| Kollektives Jammern dürfte eine Begleiterscheinung im Alterungsprozess des Menschen sein: Keine Generation, die nicht mit Hinweisen der Eltern und vor allem der Großeltern aufwächst, dass früher ohnehin alles besser war. Wer heute als Opa von seiner schönen Jugend in den Fünfzigern schwärmt, blendet aus, dass die eigene Oma die Mickymaus als Schundheft, Rock'n' Roll als Primitiven-Gegröl und Kaugummikauen als Verrohung der Sitten sah. Das Jammern scheint also, wenn schon nicht genetisch bedingt, dann jedenfalls erlernt zu sein. Die logische Weiterentwicklung: Wenn früher alles besser war, wird es in Zukunft ganz sicher noch schlechter werden. Geht ja nicht anders. Massenmedien und populis-tische Vereinfacher profitieren von diesem Verhalten. Nicht nur in der Politik, auch auf dem Gebiet der Mobilität. Wäre wirklich eingetroffen, was uns alles prophezeit wurde, gäbe es heute wegen des Waldsterbens keinen einzigen Baum mehr. Auf den Straßen herrschte Anarchie. Die Transitlawine hätte uns überrollt. Und in den Städten müsste man um Luft ringen. Was liegt da näher, als anstatt des dumpfen, gesellschaftlich genährten Bauchgefühls die hellsten und unabhängigsten Köpfe Europas um ihre Einschätzung der Zukunft zu bitten? Was übrigens eine anerkannte Methode (Delphi-Methode) ist. Dabei bekommt jede/-r Befragte nach der ersten Runde anonymisiert Feedback, wie die anderen geantwortet haben. Ein gruppendynamischer Prozess wird so in Gang gesetzt. Die Resultate treffen übrigens fast ebenso oft ins Schwarze wie der Publikumsjoker bei der Millionenshow. Also kein Orakel, sondern geballtes Wissen auf höchstem Niveau. Genau diese Methodik hat die ÖAMTC-Akademie vor zehn Jahren angewendet und 150 Top-Wissenschafter gebeten, ihr Mobilitäts-Szenario für 2010 zu entwerfen. Nun ist Zeit für eine Bilanz. Beim Dieselpreis hingegen lagen sie (wie bei der Zahl der Fluggäste bei Abflügen aus Österreich) am weitesten daneben: Sie rechneten bei beiden mit einer Erhöhung um 40 Prozent - daraus geworden sind 67 (Diesel) bzw. 78 Prozent (Fluggäste). Das waren aber auch schon die ärgsten Irrtümer. Über die kann man als betroffener Besitzer eines Diesel-Autos oder Anrainer eines Flughafens mit Fug und Recht jammern. Längst nicht so stark wie von den Vordenkern erwartet hat hingegen der Straßen-Güterverkehr zugenommen - nämlich um nur vier Prozent, trotz EU- und Schengen-Beitritts unserer Nachbarländer Tschechien, Slowakei und Slowenien und trotz offener Schengen-Grenzen. Die Prognosen des Mobilitäts-Delphi lagen bei 40 (!) Prozent Zunahme. Was den Schluss nahe legt, dass Wissenschafter auch Menschen sind wie du und ich.
Info: ÖAMTC-Akademie, Tel: (01) 711 99-1920 DW, ÖAMTC-Akademie |



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