Er hat es nicht geschafft. Und vielleicht wird Mark Webber auch niemals Formel-1-Weltmeister
werden. Dennoch hat der 34-jährige Australier die Rennsport-Welt gespalten. Denn sein erbittertster
Gegner war sein Teamkollege, der nunmehr jüngste Weltmeister der Geschichte: Sebastian Vettel. Es
war ein Generationenkampf. Alt gegen Jung, Arbeiter gegen Supertalent, kantig gegen soft. Es war
ganz offensichtlich und schien ungerecht: Sein Team, Red Bull, war auf Vettels Seite. Verloren hat
Webber den Titel aber selbst. Im Regen von Korea und im Qualifying von Abu Dhabi.
auto touring: Mark, dein Traum von der Weltmeisterschaft ist in Abu Dhabi
geplatzt. Wie geht es dir und wie geht es weiter?
Mark Webber: Ich bin enttäuscht, keine Frage, aber ich ziehe meinen Hut vor Sebastian. Im
letzten Rennen die Weltmeisterschaft noch an sich zu reißen, nenne ich perfektes Timing. Ich bin
die ganze Saison wirklich gut gefahren, nur dieses Wochenende nicht eine Schande. Die letzten
Wochen waren sehr emotional. Und obwohl ich mein Bestes gegeben habe, hat es nicht gereicht,
darüber muss ich jetzt in Ruhe nachdenken. Ansonsten habe ich derzeit noch keine Pläne. Dieser
Wettbewerb ist so extrem, so hart, so gnadenlos, dass er dich völlig vereinnahmt.
Du bist nicht besonders gut in die Saison gestartet, hast du da schon den WM-Titel
verloren?
Webber: Blödsinn. Klar, da waren Höhen und einige Tiefen, aber das hatten alle anderen
auch. Die Chance war bis zuletzt da. 2010 war definitiv die beste und aufregendste Saison meiner
Karriere.
Ab wann hast du gemerkt, dass Helmut Marko Sebastian Vettel dir gegenüber bevorzugt?
Webber: Es war von Anfang an klar und auch nachvollziehbar, dass Helmut Sebastian
bevorzugt. Immerhin arbeiten die beiden schon seit vielen Jahren eng zusammen. Aber ich weiß auch,
dass Helmut immer sein Bestes für Red Bull Racing gibt und da ich Teil dieses Teams bin, tut er es
im Grunde auch für mich.
Du hattest perfekte Leistungen in Barcelona und Monaco und dann dieser blöde Crash mit dem
Teamkollegen in Istanbul
Webber: So ist Motorsport eben, ganz besonders die Formel 1 (grinst). Ein knallhartes
Geschäft: Es gibt keine Garantien und noch weniger Geschenke.
Du und Sebastian seid offensichtlich keine Freunde. Wie geht ihr miteinander um?
Webber: Damit das klar ist: Ich hasse Sebastian nicht! Auch wenn es in den Medien manchmal
so dargestellt wird. Wir pflegen zwar keine privaten Kontakte, aber jeder hat vor dem anderen einen
gesunden Respekt. Dass wir beide gewinnen wollen, ist auf diesem Leistungs-Level normal.
Formel-1-Fahrer leben in permanenter Konkurrenz. Sie wollen immer an der Spitze sein, immer
gewinnen, jeder will Weltmeister werden. So soll es auch sein. Ich genieße jede Minute.
Rückblick: Nach deinem sensationellen Debut 2002, wo du in einem Minardi bei deinem
Heim-Grand-Prix in Australien zwei Punkte eingefahren hast, wurdest du als Supertalent gehandelt.
Warum hat es acht Jahre gedauert, bis du um den Titel kämpfen konntest?
Webber: Ich habe erst seit dem Vorjahr ein konkurrenzfähiges Auto. Bei Jaguar fuhren wir
nur im hinteren Mittelfeld herum. Später bei Williams hatten wir Probleme mit der Zuverlässigkeit,
die wir nicht in den Griff bekamen. Als ich zu Red Bull wechselte, waren wir auch nur Mittelmaß,
aber wir haben uns schnell verbessert. Besonders als Adrian Newey die technische Leitung übernahm.
