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    29.09.2011
    Autor:
    Kurt Zeillinger I Fotos: Petra Spiola

    Hilft da niemand?

    Ein Versuch des ÖAMTC zeigt: Mit der Zivilcourage der Lenker ist es nicht weit her. Drei Viertel ignorieren Unfallopfer - und fahren einfach vorbei.

    10 2011 zivilcourage 2-1 © auto touring, Petra Spiola
    Hilft da jemand? Leider nur jeder Vierte. Der Rest fährt am Unfall vorbei. Reportage von einem Experiment an der Landstraße.
    Ein rotes Auto, das von der Fahrbahn abgekommen ist und hochkant in der Wiese liegt. Totalschaden. Beide Airbags sind aufgegangen. Offensichtlich noch nicht lange her, das alles: Aus dem Motorraum dampft es noch. Ein junger Mann kauert daneben, krümmt sich vor Schmerzen. Offensichtlich der Fahrer oder ein Beifahrer. Er hofft auf Hilfe. Vertraut darauf, dass jemand stehen bleibt. Doch wo ist der zweite Insasse? Im Auto? Ein Unfall mit Personenschaden, so wie er über 35.000 Mal im Jahr auf Österreichs Straßen passiert. Eine Schrecksekunde für Dorothea K., 24, die an der Unfallstelle vorbei kommt und alles im Rückspiegel genau beobachtet. Und weiter fährt. „Keiner ist stehen geblieben, ich habe gedacht, das ist schon länger passiert. Arg verletzt hat der Fahrer nicht ausgeschaut“, sagt sie später, „wenn es etwas Ernstes gewesen wäre, hätte schon jemand geholfen.“ Es war wirklich nichts Ernstes, klärt sie der Polizist auf, der sie 300 Meter weiter anhält.
    Es war „nur“ ein Versuch. 208 von den 246 Autos, die das Wrack auf der B50 bei Pöttelsdorf am späten Vormittag passierten, fuhren daran vorbei – so wie Dorothea K. „Ja, das war ein Fehler“, bekennt sie reumütig am Schluss des Interviews. Der ÖAMTC wollte wissen, wie es um die Hilfsbereitschaft der österreichischen Autofahrer bestellt ist – wie die Lenker reagieren, wenn sie an einem Unfall mit Personenschaden vorbei kommen, ob sie helfen oder wenigstens Hilfe anfordern. Die Verkehrsabteilung der Polizei Burgenland erklärte sich nach Absprache mit der Bezirkshauptmannschaft bereit, mitzutun und 80 Minuten lang viele, die vorbei fahren, anzuhalten, auf einen Parkplatz zu lotsen und über ihre Pflichten aufzuklären. Denn was zu tun ist, lernt man bereits in der Fahrschule. „Das Unterlassen einer Hilfsleistung kann zu einer strafrechtlichen Verfolgung und zum Entzug der Lenkerberechtigung führen“, sagt Andreas Achrainer, Chefjurist des Clubs. Bestraft wurde bei diesem Versuch allerdings niemand. Nach einer kurzen Berfragung und statistischen Erhebung, die Marion Seidenberger, die Verkehrspsychologin des ÖAMTC, durchführte, durften alle weiterfahren – beschenkt mit Pannendreieck, Autoapotheke und einem Infoblatt mit den Verhaltensregeln für Unfallzeugen.
    Nur 15 Prozent hielten an. 38 der vorbei gekommenen Kraftfahrer registrierten nicht nur, dass da etwas passiert sein musste – sie hielten auch an. Wollten etwas tun. So wie der Lkw-Lenker Tamer A.: „Es hat brutal ausgesehen“, meint er, „und es wäre auch nicht schön, wenn ich auf der Straße liege und keiner kümmert sich um mich. Ich wollte gerade die Polizei rufen und dann Erste Hilfe leisten.“ Der diskret im Hintergrund stehende Polizist hatte das bemerkt, winkte ihn zwecks Interview zur Seite. So wie den entschlossen wirkenden Dieter I.: „In so einer Situation sage ich mir, da ist etwas passiert, da muss ich  handeln – da gibt es nichts zu Überlegen.“ Und dann, erleichtert: „Gott sei Dank ist das nur ein Test.“
