02.05.2011

Wunderbar!

Unterwegs mit Harald Serafin zu seinen Lieblingsplätzen im Burgenland.

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Harald Serafin ist  ndash; fast  ndash; am Ziel: Bereits unglaubliche 19 Jahre lang leitet er erfolgreich die Seefestspiele Mörbisch  die heurige Saison ist seine vorletzte. Noch ist die Tribüne der Seebühne mit ihren 6.200 Plätzen leer. © Archiv
Harald Serafin ist – fast – am Ziel: Bereits unglaubliche 19 Jahre lang leitet er erfolgreich die Seefestspiele Mörbisch, die heurige Saison ist seine vorletzte. Noch ist die Tribüne der Seebühne mit ihren 6.200 Plätzen leer. © Archiv
Der Mann ist authentisch: „Na dass Sie mich von zu Hause abholen, das finde ich wirklich wun-der-baar!“ Harald Serafin, 79, nimmt neben mir im neuen VW Eos  Platz. Mit geschlossenem Klappdach rollen wir über die A4 von Wien nach Neusiedl am See. Vor Beginn seiner 19. und vorletzten Saison als Intendant der Seefestspiele Mörbisch will er uns „sein“ Burgenland zeigen, seine Freunde und seine liebsten Plätze auf dem Weg zur Seebühne.
62 Jahre Fahrpraxis habe er nun, erzählt er, aber als Stadtmensch werde ihm das Auto immer unwichtiger. „Die U-Bahn ist ja gut ausgebaut. Aber hier im Burgenland, da fahre ich sehr gerne.“ Gesagt, getan. Wir stoppen. Bevor ich auf den Beifahrersitz wechsle, drücke ich einen Knopf auf der Fernbedienung und  eine spektakuläre Aufführung  beginnt: Das Stahl-Glas-Hardtop öffnet sich in fünf (!) Teile, die sich kunstvoll wie ein japanisches Origami – ein Papierkunstwerk – zusammenfalten, bis alles nach 25 Sekunden unterm Kofferraumdeckel verschwunden ist. Schaulustige junge Menschen, die den Operetten-Professor nur als Juror der „Dancing Stars“ kennen, imitieren das W-Wort und spenden Applaus. Was Serafin sichtlich genießt: „Andere brauchen ein Auto als Statussymbol – ich den Applaus.“  Er, der bereits mit 17 in Bamberg den Führerschein machte und sich dann in sein Maturageschenk, einen Fiat Topolino, zwängte, bevor er zum BMW- und Mercedes-Fahrer mutierte, übernimmt nun das Steuer – und fährt direkt nach Jois.
Raumschiff Hillinger. Kurz vor Jois, zwischen Leithagebirge und Neusiedlersee und von der B50 aus nicht zu übersehen, liegt das Weingut von Leo Hillinger. Weingut? Der wie eine Raumstation aus einem Maulwurfshügel ragende Präsentationsraum ist nur die Spitze des Imperiums jenes Winzers, der es geschafft hat, auch sich selbst neben seinen Weinen als Marke zu inszenieren. Irgendwie eine Parallele zu Mister Wunderbar, der heute – er muss ja fahren – auf eine Verkostung verzichtet.
Skulpturen im Park. Ein paar Kilometer weiter, in Winden, hat sich 1965 der Bildhauer Wander Bertoni angesiedelt. Als wir in seinem Skulpturenpark vorfahren und er Serafin erkennt, kann er es nicht lassen, ihn durch den gläsernen Bau zu führen, in dem er seine riesige Eiersammlung (von Grab-Beigaben über Fabergé- bis zu Kitsch-Eiern) zeigt.
"Diese Landschaft, wunderbar." Je näher wir Mörbisch kommen, umso besser ist Harald Serafin drauf. Er pfeift eine Melodie aus Johann Strauß' Zigeunerbaron, der in diesem Sommer in Mörbisch auf dem Programm steht und in dem er den Conte Carnero, einen königlichen Sittenwächter, geben wird, singt aus dem Couplet des Schweinezüchters Koloman Zsupán ("Ja das Schreiben und das Lesen ist nie mein Fach gewesen ...") und gerät ins Schwärmen: "Alles hier ist einfach ein Traum. Die Landschaft, das pannonische Klima – ich kenne Leute, die hierher kommen und auf einmal keine Herzprobleme und Gelenksbeschwerden mehr haben. Und krank ist von uns Mitwirkenden noch nie jemand hier geworden. Immer wenn ich den See vor mir ausgebreitet sehe, bin ich den Tränen nahe."
Fünf Jahre Rust. Die Stadt der Storchennester ist gleichzeitig die kleinste Statutarstadt Österreichs – und für Harald Serafin die schönste des Burgenlandes. Wir fahren durch die denkmalgeschützte Altstadt mit ihren Renaissance- und Barockfassaden und halten in der Hauptstraße vor dem Haus Nummer drei. Hans und Inge Feiler, die  mit ihrem Sohn und dessen Frau  das für seine Blaufränkischen berühmte Weingut Feiler-Artinger führen, begrüßen Harald Serafin, der hier gerne ab Hof einkauft, wie einen alten Freund. Gemeinsame Erinnerungen werden ausgetauscht, bevor es die Straße hinunter zum Seehotel geht. Hier logiert Serafin seit 19 Jahren knappe drei Monate pro Jahr. „Fünf Jahre habe ich hier verbracht“, überschlägt der Professor rasch. Vielleicht gibt er deshalb großzügig Trinkgeld, weil er dankbar ist, bei Bedarf vom Personal abgeschirmt zu werden.
Und endlich nach Mörbisch. Die unübersichtlichen sechs Kilometer nach Mörbisch („Hier hatten zwei meiner Vorgänger Unfälle“) gehören für Serafin zu den schönsten Straßen Österreichs. Und das nicht nur deshalb, weil an der Kreuzung, an der man zur Seebühne abzweigt, die Café-Konditorei Sommer liegt. Deren Torten verführen ihn und viele Ensemblemitglieder der Seefestspiele zu einem süßen Zwischenstopp. Zwar eröffnet Gerald Reisinger, Wirt aus Pöttsching („Der Reisinger“ hält im Gault Millau-Guide eine Haube), sein Restaurant im Gelände der Seefestspiele erst im Juli, doch als wir mit dem Eos auf die Bühne fahren, wird dort schon fleißig gearbeitet. Gilt es doch, die Kulissen zeitgerecht zu Probenbeginn fertig zu haben.
Der Auftritt im Eos auf der Seebühne zeigt Wirkung: Serafin, der von den vielen Fotostopps entlang der Strecke schon etwas ermattet gewirkt hatte, läuft wieder zur Hochform auf. Steigt aus dem Eos und reißt die Arme hoch. Ruft „Wunderbar!“, verneigt sich zum imaginären Publikum und begrüßt es herzlich. „Mit 35.000 Zuschauern pro Saison habe ich hier begonnen“, sagt er stolz, heute seien es 220.000. Nächstes Jahr ist er zum letzten Mal Intendant, da wird Helmuth Lohner den Gefängniswärter Frosch in der Fledermaus geben. Was Serafin nach der letzten Vorstellung wohl sagen wird? Bestimmt „Danke, es war wun-der-baar!“