28.12.2010

Notfall im Cockpit

Im Hubschrauber-Simulator üben die Piloten der ÖAMTC-Flugrettung das richtige Verhalten in kritischen Situationen.

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Fliegen in virtueller Umgebung. Kanzel und Cockpit entsprechen dem echten Modell. © Archiv
Fliegen in virtueller Umgebung. Kanzel und Cockpit entsprechen dem echten Modell. © Archiv
Rein äußerlich wirkt so ein Hubschrauber-Simulator ziemlich unspektakulär. Wie ein Iglu auf Stelzen steht die Hightech-Apparatur anscheinend verlassen in einer unscheinbaren, blassen Nebenhalle der Eurocopter-Fabrik in Donauwörth. Von technoidem Charme keine Spur. Im Gegenteil: Fast bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man eintritt, ohne sich zuvor die Schuhe abgeputzt zu haben. So sauber, so aufgeräumt und unbefleckt wirkt es im Inneren des ehemaligen Hangars.

Pffft, pffft, tönt es leise. Die große weiße Kugel bekommt plötzlich Schräglage, neigt sich wie ein sinkendes Schiff zur Seite. Der neunbeinige elektro-pneumatische Unterbau senkt sich bedrohlich, scheint unter der Last des 4,5 Tonnen schweren Aufbaus langsam zusammenzusacken. Doch Simulator-Operator Peter Bohlender bleibt völlig ruhig, lächelt wissend und erklärt: „Der Unterbau, bestehend aus sechs Aktuatoren und drei Dämpfern, lässt noch ganz andere Schräglagen zu. Bis zu 45 Grad Bank Angle (gemeint ist die Neigung des künstlichen Horizontes) sind machbar.“

Hinzu kommt, dass auch die virtuelle Landschaft im Inneren „kippt“. Sechs Spezialbeamer sorgen auf der 18 m2 großen Videoleinwand für ein gestochen scharfes Bild. An Bord des Simulators hat der Pilot zwar das Gefühl, mit einem normalen Hubschrauber unterwegs zu sein, tatsächlich bewegt er sich aber nur auf und ab – die Sinne der Piloten werden ausgetrickst. Selbst erfahrene Piloten werden Opfer dieser Täuschung: kurzfristige Übelkeit, Simulator Sickness genannt, ist die Folge.

Allerdings bestätigen alle Piloten unisono, dass das Gefühl der Schräglage mit jenem eines Fluges in freier Natur vergleichbar ist. ÖAMTC-Pilot Karl Heinz Burtscher ist voll des Lobes: „Technisch fühlt es sich an wie in einem echten Hubschrauber. Simulierte Windböen oder ein Verlust des Hydraulik-Systems etwa machen sich in der Steuerung sofort bemerkbar.“ Nur visuell gibt es ein kleines Manko: „Die letzten Meter vor dem Aufsetzen der Kufen auf Grund sind schwer abschätzbar. Das ist allerdings ein Problem der grafischen Programmierung und nicht der Kontroll-Technik.“

Halbjährliche Überprüfung. Laut Gesetz müssen in Österreich alle Berufs-Hubschrauberpiloten (dazu zählen die Piloten der ÖAMTC-Flugrettung) halbjährlich ihre fliegerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Im Rahmen dieser mehrteiligen Proficiency Checks wird überprüft, ob der Hubschrauber auch in Notsituation beherrscht bzw. bei technischen Problemen richtig reagiert wird. Diese Kontrollflüge werden üblicherweise im Frühjahr und im Herbst durchgeführt und finden (aufgrund der exzellenten Realitäts-Nähe) mittlerweile vermehrt im Simulator statt.

Reinhard Kraxner, Chef der ÖAMTC-Flugrettung und selbst Pilot, sieht viele Vorteile in der virtuellen Kontrolle: „Im Simulator können die Piloten gefahrlos die Grenzen ausloten. Außerdem ist jede Art von Ernstfall auf Knopfdruck trainierbar, in freier Natur ist das nicht so einfach möglich. Hinzu kommt, dass dank Video-Aufzeichnung fehlerhaftes Verhalten genau analysiert und mit dem Piloten nachträglich detailliert besprochen werden kann.“


Soviel Sicherheit hat ihren Preis. Der ÖAMTC investiert pro Jahr rund 14.000 Euro in die Ausbildung jedes Piloten. Doch auch hier zeigt sich ein weiterer Vorteil des Simulator-Trainings: Kostet eine Flugstunde im „normalen“ Betrieb rund 2.000 Euro, sind die Tarife im Simulator deutlich günstiger. Nur rund ein Drittel der Normalflugkosten sind dafür zu kalkulieren, die Treibstoff-Ersparnis noch gar nicht einberechnet.