    Manche kriegen gar nichts mit. 300 Meter weiter winkt die Polizei gerade Maria L. zur Seite: „Ich war so in Gedanken versunken, dass ich das überhaupt nicht mitbekommen habe – erschreckend.“  Wohl auch deshalb, weil verdrängte Erinnerungen hochkommen: „Aus unserer Familie musste schon einmal jemand verletzt sehr lange am Straßenrand auf Hilfe warten.“ Ähnlich Mopedlenker Adam H.: „Man ist ja so auf die Straße konzentriert. Aber stimmt – irgendetwas ist da daneben gelegen.“ Ebenfalls nichts mitbekommen hat Karin T. Hätte sie etwas bemerkt, hätte sie anders reagiert: „Stehenbleiben ist Pflicht.“ Anders Adolf G., der mitbekommen hat, dass jemand am Straßenrand war: „Das hat mir nicht gefallen. Ich hab mir aber gedacht, das gibt’s ja nicht, dass sich da wer überschlägt.“ Ein älterer Herr wiederum hatte andere Sorgen: „Da fahren so viele vorbei, dass ich nur den Verkehr aufgehalten hätte. Außerdem bin ich da nicht so bewandert, da kann man ja Fehler machen.“ Eine skurril klingende, in Wahrheit jedoch erschütternde Aussage kam von einer älteren Dame: „Ich habe nicht gerechnet, dass das ein Unfall war. Das Auto ist ja nicht auf der Straße gelegen.“
    Was bekommt das „Opfer“ mit? Klaus H., der für den Versuch den verletzten Insassen darstellte, ist froh, dass es sich nur um einen Versuch handelte: „Erschütternd, wie wenige abbremsen. Wenn ich Augenkontakt zu Fahrer oder Beifahrer gesucht habe, blieb ein vorbeifahrendes Auto eher stehen. Aber ich hielt die Augen wie ein Bewusstloser geschlossen – wirklich schockierend.“ Erst als er sich später an den Kopf gegriffen und den Leidenden gespielt hatte, blieben mehr Menschen stehen. „Da kommt man sich nicht mehr ganz so hilflos vor. Je mehr man sich bewegt, desto aufmerksamer sind die Leute.“ Was aber auch zu Missverständnissen führen kann. „Ich habe ihn dort neben dem Wrack sitzen gesehen und gedacht, da ist eh nichts, der wartet nur“, meint etwa Elisabeth P. Sie hatte selber einmal ein Schock-Erlebnis: „Ich konnte gerade noch stehen bleiben, bevor ich ohnmächtig wurde. Geholfen hat mir niemand, aber gehupt haben alle. Wenn meine Freundin nicht Hilfe geholt hätte..."
    „Hilfe herbeizurufen gehört zum Pflichtprogramm, wenn man an einem Unfall vorbei kommt“, sagt Verkehrsjurist Andreas Achrainer. Das ist die Theorie. In der Praxis läuft es aber anders, wie die Bilanz des Versuchs an der B50 ergab: Nur zwei (!) Notrufe gingen in der Leitstelle der burgenländischen Polizei ein. „Ich bin sicher, da hat schon jemand die Polizei verständigt“, war auch eine der am häufigsten verwendeten Begründungen der Lenker, die an der Unfallstelle vorbeigefahren waren. Doch Verkehrspsychologin Marion Seidenberger hält das für vorgeschoben: „Es war eher die Angst, etwas falsch zu machen, wie die Auswertung der Protokolle aus der Befragung ergab.“ Ihr Ratschlag: sich wieder das Wissen um das richtige Verhalten nach einem Unfall zu Gemüte zu führen. Und in Gedanken durchzuspielen, was zu tun ist, um Erste Hilfe zu leisten.
    Dass man sich im Straßenverkehr auf diesen zu konzentrieren hat, verstehe sich ja von selbst und sollte für Profis kein Thema sein.
    Zu viele fahren abgelenkt. Das war für Seidenberger eine der Haupt-aussagen nach der Auswertung aller Protokolle. Die Videoanalyse (das Szenario am „Unfallort“ wurde während der gesamten Versuchsdauer aufgezeichnet) bestätigte das: Da wurde beim Fahren nicht nur telefoniert, sondern auch Obst geschält, eine Adresse ins Navigationsgerät eingegeben oder mit großen Gesten mit dem Beifahrer diskutiert. „Wer abgelenkt ist, nimmt den Straßenraum weniger wahr“, so die Psychologin.  Und als schlussendlich wahrgenommen wurde, dass da offensichtlich etwas passiert sein musste, kam es beinahe zu Auffahrunfällen. Dann trat die beobachtende Polizei sofort in Erscheinung und sorgte für Sicherheit.

    Nur Mut! Mit der Zivilcourage der Autofahrer ist es also nicht weit her. Seidenberger plädiert außerdem für mehr Konzentration auf das Verkehrsgeschehen. Für beherztes Eingreifen sowieso: Es gehört wirklich nichts dazu, mit dem Handy einen Notruf abzusetzen und optimalerweise auch gleich  die Unfallstelle mit dem Pannendreieck abzusichern.