer wirken sollen. Die dunklen Streifen etwa, die vom Straßenrand zur Mitte verlaufen, sollen eine bremsende Wirkung haben. Die blass eingefärbten Bereiche sollen nur den Fußgängern vorbehalten sein und kennzeichnen den sicheren Bereich, in dem auch Kinder gefahrlos unterwegs sein können.

Herausforderung für die Verkehrsteilnehmer

In den ersten Tagen nach der Freigabe des Shared Space herrscht rund um den gepflasterten Bereich in der Mitte des Platzes Verwirrung. Ein Großteil der Verkehrsteilnehmer sieht darin einen Kreisverkehr, einzelne queren direkt.

Diese Frage lässt sich allerdings auch juristisch nicht eindeutig klären.
Gemäß des Rechtsfahrgebots entlang des Platzrandes (§7 Abs1)handelt es sich um einen Kreisverkehr. Sieht man darin eine Kreuzung, gelten die Bestimmungen über das Ab- bzw Einbiegen gem §13 der StVO.

Die hohe Frequenz macht es zudem schwieriger, die Absichten von Fußgängern, die ja überall queren können, rechtzeitig zu erkennen. Funktionieren kann das Miteinander auf dem Sonnenfelsplatz also nur, wenn sich alle Verkehrsteilnehmer besonders aufmerksam und umsichtig verhalten.

Was ist Shared Space?

Shared Space ist ein Mobilitätskonzept, das bereits vor vielen Jahren vom niederländischen Verkehrsplaner Hans Monderman zur Erhöhung der Verkehrssicherheit "erfunden" und umgesetzt worden ist indem es die Eigenverantwortung aller Verkehrsteilnehmer fordert und fördert.

Straßen, Wege und Plätze werden als Lebensraum aufgefasst, der von Fußgängern, Radfahrern und Fahrzeuglenkern geteilt und gemeinsam genutzt wird. Ziel ist es, einen lebenswerten Straßenraum für alle zu schaffen und die Mobilitätskultur durch Förderung der Koexistenz der Verkehrsteilnehmer zu verbessern. Anstelle der Verkehrszeichen regelt gegenseitige Rücksichtnahme den Verkehr. Verkehrskonflikte werden durch soziale Interaktion anstatt durch Verkehrsregeln gelöst.

Doch auch ohne Schilderwald und Bodenmarkierungen gilt die Straßenverkehrsordnung (StVO): Es wird rechts gefahren und an Kreuzungen gilt rechts vor links. Besonders wichtig für das Gelingen des Konzepts ist der Vertrauensgrundsatz. Nach § 20 sind alle motorisierten VerkehrsteilnehmerInnen dazu verpflichtet, ihre Geschwindigkeit den örtlichen Verhältnissen anzupassen.

Auch FußgängerInnen bewegen sich nicht in rechtsfreien Raum. Sie dürfen nicht "überraschend" die Fahrbahn betreten und müssen diese in angemessener Eile überqueren.

Evaluierung nötig

In Gleinstätten ist man vom Erfolg des Shared Space-Projekts – trotz mancher Baumängel - überzeugt: Die durchschnittliche Durchfahrtsgeschwindigkeit ist gesunken. Ob auch der Sonnenfelsplatz der Herausforderung gewachsen ist, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Immerhin: 15.000 Fahrzeuge frequentieren ihn täglich und zu Spitzenzeiten tummeln sich dort 3400 Fußgänger und 640 Radfahrer pro Stunde.
Wie finden Sie den neuen Sonnenfelsplatz? Wird es leichter oder fällt es schwerer, sich im Verkehrsgeschehen zurechtzufinden? Schreiben Sie uns Ihre Meinung! e-mail an: barbara.kner@oeamtc.at

Foto: kleboth lindinger dolling, Koch-Komobile, Sammer