• Aktuelles
    21.12.2010
    Autor:
    August Kargl

    Der geplatzte Traum

    Mark Webber, der Leider-nicht-Formel-1-Weltmeister aus Down Under, im emotionalen Exklusiv-Interview mit auto touring.

    Er hat es nicht geschafft. Und vielleicht wird Mark Webber auch niemals Formel-1-Weltmeister werden. Dennoch hat der 34-jährige Australier die Rennsport-Welt gespalten. Denn sein erbittertster Gegner war sein Teamkollege, der nunmehr jüngste Weltmeister der Geschichte: Sebastian Vettel. Es war ein Generationenkampf. Alt gegen Jung, Arbeiter gegen Supertalent, kantig gegen soft. Es war ganz offensichtlich und schien ungerecht: Sein Team, Red Bull, war auf Vettels Seite. Verloren hat Webber den Titel aber selbst. Im Regen von Korea und im Qualifying von Abu Dhabi.

    auto touring: Mark, dein Traum von der Weltmeisterschaft ist in Abu Dhabi geplatzt. Wie geht es dir und wie geht es weiter?
    Mark Webber:
    Ich bin enttäuscht, keine Frage, aber ich ziehe meinen Hut vor Sebastian. Im letzten Rennen die Weltmeisterschaft noch an sich zu reißen, nenne ich perfektes Timing. Ich bin die ganze Saison wirklich gut gefahren, nur dieses Wochenende nicht eine Schande. Die letzten Wochen waren sehr emotional. Und obwohl ich mein Bestes gegeben habe, hat es nicht gereicht, darüber muss ich jetzt in Ruhe nachdenken. Ansonsten habe ich derzeit noch keine Pläne. Dieser Wettbewerb ist so extrem, so hart, so gnadenlos, dass er dich völlig vereinnahmt.

    Du bist nicht besonders gut in die Saison gestartet, hast du da schon den WM-Titel verloren?
    Webber:
    Blödsinn. Klar, da waren Höhen und einige Tiefen, aber das hatten alle anderen auch. Die Chance war bis zuletzt da. 2010 war definitiv die beste und aufregendste Saison meiner Karriere.

    Ab wann hast du gemerkt, dass Helmut Marko Sebastian Vettel dir gegenüber bevorzugt?
    Webber:
    Es war von Anfang an klar und auch nachvollziehbar, dass Helmut Sebastian bevorzugt. Immerhin arbeiten die beiden schon seit vielen Jahren eng zusammen. Aber ich weiß auch, dass Helmut immer sein Bestes für Red Bull Racing gibt und da ich Teil dieses Teams bin, tut er es im Grunde auch für mich.

    Du hattest perfekte Leistungen in Barcelona und Monaco und dann dieser blöde Crash mit dem Teamkollegen in Istanbul
    Webber:
    So ist Motorsport eben, ganz besonders die Formel 1 (grinst). Ein knallhartes Geschäft: Es gibt keine Garantien und noch weniger Geschenke.

    Du und Sebastian seid offensichtlich keine Freunde. Wie geht ihr miteinander um?
    Webber:
    Damit das klar ist: Ich hasse Sebastian nicht! Auch wenn es in den Medien manchmal so dargestellt wird. Wir pflegen zwar keine privaten Kontakte, aber jeder hat vor dem anderen einen gesunden Respekt. Dass wir beide gewinnen wollen, ist auf diesem Leistungs-Level normal. Formel-1-Fahrer leben in permanenter Konkurrenz. Sie wollen immer an der Spitze sein, immer gewinnen, jeder will Weltmeister werden. So soll es auch sein. Ich genieße jede Minute.

    Rückblick: Nach deinem sensationellen Debut 2002, wo du in einem Minardi bei deinem Heim-Grand-Prix in Australien zwei Punkte eingefahren hast, wurdest du als Supertalent gehandelt. Warum hat es acht Jahre gedauert, bis du um den Titel kämpfen konntest?
    Webber:
    Ich habe erst seit dem Vorjahr ein konkurrenzfähiges Auto. Bei Jaguar fuhren wir nur im hinteren Mittelfeld herum. Später bei Williams hatten wir Probleme mit der Zuverlässigkeit, die wir nicht in den Griff bekamen. Als ich zu Red Bull wechselte, waren wir auch nur Mittelmaß, aber wir haben uns schnell verbessert. Besonders als Adrian Newey die technische Leitung übernahm. Diesen Aufschwung live mitzuerleben, war fantastisch. Heuer hatten wir ein Top-Auto, mit dem wir nicht nur Rennen gewinnen konnten, wir waren erstmalig auch seriöser Anwärter auf den Weltmeistertitel.

