29.09.2011

Kolossale Kreaturen

Vergleich: Honda Goldwing gegen BMW K1600 GTL.

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Kolossale Kreaturen. Links: die BMW K1600 GLT  rechts: die Honda Goldwing  ndash; beide mit Sechszylinder-Motoren (allerdings in unterschiedlicher Bauform)  beide mit jeder Menge Extras. Ähnliche und doch sehr unterschiedliche Reise-Riesen. © auto touring  Heinz Henninger
Kolossale Kreaturen. Links: die BMW K1600 GLT, rechts: die Honda Goldwing – beide mit Sechszylinder-Motoren (allerdings in unterschiedlicher Bauform), beide mit jeder Menge Extras. Ähnliche und doch sehr unterschiedliche Reise-Riesen. © auto touring, Heinz Henninger
Einerseits: Sie kosten mehr als so manches Auto, sind besser ausgestattet als so manches Auto und sind auch schneller als so manches Auto (ab 28.000 Euro, Sitz- und Lenker-Heizung, gut 200 km/h). Andererseits: Sie haben weniger Sitzplätze, bieten weniger Wind- und Wetterschutz, verfügen (aber nur knapp) über weniger Stauraum (2 Stück, rund 130 Liter). Sie, das sind die BMW K1600 GTL und die Honda Goldwing – zwei Motorräder, so monumental in ihrer Erscheinung und doch so unterschiedlich in ihrer Wesensart. So souverän in ihren Fahrleistungen, und doch so individuell in ihrem jeweiligen Fahrgefühl. Im Grunde eint die beiden nur die Anzahl der Zylinder (sechs Stück nämlich). Und die noch zahlreichere Ansammlung diverser elektronischer Komfort-Schmankerln.
Beinahe-Autos. Während der Ausfahrt muss ich unwillkürlich an meine Großeltern denken. Anfang der Sechziger überquerten die beiden mit ihrem „Pucherl“ zum allerersten Mal die Alpen in Richtung Italien. Damals: Ein familienintern historischer Moment. Heute müsste man mir das Goldflügerl schon vor dem Kolosseum in Rom stibitzen, um aus der Italienreise ein ähnlich langlebiges Familieng’schichtl zu konservieren. Jedenfalls: Ihr Puch 500 wog damals nur knapp mehr als gegenwärtig die Goldwing, hatte jedoch vier Zylinder weniger (aber auch einen Boxermotor), mehr Stauraum und mehr Sitzplätze. Auf der Honda sitzt man dafür bequemer, auf Wunsch sogar beheizt, freut sich über mehr als drei mal so viel Hubraum (1.832 gegenüber 493 cm3) und ungleich mehr PS (118:16). Ein unfaires Zahlenspiel. 
Fairer ist da schon der Vergleich mit der BMW. Die K1600 GTL wiegt um rund 70 Kilogramm weniger als die Honda (348 kg), hat aber um 40 PS mehr Leistung. Ihre Fußrasten sind zudem fünf Zentimeter weiter oben montiert, schleifen daher nicht bei jedem flüssig durchfahrenen Kreisverkehr am Boden. Auch ist die BMW um rund 10.000 Euro günstiger – trotz Vollausstattung. Trotz Touchscreen-Navi, Xenon-Scheinwerfer, Traktionskontrolle, Kurvenlicht und elektrisch dreifach verstellbarer Leistungs-Charakteristik des Reihen-Sechszylinders.
Das alles hat die Goldwing nicht. Dafür aber einen Airbag. Und einen Retourgang. Und ein Fahrgefühl, das so ganz anders ist als jenes der BMW: Stoisch, gediegen und gelassen, sehr charmant eigentlich – diese Honda ist prädestiniert für sanfte Kurvenkombinationen, weite Radien und die eine oder andere Autobahnfahrt an die französische Atlantik- oder die dänische Nordsee-Küste. Liebend gerne auch mit Beifahrer. Wenn Leistung nicht alles ist, Geld keine Rolle spielt, man mit dem Komfort einer Nobellimousine und beinahe unbehelligt von Wind und Wetter von A nach B reisen will, dann ist die Honda die Richtige. Denn all das kann sie wie keine andere – trotz oder gerade wegen ihres üppigen Gewichts.
Die K1600 GTL hingegen gibt sich deutlich aktiver, sportlicher, rasanter, ist ideal für weit entfernte Serpentinen und schmale Passstraßen. Für schnelle Überland-Etappen und den ein oder anderen flotten Ritt über die Hausstrecke. Für lange Ausfahrten, nach denen man (trotz des immensen Komforts) dennoch das Gefühl haben will, mit einem Motorrad unterwegs gewesen zu sein – weil der Fahrtwind doch spürbarer, die Geräuschkulisse des Antriebs doch präsenter ist als auf der Goldwing.
Ähnlich divergente Ansätze verfolgen die beiden Hersteller, wenn es um die Bedienung der diversen Extras geht: BMW setzt auf ein Touchscreen-Navi sowie ein Dreh- und Drück-Rad, das die zentrale Steuerung vieler Funktionen (vom Fahrwerk, über den Bordcomputer bis hin zum Radio) ermöglicht, ohne dass man die Hand vom Lenkergriff zu nehmen braucht.
Honda hingegen verteilt die vielen Funktionen auf gefühlt doppelt so viele Tasten, setzt auf nur ein zentrales Display.
Unser Urteil diesbezüglich: Auf der Gold-wing findet man sich zwar schneller zurecht, das BMW-System kann (nach erfolgter Anlernphase) während der Fahrt allerdings einfacher bedient werden. Auch gefällt die moderne Grafik der zwei GTL-Displays besser als die ein wenig rustikal anmutende Gestaltung des im Gegenzug größeren Honda-Displays. In punkto Ablesbarkeit und Übersichtlichkeit gewinnen hingegen die analogen Instrumente der Goldwing. Ein Extraplus gibt es bei beiden für die vielen schlauen Details – hier merkt man, dass echte Enthusiasten im Werk am Werk waren. Glänzt die Honda mit zahlreichen Extra-Fächern, so ist es bei der BMW das absteckbare und selbst aufrollende Halteseil der Seitenkoffer, das die Beladung mit großen Taschen sehr erleichtert.