Diesen Aufschwung live mitzuerleben, war fantastisch. Heuer hatten wir ein Top-Auto, mit dem wir
nicht nur Rennen gewinnen konnten, wir waren erstmalig auch seriöser Anwärter auf den
Weltmeistertitel.
Hat dein erster Grand Prix-Sieg im Vorjahr in Deutschland einen Gordischen Knoten gelöst?
Webber: Ja, doch. Dieser erste Formel-1-Sieg auf dem Nürburgring war mit Sicherheit eines
der Highlights meiner Karriere. Ich war endlich dort, wo ich hin wollte. All die Jahre harter
Arbeit und Enttäuschungen hatten sich mit einem Mal gelohnt.
War gewinnen von da an leichter?
Webber: Nein, überhaupt nicht. Jedes Rennen ist ein neuer Wettbewerb, wie man heuer
deutlich sah. Du musst ständig voll fokussiert sein und immer alles geben. Nur so bleibst du an der
Spitze.
Du hattest spektakuläre Unfälle, bei denen dein Auto durch die Luft flog, 1996 in Le Mans und
heuer in Valen-cia. Inwieweit beeinflusst so ein Crash die Leistung und die Psyche?
Webber: Le Mans ist lange her. Aber nach dem Aufprall in Valencia schossen mir tausend
Gedanken durch den Kopf. Ich war vollgepumpt mit Adrenalin. Zuerst habe ich gecheckt, ob alles an
mir noch ganz ist. Erst später habe ich begriffen, wieviel Glück ich hatte. Ich wusste, dass ich
nicht lange darüber grübeln darf. Also habe ich diesen Unfall mental abgeschlossen, indem ich mich
sofort auf das Rennen in Silverstone vorbereitet habe.
Apropos: Du hast in Silverstone mit unglaublicher Entschlossenheit das Rennen schon beim Start
für dich entschieden. Welche Rolle hat der vorangegangene Streit um den Frontflügel dabei
gespielt?
Webber: Ich war deswegen richtig sauer. Das hat mich zusätzlich motiviert, aber das Team
hat sich überraschend schnell auf die angespannte Situation eingestellt. Die haben einfach normal
weitergearbeitet und alle Aufmerksamkeit auf das nächste Rennen gerichtet. Eine der Stärken von Red
Bull.
Christian Horner meint: Sebastian ist im Frühling und du im Herbst deiner Karriere. Hast du
schon ans Aufhören und ein Leben ohne die Formel 1 nachgedacht?
Webber: Hab ich nicht. Ich bin auch im Moment noch nicht bereit zurückzutreten. Ich habe
meinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert.Von nun an will ich sicher sein, dass ich jedes
Jahr, das ich noch dranhängen werde, motiviert bin, aber auch die Chance habe Weltmeister zu
werden. Derzeit wüsste ich nicht, was ich ohne Motorsport tun würde. Obwohl ich mich nebenbei
gerade bemühe, die Tasmania Challenge wieder aufleben zu lassen. Einen Ausdauerbewerb, der mit
Kajak, dem Fahrad und zu Fuß 250 km durch Tasmanien führt. Diese Veranstaltung wurde 2008 mangels
Sponsoren eingestellt. Solche Projekte sind spannend, das macht mir Spaß.
ZUR PERSON
Mark Webber wird am 27. August 1976 im australischen Queanbeyan (New South Wales)
geboren. Als Sohn eines Motorradhändlers versuchte er sich im Motocross.
1990: Erste Einsätze im Kart.
1993: Erster Titel im Kart.
1994: Meister Formel Ford.
1998: Vizemeister in der FIA-GT.
2001: Vizemeister Formel 3000.
2002: Sensationelles F1-Debüt in einem Minardi (2 Punkte).
2003-2004: Jaguar Racing.
2005-2006: BMW-Williams.
Seit 2007: Red Bull Racing.
2009: Erster Grand-Prix-Sieg auf dem Nürburgring.
2010: 4 GP-Siege, WM-Dritter.



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