    Hat dein erster Grand Prix-Sieg im Vorjahr in Deutschland einen Gordischen Knoten gelöst?
    Webber:
    Ja, doch. Dieser erste Formel-1-Sieg auf dem Nürburgring war mit Sicherheit eines der Highlights meiner Karriere. Ich war endlich dort, wo ich hin wollte. All die Jahre harter Arbeit und Enttäuschungen hatten sich mit einem Mal gelohnt.

    War gewinnen von da an leichter?
    Webber:
    Nein, überhaupt nicht. Jedes Rennen ist ein neuer Wettbewerb, wie man heuer deutlich sah. Du musst ständig voll fokussiert sein und immer alles geben. Nur so bleibst du an der Spitze.

    Du hattest spektakuläre Unfälle, bei denen dein Auto durch die Luft flog, 1996 in Le Mans und heuer in Valen-cia. Inwieweit beeinflusst so ein Crash die Leistung und die Psyche?
    Webber:
    Le Mans ist lange her. Aber nach dem Aufprall in Valencia schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Ich war vollgepumpt mit Adrenalin. Zuerst habe ich gecheckt, ob alles an mir noch ganz ist. Erst später habe ich begriffen, wieviel Glück ich hatte. Ich wusste, dass ich nicht lange darüber grübeln darf. Also habe ich diesen Unfall mental abgeschlossen, indem ich mich sofort auf das Rennen in Silverstone vorbereitet habe.

    Apropos: Du hast in Silverstone mit unglaublicher Entschlossenheit das Rennen schon beim Start für dich entschieden. Welche Rolle hat der vorangegangene Streit um den Frontflügel dabei gespielt?
    Webber:
    Ich war deswegen richtig sauer. Das hat mich zusätzlich motiviert, aber das Team hat sich überraschend schnell auf die angespannte Situation eingestellt. Die haben einfach normal weitergearbeitet und alle Aufmerksamkeit auf das nächste Rennen gerichtet. Eine der Stärken von Red Bull.

    Christian Horner meint: Sebastian ist im Frühling und du im Herbst deiner Karriere. Hast du schon ans Aufhören und ein Leben ohne die Formel 1 nachgedacht?
    Webber:
    Hab ich nicht. Ich bin auch im Moment noch nicht bereit zurückzutreten. Ich habe meinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert.Von nun an will ich sicher sein, dass ich jedes Jahr, das ich noch dranhängen werde, motiviert bin, aber auch die Chance habe Weltmeister zu werden. Derzeit wüsste ich nicht, was ich ohne Motorsport tun würde. Obwohl ich mich nebenbei gerade bemühe, die Tasmania Challenge wieder aufleben zu lassen. Einen Ausdauerbewerb, der mit Kajak, dem Fahrad und zu Fuß 250 km durch Tasmanien führt. Diese Veranstaltung wurde 2008 mangels Sponsoren eingestellt. Solche Projekte sind spannend, das macht mir Spaß.

    ZUR PERSON


    Mark Webber wird am 27. August 1976 im australischen Queanbeyan (New South Wales) geboren. Als Sohn eines Motorradhändlers versuchte er sich im Motocross.

    1990: Erste Einsätze im Kart.
    1993: Erster Titel im Kart.
    1994: Meister Formel Ford.
    1998: Vizemeister in der FIA-GT.
    2001: Vizemeister Formel 3000.
    2002: Sensationelles F1-Debüt in einem Minardi (2 Punkte).
    2003-2004: Jaguar Racing.
    2005-2006: BMW-Williams.
    Seit 2007: Red Bull Racing.
    2009: Erster Grand-Prix-Sieg auf dem Nürburgring.
    2010: 4 GP-Siege, WM-Dritter.