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    21.12.2010
    Autor:
    Kurt Zeillinger

    Die gute neue Zeit

    Die Wissenschaft sagt besser voraus und trifft öfter ins Schwarze. So wie die Delphi-Studie der ÖAMTC-Akademie.

    Kollektives Jammern dürfte eine Begleiterscheinung im Alterungsprozess des Menschen sein: Keine Generation, die nicht mit Hinweisen der Eltern und vor allem der Großeltern aufwächst, dass früher ohnehin alles besser war. Wer heute als Opa von seiner schönen Jugend in den Fünfzigern schwärmt, blendet aus, dass die eigene Oma die Mickymaus als Schundheft, Rock'n' Roll als Primitiven-Gegröl und Kaugummikauen als Verrohung der Sitten sah.

    Das Jammern scheint also, wenn schon nicht genetisch bedingt, dann jedenfalls erlernt zu sein. Die logische Weiterentwicklung: Wenn früher alles besser war, wird es in Zukunft ganz sicher noch schlechter werden. Geht ja nicht anders. Massenmedien und populis-tische Vereinfacher profitieren von diesem Verhalten. Nicht nur in der Politik, auch auf dem Gebiet der Mobilität.

    Wäre wirklich eingetroffen, was uns alles prophezeit wurde, gäbe es heute wegen des Waldsterbens keinen einzigen Baum mehr. Auf den Straßen herrschte Anarchie. Die Transitlawine hätte uns überrollt. Und in den Städten müsste man um Luft ringen.

    Was liegt da näher, als anstatt des dumpfen, gesellschaftlich genährten Bauchgefühls die hellsten und unabhängigsten Köpfe Europas um ihre Einschätzung der Zukunft zu bitten? Was übrigens eine anerkannte Methode (Delphi-Methode) ist. Dabei bekommt jede/-r Befragte nach der ersten Runde anonymisiert Feedback, wie die anderen geantwortet haben. Ein gruppendynamischer Prozess wird so in Gang gesetzt. Die Resultate treffen übrigens fast ebenso oft ins Schwarze wie der Publikumsjoker bei der Millionenshow. Also kein Orakel, sondern geballtes Wissen auf höchstem Niveau.

    Genau diese Methodik hat die ÖAMTC-Akademie vor zehn Jahren angewendet und 150 Top-Wissenschafter gebeten, ihr Mobilitäts-Szenario für 2010 zu entwerfen. Nun ist Zeit für eine Bilanz.

    Die Gegenwart ist besser als die Zukunft der Vergangenheit
    Voll ins Schwarze getroffen hat die Wissenschafts-Elite Europas bei der Bevölkerungsentwicklung. Fünf Prozent mehr Menschen werden 2010 in Österreich leben, prophezeiten sie richtig. Die Mobilität der Österreicher/-innen von heute schätzten sie damals fast punktgenau ein: Die Verkehrsleistung des gesamten Personenverkehrs stieg um 17 Prozent (20 hatten sie vorhergesagt). Noch näher an der Realität lagen sie, was die Länge des hochrangigen Straßennetzes betrifft, das um 11 Prozent gewachsen ist (10 lautete die Prognose). Auch den Preis, den wir heute im Schnitt für den Liter Benzin bezahlen - 38 Prozent mehr als zu Beginn der Delphi-Studie -, sagten sie fast exakt voraus.

    Beim Dieselpreis hingegen lagen sie (wie bei der Zahl der Fluggäste bei Abflügen aus Österreich) am weitesten daneben: Sie rechneten bei beiden mit einer Erhöhung um 40 Prozent - daraus geworden sind 67 (Diesel) bzw. 78 Prozent (Fluggäste). Das waren aber auch schon die ärgsten Irrtümer. Über die kann man als betroffener Besitzer eines Diesel-Autos oder Anrainer eines Flughafens mit Fug und Recht jammern.

    Längst nicht so stark wie von den Vordenkern erwartet hat hingegen der Straßen-Güterverkehr zugenommen - nämlich um nur vier Prozent, trotz EU- und Schengen-Beitritts unserer Nachbarländer Tschechien, Slowakei und Slowenien und trotz offener Schengen-Grenzen. Die Prognosen des Mobilitäts-Delphi lagen bei 40 (!) Prozent Zunahme. Was den Schluss nahe legt, dass Wissenschafter auch Menschen sind wie du und ich.


    Positiv daneben gegangen
    Die gute neue Zeit - die gibt es wirklich. Selbst wenn man nicht düstere Berufspessimisten als Maßstab nimmt, sondern die seriöse Wissenschaft. Sagte diese vor zehn Jahren eine gleich bleibende Zahl der Unfälle mit Personenschaden voraus, können wir uns heute über einen Rückgang von vier Prozent freuen. Noch etwas: Die Zahl der Verkehrstoten sank um 43 (!) Prozent. Selbst was seine finanzielle Lage betrifft, steht Österreich heute besser da als vor zehn Jahren angenommen: Das Bruttoinlandsprodukt stieg nämlich nicht um 20, sondern um 50 Prozent.


    Mit Prognosen besser entscheiden
    Die Orakel des Boulevards mögen Schaudern erzeugen, wissenschaftliche Prognosen wie das Mobilitäts-Delphi haben andere Ziele: Sie erheben keinen Anspruch, erfüllt zu werden. Sie sollen den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft helfen, zu bewussteren Entscheidungen zu kommen, so Christine Zach, Chefin der ÖAMTC-Akademie.

    Info: ÖAMTC-Akademie, Tel: (01) 711 99-1920 DW, ÖAMTC-Akademie